Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Interdisziplinäre Sozialpädiatrische Versorgung

von Hubertus von Voß

Die Probleme von Kindern und Jugendlichen in den vor uns liegenden Jahren sind offenbar. In der kinderärztlichen Praxis muß neben einer individualmedizinischen Arbeit ein Denken einsetzen, auch psychosoziale Anliegen von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien zu lösen, diese Anliegen aber auch in einem größeren Zusammenhang zu sehen und in Beziehung zu „Public Health“ und einer sich entwickelnden Gesundheitswissenschaft zu setzen. Kein Zweifel – Fürsorge um Kinder mit hohem Risiko wird so aktuell werden, wie wir es uns bislang in unserem Wohlstand kaum vorstellen konnten: vernachlässigte Kinder, Kinder und Jugendliche nach Mißhandlung, Kinder und Jugendliche auf der Straße ohne ein Dach über dem Kopf, benachteiligte Kinder von Familien anderer nationaler Herkunft, Kinder und Jugendliche, denen Impfschutz versagt wird, ehemals extrem untergewichtige Frühgeborene, Kinder mit Langzeitpflege und Beatmung, Kinder psychisch kranker Mütter, Kinder nach Schädel-Hirn-Wirbelsäulentraumen mit bleibenden schweren Schädigungen und schließlich auch depressive Kinder und Jugendliche ohne Zukunftshoffnungen. Weitere Beispiele von gefährdeten Gruppierungen und Kindern könnten wir mühelos benennen. Die so in ihrer Entwicklung gefährdeten Kinder und Jugendlichen warten auf ein sich vernetzendes Konzept von Hilfen, koordiniert durch Kinderärzte.

Eines ist sicher: Wir müssen mehr unsere Fühler zu Partnern ausstrecken, die uns bei dieser schwierigen Arbeit aufgrund ihrer Kompetenz helfen könnten. Ich meine z.B. die Psychologen, Therapeuten verschiedenster Fachrichtungen, Heilpädagogen, Sozialpädagogen, Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychotherapie, unsere Kollegen im Öffentlichen Gesundheitsdienst, Fachleute in Sozial- und Jugendämtern, Beratungs- und Anlaufstellen. Auch unsre noch immer erkennbaren Berührungsänste zu Elternselbsthilfegruppen müssen wir abbauen. Wir brauchen doch die Eltern als unsere Partner, wenn wir das Kindeswohl erhalten oder verbessern wollen.Wie können wir weiterkommen? Wir können einen Beitrag zur Würde und dem Erhalte der Würde unsrer Kinder dann leiten, wenn es uns gelingt, von zentrifugalen zu zentripetalen Arbeitskonzepten zu gelangen. Das durch Krankheit oder Behinderung bedrohte Kind und der ebenso gefährdete Jugendliche profitieren dann von unserer Arbeit, wenn wir sie in einem von uns zu schließenden Kreis mehr denn je in den Mittelpunkt dieses Kreises stellen.Wir werden dabei lernen müssen, daß uns weit mehr Möglichkeiten der effektiven Hilfe dann offenstehen, wenn es uns gelingt, mehr Multiprofessionalität und Interdisziplinarität zu praktizieren. Wer zu solchen Kooperationen nicht bereit ist, wird die Zukunft für unsre Kinder und Jugendlichen weder präventiv noch kurativ gestalten können.

Was bedeutet eine solche Forderung letztendlich zum Erhalt der Würde unserer Kinder und Jugendlicher? Sozialpädiatrie muß in den nächsten Jahren gemeinsam mit der Kinderheilkunde und Jugendmedizin die kinderärztliche Versorgung, aber auch Forschung voranbringen. Sie muß sich vor allem auch psychosozialen Fragestellungen und deren Erforschung zuwenden. solches geschieht bereits, aber noch an zu wenigen Orten in Deutschland. 10 – 20 % unserer Kinder und Jugendlicher mit chronischen Krankheiten bzw. Behinderungen warten mit ihren Familien auf eine sich so noch weiter verdichtende Zusammenarbeit.Sozialpädiatrie – ein bürgernahes VersorgungskonzeptWenn bei 10 – 20 % aller Kinder und Jugendlichen im Alter unter 18 Jahren chronische Erkrankungen und Behinderungen vorhanden sind und rund 5 – 6 % dieser Kinder einer ständigen Versorgung, 0,1 % der betroffenen einer Rund-um-die-Uhr-Versorgung bedürfen, dann wird offenkundig, daß Szialpädiatrische Zentren zur Erfüllung eines so komplexen diagnostischen, therapeutischen und rehabilitativen Auftrages in Deutschland in ausreichender Zahl verfügbar sein müssen. Es kann darüber hinaus kein Zweifel sein, daß Eltern durch die chronische Erkrankung und/oder Behinderung bei ihren Kindern und Jugendlichen selbst in ihrer Lebensplanung beeinflußt, ein großer Teil von ihnen sogar schwerst traumatisiert werden.Rund 80 Sozialpädiatrische Zentren erfüllen derzeit unter ärztlicher Leitung einen Behandlungsauftrag, der die Einbeziehung der Familien in die Therapie als konzeptionellen Schwerpunkt ausweist. Ein hoher Anteil an psychotherpeutischen, psychosozialen und rehabilitativen Interventionen wird in solchen Sozialpädaiatrischen Zentren vorgehalten.

Wie in kaum anderen Strukturen des Gesundheitssystems kommen gerade in sozialpädatrischen Zentren unterschiedlichste Berufsgruppen zusammen, um die spezifischen Bedürfnisse eines Kindes oder eines Jugendlichen im Hinblick auf Diagnostik, Therapie und Rehabilitation tatsächlich erfüllen zu können. In den letzten rund 10 Jahren hat sich ein Wandel im Bewußtsein von Kinderärztinnen und Kinderärzten landauf und landab eingestellt. Man erkennt zunehmend, daß insbesondere bei vorhandener Entwicklungsstörung, chronischer Krankheit oder Behinderung Kinder und Jugendliche nicht segmental und damit sektoriell betrachtet werden dürfen. Bei den besonderen Problemen bedürfen sie eins mulitprofessionellen Arbeitskonzeptes.Die bisherige Erfahrung bei der Behandlung von so betroffenen Kindern und Jugendlichen und ihren Familien hat deutlich mache können, daß zunächst sehr differenziert das spezifische Störungsbild oder die spezifische Behinderung definiert werden müssen, dann aber ein Konzept sich durchsetzen muß, welches die in jedem Kind und in jedem Jugendlichen vorhandenen Ressourcen für den Aufbau von neuen Fähigkeiten nutzen muß.

Wie definieren wir also ein bürgernahes sozialpädaiatrisches Versorgungskonzept? Folgende Antwort möchte ich erteilen:(1) In sozialpädiatrischen Zentren werden heute interdisziplinäre und multiprofessionelle diagnostische und therapeutische Konzepte realisiert.(2) In sozialpädiatrischen Zentren verzichten die einzelnen Berufsgruppen auf eine berufliche Profilierung durch Abgrenzung gegenüber anderen Berufsgruppen.(3) In sozialpädiatrischen Zentren wird der an vielen Stellen geglückte Versuch unternommen, im Teamgedanken die tatsächlich vorhandenen Probleme, Entwicklungsprobleme, Probleme durch Behinderung bei Kindern, Jugendlichen und ihren Familien zu lösen. Vor allem wird das Profil der abgelaufenen Entwicklung analysiert, also Stärken und Schwächen.(4) In sozialpädiatrischen Zentren wird nicht nur modernste medizinische Diagnostik zur Anwendung gebracht und damit hochdifferenzierte Diagnostik im Hörbereich und Sehbereich oder Einsatz bildgebender Verfahren wie Kernspintomographie, oder der Einsatz hochdifferenzierter Laboruntersuchungen bis hin zur Molekulargenetik, sondern auch Diagnostik durch Psychologen, ja auch Heilpädagogen, Sozialpädagogen und Therapeuten.In sozialpädiatrischen Zentren wird die Tatsache berücksichtigt, daß Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen durch zusätzliche soziale Probleme, Probleme in der Familie und Ehe ihrer Eltern, einen weit schwierigeren Lebensweg vor sich haben, als alle anderen Kinder und Jugendliche ohne solche Probleme. Es geht also um die soziale Betroffenheit, um die emotionale Betroffenheit, um die Betroffenheit durch Abhängigkeit von ständiger Pflege und Umsorgung und um die Betroffenheit durch die Erkrankung selbst, die schließlich wegen des Schweregrades eine erhebliche Bedrohung für die zukünftige Entwicklung solcher Kinder und ihrer Familien darstellt. Kein Zweifel also, Sozialpädiatrie und damit die moderne Kinderheilkunde und Jugendmedizin unsrer Zeit, unter Einschluß sozialmedizinischer Aspekte zur Lebenswelt dieser Kinder, prägt die Arbeit in bürgernah orientierten Sozialpädiatrischen Zentren.

Es ist zu einem Wandel der Kinderheilkunde und Jugendmedizin in Deutschland gekommen. Wir können es ablesen an rund 150.000 Kindern und Jugendlichen, die derzeit jährlich in diesen 80 Sozialpädiatrischen Zentren versorgt werden. Es wird aber häufig vergessen, daß hier auch die Eltern Anfragen haben, Eltern mit Sorgen anklopfen und somit die Hilfestellung sich auch auf die Eltern ausweitet. Sie muß sich sogar ausweiten, will man tatsächlich rehabilitieren und will man so weit gelangen, daß ein großer Teil dieser so betroffenen Kinder und Jugendlichen dann tatsächlich auch integriert werden.Wer also Krankheit nicht isoliert und damit nicht nur organbezogen betrachten will – dies entspricht übrigens nicht dem Menschenbild unsrer Zeit – der muß wissen, daß ein hoher Einsatz an Fachwissen, aber auch an Finanzmitteln notwendig ist, um solche komplexen diagnostischen, therapeutischen und rehabilitativen Aufträge tatsächlich erfüllen zu können.

Prof. Dr. Dr. h.c. Hubertus von Voß ist Direktor des Kinderzentrums München und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin