Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Die schwere Last psychischer Erkrankungen

von Sabine Wagenblass

Jedes Lebensereignis, das im sozialen System der Familie drastische Veränderungen hervorruft bzw. das Potential zu einer solchen in sich trägt, kann zu einem Belastungs- oder Stressfaktor für die gesamte Familie werden. Dazu zählen finanzielle Krisen, dauerhafte Beziehungskrisen, der Verlust eines Familienmitglieds durch Tod oder Trennung und schwere Erkrankungen eines Familienmitgliedes. Derartige Erlebnisse können die Lebenssituation der Familien drastisch verändern, eingespielte Beziehungsmuster auflösen und ihre emotionale Stabilität bedrohen. Psychische Erkrankungen sind deshalb als Familienerkrankungen zu verstehen, die das Gesamtsystem Familie und ihre sozialen Beziehungen betrifft.

Die Angehörigen als Ressource

Durch die Psychiatriereform und den Ausbau ambulanter Angebote ist die Verweildauer im stationären Bereich heutzutage drastisch reduziert worden. Ein Großteil des Gesundungsprozesses findet in den eigenen Familien oder den Herkunftsfamilien statt. Neben der psychiatrischen Versorgung stellen die Angehörigen heutzutage ein zweites wichtiges Hilfesystem in der Betreuung psychisch kranker Menschen dar. So zeigt die Giessener Angehörigenstudie, dass die Ehepartner(innen) die wichtigsten Bezugspersonen von psychisch kranken Menschen sind und der Kontakt zwischen den Angehörigen und Erkrankten in Akutphasen in über 40% der Fälle mehr als 32 Stunden pro Woche beträgt. Diese Verantwortungsverschiebung in der Versorgung psychisch kranker Menschen und eine aus Sicht der Kranken sicher begrüßenswerte Enthospitalisierung birgt aber auch erhebliche Herausforderungen für die Angehörigen. Neben gesundheitlichen und finanziellen Belastungen nennen Franz u.a. in diesem Zusammenhang eine Reduzierung der Freizeit und damit auch der Möglichkeit zu entspannen, die Entwicklung von Ängsten im Hinblick darauf, dass die/der Erkrankte sich oder anderen etwas antun könnte und Diskriminierungserfahrungen, die oftmals zur Isolation der Familien führen. Vor dem Hintergrund dieser familialen Belastungen ist die Angehörigenarbeit ein zentraler Bestandteil moderner Psychiatrie geworden.

Kinder als betroffene Angehörige

Die Angehörigenarbeit beschränkt sich in der Regel jedoch auf erwachsene Angehörige. Dass psychisch erkrankte Menschen auch Kinder haben, war lange Zeit nicht im Bewusstsein der Fachöffentlichkeit. Erst 1996 wurden mit dem Kongress „Hilfen für Kinder psychisch Kranker“ zum ersten Mal die Probleme von Kindern psychisch kranker Eltern umfassend in einer breiten Fachöffentlichkeit diskutiert. Im Ergebnis zeigte sich dabei, dass die Kinder immer auch – und häufig sogar sehr tiefgreifend – von der Erkrankung ihrer Eltern betroffen sind und zum Teil unter extremen Belastungen leben. Nach Mattejat kann hierbei zwischen unmittelbaren Problemen, die sich direkt aus dem Erleben der Krankheit der Eltern herleiten lassen und Folgeproblemen, die das Ergebnis solcher familiären Verwerfungen sind, unterschieden werden. Unmittelbare Probleme sind: Desorientierung, Schuldgefühle, Tabuisierung und Isolation. Sie werden dadurch hervorgerufen, dass die Kinder die Krankheitssymptome nicht verstehen und nicht einordnen können. Wenn nachvollziehbare Erklärungen fehlen, glauben die Kinder häufig, dass sie an den Problemen ihrer Eltern schuld sind. In vielen Familien wird zudem versucht, die Krankheit als Familiengeheimnis zu wahren. Die Probleme anderen Menschen außerhalb der Familie mitzuteilen, käme einem Verrat an der Familie gleich. Als Folge der Tabuisierung wissen die Kinder nicht, an wen sie sich mit ihren eigenen Problemen im Zusammenhang mit der Krankheit der Eltern wenden können und ziehen sich von ihrer sozialen Umwelt zurück.

Darüber hinaus treten eine Reihe von Folgeproblemen auf, die indirekt durch die aufgrund der Krankheit veränderte soziale und familiäre Situation hervorgerufen werden. Zu nennen sind hierbei insbesondere: Betreuungsdefizite, Verantwortungsverschiebung (Parentifizierung), Abwertungserlebnisse und Loyalitätskonflikte. Durch die Überforderung der Eltern mit ihren eigenen Problemen kommt es oftmals zu einem Defizit an Aufmerksamkeit und Zuwendung für die Kinder. Innerhalb der Familien kann es dabei zu Rollenumverteilungen und zur Auflösung des Generationenverhältnisses kommen. Die Kinder übernehmen Aufgaben und Verantwortung für die erkrankten Elternteile, denen sie von ihrer Entwicklung her nicht gewachsen sind. Die eigenen Bedürfnisse treten in den Hintergrund. Die Kinder verzichten auf alterstypische, kindgerechte Beschäftigungen und sind in ihrem Verhalten bereits kleine Erwachsene. Dabei wirken sie ungewöhnlich vernünftig und ernst. Ein großes Problem ist bei alledem die gesellschaftliche Stigmatisierung psychischer Krankheiten. Oft bestimmen unreflektierte Vorurteile den Alltag der betroffenen Familien. Die Kinder schämen sich für das erkrankte Elternteil und schwanken zwischen Loyalität und Distanzierung von dem erkrankten Elternteil.

Eine besondere Problematik ergibt sich, wenn die Kinder von psychisch erkrankten Eltern noch sehr klein sind. Für die ersten sechs Lebensjahre lassen sich aus entwicklungspsychologischer Perspektive besondere Entwicklungsaufgaben beschreiben, die für eine optimale Entwicklung des Kindes gemeistert werden müssen. Säuglinge und Kleinkinder sind in besonderer Weise auf das soziale Beziehungsgefüge von Eltern und/oder anderen Bezugspersonen angewiesen. So brauchen sie neben der Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse nach Pflege und Ernährung unterschiedlichte Anregungen und Herausforderungen für ihre (Weiter-)Entwicklung. Dazu zählt das Gefühl von Schutz, Sicherheit, Geborgenheit und Anerkennung, um neue Situationen und Erlebnisse nicht als Bedrohung und Überforderung, sondern als Anregung und Herausforderung bewerten zu können. Die Erfahrung, auf die Zuwendung der Bezugspersonen vertrauen zu können, fördert das Selbstvertrauen des Kindes. Psychische Erkrankungen der primären Bezugsperson können, wie eine Anzahl von Studien belegen, die Entwicklung des Kindes nachhaltig beeinflussen. Eine Untersuchung im Rahmen der „Mannheim-Studie zur Früherkennung von Ablehnung und Vernachlässigung“ zeigt, dass Kinder psychisch auffälliger Eltern eine ungünstigere Entwicklungsprognose aufweisen als Kinder gesunder Eltern. Zweijährige, deren Vater oder Mutter an einer psychischen Störung leidet, sind danach sprachlich weniger entwickelt und in ihrem Sozialverhalten auffälliger als Gleichaltrige mit gesunden Eltern. Eine weitere Studie zeigt, dass depressive Mütter im Kontakt mit ihren Kindern weniger Interesse und Beteiligung erkennen lassen als nicht erkrankte Mütter. Sie erweisen sich als weniger einfühlsam, äußern den Kindern gegenüber vermehrt negative Gefühle und Feindseligkeiten und kommunizieren sprachlich und körperlich weniger mit ihren Babys. Die Säuglinge reagieren darauf entweder mit einem ähnlich resignativen Verhalten wie die Mutter oder aber mit extremer Unruhe.

Psychische Störungen sind schwerwiegende Erkrankungen, die den ganzen Menschen erfassen und sein Denken, Fühlen und Wahrnehmen beeinflussen. In Akutphasen sind psychisch erkrankte Eltern oftmals nicht in der Lage, die Signale und die Bedürfnisse ihrer Kinder richtig zu deuten. Entsprechend erfolgen die Reaktionen verlangsamt, verzögert, abgeschwächt oder inadäquat (überstimulierend). Je jünger die Kinder sind, desto mehr sind sie auf elterliche Pflege-, Versorgungs- und Förderleistungen (Essen, Trinken, Kleidung, Zuwendung, usw.) angewiesen und desto direkter wirkt es sich auf das Wohl des Kindes aus, wenn die notwendigen seelischen und körperlichen Versorgungsleistungen aufgrund einer psychischen Erkrankung eines Elternteils nicht oder nur unzureichend erbracht werden.

Dennoch kann nicht davon ausgegangen werden, dass eine psychische Erkrankung zwangsläufig zu Beziehungsstörungen und Belastungen bei den Kindern führen muss. Jede Krankheitsgeschichte ist anders und jeder psychisch erkrankte Mensch entwickelt individuelle Strategien der Krankheitsverarbeitung. Jedes Kind erlebt die Erkrankung eines Elternteils auf seine Art und Weise. Die Sozialisationsforschung hat gezeigt, dass die Entwicklung von Kindern und ihr Verhalten nicht nur eine reaktive Anpassungsleistung an die Umwelt ist. Vielmehr gestalten diese ihre eigene Entwicklung mit, setzen Impulse und agieren aktiv. Aus der subjektiven Sicht von Geschwistern können – selbst wenn diese gemeinsam in einer Familie aufwachsen – ganz unterschiedliche Belastungen und Verarbeitungsformen resultieren. Im Einzelfall ist deshalb immer zu untersuchen, in welchem Ausmaße die Kinder durch die psychische Erkrankung belastet sind und inwieweit es Chancen gibt, diese durch innerfamiliale Ressourcen oder professionelle Unterstützung aufzufangen.

Hilfebedarf und Angebote

Die psychische Erkrankung eines Elternteils stellt ein kritisches Lebensereignis für die betroffenen Kinder dar. Dennoch gibt es – differenziert nach Alter der Kinder – unterschiedliche subjektive Bewältigungsformen dieser Krisen. Ein Teil der Kinder bewältigt sie eher problemlos und entwickelt individuelle Stärken (Coping-Strategien), ein anderer Teil erfährt die Erkrankung als niederdrückend und bedrohend. Studien zeigen, dass bei der Bewältigung der Erkrankung die erfahrene Unterstützung durch die Familie oder andere Bezugspersonen eine zentrale Rolle spielt. Sind die Ressourcen der Familie begrenzt, bedarf es öffentlicher Unterstützungsleistungen. Dabei muss das Gesamtsystem Familie im Blick sein, denn neben den Kindern und erwachsenen Angehörigen leiden auch die erkrankten Elternteile. Sie fühlen sich teilweise mit ihren Erziehungsaufgaben überfordert und sehen sich der Rolle als Mutter oder Vater nicht gewachsen. Sie zweifeln daran, dass sie eine gute Mutter/ein guter Vater sind. Sie schämen sich dafür, was sie ihren Kindern und Partner(inne)n zumuten und sie befürchten zuweilen, dass ihnen die Kinder weggenommen werden.

Ein Beispiel, wie eine solche umfassende Hilfe aussehen kann, stellt das Modellprojekt „Patenschaften“ des Pflegekindervereins PFIFF e.V. dar. Die Patenschaften sollen grundsätzlich das Zusammenleben von Mutter und Kind unterstützen, allerdings ohne das Wohl des Kindes aus den Augen zu verlieren. Die Grundidee ist, für das Kind außerhalb der Familie ein kontinuierliches Beziehungsangebot zu schaffen und ihm zu ermöglichen, in Belastungssituationen ausweichen zu können. Die Kinder verbringen regelmäßig – je nach Absprache einen Tag oder ein Wochenende – bei den Patenfamilien. Diese sollen einen verlässlichen Schutz und Sicherheit für die Kinder bieten und die Mütter in ihrer Verantwortung dem Kind gegenüber entlasten. Gleichzeitig erfahren sie Unterstützung in der Kindererziehung und Kinderbetreuung und finden Rat und Hilfe bei der Lebensbewältigung im sozialen Nahraum. Kommt es zu einer stationären Unterbringung der Mutter, wird aus der Patenfamilie eine Bereitschaftspflegefamilie, in der das Kind für die Dauer des Krankenhausaufenthaltes lebt.

Ausblick

Auch wenn die Situation von Kindern psychisch kranker Eltern und ihrer Familien langsam in das Bewusstsein der Fachöffentlichkeit gerät, so bedeutet das noch nicht, dass auch ausreichende Hilfsangebote vorhanden sind. Bundesweit gibt es zwar vereinzelt Hilfsangebote, diese sind jedoch nicht in ein abgestimmtes System ambulanter, teilstationärer und stationärer Angebote integriert. Darüber hinaus stellt angesichts knapper Kassen und Kürzungsdebatten im Gesundheits-, Sozial- und Jugendhilfebereich die Finanzierungsfrage ein dringendes Problem der bestehenden Unterstützungsangebote dar. Oftmals werden Projekte über Spendengelder (Lions Clubs, Zontas, Vereine) oder Modellförderungen initiiert und geraten mit Ablauf der Impulsfinanzierung in existenzielle Krisen. Aufgrund dieser unsicheren Finanzierungsgrundlage und der zersplitterten Kostenzuständigkeiten (Jugendhilfe, Sozialhilfe, Krankenkassen) ist die Kontinuität in der Arbeit nicht dauerhaft gewährleistet. Es fehlt an einer gemeinsamen Konzeptualisierung und Finanzierungsregelung von Angeboten durch Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe. Jeder Bereich versucht, sich auf seiner ihm vom Gesetzgeber zugewiesenen fachlichen Insel so gut wie möglich einzurichten und die Verantwortung anderen zuzuschreiben. Hilfen für Kinder und ihre Familien werden oftmals erst dann realisiert, wenn sich Verhaltensauffälligkeiten so verfestigt haben, dass sie selbst behandlungsbedürftig werden. Es ist daher auf Seiten der Kostenträger eine weitaus höhere Flexibilität und Weitsicht und damit die Bereitschaft zur Mischfinanzierung bestimmter Angebote anzumahnen. Denn in den Fällen, in denen Prävention nicht stattgefunden hat, sind nicht nur die Kinder die Verlierer, sondern am Ende auch die verschiedenen Kostenträger selbst, die bei eskalierenden Krisen kostenintensive Maßnahmen leisten müssen.

Die vollständige Fassung einschließlich der Literaturangaben ist über die Geschäftsstelle erhältlich.

Dr. Sabine Wagenblass ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für soziale Arbeit e.V., Studtstr. 20, 48149 Münster, www.isa-muenster.de, http://www.sharpeningleaders.com/fsu-admissions-essay/