Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Erziehung unter Zwang – eine Zumutung für die Jugendhilfe?

Das Konzept der teilgeschlossenen Unterbringung im Jugendheim Schönbühl

von Hans-Peter Bauer

Das Jugendheim Schönbühl befindet sich als Einrichtung der Jugendhilfe in Trägerschaft des Landeswohlfahrtsverbandes Württemberg-Hohenzollern. Es hat die Aufgabe, männlichen jungen Menschen, in der Regel im Alter zwischen 12 und 20 Jahren, in besonders belasteten Lebenslagen Betreuung und Förderung anzubieten.

Die Einrichtung verfügt bei insgesamt 85 Wohn- und Betreuungsplätzen über ein breit gefächertes und differenziertes Hilfeangebot, das auch eine allgemeinbildende Sonderschule mit den Bildungsgängen Haupt- und Förderschule, eine Sonderberufs- und eine Sonderberufsfachschule, fünf Ausbildungswerkstätten und ein Therapeutisches Werkstudio umfaßt. In diesem Spektrum stehen 18 Plätze für eine freiheitsbegrenzende Unterbringung im Rahmen einer Jugendhilfemaßnahme zur Verfügung.

Teilgeschlossene Unterbringung wird nun seit vielen Jahren angeboten, sie ist keine Reaktion auf die zunehmende öffentliche Forderung von mehr Geschlossenheit in Heimen.

Im Rahmen des sehr spezifischen Auftrages, sich um besonders belastete Kinder und Jugendliche zu bemühen, machten und machen wir die Erfahrung, daß die Verklärung von Freiwilligkeit als einzig möglichem Hilfezugang zu praktischen Problemen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen führt, die nicht nur Angst vor Strafe, sondern auch vor Hilfe haben. Das bestehende Selbstverständnis der Jugendhilfe, nicht repressiv handeln zu wollen und die Freiwilligkeit der Mitarbeit der Betroffenen zu betonen, führt genau bei diesen Kindern und Jugendlichen zu einer Pattsituation.

Teilgeschlossene Unterbringung im Jugendheim Schönbühl bedeutet nun allerdings nicht, ein Kind oder einen Jugendlichen einfach wegzusperren, ihn zu verwahren oder „aus dem Verkehr“ zu ziehen. Sie ist die Unterbringung in einer intensiv betreuten Wohngruppe, deren Verlassen dem Kind oder Jugendlichen durch besondere Eingrenzungs- und Abschließvorrichtungen erschwert wird. Die dabei auf der Basis eines Beschlusses des Familiengerichtes oder einer Entscheidung im Rahmen des Jugendgerichtsgesetzes in diesen Gruppen wohnenden Kinder und Jugendlichen unterscheiden sich in der Intensität der jeweiligen Freiheitsbeschränkungen. Es ist unser Prinzip, Dauer und Grad der Geschlossenheit individuell zu regeln. Dadurch wird die teilgeschlossene Unterbringung in unserem Hause zu einer pädagogischen Intensivmaßnahme, in der auf dem Hintergrund einer außerordentlichen Problemlage verlaufs- und entwicklungsorientiert ein Spektrum von freiheitsbegrenzenden und freiheitserprobenden Strukturen flexibel und individuell gehandhabt wird. Nach unseren Erfahrungen ist es genau dieser Wechsel zwischen Schließen und Öffnen, der Lern- und Entwicklungsprozesse in Gang setzt. Somit ist das Schließen der Einstieg in die Hilfe, es ist nicht die Hilfe selbst oder gar ihr Ersatz.

Über eine anfänglich eher gegebene Über-Ich-Erziehung mit Elementen wie massives, institutionelles Vorgeben, stärker regelhafte Handlungsschemen usw. wollen wir in einem belastbaren, an Grundzügen der Verhaltenstherapie orientierten Erziehungsprozeß eine Entwicklung hin zu einer Ich-Stärkung mit den Elementen Stärkung der Persönlichkeit, Selbstwahrnehmung, Konfliktlösungsfähigkeit, Kontaktfähigkeit, Selbstkontrolle usw. ermöglichen. Eben hin zu Kompetenzen zur kommunikativen Auseinandersetzung, zur Selbstkontrolle, zur Übereinkunft mit Bezugspersonen u.ä.

Wir wollen mit der teilgeschlossenen Unterbringung vorrangig dem Nachholen von Bindungserfahrungen, die Voraussetzung für eine erfolgreiche erzieherische Intervention sind, eine Möglichkeit geben. Von nachgeordneter Bedeutung ist der Schutz der Gesellschaft vor dem möglicherweise delinquenten Verhalten dieser Kinder und Jugendlichen, wenngleich wir diese Sicherheitsinteressen in unserer Arbeit immer mitbedenken und mitberücksichtigen.

Die deutliche Mehrheit der in die teilgeschlossenen Gruppen aufgenommenen Kinder und Jugendlichen entstammt der Hochrisikogruppe von Jungen mit Entwicklungsstörungen, deren Auffälligkeiten früh beginnen und ein breites Spektrum massiver, aggressiv-dissozialer Symptome zeigen. Sie konnten und können von der gesetzlich vorgesehenen Freiwilligkeit in der Jugendhilfe nicht profitieren, da sowohl sie selbst wie auch deren nächstes Umfeld, sprich die Familie, in der Regel wenig sensibel für ihre Hilfsbedürftigkeit sind.

Schulschwänzen, Straßenleben, Drogengebrauch, Diebstähle, Sachbeschädigungen, Nötigungen, Erpressungen, Körperverletzungen, Brandstiftungen, Sexualstraftaten, Tötungsversuche, Tötungsdelikte usw. sind dabei Hinweise auf entscheidende Defizite in zentralen Erziehungs- und Entwicklungsaufgaben. Das primär Auffällige dieser jungen Menschen ist eigentlich nicht ihre Delinquenz, sondern ihre soziale Inkompetenz, ihr Versagen im Umgang mit erwarteten Fähigkeiten und Fertigkeiten. Da wird Unerfahrenheit und Unbeholfenheit sichtbar, jemanden um etwas zu bitten, statt ihn zu erpressen. Etwas zu bezahlen, statt es zu stehlen. Mit jemandem zu diskutieren, statt ihn zu verprügeln.

Die Kinder und Jugendlichen selbst erleben die teilgeschlossene Unterbringung als das, was es darstellt: ein massiver Einschnitt in die bisherige Lebensführung, die Handlungskompetenz und Entschiedenheit der Erwachsenenwelt und klare Grenzsetzungen dokumentiert.

Dennoch, und dies mag auf den ersten Blick erstaunen, fühlen sich im Rahmen der teilgeschlossenen Unterbringung betroffene Kinder und Jugendlichen auch angenommen, weil man sie trotz unerwünschtem, destruktivem und gefährlichem Verhalten hier behalten möchte. Sie erleben entgegen früheren Erfahrungen, daß man bereit ist, sie mit all ihren Schwierigkeiten „auszuhalten“. Ferner zeigen sich im Verlauf der teilgeschlossenen Unterbringung auch Entlastungselemente von beispielsweise unzumut- und im Moment nicht leistbaren Selbstkontrollaufgaben. Und nicht wenige Kinder und Jugendliche sind, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit, einem sonst für sie enormen, alltäglichen Dilemma enthoben, nämlich zu entscheiden „bleibe ich oder gehe ich“, wo letztlich doch keine der beiden Optionen einen wesentlichen Gewinn mit sich bringt.

Das im Zusammenhang mit der Debatte um die geschlossene Unterbringung häufig vorgebrachte Argument der fehlenden Freiwilligkeit bei dieser Maßnahme überzeugt mich nicht, weil die Chancen dieser Kinder und Jugendlichen auf „Freiwilligkeit“ bzw. „Entscheidungsfreiraum“ bezüglich Lebenslage und Lebensweg gerade dann gleich null ist, wenn es nicht gelingt, eine brisante Eskalationsentwicklung zu unterbrechen und einen Kontakt zu ihnen aufzubauen.

Bei der gesamte Diskussion um das Für und Wider von geschlossener Unterbringung stellt sich für mich eine „professionelle Lebenslüge“ ein. Auf der einen Seite besteht ein breiter Konsens in der Kinder- und Jugendhilfe, daß geschlossene Unterbringung mit dem veränderten Selbstverständnis und dem veränderten Auftrag der Jugendhilfe, gesetzlich verankert durch das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz, nicht mehr vereinbar und auch in pädagogischer Hinsicht Unsinn sei. Gleichzeitig kamen im Jahr 1998 47% der Anfragen nach einem geschlossenen Platz aus Landesjugendamtsbereichen, die diese Unterbringung abgeschafft und entsprechende Alternativen aufgebaut haben.

Nach meiner Überzeugung ist dieser Widerspruch nur dann auflösbar, wenn sich die Jugendhilfe grundsätzlich zu ihrer Verantwortung auch für die beschriebenen extrem problembelasteten Kinder und Jugendlichen bekennt und deren Problemlagen und erzieherischen Bedarf unvoreingenommen reflektiert, eben ohne daß bereits im Vorfeld eine mögliche Zugangsform verteufelt und als nicht denkbar ausgeschlossen wird.

Dabei halte ich allerdings den bisweilen geforderten breiten und flächendeckenden Ausbau geschlossener Einrichtungen für nicht erforderlich. Hier würden letztlich enorme Investitionen in neue große Spezialeinrichtungen anfallen, die allesamt in Gefahr geraten, „Abstellkammern“ für Kinder und Jugendliche zu werden, für deren Problematik zunächst kein Hilfeangebot vorstellbar erscheint und/oder die in ihrem aktuellen Umfeld nicht mehr „ausgehalten“ werden.

Auf der anderen Seite muß Jugendhilfe ihr Dilemma zwischen der gesetzlich vorgesehenen Freiwilligkeit der Inanspruchnahme von Jugendhilfe und der Notwendigkeit des Handelns gerade bei den beschriebenen Kindern und Jugendlichen lösen. Dabei erscheinen mir andere Wege angebracht, als das häufige Bemühen um einen quasi „klinischen“ Auftrag der Jugendhilfe, der frei jeder Form der sozialen Kontrolle allein den Aspekt der Hilfe in den Mittelpunkt stellt.

Darüber hinaus ist die Debatte um das Für und Wider der geschlossenen Unterbringung auch eine Debatte um das Erziehungsverständnis bzw. den Erziehungsbegriff in der Jugendhilfe, was sicher ein gesamtgesellschaftliches Thema darstellt: Ob, und wenn ja, welche Form von Erziehung können, wollen wir Erwachsene uns erlauben? Dabei scheint weder die Forderung nach einer Rückkehr zu dem erzieherischen Selbstverständnis der letzten Jahrhunderte, das auf der Idee einer grundlegenden Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen basierte, noch die Aufforderung, jegliche Erziehung aufzugeben und Kinder nur noch als kleine Erwachsene zu behandeln, die angemessene Antwort zu sein.

Und, ist es möglicherweise zu kurz gedacht und auch wenig nützlich, Pädagogik in schwarz und weiß zu spalten, in böse und gut, in repressiv und nicht-repressiv, und dabei die Erstgenannte nur mit negativen Kennzeichen zu versehen oder gar zum Unwert zu stempeln? Ist denn Strafe nur eine peinliche Entgleisung im Rahmen erzieherischen Handelns?

Ich bin mir bewußt, daß wir mit unserer Form der geschlossenen Unterbringung sowohl enttäuschend sind, vorrangig für Politik und Justiz, weil wir nicht wegsperren, wir sind aber auch enttäuschend für die Jugendhilfe, weil wir einsperren.

Letztgenanntes erfolgt aus einer reflektierten Praxis und nicht, weil wir Verfechter einer lediglich disziplinierenden und konservativen Pädagogik sind.

Es täte der Jugendhilfe gut, den durch uns repräsentierten fachpolitischen Tabubruch auszuhalten und mit uns zu reflektieren.

Hans-Peter Bauer ist fachlicher Leiter des Jugendheims Schönbühl in Weinstadt