Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Heilpädagogische Tagespflege – Bericht einer Tagesmutter

von Leonie Wallenta

In einer Zeitschrift fand ich unter der Rubrik „Kinder/Betreuung“ eine Annonce, die mein Interesse weckte: die Eltern des acht Monate alten Till suchten für ihn eine Tagesmutter. Till ist ein Kind mit Down-Syndrom (fälschlicherweise auch als „Mongoloismus“ bezeichnet). Da ich zum damaligen Zeitpunkt nicht nur arbeitslos, sondern auch von der pädagogischen Arbeit in staatlichen Einrichtungen reichlich desillusioniert war, sah ich diesen möglichen Einstieg in den Bereich Tagespflege als sinnvolle Alternative für mich. Ich nahm mit Till und seinen Eltern Kontakt auf und wir waren uns sofort sympathisch – damit begann meine „Karriere“ als Tagesmutter.

Da Tills Eltern nicht unter dem Druck standen, ihr Kind sofort stundenlang „in fremde Hände“ zu geben, konnten wir uns viel Zeit zum gegenseitigen Kennenlernen nehmen. Durch intensive Gespräche und häufige Besuche wurde ich mit der häuslichen Situation des Kindes und den (Erziehungs-)Vorstellungen der Eltern vertraut. Zunächst begleitete ich Till in Anwesenheit seiner Eltern zur Krankengymnastik und zur Hörtherapie und betreute ihn nur wenige Stunden pro Woche alleine. In meiner Freizeit informierte ich mich mit Hilfe von Literatur über die Behinderung „Down-Syndrom“ und besuchte Veranstaltungen und Treffen zum Thema (teilweise gemeinsam mit Tills Eltern). Ganz allmählich steigerten wir die Betreuungszeiten. Zwischen Till und mir entwickelte sich eine sehr intensive und liebevolle Beziehung, so daß Till mich ziemlich problemlos als Tagesmutter akzeptierte.

Etwa neun Monate lang war Till bei mir in Tageseinzelpflege, danach gründete ich zusammen mit einer Psychologin eine Tagesgroßpflegestelle in angemieteten Räumen. Dort betreuten wir außer Till noch ein weiteres Kind mit Down-Syndrom und vier (später sechs) nichtbehinderte Kinder im Alter von ein bis zwei Jahren. Schwerpunkt unserer Arbeit war die Integration der beiden behinderten Kinder. Diese sollten gemeinsam mit den Kindern aus ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld aufwachsen und nicht in eine Sondereinrichtung „abgeschoben“ werden. Für Till schien dieser Entschluß jedoch verfrüht und ich war zunächst überwiegend damit beschäftigt, ihn zu trösten: musste er sich jetzt nicht nur stundenlang von seinen Eltern trennen, sondern auch noch mich mit so vielen anderen in einer so fremden Umgebung „teilen“.

Die erste Zeit war für Till, seine Eltern, meine Kollegin und mich sehr schwierig und wir (ver-)zweifelten immer wieder an unserem Entschluß. Aber nach ca. 2-3 Monaten war das Schlimmste überstanden und Till fing an, Spaß an der Sache zu entwickeln. Er kam jetzt in der Regel gerne in die Gruppe und beteiligte sich aktiv am Geschehen. Da Till schwerhörig ist, war es für seine Eltern möglich, aufgrund dieser Zusatzbehinderung stundenweise eine Einzelfallhelferin in Anspruch zu nehmen. Diese sollte Till zu den Therapien begleiten und meine Kollegin und mich praktisch und beratend in unserer Arbeit unterstützen. Die Zusammenarbeit brachte am Anfang jedoch viele Schwierigkeiten mit sich. So musste ich u.a. erst einmal lernen, Till „loszulassen“. Die Einzelfallhelferin musste lernen, nicht nur Till alleine, sondern ihn in der Gesamtgruppe zu sehen und zu unterstützen. Viele klärende Gespräche und viel gegenseitige Akzeptanz waren erforderlich, um eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der wir uns alle wohl fühlten.

Außer den regelmäßig stattfindenden Teambesprechungen und Elternabenden führten meine Kollegin und ich häufig zusätzliche Gespräche mit den Eltern der behinderten Kinder und nahmen an Abendseminaren zum Thema „Integration“ teil. Beide behinderten Kinder entwickelten (bzw. entwickeln) sich prächtig; sie waren nie Außenseiter in der Gruppe und sind in ihrem sozialen Umfeld so integriert, wie wir uns das erhofft hatten. Auch wenn die integrative Arbeit ein hohes Maß an Engagement, Verantwortungsbereitschaft und psychischer Belastbarkeit erforderte, so hat sie mir doch sehr viel Freude gemacht und sich positiv auf alle Beteiligten ausgewirkt.

Leonie Wallenta ist Diplom-Sozialpädagogin und hat als Tagesmutter in Berlin gearbeitet