Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Säuglinge und Kleinkinder mit psychisch kranken Eltern

von Christiane Deneke

Kinder psychisch kranker Eltern wurden von dem bekannten Sozialpsychiater Asmus Finzen vor einigen Jahren noch als eine „vergessene Risikogruppe“ bezeichnet. Nach wie vor sind sie einem erhöhten Risiko ausgesetzt, selbst wiederum psychische Krankheiten bzw. unspezifische Störungen zu entwickeln, aber ihre Not ist doch in den letzten Jahren deutlicher ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Unterstützung für die Familien wird selbstverständlicher gewährt und hier und dort werden Ideen zur Prävention verwirklicht. Natürlich ist auf diesem Gebiet noch viel zu tun.

Was sagt die Wissenschaft zur Lage der Kinder von psychisch kranken Eltern? Die zahlreichen Risikostudien aus den 1970er Jahren relativieren die damals bestehenden Annahmen über die Erblichkeit und die Spezifität des krankmachenden Einflusses der elterlichen Erkrankung, aber sie stellen deutlich heraus, wie wichtig die Umgebungsfaktoren sind. Sameroff (1987), Leiter der Rochester-Studie, fasste seine und die Ergebnisse anderer Studien so zusammen: Sozialstatus sowie Schwere und Chronizität der mütterlichen Erkrankung haben den weitaus größeren Einfluss auf die psychische Entwicklung der Kinder als die jeweilige Diagnose. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die finnische Adoptivkinderstudie: Tienari und Mitarbeiter (1987) fanden bei adoptierten Kindern von schizophrenen Müttern erwartungsgemäß doppelt so häufig schwere psychische Störungen wie bei adoptierten Kindern von nicht schizophrenen Müttern. Aber: diese Störungen waren nur bei denjenigen Kindern aufgetreten, die in einem schwierigen Adoptionsfamilienklima aufgewachsen waren. Das heißt, die Kinder sind in erhöhtem Maße gefährdet, aber es gibt auch Chancen, einer psychischen Störung vorzubeugen, indem ihr psychosoziales Umfeld so günstig wie möglich für sie gestaltet wird.

Ansatzpunkte für Prävention sind die Schutzfaktoren, die sich aus den oben erwähnten Risikostudien ergeben. Diese entsprechen zum Teil den allgemeinen Schutzfaktoren, wie z.B. eine gute biologische Ausstattung des Kindes, gute Ausbildung der Eltern, günstige Wohnbedingungen usw. Zum Teil sind sie spezifisch (wie eine weniger schwere und chronische, später einsetzende elterliche Krankheit, die Möglichkeit der Eltern, ihr Kind nicht in ein Wahnsystem einzubeziehen usw.). Besonders wichtig aber ist die Frage, ob neben der kranken Person noch eine Vertrauensperson für das Kind existiert, die seine unter Umständen schwierige Lage erkennen und Ausgleich schaffen kann – was in betroffenen Familien keine Selbstverständlichkeit ist.

Das Erleben der Kinder

Wie geht es den Kindern? Inzwischen erwachsene Kinder berichten von der Isolation ihrer Familie, dem Fehlen von Vertrauenspersonen, von Vernachlässigung und teilweise auch Misshandlung, Loyalitätskonflikten zwischen eigener Scham und Wut und der Verantwortlichkeit für die kranke Person sowie von dem Gefühl, vom Helfersystem nicht beachtet und im Stich gelassen worden zu sein. Bei der Krankenhausaufnahme eines Elternteils erleben die Kinder vor allem Angst und Einsamkeit. Fehlende Information trägt zur Verunsicherung bei. Ältere Kinder berichten ebenfalls von Loyalitätskonflikten.

Die Kinder, die wir in unserer Beratung für Familien mit psychisch kranken Eltern sehen, leben überwiegend allein mit einer psychisch kranken Mutter. Ist der Vater krank, so kann die Mutter meist noch viel auffangen, selten sehen wir einen gesunden Vater als Haupt-Bezugsperson, ein alleinerziehender kranker Vater hat sich bisher noch nicht bei uns angemeldet. Ein Teil der Kinder hat deutliche reaktive Symptome expansiver oder introversiver Art. Die meisten Kinder zeigen nach außen kaum Hinweise auf eine Beeinträchtigung ihrer Befindlichkeit. Sie wirken gut angepasst, aber für ihr Alter übermäßig ernst. Oft haben sie nur wenige freundschaftliche Kontakte zu Gleichaltrigen. Auch die Jüngeren unter ihnen (schon Dreijährige!) berichten regelhaft über Ängste und Sorgen um die Mutter, Versuche, sie aufzuheitern, eigene Traurigkeit und Versuche, sich abzulenken, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Schuldgefühle und den Wunsch, zuhause zu bleiben und auf die Mutter aufzupassen. Die Älteren können auch die Wut darüber, zu kurz zu kommen, Scham und Loyalitätskonflikte artikulieren. Meistens hat ein Rollentausch stattgefunden, die Kinder sind parentifiziert.

Für diese Kinder sind Information und Beratung, Ermutigung, sich auch um sich selbst kümmern zu dürfen, Austausch mit ebenso betroffenen Kindern in Präventionsgruppen, Therapie, Patenfamilien, Unterstützung im Alltag durch Familienhilfe und Entlastung von ihren Versorgungspflichten in der Familie hilfreich. Was aber ist mit den ganz kleinen Kindern?

Säuglinge und Kleinkinder psychisch kranker Eltern

Aus der Säuglingsforschung, aus der Beobachtung der Eltern-Kind-Interaktion bei gesunden und bei kranken Eltern wissen wir: je jünger ein Kind ist, desto umfassender ist es dem Einfluss einer krankheitsbedingten Störung der Beziehung bzw. der Kommunikation ausgesetzt, wenn Mutter oder Vater seelisch krank ist – wobei natürlich die Erkrankung der Hauptbezugsperson, in der Regel der Mutter, den stärkeren Einfluss auf das Baby hat. Lynn Murray, eine der renommiertesten Forscherinnen auf dem Gebiet der postpartalen Depression, stellt fest, dass eine mütterliche Depression in den ersten Lebensmonaten die kindliche psychische Entwicklung stärker beeinflusst als in jeder späteren Entwicklungsperiode. Da die Kinder im präverbalen Alter ihre Sorgen nicht direkt mitteilen können, sind wir auf Beobachtungen angewiesen, um uns ein Bild über ihre Befindlichkeit und die Qualität der Mutter-Kind-Beziehung machen zu können.

Der Gegenstand unserer Beobachtungen ist dabei die Kommunikation zwischen Mutter und Kind, die so genannte Interaktion. Menschen, die mit Eltern und Babys zu tun haben, schätzen üblicherweise die Interaktion intuitiv ein. Systematisiert man dies, so sind es immer wieder einige Kategorien, die dabei berücksichtigt werden: Blick- und Stimmkontakt, die Art, in der die Mutter das Kind hält bzw. die beiden sich einander zuwenden, die affektive Färbung des Kontaktes, die Bereitschaft der beiden, aufeinander einzugehen, die Angemessenheit von Spielangeboten, Art und Ausmaß der Kontrolle über das Spiel. Ausreichend sensitive Eltern wenden sich dem Kind zu, reagieren angemessen und prompt auf seine Signale, haben Freude am Umgang mit dem Kind und zeigen intuitive Verhaltenskompetenzen. Ihre Kinder sind in ausreichend wachem Zustand kooperativ und haben Freude am Umgang mit ihren Eltern.

Nicht nur psychische Erkrankungen, sondern auch Erschöpfung, Krankheit oder Stress der Eltern können die Interaktion beeinträchtigen. Wir sehen dann ein „Zuwenig“, ein „Zuviel“, stark und unberechenbar wechselndes und teilweise auch aggressiv getöntes Interaktionsverhalten der Eltern. Auch können die Eltern das Kind in ein Wahn-, Angst- oder Zwangssystem einbinden, was eine erhebliche Gefährdung der Entwicklung bedeuten kann. Selten ist ein Interaktionsmuster „rein“ vorhanden. Der vorherrschende Modus und die Art, in der das Kind sich anpasst, sind wegweisend. Die Besonderheiten der Kommunikation sind nicht krankheitsspezifisch und keineswegs bei jeder psychisch kranken Mutter anzutreffen, so dass wir uns die Interaktion in jedem Falle anschauen müssen, um uns ein Bild machen zu können. Und leider stimmt es auch nicht, dass Störungen der Interaktion mit der Genesung der Mutter regelhaft verschwinden. Gerade in Fällen, in denen die allgemeine Lebensbelastung der Mutter groß ist, können diese Störungen überdauern und damit ein erhebliches Entwicklungsrisiko für das Kind bedeuten.

Emotionale Unerreichbarkeit (bei einem Teil der Depressionen und bei chronischen Schizophrenien, Sucht, geistiger Behinderung, teilweise bei Persönlichkeitsstörungen): Die Interaktion ist geprägt von Passivität, verzögerter oder ausbleibender Reaktion auf die kindlichen Signale auf Seiten der Mutter, die von unterschiedlicher affektiver Färbung sein kann, meist ohne affektive Beteiligung.

Säuglinge und Kleinkinder reagieren regelhaft darauf mit verstärktem Werben um Aufmerksamkeit im positiven Sinn, was aber rasch nachlässt, wenn es nicht entsprechend beantwortet wird und dann vermehrtem Bemühen um Aufmerksamkeit im negativen Sinne Platz macht in Form von Unruhe, Quengeln, Aggressivität. Reagiert die Mutter auf diese Verhaltensweisen, so verfestigen sie sich, was wir häufig auch bei älteren Kindern und ihren – eventuell nicht mehr depressiven – Müttern beobachten. Hält der Zustand der Nicht-Beachtung länger an, so kann das Kind – auch abhängig von seinem Temperament – sich in Passivität und Resignation zurückziehen, in seiner Entwicklung zurückbleiben. Schon eine mütterliche Depression von drei Monaten Dauer bewirkt Verhaltensänderungen beim Kind, die auch über eine Besserung des mütterlichen Zustandes hinaus anhalten und ihrerseits wieder die Interaktion negativ beeinflussen. Wir sehen also entweder schwierige, unzufriedene oder extrem passive Kinder, die in ihrer sozial-emotionalen und intellektuellen Entwicklung zurückbleiben können. Diese Kinder zeigen vermehrt unsichere Bindungen.

Ältere Kinder zeigen das beschriebene hyperaktiv-aggressive Verhalten oder wirken ihrerseits in typischer Weise depressiv. Hat die Depression des Elternteils erst später eingesetzt bzw. gibt es auch positiv kompensatorische Umgebungseinflüsse, so können sie durchaus fürsorglich-versorgende Funktionen übernehmen. Sind mehrere Kinder da, so lässt sich dabei meist eine Rollenteilung beobachten, indem ein Kind – üblicherweise das älteste oder ein Mädchen – diese parentifizierte Rolle auch für die anderen Kinder mit übernimmt.

Überstimulation (bei agitiert depressiven Müttern, bei Angststörungen, Manien, teilweise bei schizophrenen Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen): das Kind wird – unabhängig von seinen eigenen Tendenzen – übermäßig anhaltend und stark angeregt, dauernd zu Reaktionen herausgefordert, dabei kann die Interaktion affektiv ganz unterschiedlich getönt sein.

Säuglinge schützen sich gegen diese dauernde Irritation, indem sie sich aus der Interaktion zurückziehen, sie wenden sich ab, vermeiden den Blickkontakt, verhalten sich passiv. Je nach Temperament oder auch der Chance, die Mutter doch gelegentlich erreichen und zu einer Reaktion auf ihre Irritation bewegen zu können, protestieren sie aber auch. Ist die überstimulierende Mutter aggressiv, so können sich die Säuglinge Protest nicht „leisten“, wir sehen sie in akuten Gefahrensituationen vor Schreck erstarren.

Ältere Kinder können in passiver Unterordnung verharren oder aber – je nach Beginn der Symptomatik, Temperament und auch Unterstützung gesunder Bezugspersonen im Umfeld – sich den dauernden Interaktionsanforderungen trotzig verweigern.

Einbeziehen des Kindes in ein Wahn-, Angst- oder Zwangssystem (bei Schizophrenien, neurotischen Störungen): das Kind wird in seinen entwicklungsabhängigen Bedürfnissen nach Bewegung, freiem Spielen, Kontakten zu anderen Menschen usw. nicht gesehen, sondern wird gezwungen, diese einer ihm fremden, es üblicherweise stark einengenden Logik der elterlichen Störung unterzuordnen. Unter Umständen kann es auch akut gefährdet sein, z.B. bei Ängsten der Mutter vor Gift in der Nahrung u.Ä.

Säuglinge reagieren nicht auf die Inhalte, aber auf die mitgeteilten Affekte, die sie beunruhigen können.

Kleinkinder und Kinder bis zum jüngeren Schulalter übernehmen die Inhalte aus Mangel an Möglichkeiten der Realitätsprüfung, lassen sich in Ängste und Zwänge sowie in psychotische Inhalte einbinden (folie à deux).

Größere Kinder können je nach Grad der Abhängigkeit Inhalte übernehmen oder sich davon distanzieren, u.U. entwickeln sie eine Art „doppelter Buchführung“, indem sie auf die Sichtweise des Elternteils eingehen, um beispielsweise den guten Kontakt nicht zu gefährden oder die Person nicht zu reizen, bleiben sich aber darüber klar, dass sie die Realität anders erleben. Auch hier läss sich bei mehreren Geschwistern eine Rollenteilung beobachten, indem eines der Kinder – das sensitivste und damit verletzbarste – in das elterliche System eingebunden ist, die anderen aber sich distanzieren können.

Stark und unberechenbar wechselndes Interaktionsverhalten ( bei manisch-depressiven Erkrankungen, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Sucht, einem Teil der Schizophrenien): Die Kinder sind dauernd angespannt, fangen früh an, die Eltern zu beobachten und ihr eigenes Verhalten nach den elterlichen Zuständen zu richten, um nicht Ungeduld oder Aggression auf sich zu ziehen.

Säuglinge sind unruhig oder besonders ruhig im Sinne von angstvoller Erstarrung oder erzwungener Unterwerfung. Das spätere Bindungsmuster ist meist vom desorganisierten Typ.

Ältere Kinder erscheinen ebenfalls überangepasst und ängstlich. Schon früh versuchen sie, Kontrolle über die Elternperson zu bekommen, z.B. in Form zwanghaft fürsorglichen Verhaltens, als Jugendliche können sie dann – aus einer unabhängigeren Position heraus – heftige Machtkämpfe mit den Eltern führen.

Grundsätzliches

(1) Kinder beziehen den Affekt der Eltern primär auf sich. Schon kleine Kinder fühlen sich verantwortlich und schuldig, wenn sie spüren, dass es den Eltern schlecht geht.

(2) Kinder, die nicht den für eine gesunde Entwicklung notwendigen eigenen psychischen Raum haben, werden in ihrer Phantasie, ihrer Spiel- und Lernfähigkeit stark beeinträchtigt. Sie können Entwicklungsdefizite erleiden, ein „falsches Selbst“ bzw. später selbst eine seelische Erkrankung entwickeln.

(3) Kinder, die emotional alleingelassen, also vernachlässigt wurden, leiden in höherem Maße als andere an Ängsten, Selbstwertproblemen, Depressionen, sind suchtanfällig.

(4) Kinder, die mit Aufgaben für ihre kranken Eltern überfordert sind, entwickeln Versagensängste, Schuldgefühle, Depressionen. Können sie diese Aufgaben bewältigen, so „wachsen“ sie daran. Aber auch diese tüchtigen Kinder wirken disharmonisch entwickelt: zu reif und übermäßig ernst auf der einen Seite, im Kontakt zu Gleichaltrigen und in ihren Interessen aber oft nicht altersgemäß, weil sie gar nicht dazu kommen, diese Seiten bei sich zu entfalten.

(5) Alle Kinder sind ihren Eltern loyal verbunden und versuchen schon in frühem Alter, es ihnen recht zu machen, ihnen zu helfen. Das gilt für Kinder kranker Eltern noch mehr als für Kinder von Gesunden. So zeigen sie eher zu wenig als zu viel von ihren Problemen nach außen. Helfende Personen müssen erst das Vertrauen der Kinder darin gewinnen, dass sie es auch gut mit den kranken Eltern meinen, bevor die Kinder versuchen können, sich ihnen zu öffnen.

Möglichkeiten früher Prävention

Die Prävention von Beziehungsstörungen zwischen psychisch kranken Müttern und ihren Kindern sollte sinnvollerweise so früh wie möglich ansetzen. Auch ist die Zeit um die Geburt herum, wie wir wissen, eine besonders günstige: für fast alle Eltern bedeutet das Baby Hoffnung, es mobilisiert besondere Kräfte, und durch das hohe Entwicklungspotential des Babys sind auch die Eltern zu größeren Veränderungen fähig als später im Zusammenleben. Meistens sind die Hebammen die ersten Anlaufstellen bei Problemen nach der Geburt, und unserer Erfahrung nach sind sie so gut geschult, dass sie für die Krisen, die sie nicht aus eigener Kraft bewältigen helfen können, die geeigneten Anlaufstellen suchen. Niederschwellige Angebote für die Zeit nach der Neugeborenenperiode wie Müttertreffs, Krabbelgruppen, Elternkurse usw. bieten ebenfalls gute Möglichkeiten des Austauschs, informeller Beratung und der Vermittlung von Unterstützung und spezialisierter Beratung bzw. Behandlung.

Für die Behandlung psychischer Krisen und Erkrankungen nach der Geburt sollten ambulante, teilstationäre und stationäre Möglichkeiten vorhanden sein, zur Zeit gibt es in Deutschland noch weitaus nicht genug davon. Grundsätzlich sollten Mutter und Kind gemeinsam, nur in Fällen von Gefahr für das Kind getrennt behandelt werden, um sowohl die Mutter-Kind-Beziehung als auch die Entwicklung des Kindes im Auge zu behalten und zu fördern. Dies setzt einen multimodalen Ansatz und Kooperation verschiedener Disziplinen voraus, was leider noch nicht so verbreitet ist. In der Erwachsenenpsychiatrie wächst die Bereitschaft dazu, meist fehlen aber die Mittel, über die notwendige Behandlung der Mutter hinaus die Beziehung und – bei bereits eingetretenen Anpassungsstörungen – auch das Baby zu behandeln. Dies liegt vor allem daran, dass das Baby in der Erwachsenenpsychiatrie nicht als eigener Patient bezahlt wird und so das notwendige Personal für eine intensivere sachgerechte Beschäftigung mit ihm fehlt. Die Marcé-Gesellschaft (Gesellschaft für peripartale Psychiatrie) ist dabei, Richtlinien und aus diesen abgeleitete Forderungen für eine angemessene Bezahlung der Mutter-Baby-Behandlung in der Psychiatrie zu entwickeln. Es würde sich auch eine Kooperation mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie anbieten, wie sie an einigen Orten, aber leider noch zu selten stattfindet.

Eine Einrichtung zur gemeinsamen Behandlung von psychisch belasteten Müttern, in Ausnahmefällen auch Vätern und ihren Babys ist die kleine tagesklinische Eltern-Baby-Einheit an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universität Hamburg mit leider nur drei Plätzen. Das multimodale Behandlungskonzept umfasst: Die Pflege: sie soll die Mutter/den Vater sowohl im Umgang mit sich selbst als auch im Umgang mit dem Baby unterstützen und anregen, aber auch das Baby betreuen und fördern. Zur psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung gehören psychiatrische Diagnostik und Psychopharmakotherapie, Entwicklungsdiagnostik des Kindes und Planung der daraus resultierenden Behandlung, Einzelpsychotherapie der Mutter/des Vaters mit dem Fokus Elternschaft, Eltern-Kind-Psychotherapie, z.T. videogestützt, Eltern-Kind-Gruppentherapie, Paar-/Familientherapie, Vätergruppe, Nachsorgegruppe.

An Fachtherapien bieten wir an: Bewegungstherapie (Gruppe, einzeln), Ergotherapie (Eltern-Kind-Spielbehandlung, sensorische Integrationsbehandlung der älteren Kinder), Eltern-Kind-Musiktherapie, Physiotherapie, insbesondere Massage, Anleitung zur Babymassage.

Ein unverzichtbarer Bestandteil der Behandlung ist die Sozialpädagogische Betreuung, denn tagesklinische Behandlung heißt Behandlung im sozialen Umfeld. Auf den Aufbau eines sozialen Netzes mit kompensatorischen Beziehungsangeboten für Eltern und Kind wird deshalb großer Wert gelegt. Das bedeutet enge Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, den Sozialen Diensten, Wohneinrichtungen und ambulanten Betreuungsdiensten, um eine genügende Unterstützung der Familie und damit eine günstige psychische Entwicklung des Kindes zu gewährleisten.

Die Anforderung an das gesamte Team, sowohl für das Kind als auch für Mutter oder Vater zuständig zu sein, ist sehr hoch. Eine grundsätzlich akzeptierende und unterstützende Haltung den Eltern gegenüber ist unabdingbar, aber oft angesichts der Not eines Kindes, das nicht optimal betreut ist, schwer aufrechtzuerhalten. Ziel dieser Haltung ist es, die Mutter so zu bemuttern und zu halten, dass sie in der Lage ist, ihr Kind ausreichend zu bemuttern und zu halten. Bei allem Verständnis für die überlasteten und selbst so bedürftigen Eltern muss das Team dennoch das Kindeswohl im Auge behalten und gegebenenfalls die Indikation für eine Herausnahme des Kindes aus der Familie (vorübergehend oder längerfristig) stellen können.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Dr. med. Christiane Deneke ist Leiterin einer Spezialambulanz und einer Tagesklinik für psychisch kranke Eltern mit Säuglingen/Kleinkindern an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Hamburg

Fallbeispiel

Die alleinstehende Mutter ist 35 Jahre alt, als sie mit ihrer vier Monate alten Tochter erstmals in die Ambulanz kommt. Das Baby schreie viel und lasse sich nicht trösten. Das bringe sie in Panik, sie sehe sich selbst in ihrer Tochter als ungeliebtes, unglückliches Kind. Sie wolle aber eine bessere Mutter sein als ihre eigene es war, und deshalb werde sie auch sehr wütend auf ihre Tochter, die ihr immer wieder zeige, was für eine schlechte Mutter sie sei. Nach ersten Gesprächen, die sie vorläufig entlasten, meldet sie sich eine Zeitlang nicht. Fünf Monate später ist sie wieder da, nun mit der Angst, die Tochter zu misshandeln, was auch schon einmal vorgekommen sei.

Wir sehen eine agitierte, in ihren Affekten rasch wechselnde, überwiegend verzweifelte und wütende Mutter, die von vielen fehlgeschlagenen Versuchen berichtet, ihre Situation zu verbessern. Vor allem die Isolation, das Gefühl, nicht geliebt zu werden, machen sie unglücklich. Es wird deutlich, dass sie eigentlich von ihrer Tochter die Liebe erwartet hat, die sie schon von ihrer Mutter nicht bekommen hat, und dass sie jede von ihrer Erwartung abweichende Gefühlsäußerung des Kindes als Angriff und Enttäuschung erlebt.

Die kleine Tochter ist weit entwickelt. Sehr angespannt und ernst beobachtet sie ihre Mutter und reagiert auf jeden ihrer Stimmungswechsel. Wir sehen bei diesem kleinen Mädchen schon den Versuch, die Mutter zu trösten, wenn sie weint. In der Spielinteraktion ist sie angepasst und bemüht, auf die Anregung der Mutter einzugehen. Eigenständige Aktivitäten unterdrückt sie. Diese gehorsame Haltung findet sich bei Kleinkindern unberechenbarer, unter Umständen auch gefährlicher Mütter. Im Zusammensein mit den Betreuerinnen verhält sie sich freier und spontaner.

Zur Vorgeschichte erfahren wir, dass die Mutter sich als jüngste von drei Töchtern besonders wenig geliebt gefühlt hatte von der überforderten, trinkenden und gelegentlich schlagenden Mutter. Der Vater hatte die Familie früh verlassen. Sie schildert ihr Leben als eine Reihe von missglückten Versuchen, die immer vermisste Liebe doch noch zu finden. Dies Motiv scheint sie auch geleitet zu haben, das aus einer Zufallsbeziehung entstandene Kind auszutragen. Das sie ihrem Gefühl nach anklagende „Schreibaby“ enttäuscht ihre Liebeserwartungen, fortan gibt sie ihm die ganze Schuld für ihr Unglück.

Die Patientin nimmt das Angebot der tagesklinischen Behandlung fast euphorisch an. Voller idealisierender Erwartung tritt sie sie an. Die Enttäuschungen bleiben nicht aus, jede kleine Frustration wird als gezielte Zurückweisung erlebt, geringfügige Mängel machen sie schrecklich wütend, wegen ihrer fordernden Haltung ist die Frau rasch bei allen unbeliebt. So braucht es lange, bis sie das Beziehungsangebot der anderen Patientinnen und der Betreuerinnen erkennen und annehmen kann, bis sie in der Gruppe Zutrauen gefasst hat und zeitweise sogar Anteilnahme und Solidarität äußern kann.

Aufgrund ihrer Verstimmungen wird sie mit einem Antidepressivum behandelt. In den Einzelgesprächen geht es vor allem darum, ihre enttäuschenden Beziehungserfahrungen aus der Vergangenheit zu trennen von dem, was sie mit ihrer Tochter erlebt. In ruhigen Momenten kann sie reflektieren, dass sie eigentlich von ihrem Kind bemuttert werden möchte (was dieses in unserer Beobachtung ja auch tatsächlich versucht!). Geht es ihr aber schlecht, so kehren die „Gespenster aus dem Kinderzimmer“ (Fraiberg) mit unverminderter Macht zurück.

In den Spielsitzungen versuchen wir, fröhliches, gemeinsames Spiel zu etablieren, oft mit dem Spiel zu dritt auf dem Fußboden, in dem die Therapeutin anregender Spielpartner und Modell ist. In guten Zeiten können Mutter und Tochter fröhlich spielen, die Kleine kann langsam ihre unterwürfige Haltung aufgeben und eigene Spielideen verfolgen. Im Schutz der Therapeutin ist dies möglich, außerhalb erst später.

In Einzel-Spielstunden erlebt die Kleine ein ruhiges, empathisches Gegenüber, das sich auf ihre Spielideen einlässt. Sie gewinnt zusehends an Lebendigkeit, beobachtet nicht mehr so viel, sondern genießt diese Situationen. Sie kann sich besser entspannen und behält das auch außerhalb der Spielstunden bei.

Während sich so in der Tagesklinik das Befinden der beiden wesentlich bessert und positive Elemente in der Interaktion zunehmen, zeigt sich nach der Entlassung, dass die Mutter sich durch das als Verlassensein empfundene Alleinleben mit dem Kind oft wieder überfordert fühlt. Dann geht sie ungeduldig und ruppig mit ihrer Tochter um, vor allem, wenn diese krank ist. Deshalb braucht es viele unterstützende Maßnahmen wie Haushaltshilfe, Sozialpädagogische Familienhilfe, einen guten Kindergarten und eine Patenfamilie, um das Zusammenleben ohne ständige Gefährdung durch Überlastung der Mutter zu ermöglichen. In einer krisenhaften Zuspitzung wird die Herausnahme des Kindes diskutiert. In der Folgezeit zeigt sich aber, dass das Schlimmste überstanden ist. Die Mutter kann ruhiger und reflektierter mit ihrer Tochter umgehen und im Zusammenleben mehr Positives empfinden. Auch weiterhin ist viel Unterstützung notwendig. Inzwischen ist die Tochter zu einer gut entwickelten Fünfjährigen herangewachsen, auf die die Mutter sehr stolz ist.