Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Kinder und Jugendliche in Armut

von Andreas Klocke und Klaus Hurrelmann

In der Bundesrepublik wachsen immer mehr Kinder und Jugendliche in Armut auf. Seit einigen Jahren rechnen Sozialwissenschaftler einvernehmlich vor, daß Kinder inzwischen diejenige Altersgruppe sind, die am häufigsten von Armut bedroht ist. Die absolute Zahl der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren, die in der Bundesrepublik in Armut leben, liegt bei etwa 2,8 Millionen. Damit wächst jedes fünfte Kind und jeder fünfte Jugendliche im Alter bis zu 15 Jahren in (Einkommens-)Armut auf.

Kinder und Jugendliche in Armut, das ist eine soziale Tatsache, die in den modernen Wohlfahrtsgesellschaften, und besonders in der Bundesrepublik Deutschland, seit geraumer Zeit als erledigt oder zumindest als vernachlässigbare Größe angesehen wurde. Die sozialstaatliche Kompensation sozialer Ungleichheit in ihrer Extremausprägung Armut war ein Garant für eine unbeschwerte und chancenreiche Kindheit und Jugend. Wohl gab es immer soziale „Randgruppen“ und einkommensschwache Haushalte, in denen auch Kinder und Jugendliche heranwuchsen, aber diese Haushalte waren zum einen nicht sehr häufig und zum anderen boten die Expansion des Bildungswesens, die Dynamik des Arbeitsmarktes sowie allgemeine Wohlstandszuwächse gerade auch diesen Kindern und Jugendlichen ausreichend Chancen und Teilhabemöglichkeiten.

In den 1990er Jahren hat sich diese Situation in ganz Europa grundlegend geändert. Wachsende Arbeitslosigkeit bedroht die Jugendlichen nicht erst bei ihrem Eintritt in die Berufswelt, sondern greift über die Arbeitslosigkeit der Eltern schon früh in die kindliche und jugendliche Sozialisation ein. Hinzu tritt eine neuartige „Spreizung“ der Sozialstruktur, eine Zunahme an den Polen „arm“ und „reich“ des sozialen Ungleichheitsspektrums. Das heißt, wir haben heute mehr Haushalte, die im Bereich der Armut und des „prekären Wohlstands“ leben, ebenso wie eine wachsende Zahl von Haushalten im gehobenen Einkommensbereich. Diese Scherenentwicklung des sozialen Lebensstandards in der Bundesrepublik führt dazu, daß die gesellschaftliche Norm des „guten Lebens“ für immer weniger Kinder und Jugendliche erreichbar ist. Denn Kinder und Jugendliche orientieren ihre Teilhabechancen in Konsum und Freizeit an einer sozialen Welt, die ganz überwiegend dem Lebensstil der oberen Hälfte des sozialen Spektrums entspricht. Auch das „Mithalten-Können“ innerhalb der näheren Freundesgruppe, in Nachbarschaft oder Schule ist wichtig und fordert permanent Vergleichsprozesse heraus. Die kommerzielle Werbung und die Massenmedien unterstreichen und verstärken diese Tendenzen.

Aufwachsen in Armut kann deshalb zu einer psychosozialen Belastung fortschreiten, die einen Ausschluß aus vielen sozialen und kulturellen Lebensbereichen nach sich zieht und damit die Startchancen nachhaltig beeinträchtigt. Für Kinder und Jugendliche haben Armutssituationen daher einen oftmals schicksalhaften Charakter, denn sie können die Auswirkungen weniger kaschieren als die Erwachsenen und erfahren sie wohl auch unmittelbarer. Können Erwachsene freigewählte Entscheidungen des Verzichts „vorspielen“, so wird ein Nicht-Mithalten-Können an den jugendlichen Alltagsroutinen von den Gleichaltrigen schnell als Mangel entlarvt. So gesehen ist ein regressiver Prozeß der sozialen Randstellung und der negativen Attributation und Erwartungshaltung der sozialen Umwelt erwartbar.

Aber nicht alle Kinder und Jugendlichen erfahren Armut als unabänderliches Schicksal sozialer Marginalisierung; viele meistern aktiv ihre Lebensumstände. Von den 2,8 Millionen unter 15jährigen, die in der Bundesrepublik in Armut leben, erfahren nicht alle eine signifikante Beeinträchtigung ihrer Entwicklungschancen, sondern auch innerhalb dieser sozialen Gruppe wächst ein großer Teil „unbeeindruckt“ von der objektiven Lebenslage auf und berichtet in Umfragen ein subjektiv hohes Wohlbefinden. Dieser Hinweis ist keine politische Entwarnung oder Verharmlosung, sondern soll einer möglichen Stigmatisierung der von Armut betroffenen Kinder und Jugendlichen entgegenwirken.

Unbestritten ist: Kinder und Jugendliche in Armut ragen ein objektiv höheres Risiko einer mißlingenden Sozialisation – das macht die eigentliche sozialpolitische Brisanz dieser Entwicklung aus. Jedoch sind Kurzschlüsse wie „Armut führt zu Gewalt“ oder „Armut bedeutet Drogenmißbrauch“ unangebracht. Denn der weitaus größte Teil der Kinder und Jugendlichen in Armut wächst in einer bescheidenen, aber unauffälligen Familiensituation auf, in der eine Orientierung an den Normen und Werten der bürgerlichen Gesellschaft nicht nur hoch geschätzt wird, sondern oftmals die einzige Form der Teilhabe an der Gesamtgesellschaft darstellt. Der unterschwellige Zwang zur Konformität ist typisch für viele Menschen in Armut, die ja in der überwiegenden Zahl im Verborgenen leben.

Die Verbreitung und Struktur von Armut bei Kindern und Jugendlichen

Das Thema Armut war in Deutschland nach dem Rückgang der Nachkriegsarmut in den Sozialwissenschaften lange Zeit nicht mehr diskutiert und öffentlich erforscht worden. Erst in den 1980er Jahren begann eine intensive Beschäftigung mit dem Phänomen der „neuen Armut“. Unter diesem Stichwort wurde die Heterogenität der Armutspopulation diskutiert. Hintergrund war, daß immer weniger die „traditionellen Armen“ (Obdachlose, Gelegenheitsarbeiter) das Bild der Armut beherrschten, sondern aus verschiedenen Gründen zunehmend Normalhaushalte von Armut bedroht wurden und in Armut gerieten. Dies hat das Bild der Armut verändert. Bis dahin bezeichnete Armut eine abgeschottete und damit in beide Richtungen nahezu undurchlässige Grenze zwischen gesellschaftlich integrierten und ausgegrenzten Menschen. Zur Armutsbevölkerung zählten dauerhaft marginalisierte Gruppen wie Obdachlose, Sozialhilfeempfänger, Gelegenheitsarbeiter, ausländische Mitbürger und eine „Randschicht“ von sozial schwachen Haushalten, die oftmals in der Generationenfolge in Armut lebten. Die Gruppe der Armen war damit weitgehend der öffentlichen Wahrnehmung entzogen. Armut galt in einer Größenordnung von etwa 5% der Bevölkerung als unabänderlich.

Heute ist das Armutsrisiko in die „normalen Schichten“ der Gesellschaft vorgedrungen. So zählt zur Gruppe der Niedrigeinkommensbezieher (weniger als 60% des Durchschnittseinkommens) etwa jeder fünfte Bundesbürger; und sogar 45% aller Westdeutschen waren im Zeitraum von acht Jahren (1984 bis 1992) mindestens ein Jahr lang hiervon betroffen. Damit hat sich die Perspektive geändert: Armut und Niedrigkeinkommen ist nicht mehr das Schicksal einer kleinen, randständigen und sozialpolitisch vernachlässigten Gruppe, sondern das Armutsrisiko gehört heute zur Lebenswirklichkeit einer großen Zahl von Normalbürgern, Normalarbeitnehmern und Normalfamilien.

Ein Blick auf die Einkommensverteilung in der Bundesrepublik weist aus, daß neben den etwa 9 Millionen Einkommensarmen weitere 20 Millionen Bundesbürger im prekären Wohlstand (50 – 75% des Durchschnittseinkommens) leben. Insgesamt steht somit jeder dritte Bundesbürger in unsicheren finanziellen Lebensverhältnissen. Auch kann in der Bundesrepublik mittlerweile eine große Gruppe von Haushalten identifiziert werden, die nach offiziellen Maßstäben in Einkommensarmut leben, obwohl zumindest ein Haushaltsmitglied einer regulären Arbeit nachgeht. Nach Analysen des Sozioökonomischen Panels sind etwa 5% aller Erwerbstätigen einkommensarm. Mit Bezug auf die 5,4 Millionen einkommensarmen Menschen in der Bundesrepublik bedeutet dies, daß etwa ein Drittel der Armen (1,8 Millionen Menschen) erwerbstätig sind. Von diesen „working poor“ sind in der Bundesrepublik sogar zwei Drittel vollzeiterwerbstätig.

Diese Hinweise auf das gewachsene Armutsrisiko für „Normalhaushalte“ deuten schon an, daß Armut jeweils in Relation zum durchschnittlichen Lebensstandard in der Bundesrepublik betrachtet wird. In der Armutsforschung wird diese Konzeption als „relative Armut“ bezeichnet. Armut kann aber auch „absolut“ definiert werden. Damit ist ein Niveau des Lebensstandards bezeichnet, unterhalb dessen die unumgänglich lebensnotwendigen Grundlagen (Essen, Kleidung und Wohnen) fehlen. Die Gruppe der Obdachlosen, die auf etwa 900.000 geschätzt wird, kann im großen und ganzen als in absoluter Armut lebend verstanden werden, denn hier sind die als lebensnotwendig angesehenen Grundlagen des Lebens nicht auf Dauer in ausreichendem Maße gesichert: Obdach, Nahrung und Kleidung. Obwohl diese Gruppe natürlich Anspruch auf Sozialhilfe hat, löst sie ihn jedoch oftmals nicht ein (verdeckte Armut). Damit lebt sie faktisch in „absoluter“ Armut. Gleiches gilt mit Bezug auf die Straßenkinder in den bundesdeutschen Großstädten, deren Zahl auf etwa 50.000 geschätzt wird. Auch hier erhält der Begriff der absoluten Armut seine Berechtigung.

Die starke Betroffenheit der Kinder und Jugendlichen von Armut hängt mit den strukturellen Veränderungen in der Gruppe der Armutsbevölkerung zusammen:

  • Bis etwa Mitte der 1980er Jahre galt, daß überwiegend ältere Menschen und insbesondere Frauen mit unzureichender Rente in Armut lebten. Heute ist die Hauptursache für die Betroffenheit von Armut die Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit bezieht sich auf Personen im erwerbsfähigen Alter, also Menschen im Alter von etwa 20 bis 55 Jahren, die in der überwiegenden Zahl in Familien leben. Und dies ist der Grund, warum immer mehr Kinder über eine kürzere oder längere Zeit in Armut aufwachsen.
  • Weiterhin hat der Anteil von Alleinerziehenden in den letzten Jahren stark zugenommen. Insgesamt sind etwa 15% aller Familien in der Bundesrepublik Einelternfamilien und von diesen Familien lebt mehr als ein Drittel an der Armutsgrenze.
  • Kinderreiche Familien stellen eine weitere Bevölkerungsgruppe, die von Armut bedroht ist. Kinder verursachen in der Bundesrepublik monatliche Kosten, die gegenwärtig mit etwa 500 bis 800 DM pro Kind zu veranschlagen sind. Bei drei und mehr Kindern kommen schnell monatliche Ausgaben zusammen, die eine Normalverdiener-Familie in den Bereich der Einkommensarmut drängen. Familien mit drei und mehr Kindern sind dementsprechend zu 46% in Ostdeutschland und zu 31% in Westdeutschland arm.

Diese Entwicklungen in den letzten Jahren machen zusammengenommen deutlich, warum Kinder und Jugendliche so stark von Armut betroffen sind. Neben einer wachsenden Minderheit der Kinder und Jugendlichen, die in Armutsverhältnissen aufwachsen, lebt auf der anderen Seite des sozialen Spektrums eine ebenfalls wachsende Zahl in sehr wohlhabenden Familien. Die Auseinanderentwicklung der Lebensbedingungen der heranwachsenden Generation hat erhebliche Auswirkungen auf deren Wohlbefinden, Teilnahmemöglichkeiten und Lebenschancen.

Auswirkungen und Bewältigung von Armutslagen

Ein Aufwachsen in einer armen Familie bedeutet für Kinder und Jugendliche eine direkte Beeinflussung des Sozialisationskontextes. Sie erfahren direkt, daß im Unterschied zu anderen Familien keine Urlaubsreise möglich ist, die Freizeitaktivitäten eingeschränkt werden müssen und Anschaffungen teils nicht möglich, teils nur auf einem niedrigen Niveau erfolgen können. Sie können beobachten, wie gering ihr Taschengeld im Vergleich zu dem der übrigen Kinder oder Jugendlichen ausfällt und bedrückende und möglicherweise stigmatisierende Erlebnisse können darin bestehen, nicht so ohne weiteres die Mittel aufbringen zu können, die von der Schule oder von Vereinen erwartet werden. Im Laufe der Zeit kann es auch geschehen, daß die Kinder sich im Erscheinungsbild von den anderen absetzen, weil sie bei modischer Kleidung und neuen Kleidungsstücken nicht mithalten können. Inwieweit Kinder und Jugendliche solche feinen Zurücksetzungen verarbeiten können, hängt stark von ihrer Empfindlichkeit für Statuskomponenten ab. Je deutlicher in der Gleichaltrigengruppe oder auch durch das Betreuungspersonal durch meist unbewußte Anmerkungen und Hinweise bestimmte Standards gesetzt werden, desto empfindlicher kommen diese Maßstäbe bei den Kindern an. In einer reichen Gesellschaft, die auf hohem Niveau besonders auf die kleinen Unterschiede in Auftreten, Kleidung und Habitus achtet, können deswegen gerade auch für Kinder, die sehr sensible Beobachter sind, in diesen minimalen Abweichungen hohe Belastungen für das eigene Verhalten und die Selbstdefinition versteckt sein.

Eine ganz wichtige Rolle kommt den Eltern als Vermittler und Interpreten der sozialen Umwelt zu. Behalten die Eltern auch in einer Phase der relativen Armut die Souveränität, den Kindern eine selbstbewußte und positiv gefärbte Beziehung zu vermitteln, dann können die Kinder die Zurücksetzungen außerhalb des Familienverbandes vergleichsweise gut ertragen. Genau an dieser Stelle liegt aber das Problem denn durch den finanziellen Engpaß wird meist der Beziehungs- und Erziehungsprozeß der Eltern ungünstig beeinflußt. Die finanzielle Knappheit führt nämlich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zu einer Belastung beider Elternteile, da sie ihre gewohnten Verhaltensweisen und Konsummuster nicht fortführten können. Diese Belastung springt schnell auf die Beziehung zwischen den Eltern über und strahlt von hier auf das Erziehungsverhalten aus. Die Eltern sind also in der Regel gerade nicht souverän, sie sind verunsichert und verkrampft, es kommt zu schlecht abgestimmten Erziehungsimpulsen der beiden Eltern, die sich teilweise widersprechen können, und es kommt in der Rückmeldung wiederum zu Irritationen, die in Aggressivitäten und Kontaktabbrüchen münden. Die bisherigen Untersuchungen können zeigen, wie stark besonders Männer und Väter von diesem Spannungsverhältnis betroffen sind, da bei ihnen die in unserem Kulturkreis immer noch vorherrschende Rolle als Haupternährer und Hauptgeldverdiener für die Familie getroffen wird. Finanzieller Engpaß, etwa durch Arbeitslosigkeit bedingt, bedeutet auch eine Amputation von wichtigen traditionellen Elementen der Männerrolle, die von vielen nicht souverän verarbeitet werden kann. Frauen und Mütter hingegen sind aus der Rollentradition eine ausgleichende und teilweise zurückweichende Verhaltensweise gewohnt, sie leiden deswegen zwar nicht weniger unter der finanziellen Knappheit, kommen aber mit ihrem zur Verfügung stehenden Verhaltensrepertoire mit dieser Belastung in der Regel besser zurecht. Dennoch: Die Beziehung von Mann und Frau, in der Rolle von Vater und Mutter, wird in fast allen Fällen verschlechtert, und die Auswirkungen auf die Beziehung zu den Kindern und damit die Erziehungsverhaltensweisen sind ganz überwiegend negativ. Die Kinder erfahren Feindseligkeiten und Zurückhaltung ihrer Eltern, sie spüren die mangelnde Fähigkeit der Eltern, mit ihren Problemen mitzudenken und sie zu beraten und zu unterstützen, sie erfahren schließlich die willkürlichen und widersprüchlichen Formen der Disziplinierung, die bis zu aggressivem Verhalten und Übergriffen in die Intimsphäre reichen können. Alles das führt insgesamt zu einer starken emotionalen Belastung von Kindern in Familien mit finanzieller Deprivation und kann je nach Temperament und persönlich-sozialer Ausgangslage des Kindes zu Entwicklungskrisen, Problemverhalten und gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen.

Insgesamt muß konstatiert werden: Armut ist für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen strukturell äußerst ungünstig. In sozialisationstheoretischer Perspektive müssen wir eine Armut der sinnlichen Erlebnisse, damit für Intelligenzentwicklung und der Chancen zum Aufbau eines differenzierten und vielfältigen Weltbildes der Kinder befürchten. Die tägliche Auseinandersetzung mit Problemen ist energiezehrend, kräfteraubend und lenkt die Aufmerksamkeit auf ausweichendes und abweichendes Verhalten. Eine gesunde produktive Bedürfnisbefriedigung wird deswegen nur für diejenigen Kinder und Jugendlichen möglich bleiben, die über eine sehr starke Persönlichkeit und über ein gutes Unterstützungsnetzwerk innerhalb und auch außerhalb der Familie verfügen. Nur in wenigen Fällen ist die relative Armutssituation eine stimulierende Situation, die Phantasie und Antrieb für neue produktive Lösungen in der Persönlichkeitsentwicklung freisetzt und per Saldo eine Stärkung der Persönlichkeit zur Folge hat. Schwierig wird vor allem für Kinder mit einer schwächeren Persönlichkeitsstruktur die Ausbalancierung von Realitäts- und Lustprinzip und die angesprochene Bewältigung der Eindrucksbildung (Impression Management) bei statussensiblen Fragen. Die symbolische Ausgrenzung von Kindern in Armut von gesellschaftlicher Teilhabe unterdrückt bei ihnen produktive Persönlichkeitsentwicklung und Kompetenzaufbau.

Armut von Kindern und Jugendlichen als (sozial-)politische Herausforderung

Für die gegenwärtige Entwicklung ist eine „Familialisierung“ der Armut symptomatisch. Das heißt: Kinder machen strukturell arm. Die grundgesetzlich geschützte Lebensform „Familie“ ist finanziell von erheblichem Nachteil. Nach unseren Berechnungen am Institut für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik der Universität Bielefeld kostet ein Kind heute 150.000.– DM, bis es seine Ausbildung abgeschlossen hat, und zwar unter Verrechnung aller Transferleistungen (Kindergeld, Steuervergünstigungen usw.). Andere Schätzungen liegen noch deutlich darüber. Kinder sind zugleich der größte Einzelfaktor für relative Einkommensarmut, die ihrererseits oft Wohnungsprobleme, Versorgungsengpässe und weitere Benachteiligungen nach sich zieht.

Zur Neuverhandlung eines Generationenvertrages gehört die Neudefinition des Familienleistungsausgleichs. Die Familie als eine Form des Zusammenlebens, in der Solidarität und Sozialität in vorbildlicher Weise vorgelegt werden, gerät immer stärker in die Krise. Sozialwissenschaftler haben wiederholt darauf hingewiesen, wie immens die Leistungen der Familie zur Wohlfahrtsproduktion in modernen Gesellschaften des Westens sind. Familiale Leistungen werden in unseren Sozialsystemen praktisch als selbstverständlich genommen , insbesondere die Betreuungs- und Erziehungsleistungen von Kindern. Finanziell werden sie aber nur zu einem kleinen Teil durch Steuerentlastung und Transferzahlungen kompensiert. So rechnete Franz-Xaver-Kaufmann vor, daß nur etwa 25% des Aufwandes für Kinder durch kollektive Leistungen gesichert ist – im Vergleich zu den 100% bei der Rente der älteren Generation. Schon 1841 hat Friedrich List auf die Nichtachtung der Erziehungsleistungen in volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen hingewiesen. Er hat die Logik unserer Sozialgesetzgebung auf die Formel gebracht: „Wer Schweine erzieht, ist ein produktives, wer Menschen erzieht, ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft.“ Die Leistungen der Familie gehen bis heute nicht in die Berechnung des Volkseinkommens ein, obwohl sie für den Zusammenhalt der Gesellschaft unabdingbar sind: Pflege der emotionalen Verbundenheit der Familienmitglieder, Zuwendung und wechselseitige Hilfe, Führung des gemeinsamen Haushaltes und nicht zuletzt Betreuung und Erziehung der Kinder.

Für die Gesellschaft erfüllt die Familie auch die Funktion der Nachwuchssicherung. Es kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, wie sehr alle Sozialsysteme – Renten-, Kranken-, Arbeitslosigkeits- und Pflegeversicherung – darauf angewiesen sind, daß in einer Gesellschaft Kinder heranwachsen. Seit Mitte der 60er Jahre erleben wir aber in Deutschland einen fortgesetzten Rückgang der Geburtenhäufigkeit. Ein wachsender Bevölkerungsanteil verzichtet auf die Gründung von Familien. Die Ursache ist klar: Eine Familiengründung „rechnet“ sich nicht – weder finanziell noch sozial. Ob Menschen die Verantwortung für Kinder übernehmen oder nicht, das ist der Gesellschaft und ihren öffentlichen Unterstützungssystemen sozusagen egal – eine gesellschaftliche Anerkennung für die spezifischen Erziehungs- und Familienleistungen jedenfalls gibt es nicht. Die Privatisierung der Verantwortung für Kinder bringt automatisch für die Kinderlosen Konkurrenzvorteile im Privatleben und im Beruf.

Die mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung von Familien und deren Kindern spiegelt die Ökonomisierung sozialer Verhältnisse wider, in denen nur Leistungen honoriert werden, die für das Bruttosozialprodukt wirksam werden. Familien und Kinder stehen trotz aller Beteuerungen nicht an erster Stelle politischer Entscheidungen. Dies ist ein unhaltbares Element des heutigen Generationenvertrages, daß Familien sich auf uneigennützige und unentgeltliche Weise am Aufbau des volkswirtschaftlichen Kapitals beteiligen. Der monetäre und der zeitliche Aufwand für die Betreuung von Kindern geht in die volkswirtschaftliche Kapitalbildung ohne jede Entschädigung ein. Unser Wirtschaftssystem profitiert von den unentgeltlichen Leistungen der Familie in einer parasitären Weise. Schon im Jahre 1992 wollte das Bundesverfassungsgericht den Gesetzgeber zwingen, das Existenzminimum der Kinder von der Einkommenssteuer zu befreien – bis heute ist das nur in einem unzureichenden Maße umgesetzt worden. Deshalb liegen erneute Klagen beim Bundesverfassungsgericht vor.

Die Berücksichtigung der mit der Kindererziehung einhergehenden besonderen Belastungen als ein selbstverständliches Element der Verantwortung des Sozialstaates harrt noch der Anerkennung. Das faktische Existenzminimum für ein Kind beträgt derzeit etwa 500. — DM pro Monat. Weder durch Kinderfreibetrag noch durch Kindergeld wird dieser Betrag heute erreicht. Das ist – symbolisch gesprochen – die institutionalisierte finanzielle Ausbeutung von Familien.

Gerecht und konsequent wäre ein Lastenausgleich, der nach dem Modell der dynamischen Rentenanpassung an das Lohn- und Einkommensniveau gekoppelt sein sollte. Von einem über den einfachen Lastenausgleich hinausgehenden echten „Leistungsausgleich“ für Familien mit Kindern wäre erst dann zu sprechen, wenn die öffentlichen Leistungen an Eltern zu einer deutlichen Verbesserung ihrer Lage im Vergleich zu Personen ohne Elternverantwortung führen würden.

Dr. Andreas Klocke ist Leiter des Arbeitsbereiches Empirische Sozialforschung des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg.

Dr. Klaus Hurrelmann ist Professor für Gesundheitswissenschaft an der Universität Bielefeld.

Der Artikel ist die gekürzte und leicht geänderte Fassung des Einleitungskapitels der Autoren in dem von ihnen herausgegebenen Buch: Klocke/Hurrelmann (Hrsg.), Kinder und Jugendliche in Armut, Opladen/Wiesbaden 1998 (Westdeutscher Verlag).