Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Kleine Monster?

Geschlossene Unterbringung ist kein Mittel der Erziehung

von Bernd Maelicke

In den Medien und in der Politik wird in den letzten Jahren und Jahrzehnten mit zunehmender Dramatik immer wieder ein Problem diskutiert, das offensichtlich bisher mit keiner befriedigenden Lösung beantwortet werden konnte: der Umgang mit einer kleinen Minderheit von Kindern und Jugendlichen, die sich selbst oder andere so sehr gefährden, daß sie mit den herkömmlichen Sozialisationsmitteln der Eltern, der Schule oder der Jugendhilfe nicht gesteuert werden können. Es handelt sich um vorwiegend männliche Kinder, die Merkmale der Verwahrlosung, des Weglaufens, starker Aggressivität und auch zunehmender Kriminalität zeigen. Viele Versuche der Erziehung und der sozialen Integration an ihnen (weniger mit ihnen) sind gescheitert. Hilflose Eltern, überforderte Lehrer und frustrierte Sozialpädagogen begleiten ihren anscheinend ziellosen Weg des Aufwachens in unserer pluralistischen und individualisierenden Gesellschaft.

Diese „kleinen Monster“, wie sie im „Spiegel“1998 stigmatisiert wurden, sind eine ständige Herausforderung für die Jugend- und Kriminalpolitik. Sie zeigen als Seismographen für den Zustand der Gesellschaft zur Jahrhundertwende auf, daß zumindest für Randgruppen das Postulat auf Förderung der Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit (§ 1 Kinder- und Jugendhilfegesetz ) nicht erfüllt wird.

Öffentlich diskutiert werden zumeist Einzelfälle von nicht-strafmündigen Kindern unter 14 Jahren, die zahlreiche Straftaten begehen, ohne dafür sanktioniert werden zu können. Diese Straftaten bewegen sich zwar überwiegend im Bereich leichterer und mittlerer Kriminalität, so daß sie bei über 14-Jährigen in der Regel mit ambulanten Maßnahmen wie Arbeitsauflagen oder sozialen Trainingskursen beantwortet würden. Aber die ständige Wiederholung dieses delinquenten Verhaltens und die dadurch aufgezeigte Hilflosigkeit der Instanzen der Erziehung und der sozialen Integration sind offenkundig für diese wie für die Medien und die Politik nicht hinnehmbar. Dieses andauernde Aufzeigen der Begrenztheit der Steuerungsmöglichkeiten kann offensichtlich zumindest öffentlich nicht akzeptiert werden. „Lösungen“ müssen versucht werden, ein bloßes Akzeptieren und Begleiten des Kindes oder Jugendlichen durch diese schwierigen Jahre seiner Sozialisation wird als Versagen verstanden.

So wird der öffentliche Druck auf Jugendhilfe und Justiz immer größer, dieses Problem endlich einer Lösung zuzuführen. Dabei geht ebenfalls seit Jahren und Jahrzehnten der Streit vor allem um die Alternative „geschlossene Unterbringung“ oder „ambulante intensive Betreuung“. Während für die über 14-Jährigen die Justiz den Jugendarrest (bis 4 Wochen), die U-Haft und die Jugendstrafe (bis zu 10 Jahren) als freiheitsentziehende Sanktionen bereit hält (bundesweit ca. 6000 Plätze), gibt es im Rahmen der Jugendhilfe in den Bundesländern „nur“ ca. 150-200 Plätze der geschlossenen Unterbringung – überwiegend in den süddeutschen Ländern.

Immer wieder wird deshalb vor allem in Wahlkampfzeiten in den Ländern und auf Bundesebene diskutiert, ob weitere Einrichtungen geschlossener Unterbringung erforderlich sind. Addiert man die ohne jede fundierte Bedarfsermittlung immer wieder von Politikern und Medien erhobenen Forderungen, so ergibt sich schnell eine Zahl von ca. 1000-1500 Plätzen, die bundesweit neu geschaffen werden müßten. Da mit Tagessätzen von durchschnittlich ca. 400-500 DM zu rechnen ist, läßt sich hochrechnen, welche immensen Kosten neben den erforderlichen baulichen und personellen Investitionen durch die äußerst strapazierten Länder- und kommunalen Haushalte zusätzlich aufzubringen wären.

Während in den Südländern (inkl. Hessen) die Entscheidung für den Ausbau der geschlossenen Unterbringung politisch bereits getroffen wurde, ist der Diskussionsprozeß in den überwiegend Rot bzw. Rot-Grün geführten Ländern wieder neu aufgebrochen. Auch in Schleswig-Holstein, wo im Februar 2000 Neuwahlen sind, gewinnt dieses Thema zunehmend Bedeutung. Eine Arbeitsgruppe von Experten (unter ihnen auch ein Kinderarzt aus Hamburg) des dortigen „Rates für Kriminalitätsverhütung“ hat sich in den Jahren 1998/1999 intensiv mit dieser Thematik beschäftigt und ist ( verkürzt dargestellt ) zu folgenden Ergebnissen gekommen:

Ergebnisse einer Experten-Arbeitsgruppe in Schleswig-Holstein

Die Arbeitsgruppe war sich darüber einig, daß „geschlossene Heime“ herkömmlicher Provenienz zur Problemlösung untauglich sind. Geschlossene Heime grenzen die in ihnen untergebrachten Kinder und Jugendlichen gesellschaftlich aus, anstatt sie zu integrieren. Sie ermöglichen das Weiterschieben von Verantwortung durch hilflose Eltern, Jugendämter, Gerichte an eine andere Einrichtung („Heimkarrieren“). Sie schaffen deshalb bereits durch ihre Existenz ihren eigenen Bedarf („Sogeffekt“) und fördern intern das Entstehen spezifischer Subkulturen bei den Untergebrachten. Sie schaffen für die Untergebrachten Verhaltensmaßstäbe, die nach der Entlassung keine Hilfe bieten, und erzeugen ein hohes Streß- und Aggressionspotential sowohl bei den Untergebrachten als auch bei den Betreuerinnen und Betreuern („Schaukeleffekt“). Die Ausreißerquote ist in den „offenen“ und „geschlossenen“ Heimen überdies nahezu gleich.

Die Arbeitsgruppe hat deshalb Alternativen zur geschlossenen Unterbringung geprüft wie z.B. eine intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung oder das Konzept einer strukturierten pädagogisch/psychologischen Intensivbetreuung.

Gemeinsam ist diesen Konzepten, daß diesen emotional und sozial erheblich gestörten Kindern und Jugendlichen ein Erlernen sozialer Basisfähigkeiten ermöglicht werden soll, denn gerade Defizite in diesem Bereich sind zumeist ein wesentlicher Grund dafür, warum die „normalen“ Angebote der Jugendhilfe die jungen Menschen nicht erreicht haben oder zumindest jetzt nicht erreichen. Beide Konzepte gehen von einer deutlichen gestiegenen Betreuungsintensität und einem entsprechen erhöhten Personaleinsatz aus.

Die Arbeitsgruppe war sich darüber einig, daß Erziehung bei diesen Kindern und Jugendlichen nicht ohne klare Alltagsstrukturen und das Ziehen von Grenzen auskommen kann.

Voraussetzung für die Einführung ambulanter Alternativen ist jedoch auch für Schleswig-Holstein eine differenzierte und wissenschaftlich fundierte Bedarfsermittlung, die bisher nicht vorliegt. Nur auf dieser Grundlage kann letztlich Klarheit über die Kosten sowie das endgültige Konzept gewonnen werden. Die Arbeitsgruppe fordert deshalb, daß für die Konzeptionierung, Finanzierung und Durchführung von Formen der Einzelbetreuung eine multiprofessionell besetzte und wissenschaftlich begleitete Beratungs- und Lenkungsgruppe auf Landesebene eingerichtet wird, die sowohl für die Bedarfsfeststellung wie für die Konzeptentwicklung und die Implementierung eines ambulanten Modellprogramms entsprechende Beratungs- und Lenkungsaufgaben übernehmen soll.

In einem Stufenprogramm schlägt die Arbeitsgruppe vor, daß das bisherige System der Jugendhilfe vor allem auf den Schnittstellen zwischen Schulen, Gesundheitsdiensten, Fachkliniken, Polizei und Justiz nachhaltig zu verbessern ist, um so eine frühzeitigere, intensivere und stringentere und koordinierte Intervention anzustreben.

Reichen diese Regelmaßnahmen bei schweren emotionalen und sozialen Störungen nicht mehr aus, sollen auch in Schleswig-Holstein flächendeckende Formen einer über das bisher realisierte Hilfespektrum hinausgehende ambulanten Intensivbetreuung vorgehalten werden.

Was bleibt zu tun?

Die Argumente gegen die geschlossene Unterbringung sind nach wie vor überzeugend. Auch wenn alle potentiellen 1000-1500 Plätze besetzt wären, würde es weiterhin die öffentliche Diskussion über andere, nicht eingesperrte Kinder und Jugendliche geben, die auch alle Merkmale der „kleinen Monster“ zeigen. Die Definition und Ausgrenzung eines sog. „harten Kerns“ von nicht Erreichbaren ist ein immer wieder aufzufindendes Merkmal aller Hilfesysteme – diese Personen gibt es als Symptomträger z.B. auch in der Psychiatrie, der Nichtseßhaftenhilfe, der Straffälligenhilfe. Für bestimmte strukturelle gesellschaftliche Probleme wie „Neue Armut“, Dauer- und Massenarbeitslosigkeit, zunehmende Gewaltbereitschaft, zunehmender Konsum von legalen und illegalen Drogen etc. und für Personen, die diesen Problemen besonders ausgeliefert sind, gibt es kein Patentrezept zur Problemlösung, schon gar nicht durch Einsperren hinter Mauern. Sie sind zwangsläufig mit der Entwicklung dieser Gesellschaft verknüpft und zeigen immer wieder die Grenzen der Integration und die Gefahren der Ausgrenzung auf.

Deshalb gibt es nach heutigem Erkenntnisstand keine Alternative zu möglichst intensiven Formen der Einzelbegleitung und -betreuung, wohl wissend, daß auch diese nur begrenzte Wirkung entfalten können. Akzeptieren und Begleiten mit ständigen Angeboten und Versuchen der sozialen Integration – aber genauso ein Arbeiten an der Verbesserung der Lebenslagen von sozial Benachteiligten und der Verhinderung von Ausgrenzungsprozessen, dies scheint der bestmögliche und zudem rationale Weg im Umgang mit diesen unseren Kindern und Jugendlichen zu sein.

Dr. Bernd Maelicke ist Leiter der Abteilung „Vollzugs- und Gnadenwesen“ im Ministerium für Justiz, Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes Schleswig-Holstein