Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Interview mit der Bundesjustizministerin, Frau Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin, zur geplanten Einführung eines Rechts von Kindern auf gewaltfreie Erziehung

fK: In der Koalitionsvereinbarung der beiden Regierungsparteien steht, daß das Recht von Kindern auf gewaltfreie Erziehung gesetzlich festgeschrieben werden soll. Wie wollen Sie dieses Ziel erreichen und welche Formulierung soll der neue Passus erhalten?

Däubler-Gmelin: Die Formulierung ist fertig; der Gesetzentwurf wird jetzt eingebracht; er hat folgenden Wortlaut: „Jedes Kind hat ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Jetzt kommt es darauf an, möglichst viele Eltern zum Mitmachen zu bewegen. Dann sind wie einen Schritt weiter.

fK: Gegner einer gesetzlichen Festschreibung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung bringen immer wieder vor, die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern dürften nicht im Übermaß verrechtlicht werden. Was ist hierzu Ihre Meinung?

Däubler-Gmelin: Es geht nicht um Verrechtlichung, sondern um den Hinweis, daß Kinder durch Vorbild, mit Liebe und Freundlichkeit erzogen werden müssen. Gewalt erzeugt wieder Gewalt – wir müssen raus aus diesem Teufelskreis. Diese an sich selbstverständliche Notwendigkeit schreiben wir jetzt gesetzlich fest.

fK: Nach einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach lehnen lediglich 38 Prozent der Deutschen Schläge in der Erziehung grundsätzlich ab. Während 42 Prozent der Meinung sind, „Schläge kommen höchstens als letztes Mittel in Frage, wenn wirklich nichts anderes mehr hilft“, stimmen weitere 15 Prozent der Ansicht zu, „Schläge gehören auch zur Erziehung, das hat noch keinem Kind geschadet.“ Mit welchen Argumenten wollen Sie diese Menschen für Ihr Vorhaben gewinnen?

Däubler-Gmelin: Eben mit der Erkenntnis, daß Gewalt wieder Gewalt erzeugt. Und mit der Tatsache, daß Erwachsene wirklich andere Erziehungsmittel haben und sich eigentlich schämen, wenn ihnen „die Hand ausrutscht“. Prügel und Schläge sind jenseits jeder Diskussion, aber ich bin mir sicher, daß auch in der großen Gruppe derjenigen, die Schläge „nur, wenn nichts anderes mehr hilft“ für zulässig halten, die meisten nicht Anhänger von Gewalt in der Kindererziehung sind, sondern wirklich das Beste für ihre Kinder erreichen wollen. Und das ist ganz ohne Zweifel die gewaltfreie Erziehung. Wir müssen und können lernen, Probleme durch Reden, Diskussion, Respekt und Rücksichtnahme zu bewältigen. Die Skandinavier und die Österreicher haben damit schon gute Erfahrungen gemacht.

fK: Es ist bekannt, daß Gesetze das tatsächliche Verhalten nur bis zu einem bestimmten Grad beeinflussen können. Welche Veränderungen erhoffen Sie sich von der rechtlichen Normierung einer gewaltfreier Erziehung und inwieweit könnten davon diejenigen profitieren, um die es dabei vor allem geht: die Kinder?

Däubler-Gmelin: Vorbilder erziehen mindestens so wirksam wie Argumente – gerade deshalb wenden wir uns an die Eltern.
Die Gesetzesänderung muß von einer Aufklärungskampagne begleitet werden. Die Schweden haben uns das beispielhaft vorgemacht: Sie haben 1979 eine prima Aufklärungskampagne gestartet und erreicht, daß bereits zwei Jahre später 99% der Bevölkerung die Neuregelung und ihren Sinn kannten.
Auch bei uns gibt es gute Erfahrungen. Ein Beispiel: Als Mitte der 70er Jahre das Anschnallen in Kraftfahrzeugen zur Pflicht wurde, hat es eine Weile bis zu der heute selbstverständlichen Verhaltensweise gebraucht. § 21 a StVO wurde durch große Aufklärungskampagnen ergänzt. Wir konnten z.B. eine Zeit lang in jeder Folge des „Kommissar“ oder von „Derrick“ mindestens einmal sehen, wie beide sich demonstrativ im Auto anschnallten.
Ich setze auf die Vernunft, darauf, daß Eltern das Beste für ihre Kinder wollen und darauf, daß die allermeisten unserer Mitbürger in Respekt, Frieden und ohne Gewalt leben wollen. Deshalb müssen wir auch Konflikte ohne Gewalt austragen können.

fK: Europa wächst auch in rechtlicher Hinsicht immer mehr zusammen. Gibt es hinsichtlich eines Rechts auf gewaltfreie Erziehung Bestrebungen zu einer einheitlichen Regelung auf europäischer Ebene und wenn nicht, wollen Sie hier selbst initiativ werden?

Däubler-Gmelin: Eine Gesellschaft ohne Aggressionen und Gewalt wird überall angestrebt – viele unserer Nachbarn sind schon weiter als wir. Von deren Erfahrungen können wir profitieren.

Die Fragen stellte Dr. Jörg Maywald