Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Chancen und Notwendigkeit früher Prävention
Zur kritischen Lebenssituation von Säuglingen und Kleinkindern in psychosozial belasteten Familien

Auszüge aus einer Stellungnahme der Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der frühen Kindheit e.V., deutschsprachige Tochtergesellschaft der World Association for Infant Mental Health (WAIMH)

Seit Ende der 8oer Jahre ist es in Deutschland zu einem dramatischen Anstieg junger Sozialhilfeempfänger (< 18 Jahre) gekommen. Der Anstieg ist um so größer je jünger die Kinder sind. 1995 waren 46% aller von Sozialhilfe betroffenen Kinder jünger als 7 Jahre, jeder 3. Sozialhilfehaushalt war ein Haushalt mit Kindern. Ins städtischen Ballungszentren wie Hamburg erhält inzwischen jedes 4. – 5. Kind unter 7 Jahren Sozialhilfe, jeder dritte Empfänger ist unter 18 Jahren.

Dabei ist Arbeitslosigkeit weiterhin die wichtigste Hautursache für den Bezug von Sozialhilfe. Das Risiko, von Sozialhilfe abzuhängen ist für Alleinerziehende/Haushalte mit nur einem Verdiener am größten, und für Haushalte mit Kindern insgesamt erhöht. In Deutschland sind fast jeder 2. Haushalt alleinerziehender Eltern mit 2 Kindern, und 60% der Haushalte Alleinerziehender mit 3 Kindern abhängig von Sozialhilfe.

Folgen des vermehrten Aufwachsens von Kindern in Familien mit Risikokonstellationen

In ihrer Kumulation und Wechselwirkung gefährden elterliche psychische Belastungen und die erwähnten Risikobedingungen die Entwicklung einer sicheren Beziehung zwischen Eltern und Kind. Eine solche ist aber wesentliche Voraussetzung für eine gesunde sozial-emotionale und kognitive Entwicklung von Kindern. Darüber hinaus erhöhen diese Risikobedingungen die Gefahr, daß Kinder Opfer von Vernachlässigung und Mißhandlung werden erheblich.

Zahlreiche Studien belegen den Zusammenhang zwischen frühen psychosozialen Risikobedingungen und Auffälligkeiten oder Störungen der Verhaltensentwicklung bei Kindergarten-, Vorschul- und Schulkindern und zeigen insbesondere Verbindungen zu sog. Extrovertierten Störungen die Hyperaktivität und dissozialen Entwicklungen auf.

Vorläufer auffälliger Entwicklungen im Kindes- und Jugendalter

Auffällige Entwicklungen im Kindes- und Jugendalter zeigen sich häufig bereits durch Vorläufer bzw. Warnzeichen in der führen Kindheit. Hierzu gehören insbesondere erhebliche Schwierigkeiten in den Eltern-Kind-Interaktionen, wechselnde Bezugspersonen und Beeinträchtigungen in den familialen Beziehungen sowie Lebensbedingungen. Die Stabilität früher Auffälligkeiten der Verhaltensentwicklung ist erstaunlich hoch: 2/3 aller 3jährigen, die erhebliche Verhaltensauffälligkeiten zeigen, sind auch noch mit 12 Jahren auffällig.

Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Qualität der führen Eltern-Kind-Beziehungen: Sichere und stabile Eltern-Kind-Beziehungen gelten als protektiver Faktor für die weitere kindliche Entwicklung und mildern den Einfluß von Risikofaktoren. Unsichere Eltern-Kind-Beziehungen, wie sie sich nicht zuletzt durch belastende familiäre Lebensbedingungen entwickeln können, gelten als Risikofaktor und als nachteilig für die weitere kindliche Entwicklung.

Was ist zu tun?

Dieser verhängnisvollen Entwicklung muß bereits präventiv Einhalt geboten werden. Die Fülle von Forschungsergebnissen der letzten Jahre hat unsere Sichtweite in Bezug auf Risiko- und Schutzfaktoren in der frühen Kindheit einschneidend verändert. Die präventive Wirkung sicherer und stabiler Eltern-Kind-Beziehungen im Hinblick auf die Förderung einer positiven sozial-emotionalen und kognitiven Entwicklung der Kinder ist ausreichend belegt. Folgendes ist zu tun:

  • Bestehende Unterstützungsmöglichkeiten für Familien mit Kindern, vor allem für solche mit zahlreichen Risikobedingungen, dürfen nicht gekürzt, sondern müssen im Gegenteil ausgebaut werden. Ist eine außerfamiliäre Betreuung gefährdeter Kinder nicht zu umgehen, ist unbedingt auf verantwortbare Betreuungsschlüssel zu achten.
  • Es muß ein breites und flächendeckendes Netz spezialisierter Angebote für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern eingerichtet werden.
  • Neue Modelle für den Schutz und die Förderung ausreichend stabiler früher Eltern-Kind-Beziehungen müssen entwickelt und umgesetzt werden.
  • Aus- und Fortbildung auf dem Gebiet der frühen Entwicklung müssen für im Gesundheits- und Sozialbereich Tätige zugänglich gemacht und ausgebaut werden.

Welchen Sinn hat frühe Prävention in einer Zeit schwindender Ressourcen?

Kinder- und jugendpsychiatrische Störungen werden bekanntermaßen oft zu spät erkannt und behandelt. Die Folge sind chronifizierte Verhaltensauffälligkeiten, die oft nicht mehr zu therapieren sind. Frühe und präventive Maßnahmen können dagegen das Auftreten oder die Chronifizierung von Verhaltensproblemen verhindern. Gemessen an stationären Aufenthalten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, langfristigen Psychotherapien, Heimunterbringungen und schließlich Gefängnisaufenthalten sind präventive Maßnahmen

  • kostengünstig
  • in der Regel nur von begrenzter zeitlicher Dauer
  • häufig überraschend erfolgreich.

Die vollständige Stellungnahme kann angefordert werden bei der Geschäftsstelle der Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der führen Kindheit (GAIMH)

c/o PD Dr. M. Papousek
Heigholfstr. 63

81377 München

Tel. 0897710 09-332
Fax 089-710 09-277