Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Der Zappelphilipp kennt keine Grenzen

Hyperaktive Kinder und ihre Eltern brauchen Hilfe

von Gabriele Steininger

Es gibt in allen Bevölkerungsschichten Kinder, die schon in den ersten Lebensjahren so zappelig und lästig sind, daß keiner mit ihnen zu tun haben will. Kratzend und beißend versuchen sie, sich Spielkameraden zu erobern. Doch damit machen sie sich nicht beliebter. Für Mütter solcher Sprößlinge gleicht das Leben einem Spießrutenlauf. Die daraus resultierende Hilflosigkeit kann trotz der Liebe zum Kind leicht in Aggression und Gewalt umschlagen.

„Von Geburt an schlief er nur wenige Stunden und dazu sehr leicht, hatte Alpträume, schrie im Schlaf und schlug mit seinem Kopf gegen die Wand. Er konnte nicht stillhalten, und ich konnte ihn nicht beruhigen oder es ihm behaglich machen. Er schrie nachts stundenlang. Der Arzt hatte ihm Schlafmittel verordnet, aber ohne Erfolg“, klagte eine junge Mutter über die ersten Erinnerungen an ihren sechsjährigen, quicklebendigen Sohn. Viele Irrwege war sie gegangen, ehe sie endlich Hilfe fand. Die Mütter, die sich in regelmäßigen Abständen zum Erfahrungsaustausch in einer Selbsthilfegruppe treffen, nickten verständnisvoll. Wußten sie doch aus eigenem Erleben, wie sehr sie die überbordende Aktivität ihrer Kinder immer wieder an die eigenen Grenzen führt.

Lange Zeit glaubten Pädagogen, das Hyperkinetische Syndrom sei eine neu entstandene Krankheit der modernen Welt, in der es keinen Raum für bewegungsfreudige Kinder mehr gibt. Doch entgegen der systemtheoretischen Sichtweise vieler Erziehungswissenschaftler haben Mediziner erkannt, daß die Hyperaktivität häufig durch eine Störung des Neurotransmitterstoffwechsels verursacht wird und vererbbar ist. Schon Heinrich Hoffmann beschrieb in seinem berühmten „Struwwelpeter“ mit Zappelphillip, Paulinchen und Hans-guck-in-die-Luft die typischen Merkmale von Kindern, die unter einer Aufmerksamkeitsstörung leiden. Laut diversen Veröffentlichungen sind ungefähr vier bis acht Prozent aller Kinder vom „Hyperkinetischen Syndrom“ oder „ADS“, wie das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom in neueren Publikationen genannt wird, betroffen.

Je früher durch einen Kinderarzt oder -psychiater die Diagnose gestellt wird, desto besser sind die Aussichten, daß Kind und Eltern bis zum Schuleintritt lernen, mit den Problemen einigermaßen zurechtzukommen. Denn die werden mit dem Schuleintritt und der damit verbundenen Einordnung in gesellschaftliche Normen bestimmt nicht kleiner, sondern können sich zu lebenshemmenden Erschwernissen führen.

Wenn ein Baby oder Kleinkind durch ungewöhnlich viel, ausdauerndes und besonders schrilles Schreien, ununterbrochene Bewegung, quengeliges und reizbares Verhalten die Eltern frustriert und so zur Verzweiflung treibt, daß sie sich nur noch mit rigiden Erziehungsmaßnahmen „wehren“ können, ist Hilfe dringend angesagt. Vor allem weil solche Kinder schnell wütend werden und zudem häufig körperlichen Kontakt ablehnen, beginnen Müttern, an ihrer Kompetenz zu zweifeln. Sie können nicht verstehen, warum ihr kleiner Liebling alles, was er in die Hände bekommt, zerlegt und schon im Vorübergehen ständig etwas um- oder ausschüttet.

Die Kinder sind wie von einem permanent auf höchsten Touren laufenden inneren Motor angetrieben, turnen auf Möbeln herum, balancieren auf Fensterbänken, reißen alles aus Schubladen und Schränken, um es sofort wieder liegen zu lassen. Mit Spielzeug beschäftigen sie sich allenfalls ein paar Minuten, dann muß wieder etwas anderes her – für die nächsten paar Minuten. Sie sind reizhungrig, aufgeschlossen und neugierig.

Sinnvolles, konstruktives Spiel kann sich zum Leidwesen aller kaum entwickeln – obwohl bei manchen Kandidaten Legobausteine oder Puzzles ausgesprochen beliebt sind, weil sie wohl helfen, das innere Chaos zu ordnen. Spätestens im Kindergarten geht die Odyssee weiter: Die Mutter wird zur Erzieherin bestellt und ermahnt, konsequenter in ihrer Erziehung zu sein, weil das Kind erhebliche Störungen aufweise. Die zeigen sich unter anderem in der Feinmotorik (allein anziehen, malen, Schleife binden) und im Sozialverhalten. Trotzdem sind Großeltern oder Ärzte, die das Kind kurzzeitig erleben, häufig ganz begeistert, wie interessiert sich die Kleinen an Neuem zeigen. Sie erleben die munteren Quälgeister ja nicht den ganzen Tag, leiden nicht wie die Mutter an Schlafmangel, der es ihr erschwert, den immer wieder auftretenden, immensen Widerstand des Kindes zu überwinden. Außenstehende erleben auch nicht die fehlende Hemmschwelle, die zu häufigen Unfällen führt.

Wie bei Moritz, der in unbeachteten Momenten das Treppenhaus des elterlichen Hauses als Bobbycar-Rennstrecke benutzte und sich bereits mit einem Jahr den ersten Zahn ausschlug. Er war noch keine drei Jahre alt, als er sich beim Streit um einen Schokolade-Nikolaus das Schlüsselbein brach und nur wenige Monate später einen Balanceakt auf dem Sicherheitsbrett des Stockbettes mit einem Schädelbruch beendete… Seine Mutter, die bereits zwei größere „normale“ Kinder hatte, war verzweifelt. Doch daß ihr Dritter „hyperaktiv“ ist, erfuhr sie erst, als der nachweislich hochintelligente Bub mit elf Jahren im Gymnasium versagte. Bis dahin war er zum Klassenclown geworden, durfte wegen seines „ungezogenen“ Verhaltens nicht mehr am Sportunterricht teilnehmen und hatte jegliches Selbstvertrauen verloren. Dabei hatte die Mutter wegen seiner Computersucht und dem auffälligen Sozialverhalten schon während der Grundschulzeit eine Erziehungsberatungsstelle aufgesucht. Dort war man von dem Jungen begeistert und versuchte, die Eltern zu therapieren. Die waren sich nämlich, wie so viele andere Paare in ähnlicher Situation, über die Ursachen des abnormen Benehmens des Sohnes uneins…

Um solche Leidenswege abzukürzen, die bei Jugendlichen durchaus zu Alkohol- oder Drogenkonsum führen können, ist es sinnvoll, bereits in der frühen Kindheit Verhaltensauffälligkeiten ernst zu nehmen. Das gilt für Eltern, Erzieher und Kinderärzte gleichermaßen. Schließlich werden immer noch viele Mütter, die sich besorgt um Hilfe für ihr „mißratenes“ Kind bemühen, mit folgenden Worten beruhigt: „Das ist halt ein lebhaftes Kind“ oder „Das gibt sich, wenn er/sie größer wird“.

Um wirksam helfen zu können, führen erfahrene Kinderärzte oder Kinderpsychiater ausführliche Testreihen durch. Sie untersuchen das Kind, befragen Eltern und andere Betreuungspersonen und klären diese ausführlich über das Krankheitsbild auf. Kleine Hilfestellung wie ein belohnendes Punktesystem können dazu beitragen, den Alltag rechtzeitig zu strukturieren und das Vertrauensverhältnis zwischen Mutter und Kind zu stärken. In schwierigen Fällen werden Ärzte neben Spiel-, psychomotorischer oder Ergotherapie auch mal einen heilpädagogischen Kindergarten empfehlen, damit die Spannung aus dem Mutter-Kind-Verhältnis genommen wird.

Gabriele Steininger ist freie Journalistin und Mutter eines hyperaktiven Kindes

Informationen zum Thema:

Evelyn Pferseer
„Zappelphilipp und Hampelliese“
Rat und Hilfe für hyperaktive Kinder und ihre Eltern
Augsburg 1997

Kurt Czerwenka, Roswitha Bolvansky, Wolfram Kinze
„Hyperaktive Kinder“
Weinheim und Basel 1997

Cordula Neuhaus
„Das hyperaktive Kind und seine Probleme“
Ravensburg 1996

Johanna Krause
„Leben mit hyperaktiven Kindern“
Bundesverband der Elterninitiativen zur Förderung hyperaktiver Kinder e.V.
Postfach 60, 91291 Forchheim

BvdE (Hrsg.)
„Unser Kind ist hyperaktiv! Was nun?“
Bundesverband der Elterninitiativen zur Förderung hyperaktiver Kinder e.V.
Postfach 60, 91291 Forchheim
Tel. & Fax: 09191-34874

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