Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Auslandsadoption – ein schneller Weg zum Ziel?

von Inge Elsäßer

In der Praxis der Adoptionsvermittlung werden wir immer wieder mit der Vorstellung konfrontiert, dass es zu schwierig sei, ein Kind in Deutschland zu adoptieren und dass der Kinderwunsch sich viel schneller über eine Auslandsadoption erfüllen ließe.

Die Zahl der Paare, die sich um die Adoption eines Kindes aus dem Ausland bewerben, hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Während in den 1980er Jahren eher soziale Gründe zu diesem Schritt motivierten, wuchs in den vergangenen Jahren die Anzahl der Paare, die ungewollt kinderlos sind und im Inland angesichts der großen Anzahl von wartenden Adoptionsbewerbern keine reale Chance sehen, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Vielfach erkennen diese Paare die Situation erst sehr spät, nachdem sie möglicherweise jahrelang mit medizinischer Hilfe vergeblich versuchten, leibliche Kinder zu bekommen. Die Enttäuschung ist dann entsprechend groß. Die intensive Beschäftigung mit dem Kinderwunsch lässt ihn häufig übermächtig werden; besonders dann, wenn schon viele Opfer gebracht wurden, fällt es schwer, auf die Erfüllung zu verzichten. Zeitliche Verzögerungen können dann z.T. auch aus Altersgründen nicht hingenommen werden. In diesem Stadium haben schon viele Paare den Entschluss gefasst, mit privater Hilfe im Ausland zu adoptieren. Das Risiko des Scheiterns einer solchen häufig ungenügend vorbereiteten und manchmal auch mit unseriösen Methoden herbeigeführten Adoption ist hoch und die Folgen für das Adoptivkind und auch für die Adoptiveltern erheblich.

Die geschilderte Ausgangslage ist keine tragfähige Basis für die Annahme eines Kindes. Der Wunsch, ein Kind zu haben, die Bereitschaft, zukünftig das Leben mit einem Kind zu teilen, sind sehr wichtig, aber sie reichen allein nicht aus, um den Bedürfnissen eines Adoptivkindes gerecht zu werden. Ebenso wenig bilden ausschließlich soziale Motive eine tragfähige Basis. Dies gilt in besonderem Maße für die Annahme eines Adoptivkindes aus dem Ausland. Während der übermäßige Kinderwunsch die Gefahr birgt, dass das Kind vorrangig eine wichtige Funktion für die Eltern erfüllen soll, könnten ausschließlich sozialen Motiven Rettungsphantasien zugrunde liegen und das Kind lediglich das Objekt der „guten Tat“ sein.

Die Entscheidung, ein Kind aus dem Ausland zu adoptieren, muss gut reflektiert werden. Neben der Auseinandersetzung mit dem eigenen Kinderwunsch ist vor allem die Auseinandersetzung mit den Wünschen des Kindes und die Einstellung auf die Erfüllung seiner möglichen Bedürfnisse notwendig. Hinzu kommt die Auseinandersetzung mit den Risiken, wie z.B. schwere Erkrankung oder Behinderung des Kindes. In beiderseitigem Interesse sollte deshalb die Adoption aus dem Ausland nicht als der weniger „schwierige“ oder „schnellere“ Weg angesehen werden, den Kinderwunsch zu erfüllen.

Paare, die ein Adoptivkind aus dem Ausland annehmen möchten, müssen sich ehrlich und gründlich mit ihren eigenen Fähigkeiten auseinandersetzen. Sie sollten sich zur Auslandsadoption nur dann entscheiden, wenn sie sich unabhängig voneinander eingehend geprüft haben und sich sicher fühlen, auch die ggf. damit verbundenen Belastungen aushalten zu können.

Dieser Prozess der kritischen Selbstüberprüfung des Paares, den Außenstehende, wie z.B. die beteiligten Adoptionsvermittlungsstellen, nicht ersetzen, sondern nur unterstützen können, stellt die eigentlich wichtigste Eignungsprüfung dar und braucht ausreichend Zeit.

Adoptivkinder aus dem Ausland möchten um ihrer selbst willen angenommen und geliebt werden. Wie alle Kinder brauchen diese Kinder liebesfähige, einfühlsame und verständnisvolle Eltern, die ihnen nicht mit festen Vorstellungen und Wünschen, wie sie sich entwickeln mögen, sondern mit Offenheit begegnen, um ihre Bedürfnisse erkennen zu können. Das ist eine Binsenweisheit und doch hängt für Adoptivkinder aus dem Ausland ganz besonders viel von dieser Vorrausetzung ab.

Man muss davon ausgehen, dass ein Adoptivkind aus dem Ausland nicht nur die Trennung von seinen Eltern und seiner Familie erlebt hat, sondern noch weitere traumatisierende Erfahrungen gesammelt hat, Erfahrungen von z.T. extremer physischer und psychischer Not, die oft jenseits des Vorstellungsvermögens eines in unserer Gesellschaft „normal“ und behütet aufgewachsenen Menschen liegen. Diese Kinder brauchen deshalb Eltern, die sich dessen bewusst sind und die sich einfühlen können. Eltern, die der Auseinandersetzung mit den schmerzlichen Erfahrungen ihrer Adoptivkinder nicht ausweichen, weil sie sie etwa nicht nachvollziehen können oder Angst vor der Überwältigung durch unangenehme Gefühle der Hilflosigkeit haben, sondern Eltern, die ihr Kind wirklich verstehen wollen und die Empfindungen ihrer Kinder an sich heranlassen und aufrichtig mitfühlen können. Das Gefangensein der Eltern noch im eigenen Schmerz, keine leiblichen Kinder bekommen zu können, könnte dies möglicherweise verhindern.

Alle Eltern lernen ihr Kind und umgekehrt alle Kinder ihre Eltern erst allmählich kennen, verstehen und lieben, wenn sie miteinander zusammenleben. Auch dies ist eine Binsenweisheit. Während aber leibliche Eltern und viele Inlandsadoptiveltern mit ihren Kindern seit deren Geburt zusammenleben und sich dieser „adoptionale“ Prozess Schritt für Schritt vollzieht, lernen sich Auslandsadoptiveltern und Auslandsadoptivkinder erst zu einem späteren Zeitpunkt, zu dem die Persönlichkeit des Kindes schon durch Vorerfahrungen geprägt ist, kennen. Die Situation ist deshalb ungleich schwieriger. Häufig sind die Verhaltensweisen des Kindes nur dann verstehbar, wenn sie in Bezug zu seinem bisherigen Kontext und seinen bisherigen Erfahrungen gesetzt werden. Selten kann ein Kind jedoch seinen Adoptiveltern die nötigen Erklärungen geben, die sein Verhalten verstehbar machen.

Mit der internationalen Adoption ändert sich das Lebensumfeld der Adoptivkinder vollkommen. Die gute Information über das Heimatland des Kindes und die Auseinandersetzung mit den dortigen Lebensumständen, vor allem für verlassene Kinder, ist für künftige Adoptiveltern unabdingbar wichtig.

Diese Adoptiveltern benötigen intuitive Fähigkeiten, sie müssen sich aber nicht nur einfühlen können, sondern müssen darüber hinaus vielleicht mehr als „normale“ Eltern lernfähig und lernbereit sein, um ihre Kinder begreifen zu können. Menschen, die im Prozess des Verstehenwollens eher geneigt sind, die eigenen Erfahrungen zugrunde zu legen und leicht von sich auf andere schließen, werden an dieser Stelle Schwierigkeiten haben, ihre Kinder zu verstehen.

Die künftigen Adoptiveltern, als die Erwachsenen und Stärkeren, müssen dem Kind sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne entgegenkommen und nicht umgekehrt.

Um dem Kind den radikalen Wechsel etwas zu erleichtern, müssen die Eltern dem Kind Brücken des Verstehens bauen, indem sie z.B. zumindest elementare Begriffe aus der Sprache des Kindes lernen und sich mit den Sitten und Gebräuchen im Herkunftsland vertraut machen.

Auslandsadoptivkinder wollen – wie alle anderen Kinder auch – dazugehören. Dies gilt sowohl in der Familie, im Freundeskreis als auch im Wohnumfeld der Familie. Je besser die Adoptiveltern selbst in ihr soziales Umfeld integriert sind, je mehr dieses soziale Umfeld die Entscheidung des Paares akzeptiert, desto besser gelingt auch die Integration des Kindes.

Adoptiveltern müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie und vor allem auch ihr Adoptivkind Ablehnung erfahren können. Sie sollten sich zutrauen, mit dieser Situation angemessen und konstruktiv umgehen zu können. Sie müssen ihrem Kind den nötigen Schutz bieten und es gleichzeitig in seiner Persönlichkeit so stärken, dass es lernt, auch selbst konstruktiv mit dieser unangenehmen Situation umzugehen, und sich selbst schützen kann.

Die Integration eines Adoptivkindes aus dem Ausland in eine Familie und in unsere Gesellschaft gelingt am besten, wenn es in einem Alter adoptiert wird, in dem es aus entwicklungspsychologischer Perspektive noch in der Lage ist, familiäre Bindungen einzugehen und eine Eltern-Kind-Beziehung aufgebaut werden kann.

Dies ist in der Regel im Vorschulalter gegeben. Bei älteren Kindern stellt die Notwendigkeit, parallel zum Aufbau der Eltern-Kind-Beziehung auch schon gesellschaftliche Anforderungen wie z.B. die Schulpflicht erfüllen müssen, einen Risikofaktor dar. Vor der internationalen Adoption eines älteren Kindes ist deshalb im Einzelfall immer sehr genau zu prüfen, ob mit der Adoption seinem Wohl wirklich am besten gedient ist.

Die eingangs geäußerte Vorstellung, Auslandsadoptionen seien schneller durchzuführen, stimmt somit nur bedingt: Richtig ist, dass es im Ausland viel mehr Kinder gibt als im Inland, die der Adoption bedürfen. Falsch ist aber, daraus zu schließen, das vorausgehende Verfahren könne deshalb auch schneller ablaufen. Während einerseits die Adoptionsbewerber aus den geschilderten Gründen ihre Entscheidung sehr reiflich bedenken sollen, braucht andererseits auch die Adoptionsvermittlungsstelle, die die Interessen des Adoptivkindes vertritt, die notwendige Zeit, um ihre Entscheidung sorgfältig treffen zu können. Ein weiterer Beziehungsabbruch ist dem Adoptivkind aus dem Ausland nicht zumutbar. Eine seriös arbeitende Adoptionsvermittlungsstelle kann sich deshalb – bei allem menschlichen Verständnis für die Not kinderloser Paare – nicht unter Zeitdruck setzen lassen.

Seit 1991 widmet sich der Evangelische Verein für Adoptions- und Pflegekindervermittlung Rheinland e.V. der sinnvollen Aufgabe, Adoptionsbewerberpaare auf die internationale Adoption vorzubereiten. Dieser staatlich anerkannte Zentrale Evangelische Fachdienst für interstaatliche Adoptionsvermittlung wurde auf Bitten der damaligen Bundesregierung im Auftrag des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland bei dem in Düsseldorf-Wittlaer ansässigen Evangelischen Verein eingerichtet.

Die Mitarbeiterinnen des Auslandsadoptionsdienstes der Diakonie verstehen sich nicht als glühende Verfechter internationaler Adoptionen. Sie suchen nüchtern und engagiert nach dem für das einzelne Kind guten und wirkungsvollen Weg der Hilfe, der für viele verlassene Kinder aus den armen Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ und neuerdings auch Osteuropas zur Zeit leider noch in einer interstaatlichen Adoptionsvermittlung liegt. Die Notwendigkeit der interstaatlichen Adoptionen wird im gleichen Verhältnis abnehmen wie alternative Hilfen für verlassene Kinder in ihren Herkunftsländern zunehmen werden. Solange aber internationale Adoptionen noch notwendig sind und durchgeführt werden, haben diese Kinder ein Recht, gut vorbereitete neue Eltern zu bekommen, und Paare, die sich für diese Aufgabe zur Verfügung stellen, haben ein Recht auf gute Information, Beratung und Begleitung.

Inge Elsäßer ist Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin des Evangelischen Vereins für Adoptions- und Pflegekindervermittlung Rheinland e.V. und verantwortlich für die Internationale Adoptionsvermittlung