Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

„Bei uns erfahren Kinder und Eltern, dass es normal ist unterschiedlich zu sein“

Jörg Maywald im Gespräch mit Angelika Stroh-Purwin, Leiterin des „Kinderhaus Friedenau“ e.V. in Berlin

Maywald: Das „Kinderhaus Friedenau“ im Süden Berlins besteht seit mehr als 30 Jahren und ist damit eine der ältesten integrativ arbeitenden Einrichtungen in Deutschland, in der Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam aufwachsen. Wie kam es zur Gründung?

Stroh-Purwin: Anfang der 1970er Jahre haben sich in Berlin Fachleute und Eltern von Kindern mit Behinderungen zusammengefunden. Beide verband der Wunsch, dass ihre Kinder gemeinsam mit den anderen Kindern in einer Einrichtung betreut werden. Es wurde ein Konzept erstellt und bald darauf wurde die erste Gruppe eingerichtet, damals noch als altershomogene Gruppe. Aus dieser Kindergartengruppe ist dann auch die erste Integrationsklasse an einer nahe gelegenen Grundschule entstanden.

Maywald: Von Anfang an waren die Eltern eine treibende Kraft. Was wollen sie erreichen?

Stroh-Purwin: Die Eltern wollen ein gemeinsames Aufwachsen ohne Aussonderung. Sie wollen nicht mehr eine besondere Situation, weder für sich noch für ihre Kinder. Das ist es auch, was das Konzept bis heute trägt: es geht um ein Miteinander. Jedes Kind soll mit den Möglichkeiten, das es hat, hier mit anderen Kindern gemeinsam aufwachsen.

Maywald: Welche Angebote hat das Kinderhaus heute?.

Stroh-Purwin: Wir haben eine Kindertagesstätte für Kinder von knapp zwei bis etwa fünf Jahren. Wir haben drei Schülerläden als Horteinrichtungen und wir haben ein integratives Kinderfreizeitheim. Was uns noch fehlt und was wir in diesem Jahr angehen wollen, ist eine Kinderkrippe, um auch Kinder ab einem Jahr aufzunehmen. Alle Gruppen sind altersgemischt und haben Kinder mit Behinderungen. In den Gruppen sind 13 Kinder, darunter in der Regel drei Kinder mit Behinderungen, davon zumeist ein schwer mehrfach behindertes Kind. In jeder Gruppe arbeiten zwei Erzieherinnen oder Erzieher, darunter eine Facherzieherin für Integration. Zusätzlich haben wir drei Kräfte, die bei Bedarf einspringen.

Maywald: Das Kinderhaus Friedenau hatte lange Zeit über Berlin hinaus eine Art Vorreiterrolle. Gibt es heute noch eine solche unverwechselbare Besonderheit?

Stroh-Purwin: Die Besonderheit besteht auch heute noch darin, dass alle Gruppen integrativ arbeiten. Für uns ist es selbstverständlich, dass es Kinder mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Begabungen und Möglichkeiten gibt. Dies ist in anderen Einrichtungen zumeist anders. Dort sind die integrativen Gruppen in der Regel isoliert. Viele Eltern, die mit ihrem Kind zu uns kommen, sind zuvor an anderen Orten gescheitert. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass ihr Kind dort das einzige Kind mit einer Behinderung gewesen ist und immer abhängig war von einer einzigen vorhandenen Facherzieherin für Integration. Bei uns erfahren die Kinder und Eltern, dass es normal ist unterschiedlich zu sein. Aus diesem Grund nehmen manche Eltern sogar lange Fahrwege in Kauf oder ziehen um, um ihr Kind zu uns zu bringen.

Maywald: Welche Art von Behinderung haben die Kinder?

Stroh-Purwin: Wir haben das klassische Down-Syndrom, schwer mehrfach Behinderte, Kinder mit Cerebral-Paresen oder Spina bifida und wahrnehmungsgestörte Kinder, demnächst auch ein Kind mit einer autistisch geprägten Wahrnehmungsstörung.

Maywald: Inwiefern profitieren Kinder ohne Behinderung davon, hier zu sein?

Stroh-Purwin: Sie profitieren von den sozialen Kontakten. Sie können ihre eigenen Stärken und auch Schwächen anerkennen, Hilfe annehmen und Hilfe geben. Sie erfahren, so sein zu können, wie sie eben sind, mit allen Stärken und Schwächen.

Maywald: Häufig wird angenommen, dass Kinder in integrativen Gruppen zwar in sozialer Hinsicht Vorteile haben, dafür aber nicht so leistungsfähig sind. Trifft dies zu?

Stroh-Purwin: Das kann ich nicht bestätigen. Die Basis für jedes Kind, für jede Entwicklung, sind die sozialen Kontakte sowie vielfältige Möglichkeiten, sich zu bewegen. Darauf aufbauend können die Kinder lernen und sich Wissen aneignen. Und das erleben die Kinder hier. Sie werden als Person angenommen und bekommen in kleinen Gruppen eine intensive Zuwendung.

Maywald: Ein Argument gegen Integration lautet, dass Kinder mit einer Behinderung davon profitieren würden, unter ihresgleichen zu sein. Was halten Sie von dieser Argumentation?

Stroh-Purwin: Wir haben hier in unserem Haus auf jeder Etage etwa sechs Kinder mit Behinderungen und etwa zwanzig Kinder ohne Behinderung. Das heißt, die Kinder finden bei uns gleichwertige Partner, die genauso stark oder schwach wie sie selbst sind. Insofern trifft das Argument, Kinder könnten keine gleichwertigen Partner finden, auf uns nicht zu. Gruppen, in denen jeweils nur ein Kind mit einer Behinderung aufgenommen wird, würde ich ablehnen. Genauso wie wir darauf achten, dass es immer mehrere Kinder der gleichen Altersstufe in den Gruppen gibt, ist uns wichtig, dass immer mehrere Kinder mit einer Behinderung in einer Gruppe zusammen sind. Es tut Kindern mit einer Behinderung nicht gut, wenn sie in einer Gruppe die einzigen sind.

Angelika Stroh-Purwin ist Diplom-Sozialpädagogin und Leiterin des „Kinderhaus Friedenau e.V.“ in Berlin.