Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Kindesmißhandlung und Kinderschutz

Alte Kontroversen – neue Herausforderungen

von Reinhart Wolff

Die Fakten, sage ich, sind manchmal die Feinde der Wahrheit. (Amos Oz)

Immer wieder neu anfangen

Kürzlich besuchte ich auf der Suche nach sozialen Projekten, die trotz widriger Umstände nicht resignieren, eine Initiative in einem Neubauviertel in Berlin-Mariendorf. Die Siedlung hat ungefähr 300 Wohnungen, der Großteil sind Sozialwohnungen. Hier leben vor allem Familien, aber auch nicht wenige Alleinstehende mit ihren Kindern; 500 Kinder gibt es hier, aus 16 Nationen. Um die Siedlung ist ein Zaun gezogen, damit die umliegenden Anwohner in Einfamilienhäusern, die schon da waren, als man die Siedlung baute, von den Siedlungsbewohnern nicht „gestört“ werden. Obwohl der Komplex nicht riesengroß ist und es auch keine Hochhäuser gibt, waren doch schnell Krankenwagen und Polizei ständig im Einsatz, waren Streit und Konflikte unter den Bewohnern an der Tagesordnung.

Erst als vor einem Jahr das „Integrationszentrum Brücke“, ein Nachbarschafts- und Kinderladen, aufmachte, wurde die Siedlung zur Nachbarschaft, wo man miteinander spricht, wo es gegenseitige Unterstützung gibt, wo man Feste feiert, wo Kinder spielen und lernen können, wo Erwachsene einander in Toleranz begegnen, wo man mit Rat und Tat hilft. Als ich Margot Bischof treffe, die als Sozialpädagogin die „Brücke“ leitet, ist gerade eine Gruppe von türkischen und vietnamesischen Frauen dabei, mit einem freundlichen ABM-Doktor der Germanistik Deutsch zu lernen. Um sie herum spielt ein Haufen kleiner Kinder. Vor dem Laden sind Sonnenschirme aufgespannt. Gleich werden Tische und Bänke und eine Tischtennisplatte herausgestellt. Ich werde freundlich begrüßt.

Hier gibt es keine Therapie, keine Spezialberatungsstelle für Gewaltopfer – schön nach Geschlechtern getrennt –, hier werden „Täter“ nicht aus den Wohnungen verwiesen, gibt es keine Sorgentelefone (wessen Sorgen?) und auch keine Kriseninterventionsdienste (wessen Krise?). Die vier Mitarbeiter(innen), drei Praktikantinnen und Honorarkräfte sowie zwei Dutzend schwerbeschädigte ABM-Kräfte, denen geholfen wird und die in einer „Kreativwerkstatt“ mithelfen, schöne und nützliche Dinge für Kinder herzustellen, sind einfach da, „haben ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Anwohner“, wie sie sagen. Sie schaffen Kontakt und Vertrauen. Sie bauen eine Brücke zu den Behörden und anderen Einrichtungen, insbesondere zu den Schulen der Umgebung. Und so beschreiben die Initiatoren, die an ihrer Arbeit Spaß haben und die engagiert weitermachen, auch wenn sie kein sicheres finanzielles Netz haben, ihre Rolle: „Zu unserer ‚Stammkundschaft‘ gehören mittlerweile ca. 80 Mädchen und Jungen im Alter zwischen 2 und 16 Jahren, sowie 40 bis 50 Erwachsene. Für die kleineren Kinder fungieren wir aufgrund der günstigen Lage mitten im Wohngebiet als ‚Ersatzfamilie‘, wo kleinere Dienstleistungen wie Streit schlichten, trösten, Wunden versorgen, Hunger/Durst etc. abhelfen von uns erwartet werden. Ausflüge in den Ferien beispielsweise wie Zirkusbesuche, Tierpark und kleinere Wanderungen runden das Angebot ab.“

Neben Laden und Werkstatt gibt es noch drei Schulstationen in zwei benachbarten Grundschulen und einer Haupt- und Realschule. Sie bieten Freizeitgestaltung, Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer und helfen bei der Pflege der Schule. Auch in diesen Projekten arbeiten ABM-Kräfte mit.

Hier wird mitten im Gemeinwesen Hilfe geleistet. Hier helfen Fachleute Hand in Hand mit den Bürgern, die alle auf ihre Weise auf Hilfe, auf Verständnis und Unterstützung angewiesen sind, die aber auch selbst helfen können. Hier werden die Umstände verändert und dann haben die Menschen eine Chance, sich selbst zu verändern und das Beste aus ihren Möglichkeiten zu machen. Ist das Kinderschutz?

Ja, und sogar der beste, den wir kennen: praktische Solidarität, nützliche Hilfe im Alltag, ‚gute Werke‘ (früher nicht selten Stiftungen wohlmeinender und sozial engagierter Bürger) – ‚social works‘, nämlich Soziale Werke, d.h. Sozialarbeit für diejenigen, die arm sind, die es allein nicht schaffen, die zugleich in der Regel ohne Hilfenetz sind, die schlecht versorgt sind, die keine Freunde und keine orientierenden Vorbilder haben.

So setzen immer wieder neue Initiativen an, die Lage von Kindern und ihren Familien zu verbessern. Mit dem ansonsten üblichen Kinderschutz, der eher eine Kinderschutz-Industrie ist, haben sie nichts zu tun, der ständig irgendwelche Krisen ausruft, Opfer zählt, Täter verfolgt, der schützen will und doch immer wieder nur ausgrenzt und spaltet und der heutzutage in seinem Mainstream ein televisionäres Panikunternehmen ist, dessen Betreiber chronisch erregt und in der Regel schlecht gelaunt sind und die moralisch immer Recht haben. Jedenfalls klagen sie laut, können überzeugende Erfolge aber nur selten vorweisen. Kein Wunder, daß diejenigen oft nicht erreicht werden, die ihre Kinder nicht gut versorgen sondern vernachlässigen und mißhandeln, die man mit Kinderschutz eigentlich erreichen wollte. Müssen wir also den Notstand in der Kinderschutzarbeit ausrufen?

Als einer, der nun seit fast 30 Jahren versucht hat, neue Wege im Kinderschutz zu gehen – nicht strafe- sondern hilfeorientiert, bevölkerungsnah und demokratisch, fachlich und alltagspraktisch, an Verständnis und solidarischer Aktion mitten im Gemeinwesen interessiert – will ich eine Bilanz heutigen Kinderschutzes versuchen. Dabei geht es nicht um „richtig“ oder „falsch“ sondern um ein Dilemma: ob wir uns den unvermeidlichen Kontroversen und Konflikten moderner Hilfepraxis stellen, die auf ein Paradox hinauslaufen, daß wir nämlich helfend unsere eigenen Probleme immer wieder selbst produzieren. Ich markiere diesen Widerspruch.

Können wir in der modernen Öffentlichkeit vernünftig über Kindesmißhandlung reden: Gewaltklischee oder reflexive Differenzierung?

Mein Suchprogramm (mit dem hitzigen Namen fireball.de) zeigt mir im Internet 2225 deutsche Beiträge zum Stichwort Kinderschutz an. Vor 30 Jahren waren es nur ein paar Dutzend. Kindesmißhandlung ist in den letzten Jahrzehnten zu einem wichtigen Thema geworden, nicht nur in Deutschland. Überall werden Kindesmißhandlung und Vernachlässigung und in den letzten Jahren vor allem sexuelle Kindesmißhandlung mit wachsender Aufmerksamkeit behandelt. Im Sozial- und Gesundheitswesen, aber auch im Bereich der Polizei und Justiz ist Gewalt gegen Kinder zu einem Kernthema geworden, wurde Kinderschutz zu einem strategischen Aufgabenbereich.

In einem merkwürdigen Widerspruch dazu steht, daß es den Kindern – jedenfalls was die Lebens- und Entwicklungsbedingungen in den reichen entwickelten Ländern betrifft – durchschnittlich viel besser geht als früheren Generationen und daß ihre Zahl deutlich abgenommen hat. Dennoch hat Kinderschutz Konjunktur, machen wir uns immer mehr Sorgen um immer weniger Kinder. Und der Eifer, ihre prekäre Lage zu skandalisieren, scheint ungebrochen. Obwohl es inzwischen alle wissen, daß auch heutzutage – im Jahrhundert des Kindes – Kinder mißhandelt werden, kann man immer noch mit dem aufklärerischen Gestus auftreten, ohne sich lächerlich zu machen, ein weiteres Schweigetabu müsse aufgehoben werden und man müsse ein weiteres Opferscenario, was bisher übersehen, verdrängt und verleugnet worden wäre, zur Kenntnis nehmen (aktuell beispielsweise: die Kinder als traumatisierte Zeugen der Mißhandlung von Müttern).

Freilich ist die Mißhandlung von Kindern in der modernen Gesellschaft auch früher schon Thema gewesen, Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts, nach dem 1. Weltkrieg, ehe es in den 70er Jahren zum jugendhilfepolitischen und kriminalpolitischen Zentralthema wurde. Offenbar hatte Kinderschutz eine seismographische Funktion, zeigte er Umbrüche in den Lebensverhältnissen ebenso an wie Veränderungen im professionellen Hilfesystem. Diese Schlüsselrolle ist inzwischen noch deutlicher geworden, so daß in einigen Ländern (am deutlichsten in den USA) sogar davon gesprochen wird, Jugendhilfe – Child Welfare – sei im Zuge eines „neuen Kreuzzuges gegen Kindesmißhandlung“ ganz auf Kinderschutz umgestellt worden. Dabei ist es – wenn auch in Deutschland nicht so ausgeprägt – zu einer konzeptuellen Veränderung der sozialen Problemkonstruktionen gekommen, kamen die familiären Interaktionserfahrungen immer mehr in den Blick, „ist es zu einer Privatisierung des Thema, zu einer ‚Verhäuslichung der Gewalt‘ gekommen (Reinhart Wolff 1994).“

Im Zuge dieser Entwicklung – einer regelrechten Kinderrechtsbewegung – sind nicht nur die kulturellen Standards, was im Umgang mit Kindern angemessen ist, heraufgesetzt worden, sondern das vorherrschende Konzept vom Kind wurde im öffentlichen Diskurs Schritt für Schritt verändert. Der massenmediale Diskurs über Kindesmißhandlung hat nämlich ein Kindkonzept hervorgebracht, das im wesentlichen auf ein Bild des Kindes als einem bedrohten Wesen hinausläuft. Kinder werden als Opfer verstanden und ihre unerfüllten Bedürfnisse und immer wieder neu bestimmten Defizite werden von den Erwachsenen wortreich herausgestellt, um zu begründen, wo überall Kinderschutz einsetzen müsse. Erwachsene messen sich auf diesem Wege neue Betreuungsaufgaben zu und sichern sich erneut eine „soziale Zugriffsmacht“ (Heinrich Kupffer 1999), die ihnen im Zuge der Rücknahme autoritärer Vorrechte abhanden gekommen war, rüsten ihre Bestimmungsmacht wieder auf (und verstärken damit gleichzeitig die Abhängigkeit von Kindern) vor allem als soziale Fachkräfte, indem sie eine extensive Kinderschutzrolle beanspruchen, die vom präventiven Blick auf die Säuglinge in Geburtskliniken über die Kontrolle ihrer familialen Erfahrungen bis zur Überwachung von Kindern in Kindertageseinrichtung, in Schule und Heim reicht.

Die Dramatisierung der Bedrohung der Kinder durch Mißhandlung und Vernachlässigung führt insofern nicht zur Ausweitung der Rechte von Kindern und ihrer Freiheit sondern ist vor allem geeignet, die Dispositive der Macht über Kinder auszuweiten. Sie entspricht offenbar einer neuen Strategie der Herstellung sozialer Ordnung in einer in wachsendem Maße individualistischen und konsumistischen Gesellschaft.

In der öffentlichen Auseinandersetzung um die Mißhandlung von Kindern und insbesondere um den sexuellen Mißbrauch hat sich nämlich gezeigt, daß das Thema, in dem es um das Kind in seinen intimen Beziehungen, um Gewalt und Sexualität geht, „ganz offensichtlich geeignet ist, zahlreiche anders begründete Konfliktlagen unserer Gesellschaft auszudrücken und griffig zu bündeln“ (Katharina Rutschky 1999). Es sind die Krisen der Intimität in modernen Gesellschaften, das Unbehagen in der Postmoderne, die innere „Ambivalenz der Gesellschaft in bezug auf ihre eigenen Mittel und Wege der Existenzsicherung – auf ihre Art, wie sie lebt und ihren Fortbestand sichert“ (Zygmunt Bauman 1999), die den Umschlag der Aufklärung in eine Mythologie des Bösen bewirken. Dabei ist nicht nur unser reflexives Unterscheidungsvermögen auf der Strecke geblieben, sondern hat sich Kinderschutz mit seinem spezifischen „doppelten Mandat“ von Schutz und Repression etabliert.

Das hat Kindern – so meine skeptische Bilanz – nicht geholfen. Die Fixierung auf die Abweichung im Eltern-Kind-Verhältnis als Mißhandlung und auf Schutz anstatt auf die Schaffung günstiger Lebensverhältnisse für Kinder und die Förderung ihrer eigenen Kräfte, was natürlich nicht ohne deutliche Änderungen in den Einstellungen der Erwachsenen zu Kindern und ohne einen Wandel in den Grundorientierungen der Hilfesysteme zu bewerkstelligen ist, hat modernen Kinderschutz in eine Sackgasse manövriert.

„Wer Kinder schützen will, muß Helfer und Hilfesysteme verändern!“ So hatten wir das strategische Konzept „neuen“ Kinderschutzes vor 25 Jahren formuliert. Es läuft darauf hinaus, die Jugendhilfe auf Hilfe umzustellen, Unterstützung und Dialog anzubieten, um aus Konflikten und Deprivation herauszufinden. Das Konzept ist immer noch aktuell.

Wie können wir Kindesmißhandlung verstehen: Erfassen oder Erfinden?

Die wichtigste Veränderung, die im Kontext „neuen“ Kinderschutzes angezielt worden ist, bezog sich allerdings auf ein ganz neues, im wesentlichen postmodernes Verständnis von Kindesmißhandlung, das von neueren erkenntnistheoretischen Entwicklungen profitiert hat. Es stellt ein konventionelles „Tatsachenverständnis“ in Frage.

Es läuft darauf hinaus: Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, d.h. konkret Kindesmißhandlung und Vernachlässigung, „gibt“ es nicht einfach. Sie liegen nicht einfach vor. Sie sind keine schlichten, gegenständlichen „Tatsachen“, die man ohne weiteres beobachten oder gar „aufdecken“, oder wie es inzwischen vorsichtiger heißt, „abklären“ könnte.

Nicht allein beeinflußt die Öffentlichkeit mit ihren besonderen Kommunikationsstrukturen unsere Wahrnehmungen. Unsere „Erfahrungen“, in denen sich Wahrnehmungen und Erkenntnis bündeln, sind vielmehr ganz grundsätzlich gebunden an unsere eigenen Konstruktionen oder Versionen von Wirklichkeit, die wir selbst herstellen und die mehr oder weniger „brauchbar“, „passend“ sind, um die Vielgestaltigkeit der Lebenswelt ebenso wie institutionelle Felder und Strukturen zu beschreiben.

In Abwandlung einer brillanten Formulierung Heinz von Foerster‘s könnten wir sagen: Die platte (objektivistische) Wirklichkeitsbehauptung solch komplexer Phänomene, wie sie Kindesmißhandlungen und Vernachlässigungen darstellen, ist die Wahnvorstellung eines Subjekts, daß es beobachten könnte ohne sich selbst (vgl. Ernst von Glasersfeld 1998).

Im vom Kinderschutz-Zentrum Berlin herausgegebenen Handbuch „Kindesmißhandlung – Erkennen und Helfen“, das zu einem Standardwerk modernen Kinderschutzes geworden ist, heißt es dazu in der völlig überarbeiteten Neuauflage prägnant: „Jede Aussage, bei einem bestimmten Geschehen handele es sich um eine Kindesmißhandlung, koppelt Beobachtungen an Bewertungen. Jede „Definition“ stellt eine soziale Sinnkonstruktion dar, die Werturteile ins Spiel bringt, die historischen Veränderungen unterliegen, was man sich mit Blick auf die „Erziehungs“-Praktiken beispielsweise der Elterngenerationen der 30er und 40er Jahre („Gelobt sei, was hart macht!“) schnell klarmachen kann. Was in einer Gesellschaft, zu einer bestimmen Zeit, in einer bestimmten Schicht, unter bestimmten Umständen im Umgang mit Kindern als normal angesehen wird und was nicht, ist Wandlungen unterworfen, ist grundsätzlich kontrovers und gilt nicht absolut. Einen absoluten Begriff von Kindesmißhandlung kann es daher nicht geben, so sehr man wünschen könnte, endlich eine allgemein verbindliche „Definition“ von Kindesmißhandlung zur Verfügung zu haben, um ein Geschehen, einen Vorfall (engl. incident) eindeutig als Mißhandlung zu kennzeichnen“ (Kinderschutz-Zentrum Berlin 1999).

Kindesmißhandlung ist also eine Konstruktion. Sie ist gebunden an eine kommunikative Auseinandersetzung. Sie muß daher notwendig mehrseitig sein. Einseitige „Definitionen“ sind unterkomplex. Die Bestimmung, was als Kindesmißhandlung gelten soll, kann aus einer subjektiven Sicht allein nicht getroffen werden. D.h. weder die Helfer noch die Betroffenen sind allein kompetent, eine entsprechende Entscheidung zu treffen.

Diese konstruktivistische Einsicht hat erhebliche Konsequenzen für jede Diagnostik. Diagnosen von Kindesmißhandlung müssen die Sicht aller Beteiligten interkommunikativ berücksichtigen und müssen unterschiedliche Dimensionen des Geschehens wie die normativen Kriterien, die zu seiner Beurteilung notwendig sind, ins Kalkül ziehen: die Rechte und Pflichten aller Beteiligter, die Erheblichkeit und Chronizität der Schädigung bzw. die Gefährdung des Kindeswohls, für die Professionellen: die Notwendigkeit einer Verpflichtung zur Hilfe (die eine Krisenintervention einschließen kann), wie sie durch die Jugendhilfeaufgabe der Fürsorgepflicht bzw. der Garantenpflicht rechtlich bestimmt ist.

Im komplexen Feld dieser Koordinaten kann man Kindesmißhandlung „erfinden“, mit dem Interesse, für Eltern und Kinder verloren gegangene Handlungsspielräume, Autonomie zur produktiven Weiterentwicklung wiederzugewinnen oder überhaupt erst einmal zu ermöglichen. Autoritäre, einseitige „Zuschreibungen“ führen demgegenüber zu bloßen Definitionskämpfen, wie man eine leidvolle Erfahrung und schwierige Situation kennzeichnen kann, in der Kinder geschädigt und in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden.

Jedenfalls ist wesentlich, wie Kinder selbst ihre Situation beurteilen. Ihre Problemkonstruktionen und Hilfeprozeßerwartungen interessieren den vormundschaflichen Kinderschutz in der Regel nicht, so sehr andererseits immer wieder gefordert wird, man müsse ihnen glauben. Nein, glauben muß man ihnen nicht, aber sie achten und ernst nehmen, darauf käme es an.

Konstruktivistische Kinderschützer haben in dieser Hinsicht von Janusz Korczak, von Siegfried Bernfeld oder von Bruno Bettelheim gelernt, die hier für die reformpädagogische Wende in unserem Verhältnis zu Kindern stehen mögen. Sie wollen im Verhältnis zum wie auch immer gefährdeten Kind nicht recht haben, sondern Recht schaffen, Lebensbedingungen im Dialog erfinden, die befriedigender sind und Entwicklungschancen eröffnen. Dafür gibt es keinen festen Fahrplan, so sehr wir auch gegenwärtig an Hilfeplänen interessiert sind.

Wie können wir Kinder schützen: Verfolgen oder Helfen?

Damit ist schon fast alles gesagt, wie wir hilfreich für Kinder sein könnten. Ich will es thesenhaft zusammenfassen:

  1. Wir könnten versuchen, anders über Kindesmißhandlung zu sprechen, differenzierter, nüchterner und konkreter, und vor allem: mit weniger Panik. Das massenmedial veranstaltete Opferfest nützt niemandem, den Kindern am wenigsten.
  2. Wir könnten das im vergangen Jahrhundert entwickelte Konzept des „doppelten Mandats“ verabschieden, d.h. wir könnten die verschiedenen Berufssysteme jeweils das machen lassen, was ihres Amtes ist und Kinderschutz eindeutig auf Hilfe (die Not- und Krisenhilfe einschließt) umstellen. Dabei soll programmatisch und methodisch die „am wenigsten schädliche (Handlungs-) Alternative“ orientierend sein.
  3. Wir könnten und müßten uns als professionelle Fachkräfte des Kinderschutzes dergestalt ändern, daß wir für gefährdete Kinder und Familien in Not tatsächlich hilfreich sind, mit partnerschaftlicher Haltung, offener Zuwendung, altruistischer Großzügigkeit. Wir sind nämlich das Feld, das die Familien als Umwelt umgibt. Wenn wir zulassen, daß sie übel verschmutzt und verseucht ist, sind wir selbst und unsere Hilfeangebote ökologisch unbrauchbar.
  4. Konkrete Hilfe mitten im Gemeinwesen, Netzwerke der Unterstützung, Programme gegen Armut und Ausgrenzung in Verbindung mit Angeboten der Beratung und Therapie führen weiter als spezialistische Sonderprojekte, d.h. wir müssen Hilfe von Anfang an, die sich an alle richtet, und langfristige solidarische Unterstützung leisten bzw. kompetente Alternativen außerhalb der Familien erschließen, wenn ambulante Hilfen nicht ausreichen.
  5. Lernen vom Erfolg, um Qualität im Kinderschutz zu entwickeln, was die nüchterne Analyse von Fehlern, von Rückschlägen und Hindernissen einschließt, eröffnet einen guten Weg in die Zukunft. Moderner Kinderschutz muß sich insofern selbstreflexiv immer wieder neu erfinden. Der weit verbreiteten Kinderschutz-Industrie hingegen kann man nur den Untergang wünschen.

Prof. Dr. Reinhart Wolff ist Erziehungswissenschaftler und Soziologe an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, Supervisor, System- und Organisationsberater in freier Praxis