Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

„Du bist zwar behindert, aber ich finde dich trotzdem blöd.“ Treffender kann man den normalen Umgang mit einer Behinderung wohl kaum ausdrücken als jenes Kind, das Sabine Knauer in ihrem Beitrag in diesem Heft zitiert. Kinder mit ihren besonderen Bedürfnissen wahrzunehmen, diese wo nötig zu berücksichtigen und sie zugleich „ganz normal“ zu behandeln, darin besteht die Herausforderung im Zusammenleben mit behinderten und chronisch kranken Kindern.

Wie weit unsere Gesellschaft von einer solchen Normalität noch entfernt ist, zeigt ein Blick in den Alltag. Hindernisse im Wohnumfeld, mangelnde Eingliederungshilfen und eine kräftezehrende Bürokratie bei der Beantragung von Leistungen gehören zu den Hürden, die es zu überwinden gilt. Am schmerzlichsten aber sind subtile Ausgrenzung und Klassifizierung (Körperbehinderte etwa werden mehr geachtet als geistig Behinderte) sowie die auch heute noch vielfach bestehenden Vorurteile in den Köpfen der Menschen.

Zu den Belastungen durch eine Behinderung oder chronische Erkrankung kommen häufig Selbstvorwürfe der betroffenen Kinder und ihrer Angehörigen. Wo der Druck zur Normierung groß ist und das „perfekte Kind“ zum Idealbild erhoben wird, wächst die Versuchung, die Schuld für Abweichungen bei sich selbst zu suchen.

Dabei sind Kinder jenseits der Norm ein Gewinn für alle. Sie erinnern uns an die eigenen, oftmals verborgenen Besonderheiten und zeigen, wie normal es ist, verschieden zu sein. Die Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom drückte dies einmal so aus: „Wir sind stolz auf unsere Söhne und Töchter mit Behinderung, sie bereichern unser Leben und unsere Gesellschaft.“

Der Schlüssel für eine Akzeptanz des Andersseins liegt darin, Kindern mit einer Behinderung und chronisch kranken Kindern eine möglichst umfassende Teilhabe am Leben der Gemeinschaft zu ermöglichen. Dafür aber ist es notwendig, den Blick nicht allein auf die Behinderung des einzelnen, sondern ebenso auf die Rahmenbedingungen in der Umgebung zu richten, die förderlich wie hinderlich für die Entfaltung individueller Fähigkeiten sowie für die Realisierung von Lebensentwürfen sein können.

Um die „Würde des Kindes (zu) wahren, seine Selbständigkeit (zu) fördern und seine aktive Teilnahme am Leben der Gesellschaft (zu) erleichtern“, wie es Artikel 23 der UN-Kinderrechtskonvention für behinderte Kinder fordert, ist ein Perspektivenwechsel notwendig: nicht die Integrationsfähigkeit von Kindern, sondern die von Institutionen und der Gesellschaft insgesamt muss Gegenstand einer kritischen Überprüfung sein.

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind

Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind