Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Ernährungsberatung in der Praxis

von Christa Dittmer

Ernährungsberatung für Säuglinge und Kleinkinder muss den engen Zusammenhang zwischen bedarfsgerechter, qualitativ hochwertiger Ernährung, optimalen Entwicklungschancen und möglicher lebenslanger Gesundheit vermitteln. Gerade in diesem Lebensabschnitt ist das Bemühen der Eltern um Gesundheit und normale Entwicklung ihrer Kinder besonders groß und damit auch beeinflussbar.

Zur Orientierung klären die von Gerhard Schöch dargestellten Grundsätze zwar den Bedarf, doch es bleibt die individuelle Ernährungsberatung für die Entwicklung eine zusätzliche Notwendigkeit. Dabei ist trotz oder sogar gerade wegen der Vielfalt industriell optimierter Fertignahrungen die Beratung im Einzelfall von oft Ausschlag gebender Bedeutung. Auf die so wichtige erste Ernährungsphase des jungen Säuglings, ausschließlich durch Stillen oder Flaschennahrung, ist mit zahlreichen praktischen Hinweisen auf das Stillen Skadi Springer bereits eingegangen. Der Stillphase folgt etwa ab fünftem Lebensmonat die Beikostphase, in der zuerst zugefüttert, später etappenweise ganze Milchmahlzeiten durch Breie ersetzt werden.

Und wie ist das alles in der Praxis?

Entscheidend für den individuellen Bedarf ist neben dem kindlichen Entwicklungsstand auch die Familiensituation, in die das Kind hinein geboren wurde. Das gilt besonders für die Beikostphase, in der frühestens im 5. Lebensmonat neben den ausgewiesenen Breien später auch Obstspeisen, Desserts und Säfte angeboten werden. Dabei sind die eigenen Geschmacksempfindungen des Säuglings schon sehr rasch erkennbar, denen im Rahmen einer altersgerechten Auswahl durchaus gefolgt werden kann. Sie sind noch nicht mit den strapazierten Empfindungen des Erwachsenen identisch.

Breinahrung wird grundsätzlich mit dem Löffel gefüttert, wozu sich der Saugreflex erst allmäh-lich abschwächen muss. Erst wenn sich die Mundmotorik und die Kopfkontrolle ausgebildet haben, wird Schlucken ohne ständiges „Nachstopfen“ möglich und das Breiessen geschieht mit Appetit und sichtbarer Zufriedenheit. Der Brei soll nur lauwarm sein.

Trotzdem ist beides gewöhnungsbedürftig – der Löffel und der Brei. Anfängliche Schwierigkeiten gehören dazu und erfordern Geduld. Meist dauert es mehrere Tage, bis selbst kleine Mengen im Mund behalten und gleich geschluckt werden. Ein Eierlöffel ist weich und begrenzt anfänglich die zu bewältigende Menge. Begonnen wird zweckmäßig mit Karottenmus oder geschlagener Banane, auch geriebener reifer Apfel kann es sein. Und so wächst allmählich die zugefütterte Menge, bis eine ganze Breimahlzeit erreicht ist.

Wie sieht er aus, der erste Brei?

Die erste Breimahlzeit soll aus Gemüse und Kartoffeln bestehen und vor allem Fleisch enthalten, weil nur damit die erforderliche Eisenmenge – wichtig für die Blutbildung! – zugeführt und im Darm resorbiert werden kann. Rezepturen zur Selbstherstellung gibt es; vor einem Entschluss dazu ist aber zu bedenken, dass Selbstherstellung nicht nur Zeit raubt, sondern die einzelnen Bestandteile trotz aller Auswahl und Sorgfalt dabei nicht sicher schadstofffrei zu sein brauchen und auch der Gehalt an Nährstoffen, Vitaminen und Mineralien bleibt unsicher. Deshalb sind die ausgewogenen Fertigprodukte mit ihren einfachen Rezepturen: Karotten, Kartoffeln und mageres Fleisch, fein püriert und ohne Salz und Zucker als „Babymenü“ durchaus empfehlenswert. Wenn das Breiessen erst gelernt ist und schmeckt, muss das angebotene Babymenü nicht gewechselt werden. Erst nach dem 6. Lebensmonat können auch Teigwaren oder Reis und als Gemüse Kohlrabi, Blumenkohl oder zarte Erbsen angeboten werden (Juniormenü).

Weitere Breimahlzeiten folgen Monat für Monat

Für Säuglingsbreie gibt es in Zusammensetzung und altersgemäßer Abfolge wissenschaftlich begründete Empfehlungen des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE), in dessen Broschüren*) auch Rezepte zur Selbstherstellung enthalten sind. Sie sind zwar küchentechnisch einfach, unterliegen jedoch den o.g. Einschränkungen.

Grundsätzlich soll als zweiter ein Vollmilch-Getreide-Brei und als dritter ein nunmehr milchfreier Getreide-Obst-Brei mit Fettzusatz sein – immer zusätzlich zur ersten, fleischhaltigen Breimischung. Industrielle Milch-Getreide-Breie werden in Pulverform in großer altersabhängiger Auswahl angeboten. Die meisten benötigen für die Zubereitung nur abgekochtes Wasser, einige wenige die Zugabe von pasteurisierter Vollmilch (Frischmilchbreie). Dabei kann die Getreideart unterschiedlich sein, wichtig sind aber Eisen, Jod und Vitamine. Der Gehalt an Süßungsmitteln sollte niedrig sein; auf Zutaten wie Nüsse, Schokolade und besonders Aromen sollte für Säuglinge ganz verzichtet werden, um eine unnötige Belastung mit möglichen Allergenen zu vermeiden. Deshalb gehören auch tropische Früchte wie Mango, Maracuya, Papaya grundsätzlich nicht in Säuglingsbreie.

Bei einigen Getreide-Obstbreien kann der Energiegehalt zu niedrig sein und durch Zugabe von einem Teelöffel Raps- oder Sonnenblumenöl pro Breigläschen erhöht werden. Wichtig ist aber, dass die drei Breie nicht untereinander austauschbar sind, um eine vollwertige Kost zu garantieren. Morgens bleibt weiter die Milchmahlzeit, im Tagesablauf folgen die drei sich ergänzenden Breie, wobei sich für den Abend ein Milchbrei empfiehlt, der mit seiner längeren Verweildauer im Magen die Nachtruhe fördert.

Mit dem Durchbruch der ersten Zähne im 6. bis 8. Lebensmonat ist der Übergang auf gröbere Kost möglich, was auch die altersmäßigen Fertigbreie berücksichtigen. Wieviel Zeit allerdings ein Säugling zur Umstellung braucht, ist unterschiedlich, denn auch Kauen will gelernt sein. Letztendlich ist aber eine gute Kaufunktion die Voraussetzung für eine optimale Verdauung.

Der Übergang zur Familienkost erfolgt allmählich

Mit freiem Sitzen und dem Selberfassen des Löffels kann das Essensangebot auch fester werden. Brothäppchen ohne Kruste mit wechselndem, aber nicht unbedingt süßem! Aufstrich. Der Geschmack darf entscheiden, ob es magere Streichwurst oder Schmelzkäse sein soll. Milchgetränke und Obst können ergänzen; fertige „Kleinkindermilch“ ist wegen der Zusätze von Eisen, Vitaminen, Spurenelementen und vielleicht Probiotika (vgl.unten) empfehlenswert.

Für die zunehmende Angleichung gibt es wechselndes Gemüse mit Fleisch, auch mal grätenfreien! Fisch, und Kartoffeln abwechselnd mit Teigwaren oder Reis, alles wenig gewürzt als Mittagsmahlzeit. Der Vollkorn-Früchte-Brei kann durch Zwischengaben von Joghurt mit Getreideflocken als Müsli mit Obst oder auch zartem Gemüse abgelöst werden. Und das Ende der Säuglingszeit wird komplettiert, wenn aus der Tasse getrunken und die Familienkost mitgegessen werden.

Und was wird zusätzlich getrunken?

Die veränderte Kost macht jetzt zusätzliche Getränke zum Durstlöschen notwendig. Dazu ist Leitungswasser oder ein „stilles“ Mineralwasser sehr geeignet, wenn auch Kräuter- oder Früchtetee wesentlich beliebter sind. Wichtig nur, dass alle diese Getränke zuckerfrei! sind, um eine frühe Zahnschädigung durch Karies zu vermeiden. Unverdünnte Obstsäfte, besonders aber Limonaden, oder gar Colagetränke sind zum Durst stillen ungeeignet. Es ist auch eine Unsitte, Kleinkinder ständig an Tee- oder Saftflaschen nuckeln zu lassen. Auch das schädigt die Zähne.

Auch die Kleinkindernährung ist wichtig

Sie schließt am Ende der Säuglingszeit als „optimierte Mischkost“*) an, die mit großem Vorteil für eine stabile Gesundheit am besten lebenslang beibehalten werden sollte. Diese Mischkost enthält Milch und ihre Produkte; dann Obst, Gemüse, Kartoffeln und natürlich Brot. Bei Kleinkindern muss dabei die „Nährstoffdichte“ mit obligatem Gehalt an essentiellen, zufuhrpflichtigen Nährstoffen altersentsprechend beachtet werden. Was und wieviel im Einzelnen bietet die FKE-Broschüre an *). Kleinkinder können auf „süß“ geprägt werden – ein Problem, das leicht übersehen wird. Problem deshalb, weil es die Essgewohnheiten entscheidend und damit ungünstig beeinflussen kann. Zwar sind Süßigkeiten rasch nutzbare Energieträger, doch die Fixierung darauf bringt die so wichtige gesunderhaltende Mischkost ins Hintertreffen. Gerade Gewohnheiten wie Süßigkeiten als regelmäßige Belohnung oder auch das „Versüßen“ von „Ängsten und Schmerzen schadet mehr als dass es nützt – und besonders abends nach dem Zähneputzen sind Süßigkeiten grundsätzlich tabu!

Kinderlebensmittel

Die Fragen danach häufen sich, weil zunehmend „Lebensmittel für Kleinkinder“ als Fertigprodukte angeboten werden. Sie stellen als Fortführung von Säuglingsnahrungen ein nicht explizit ausgewogenes Mischkostangebot dar, das aus ernährungsphysiologischer Sicht keine besonderen Vorteile bietet, weil auf einen ausgewogenen Tagesernährungsplan verzichtet wird. Sie sind passend portioniert, auch optisch kindgerecht aufgemacht, weil ja das Auge bekanntlich mit isst und sie vereinfachen die tägliche Abwechslung – sind also bequem, aber eben auch teurer. Abwechslung kann man aber auch mit herkömmlichen Lebensmitteln und ein bisschen bunter Dekoration auf dem Teller bieten. Schon Kleinkinder lassen sich davon begeistern und erleben das Essen dann als Vergnügen.

Probiotische Milchnahrung auch für Kleinkinder

Probiotika sind lebende und als Darmflora nützliche Mikroorganismen, die als Beigabe zu Milchnahrungen im Darm wirken. Dazu werden Milchsäure-(Bifido-)bakterien der Fertignahrung zugesetzt, so wie auch fermentierten Milchprodukten wie Joghurt, in der Erwartung, dass sich diese Bakterien im Darm vermehren und die Darmflora in Annäherung an die stabile Bifidoflora des gestillten Säuglings günstig beeinflussen. Erwartet wird, dass dadurch Durchfallerkrankungen aber auch Verstopfungen vermieden werden können. Und es kann schon bei nicht oder nur kurze Zeit gestillten Kindern eine Vorbeugung mit probiotischen Nahrungen durchaus wirkungsvoll sein.

Inzwischen gibt es neben Zusätzen bei Säuglingsnahrungen auch entsprechende Angebote für Kleinkinder, bei denen sich eine analoge Wirkung hat nachweisen lassen. So bleibt die Ernährung ein wichtiges Beratungsmoment im Entwicklungsalter und dem Kinderarzt die schöne Aufgabe, bei jeder Vorstellung des Kindes die Ernährung zu erfragen und zu beraten. Wichtig ist, dabei jedes Dogma und ärgerlichen Zwist zu vermeiden, weil es vielfältige Möglichkeiten gibt, die Ernährung den individuellen Lebensbedingungen anzupassen. Wichtig ist auch, dass zum Essen nicht gezwungen wird, denn sowohl das Füttern als auch die allmähliche Selbständigkeit beim Essen und Trinken soll Spaß machen – in diesem Sinn: Guten Appetit!

Dr.Christa Dittmer, Oberärztin für Gastroenterologie, Ernährung und Stoffwechsel an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Carl-Thiem-Klinikum Cottbus

*) Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund:
– „Empfehlungen für die Ernährung von Säuglingen, Februar 1996

– „Empfehlungen für die Ernährung von Klein- und Schulkindern“, die „Optimierte Mischkost“, Dezember 1994