Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Warum schreit mein Baby so?

Drei-Monats-Koliken – Lassen sie sich durch eine besondere Ernährung vermeiden?

von Bettina Salis

„Ich bin jetzt schon ganz frustriert, wenn ich daran denke, dass ich nach der Geburt nichts mehr essen darf, was lecker ist.“ Das sagt eine Schwangere, in Erwartung der Drei-Monats-Koliken-Zeit, die sie scheinbar unausweichlich auf sich zukommen sieht. Dass Säuglinge in den ersten drei Monaten zu Koliken neigen, scheint Allgemeinwissen zu sein. Dass Stillende keine Zwiebeln, keinen Kohl und keine Bohnen essen sollten, auch. Steht ja in fast jedem Ratgeber. Der Kinderarzt bestätigt diese Diagnose gerne und verschreibt Tropfen gegen Blähungen. Und die Hebamme zeigt der ermatteten Mutter Bauchmassagen für das Baby.

Und? Hilft’s?

„Ich habe nur noch Mohrrüben gegessen. Unser Brot habe ich selbst gebacken, damit garantiert kein Sauerteig drin ist.“ So wie dieser Mutter ergeht es vielen. Anstatt sich ausgewogen zu ernähren, wird immer mehr vom Speiseplan gestrichen: Vollkornprodukte, Milch, Milchprodukte, Zucker, Honig, Nüsse – manche verzichten sogar auf jegliches Obst und Gemüse. Aber alles umsonst! „Dann habe ich alles weggelassen. Und es wurde nicht besser. Ich habe diese Dinge trotzdem nicht wieder gegessen, weil ich Angst hatte, dass das Geschrei dann noch schlimmer wird.“ Auch dies ist kein Einzelfall. Was bleibt ist eine schlechte Ernährung – und ein Koliken-Baby. Und das in einer Zeit, in der die Mutter besonders viele Vitamine, Mineralien und Kohlenhydrate braucht:

Zum Beispiel steigt der Vitamin-C-Bedarf von 107 µg auf 172 µg pro Tag; ohne Obst und Gemüse ist der kaum zu decken. Von Vitamin-B2 (wichtig für die Energiegewinnung und den Zellstoffwechsel) muss fast 50% mehr gegessen werden, statt 1,9 µg täglich 2,9 µg. Dieses Vitamin wird durch Milch und Milchprodukte, sowie Nährhefe und Vollkorn-Produkte aufgenommen, alles Lebensmittel, die die Mutter aus Angst vor Blähungen meidet. Der Vitamin-B12-Bedarf steigt von 3,4 µg auf 4,5 µg täglich (Vitamin-B12-Mangel begünstigt eine Anämie). Er wird durch Fisch, Ei, Milch und Käse gedeckt: Aber auch Milch und Käse stehen oft auf der roten Liste der Stillenden, und häufiger Verzehr von Fisch ist wegen der hohen Belastung mit Schwermetallen und der von Eiern wegen des Fett- und Cholesterin-Gehaltes nicht zu empfehlen. Mit einer reinen „Karotten-Kartoffel-Diät“ – wie sie unter stillenden Frauen verbreitet ist – lässt sich dieser Mehrbedarf nicht decken.

Etwa 8% bis 40% (die Zahlen schwanken und sind abhängig von der Definition der jeweiligen Statistik) der Säuglinge leiden unter diesen Drei-Monats-Koliken. Der Begriff „Kolik“ stammt von dem griechischen Wort „kolos“, was soviel heißt wie: am Darm leiden. Babys, die in den ersten Lebensmonaten weinen, machen in der Tat den Eindruck, dass sie „am Darm leiden“. Sie haben einen prallen, festen Bauch, einen roten Kopf, ziehen die Beinchen an und machen ein schmerzverzerrtes Gesicht. Sie weinen untröstlich! Nach einer Massage gehen nicht selten Winde ab. Typischerweise treten diese Koliken meistens in den frühen Abend- bis Nachtstunden auf.

Diese bekannten Symptome sind jedoch eher die Folge des Weinens, als seine Ursache: Beim Schreien schlucken die Kleinen Luft, die dann tatsächlich zusätzlich Bauchdrücken verursachen kann. Andererseits bereitet vielen Babys Luft im Bauch gar keine Probleme. Einige Studien ergaben, dass unter den „Blähungs-Babys“ nur 3% bis 5% mit echten Darm-Koliken sind.

Auch die Wissenschaftler der „Münchner Sprechstunde für Schreibabys“ haben das Koliken-Phänomen untersucht. Sie kommen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Verdauung beim untröstlichen Schreien nur eine untergeordnete Rolle spielt. Auch eine häufig angenommene Kuhmilch-Unverträglichkeit konnte durch die Untersuchungen nicht bestätigt werden. Vielmehr liegt das Schreiproblem eher an einer Unreife der Verhaltensregulation und des neuro-motorischen Bereiches. Besonders auffällig war der Zusammenhang zwischen einer erheblichen psycho-sozialen Belastung der Mütter –zum Beispiel Ängste während der Schwangerschaft oder auch durch eine Wochenbett-Depression – und dem Schreiverhalten der Kinder.

Obwohl diese Erkenntnisse nicht mehr ganz neu sind, und außerdem seit mindestens 15 Jahren Studien vorliegen, die darauf hinweisen, dass auch die Gabe entschäumender Arzneien (Lefax, Sab Simplex u.a.) den Babys keine Erleichterung verschafft, hält sich hartnäckig das Gerücht der Baby-Blähungen, die sich durch entsprechende Maßnahmen lindern ließen, wenn nicht sogar beheben. Immerhin erhält etwa ein Drittel der Säuglinge Medikamente gegen Blähungen. Kommt es zu keiner Besserung, wird nicht selten schlicht die Dosis erhöht. Zwar berichteten einige Mütter, das Schreien habe nach Gabe dieser Medikamente nachgelassen; unter ihnen waren aber auch diejenigen, deren Babys lediglich Placebos erhalten hatten.

Da die Probleme des Babys also nicht in erster Linie Blähungen sind, bekommt es durch eine „falsche“ Ernährung der Mutter also auch kein Bauchweh. Stillende Frauen sollten sich unbesorgt ausgewogen ernähren. Steht tatsächlich einmal ein Lebensmittel in dem Verdacht, dem Baby Probleme zu bereiten, dann sollte es für drei Tage vom Speiseplan gestrichen werden. Ändert sich an dem Schreiverhalten des Babys nichts, dann war es auch nicht die Ursache für das Gebrüll und kann wieder gegessen werden.

In erster Linie hat das untröstlich weinende Baby Probleme mit seiner Regulationsfähigkeit: damit, sich dem äußeren 24-Stunden-Rhythmus anzupassen, einen Schlaf-Wach-Rhythmus zu finden und sich selbst zu beruhigen. Dazu benötigt es Unterstützung von seinen Eltern – und diese wiederum von Ärzten und Hebammen zum Beispiel. Dabei sollten folgende Punkte berücksichtigt werden:

  • Das Baby braucht eine vorhersehbare Struktur, die sich in einem geregelten Tagesablauf und in fest etablierten Ritualen zeigen kann.
  • Durch körperlichen Halt findet das Baby, das außer sich ist, wieder zu sich; zum Beispiel durch Tragen im Tuch oder Puck-Wickeln, zum Beispiel das Kind in ein Molton-Tuch einschlagen.
  • Viele Koliken-Babys sind durch die pausenlosen Versuche der Eltern, sie zu beruhigen, restlos überreizt. Eine Reduktion der Reize ist enorm wichtig. Eltern sollten sich für maximal ein oder zwei Beruhigungs-Formeln entscheiden – mehr nicht!
  • Die Mutter muss entlastet werden! Viele sind bis an die psychische und physische Grenze erschöpft. So sehr, dass sie auch im natürlichen Umgang mit dem Baby verunsichert sind.
  • Entlastend ist es auch, wenn die Eltern die „kritischen Stunden“ annehmen und zu der bekannten Tageszeit regelmäßig einen Spaziergang machen (Kinderwagen oder Tuch), oder sich ganz ruhig in der Wohnung zurückziehen.
  • Außerdem sollten die Eltern wissen, dass es nicht ihr Versagen ist, dass ihr Baby weint, sondern dass ihr Baby Probleme hat zur Ruhe zu kommen und dabei ihre Unterstützung braucht.
  • Und ganz entscheidend ist, dass die Eltern lernen, das Baby so zu akzeptieren, wie es ist.

Die Literaturliste ist über die Geschäftsstelle erhältlich.

Bettina Salis ist Journalistin und Hebamme in Hamburg

Salis, Bettina und Muir, Claudia
Was stillende Mütter essen sollen
Rowohlt, 1997

Salis, Bettina
Warum schreit mein Baby so?
Rowohlt, erscheint Sommer 2000