Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Vorschläge zur Prävention von Gewaltkriminalität junger Täter

Ergebnisse einer Untersuchung in Brandenburg

Aufgrund der beunruhigenden Zahl junger Täter von Gewaltdelikten mit fremdenfeindlichem Hintergrund wurde im Auftrag des Landesministeriums für Bildung, Jugend und Sport die „Schwere Gewaltkriminalität durch junge Täter in Brandenburg“ untersucht. Die von Prof. Heinz Cornel (Alice Salomon Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Berlin) durchgeführte und im April 1999 veröffentlichte Studie bezieht sich auf 43 Fälle von in Brandenburg inhaftierten Gewalttätern, die ihre Taten zwischen 1995 und 1997 als Strafmündige bis zum Alter von 25 Jahren begangen hatten. Mit 23 Tätern wurden Interviews durchgeführt, die dann zu ausführlichen Fallgeschichten verarbeitet wurden. Im Anschluß an die Falldokumentationen fanden Expertenhearings statt, in denen die Daten analysiert und Vorschläge zur Prävention erarbeitet wurden. Im folgenden dokumentieren wir in Auszügen die wichtigsten Empfehlungen.

  1. Da ein großer Teil der untersuchten Täter körperliche Gewalt in der Familie erlebt hat, und dieser Zusammenhang mit der späteren Gewaltausübung aus vielen anderen Untersuchungen belegt ist, sollten Präventionsvorschläge sich zuallererst auf die innerfamiliäre Gewaltausübung konzentrieren.
  2. Da ein großer Teil der untersuchten Täter den Institutionen der Jugendhilfe seit langem bekannt war, können Präventionsvorschläge sich zielgerichtet an die Jugendhilfe wenden, die vorhandene Kontakte besser nutzen kann. Diese Erkenntnis darf nicht zur Stigmatisierung der (männlichen) Jugendhilfeklientel führen, die zum größten Teil nicht gewalttätiger ist als andere junge Männer.
  3. Da mehr als zwei Drittel der untersuchten Täter bereits früher durch die Strafjustiz verurteilt wurde, muß präventive Arbeit auch hier ansetzen. Ob dadurch die Rückfallquoten dieser Untersuchungsgruppe gesenkt hätte werden können, kann allerdings so pauschal nicht entschieden werden.
  4. Da Alkoholmißbrauch sowohl in den Herkunftsfamilien als auch in den Peergroups der Jugendlichen und im Zusammenhang mit dem Tatgeschehen selbst eine große Rolle spielt, werden Präventionsstrategien sich auch darauf beziehen müssen.
  5. Da die Schule die untersuchten Täter weder in Bezug auf eine berufsvorbereitende Bildungsqualifikation noch in Hinblick auf die Erziehung zu Toleranz, Mitmenschlichkeit und Demokratie erreichen konnte und es Hinweise darauf gibt, daß der zweite Aspekt auf einen größeren Teil der Jugendlichen zutrifft, muß die Institution Schule ein zentraler Ansatzpunkt der Präventionsstrategien sein.
  6. Da die Arbeits- und Perspektivlosigkeit bei den untersuchten Tätern sehr häufig war, sollten spezifische Angebote, die sich nicht nur auf die Täter selbst sondern auch auf das soziale Umfeld beziehen, deren berufliche Integration fördern.
  7. Da sich die Fremdenfeindlichkeit und der Rassismus im Sinne eines sogenannten Wohlstandschauvinismus vor allem auf arme ost- und außereuropäische Menschen bezieht, müssen sich Präventions- und Aufklärungsstrategien darauf konzentrieren und dürfen nicht allein auf die Formen und Äußerungsformen, die sich auf den historischen deutschen Faschismus beziehen, beschränken.
  8. Da gerade in den Jugendkulturen unterprivilegierter junger Männer klassische Männerbilder in patriarchalen Rollen vorherrschen, bei denen Deutschtum, Trinkfestigkeit und körperliche Stärke eine zentrale Rolle spielen, müssen Präventionsstrategien sich auch darauf beziehen. Dies ist sowohl gesamtgesellschaftlich wie auch individuell ein sehr langfristiger Prozeß, der früh begonnen werden muß. Je weniger erwartet werden kann, daß dies in den Herkunftsfamilien stattfindet, um so mehr muß dies öffentlich betrieben und unterstützt werden.
  9. Da das Kennen anderer Kulturen und Lebensstile Akzeptanz und Toleranz fördert, müssen vielfältige Formen der Begegnung und des Kennenlernens entwickelt werden.
  10. Da die Täter einen Teil ihres sie befriedigenden Gefühls der Stärke aus der Ohnmacht der Opfer der Gewalt aber auch schon der Androhung von Gewalt beziehen und weil es ein Recht aller Menschen ist, öffentlichen Raum zu beliebigen Zeiten zu nutzen, muß dieser Raum konsequent verteidigt werden.

Weitere Informationen sind erhältlich über:
Prof. Dr. Heinz Cornel, Alice Salomon Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Berlin, Alice-Salomon-Platz 5, 12627 Berlin