Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Verdeckte Armut in Deutschland

Ergebnisse eines Forschungsberichts im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung

Als verdeckt arm werden jene Personen definiert, die zwar Anspruch auf laufende Hilfe zum Lebensunterhalt (HLU) haben, diesen Anspruch aber nicht geltend machen.
Es handelt sich also um Personen, die unterhalb des sozio-kulturellen Existenzminimums leben, obwohl sie Anspruch auf laufende Leistungen zum Lebensunterhalt hätten. Datengrundlage für die folgenden empirischen Ergebnisse ist das Sozio
ökonomische Panel (SOEP). Bei dem SOEP handelt es sich um einen repräsentativen Datensatz für die Bundesrepublik Deutschland, der in jährlichem Abstand seit 1984 erhoben wird.

Ausmaß verdeckter Armut

Die empirischen Auswertungen haben ergeben, daß verdeckte Armut in erheblichem Ausmaß vorhanden ist. Im Jahr 1991 lebten 3,7% der Bevölkerung in Deutschland in verdeckter Armut. Dies waren annähernd 3 Millionen Personen, die mit einem Einkommen unterhalb des sozio-kulturellen Existenzminimums leben mußten.
In Ostdeutschland war ein höherer Anteil der Bevölkerung von verdeckter Armut betroffen (5,6%) als in Westdeutschland (3,2%).
In absoluten Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, daß in Ostdeutschland rund 891.000 Personen und in Westdeutschland über zwei Millionen Personen mit einem Einkommen unterhalb der Sozialhilfeschwelle auskommen mußten. Im Vergleich der Jahre 1991 und 1995 nahm die verdeckte Armut leicht von 3,7% auf 3,4% ab, so daß 1995 knapp 2,8 Millionen Personen in verdeckter Armut lebten. Setzt man die Anzahl der verdeckt Armen ins Verhältnis zu den Empfängern von laufender Hilfe zum ebensunterhalt, zeigt sich, daß auf 100 HLU-Empfänger rund 110 verdeckt Arme kommen. Während in Westdeutschland die verdeckte Armut konstant blieb, sank sie in Ostdeutschland von 5,6% auf 4,2%. Es hat also eine Annäherung des Ausmaßes der verdeckten Armut innerhalb von vier Jahren stattgefunden. In Westdeutschland lebten 1995 über zwei Millionen Personen in verdeckterArmut; in Ostdeutschland waren es rund 651.000 Personen.

Alter

Betrachtet man die verdeckte Armut nach Altersgruppen, lassen sich die 7 bis 17jährigen als besondere Problemgruppe identifizieren. Im Jahr 1995 lebten in Deutschland 5,4% der Personen in dieser Altersgruppe unterhalb des sozio-kulturellen Existenzminimums. Dagegen trugen ältere Personen ab 60 Jahre kein überdurchschnittlich hohes Armutsrisiko. Während in Westdeutschland nur geringe Veränderungen der Armutsquoten von 1991 zu 1995 festzustellen sind, ist in Ostdeutschland deutlich mehr Bewegung zu erkennen. Besonders auffällig in Ostdeutschland ist, daß die Armutsquote der bis 6jährigen von 4,2% auf 6,0% anstieg, während sie bei den Personen ab 60 Jahre von 5,4% auf 2,2% abnahm.
In Ostdeutschland kann also von einer „Infantilisierung der Armut“ gesprochen werden.

Staatsangehörigkeit

Die Armutsquote der ausländischen Bevölkerung in Deutschland ist mehr als doppelt so hoch wie die der deutschen Bevölkerung. Hinzu kommt, daß die Armutsquote der Deutschen rückläufig und die Armutsquote der Ausländer angestiegen ist. Im Jahr 1995 lebten 3,2% der deutschen und 7,3% der ausländischen Bevölkerung unterhalb des sozio-kulturellen Existenzminimums.

Haushaltsgröße

Die Armutsquoten steigen nahezu parallel mit der Haushaltsgröße an. Ausnahme sind die Single-Haushalte, die ein recht hohes Armutsrisiko mit 4,2% im Jahr 1995 aufwiesen. Am stärksten von verdeckter Armut sind die Personen in Haushalten mit fünf und mehr Personen betroffen. Hinzu kommt, daß bei diesem Personenkreis das Armutsrisiko von 1991 bis 1995 sowohl in West- als auch in Ostdeutschland angestiegen ist. In Westdeutschland stieg die Armutsquote von 4,6% auf 6,8%. In Ostdeutschland stieg die Quote der verdeckten Armut von 11,6% auf 15,2%. Für Deutschland insgesamt wurde bei den Personen in Haushalten mit mindestens fünf Personen eine Armutsquote von 5,5% im Jahr 1991 und 8% im Jahr 1995 berechnet.

Haushaltsformen

Betrachtet man die verschiedenen Haushaltsformen, so zeigt sich, daß sich die Struktur der von verdeckter Armut betroffenen Personen in Ostdeutschland an die in Westdeutschland angenähert hat. Die beiden großen Problemgruppen sind eindeutig die Paare mit Kindern unter und ab 16 Jahre (damit sind Paare gemeint, die mindestens ein Kind unter 16 Jahre und mindestens ein Kind über 16 Jahre haben) und die Alleinerziehenden. Im Jahr 1995 betrug die Armutsquote der Paare mit Kindern unter und ab 16 Jahre 8,4%. In Ostdeutschland war die Quote mit 13,5% fast doppelt so hoch wie in Westdeutschland mit 7,1%. Die Quote der verdeckten Armut bei den Alleinerziehenden betrug 1995 7,5%. Auch bei diesen Personen lag die Armutsquote in Ostdeutschland mit 10,8% höher als in Westdeutschland mit 6,7%. Paare ohne Kinder wiesen mit 0,7% das geringste Armutsrisiko auf.

Erwerbstätigkeit

In Deutschland lebten im Jahr 1995 2,7% der Erwerbstätigen in verdeckter Armut. Mit anderen Worten: Über 900.000 Personen gehörten zu der Gruppe der „working poor“. Personen, die arbeitslos sind, weisen deutlich höhere Quoten der verdeckten Armut auf als solche, die nicht arbeitslos sind. Im Jahr 1995 waren 5,6% der arbeitslos gemeldeten Personen in Deutschland verdeckt arm, aber lediglich 3% der nicht arbeitslosen Personen.

Globale Armutslücke

Die globale Armutslücke gibt den Betrag in DM pro Jahr an, den die Kommunen hätten aufbringen müssen, wenn alle Haushalte in verdeckter Armut ihre Ansprüche auf laufende Hilfe zum Lebensunterhalt geltend gemacht hätten. Im Jahr 1995 belief sich dieser Betrag auf ca. 4,478 Milliaren DM.

Der Artikel ist eine Zusammenfassung ausgewählter Ergebnisse des Forschungsberichts „Verdeckte Armut in Deutschland“ des Instituts für Sozialberichterstattung und Lebenslagenforschung (ISL) im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Frankfurt am Main 1998