Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Sprachstörungen nehmen zu

Gesundheit von Schulanfängern in Berlin und Brandenburg besorgniserregend

Die Auswertung von Schuleingangsuntersuchungen des Jahrgangs 1994 in Berlin und Brandenburg hat ergeben, daß der Gesundheitszustand von Schulanfängern erheblich zu wünschen übrig läßt. Bei mehr als der Hälfte aller Kinder (55,2% in Berlin und 50,4% in Brandenburg) stellten die untersuchenden Ärzte einen oder mehrere Befunde fest.

Besorgniserregend ist vor allem der hohe Anteil der Befunde in der Organgruppe Nervensystem/Psyche. Bei der Verteilung auf die verschiedenen Organgruppen nimmt diese Gruppe in Berlin mit rund einem Drittel aller Befunde (Jungen 37,4%, Mädchen 28,5%) erstmals die führende Position ein. Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen wurden in Brandenburg bei 12,3% der untersuchten Kinder festgestellt, die damit auf Rang eins der häufigsten Einzelbefunde liegen. In Berlin liegt der Anteil dieser Störungen mit 11,5% auf Rang zwei, nur knapp hinter den Sehstörungen mit 12,9%. In der Hauptstadt, wo ein Vergleich mit früheren Untersuchungen möglich ist, hat sich die Zahl der deutschen Schulanfänger mit Sprachstörungen allein seit 1975 etwa verdoppelt.

Die Werte für weitere Befunde aus der Organgruppe Nervensystem/Psyche lauten (jeweils in der Reihenfolge Berlin und Brandenburg) für geistige Leistungsschwäche 7,0% (Rang 3) und 5,3% (Rang 4), Wahrnehmungs- und psychomotorische Störungen sowie Teilleistungsschwächen 6,7% (Rang 4) und 2,2% (Rang 9) und für emotionale und soziale Störungen 3,7% (Rang 9) und 1,5% (Rang 15).

Anlaß zur Sorge besonders in der Großstadt Berlin gibt auch der stark gestiegene und jetzt bei 6,3% liegende Anteil der Kinder, bei denen ein behandlungsbedürftiges Übergewicht festgestellt wurde. Dabei fällt auf, daß der Anteil der Übergewichtigen bei den ausländischen Kindern mit rund 10% fast doppelt so hoch ist wie der bei den deutschen mit 5,3%.

Parallel zu den gesundheitlichen Daten wurden in beiden Ländern soziale Merkmale der Kinder erhoben. Bei der Auswertung in Brandenburg wurden die beiden Merkmalsbereiche „Gesundheit“ und „sozialer Status“ miteinander verknüpft. Im folgenden die wichtigsten Ergebnisse:

Je reicher, desto gesünder

Es zeigt sich, daß Kinder aus sozial benachteiligten Elternhäusern weniger gesund sind als Kinder aus gutgestellten Familien. Sie zeigen mehr Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen (17% zu 9%), körperliche und intellektuelle Entwicklungsrückstände (13% zu 3%), Teilleistungsstörungen (4% zu 1%), kinderpsychiatrische Störungen wie Einnässen (3% zu 1%) und Übergewicht (5% zu 2%). Mit sinkendem Sozial- und Bildungsstatus der Eltern steigt die Quote jener Kinder, denen die Ärzte des Jugendgesundheitsdienstes keinen ausreichenden Schulerfolg prognostizieren und deshalb eine Rückstellung des Kindes empfehlen. Ihr Förderbedarf ist doppelt (Logopädie) bis viermal (psychologisch/psychotherapeutisch) so hoch wie bei Kindern aus bessergestellten Familien.

Je reicher, desto geschützter

Kinder aus sozial benachteiligten Familien in Brandenburg sind höheren Gesundheitsrisiken ausgesetzt, denn sie sind oder werden schlechter geschützt. Sie verunfallen häufiger im Straßenverkehr (1,8% zu 1,0%) und sind zuhause höheren Umweltgefahren ausgesetzt: Rauchen der Eltern (67% zu 26%), Schimmelpilzbefall in der Wohnung (22% zu 10%), ungesünderes Heizen und Kochen mit Kohle oder Gas (78% zu 49%). Sie sind beispielsweise gegen Masern nicht ausreichend geimpft. Die Jodprophylaxe durch die Eltern ist nicht ausreichend.

Je reicher, desto besser versorgt

Brandenburger Kinder leiden häufiger an gesundheitlichen Störungen, die noch gar nicht oder nicht ausreichend behandelt sind (24% zu 15%). Sie suchen seltener einen Arzt auf. Direkte Präventionsangebote durch den niedergelassenen Arzt werden von diesen Eltern weniger in Anspruch genommen oder gesundheitliche Beeinträchtigungen der Kinder weniger als medizinisch behandlungsbedürftig wahrgenommen.

Auffallend ist auch, daß der Anteil behandlungsbedürftiger Störungen bei denjenigen Kindern höher ist, die zuvor keine Kindertagesstätte besucht hatten. Sie mußten häufiger zurückgestellt werden als die „Kita-Kinder“ und erhielten mehr Therapieempfehlungen: Logopädie 11,3% zu 8,8%, psychologische Klärung 7,3% zu 4,1%. Dies läßt darauf schließen, daß Tagesstätten für viele Kinder eine wichtige gesundheitspräventive Funktion haben.

Quellen: Zur Gesundheit der Schulanfänger im Land Brandenburg, Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen des Landes Brandenburg (Hrsg.), Potsdam 1997

Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen 1994 in Berlin, Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin (Hrsg.), Berlin 1998