Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Frühe Kindheit und Persönlichkeitsentwicklung: Naturgesetz oder erlebte Geschichte?

von Prof. Franz Resch

Wir leben in einer Welt der Unüberschaubarkeit. Wir hegen Hoffnungen eines vereinten Europa, an dessen Rändern allerdings bewaffnete Konflikte toben. Die Weltwirtschaft wird täglich an Krisenherden reicher: wirtschaftliche Erfolge und technische Errungenschaften werfen Schatten sozialer Mißstände. Die Öffentlichkeit ist aufgeregt: beklagt wird ein Werteverlust des postmodernen Informationszeitalters. Gewalt in der Schule, bewaffente Kids, Respektlosigkeit, Drogenabusus, Haltlosigkeit und Vergnügungssucht werden unseren Kindern und Jugendlichen attestiert. Bronfenbrenner, ein berühmter amerikanischer Sozialforscher, beklagt zunehmenden Zynismus, Desillusionierung und Mangel an gegenseitigem Vertrauen bei jungen Erwachsenen (Bronfenbrenner).

Die Kriminalitätszahlen bei Minderjährigen steigen. Der Aktivitätsschwerpunkt bei durch unter 21jährige begangenen Gewalttaten liegt bei Sachbeschädigung und Körperverletzung. Diebstahl ist nach wie vor das für die Jugenddelinquenz typische Delikt. Straftaten bei Kindern nahmen in Baden-Württemberg von 1996 auf 1997 um etwa 10% bei deutschen und nichtdeutschen Kindern zu, bei Jugendlichen um 5,5%. Bei deutschen Jugendlichen liegt die Steigerung fünfmal höher als bei ausländischen (Landeskriminalamt 1997). Was ist mit unseren Kids los?

Pädagogen, Soziologen, Psychologen und andere Sozialwissenschaftler suchen nach Erklärungsmodellen, aber dort wo die Ursachengefüge komplex sind, gestaltet sich diese Suche schwierig. Triviale Lösungen bieten sich nicht an!

Was können wir Mediziner zu dieser Diskussion beitragen? Wir sind der Natur-wissenschaft verpflichtet. Aber als Seelenärzte haben wir doch eine Sonderstellung, denn im Rahmen der Naturwissenschaft, inmitten von Genen, neuronalen Netz-werken, Transmittern und Interleukinen stehen wir bald an einer Grenze, die uns den Blick in die Tiefe des menschlichen Wesens verwehrt. Wir versuchen eine integrative Sicht zu gewinnen, die ebenso berücksichtigt, daß der Mensch biologische Ressourcen und Grenzen in seiner neuralen Ausstattung aufweist, wie er auch als soziales Wesen von Zuwendung und Fürsorge liebevoller Bezugspersonen abhängig ist. Jeder Mensch hat nicht nur seine Natur – er ist nicht nur Natur -, er hat auch Geschichte, erlebte, in Erfahrung und Weltbild auskristallisierte Geschichte, im Gedächtnis repräsentierte, in neuen Entscheidungs- und Anpassungsprozessen vergegenwärtigte Geschichte, das ist der Ausgangspunkt (Resch 1998 a).

Wie lautet das angesprochene Problem? Wir erkennen Verhaltensänderungen und Regelbrüche bei unseren Kindern und Jugendlichen. Wir fragen uns, ob diese Phänomene aus ihrer Natur oder ihrer Lebensgeschichte ableitbar sind.

Wir sehen immer nur die Spitze des Eisberges, wir hören die Horrormeldungen.

Wie sehen denn Mütter im allgemeinen ihre Kinder? Wie verhält sich denn das normale Kind von heute? In einer großen epidemiologischen Untersuchung an Einschulungskindern des Jahres 1996 mit einem Fragebogen zu Verhaltens-auffälligkeiten – dem etablierten in mehrere Sprachen übersetzten Instrument der Child Behavior Check List – konnten wir an 4363 Kindern des Rhein-Neckar-Kreises im Sinne einer repräsentativen Umfrage folgende Verhaltensmerkmale festmachen: 77% aller Kinder wurden von ihren Müttern so eingeschätzt, daß sie viel streiten und widersprechen, 54%, daß sie viel Beachtung verlangen.

Etwa ein Drittel der Kinder wird als unkonzentriert, impulsiv und zu redefreudig eingeschätzt. Kinder produzieren sich und haben Wutausbrüche. Es wird deutlich, daß diese Verhaltensmerkmale bei Jungen signifikant häufiger festgestellt werden als bei Mädchen (Haffner et al.).

Das Gesamtbild typischer Eigenschaften und Verhaltensmuster heutiger Einschulungskinder aus Sicht der Eltern kann wie folgt festgemacht werden: In positiver Weise formuliert erscheinen heute 6jährige Kinder durchsetzungsfähig. Sie besitzen einen hohen Grad an Selbstbehauptung. Sie sind in der Vertretung ihrer Interessen willensstark, fordernd, streitbar, aktiv, beweglich und reizoffen. In negativer Formulierung erscheinen sie ichbezogen, sozial und emotional unsicher, egozentrisch. Sie besitzen eine geringe Frustrationstoleranz, haben Probleme mit Regeln, ihre Selbstkontrolle ist eingeschränkt, und sie haben eine schlechte Impuls- und Aufmersamkeitssteuerung.

Zusammenfassend läßt sich also eine veränderte Normalität der kindlichen Entwicklung in einem vorläufigen Resumee unserer Untersuchung ziehen: Kinder erscheinen den Erwachsenen heute vermehrt als eigenwillig und eigensinnig, sie zeigen häufiger ein ausgeprägtes Konkurrenzverhalten, erweisen sich als aktiv bis an die Grenze zu störenden und auffälligen Verhaltensmustern. Sie konfrontieren die soziale Interaktion mit einer hohen Anspruchshaltung sowie erhöhter emotionaler Bedürftigkeit und bringen dabei eine erkennbar geringere Anpassungsleistung auf.

Woher kommt das? Wie läßt sich das hohe Ausmaß expansiver Verhaltensstile und Verhaltensauffälligkeiten erklären? Können wir solche Stile überhaupt als Störung definieren, wenn sie so häufig auftreten?

Die Gesamtkurve der Verhaltensauffälligkeiten zeigt eine rechtsschiefe Verteilung.

Die häufigste Nennung sind fünf bis zehn Punkte. Gar keine Verhaltensprobleme zu haben, ist offenbar unüblich, und wir erkennen eine zunehmende Verdünnungsrreihe in Richtung Extremwerte. Kategoriale Einteilungen in gesund und krank können also nur künstlich gemacht werden. Wir finden fließende Übergänge, leichtere Verhaltensprobleme sind immer häufiger als schwerere.

Eine differenzierte dimensionale Betrachtung erscheint angezeigt. Wir dürfen unsere heutigen Kinder nicht pathologisieren, aber wir dürfen uns fragen, was ein veränderter Verhaltensstil bei unseren Kindern bedeutet.

Nehmen wir Kinder mit extremen Ausmaßen an Verhaltensproblemen. Wie lassen sich solche expansive Vehaltensauffälligkeiten verstehen und erklären. Sind sie Folge eines genetischen Problems, sind sie Folgen eines Problems der Hirnreifung? Sind sie ein emotionales Problem, ein Beziehungsproblem, ein familiäres Problem? Stellen solche Verhaltensweisen ein Problem der Auseinandersetzung mit Regeln, Normen und Grenzen dar? Spiegeln sie eine Veränderung der Erziehungshaltung in Familien wider oder kennzeichnen sie eine Veränderung in der Gesellschaft? Natur oder Geschichte? Ist die Frage vielleicht falsch gestellt?

Wenn ein junger Mensch unbeherrscht und ungezügelt ist, in süchtiger Weise seine Erlebnisse sammelt, immer heftiger und gröber bis hin zur Gewalttätigkeit seine triebhaften Interessen vertritt, dann sind wir geneigt zu sagen, dies sei seine Natur. Wenn ein junger Mensch nach dem Verlust eines geliebten anderen, nach dem Zusammenbruch seiner Lebensentwürfe, seiner Pläne in Enttäuschung und Apathie verfällt, neigen wir dazu, seine Lebensgeschichte als Erklärung heranzuziehen.

Schon Kinder können an ihrem Schicksal scheitern, Opfer von Katastrophen, Trennungen, Entführungen, Vergewaltigungen und Kulturtransfer sein. Solche Traumen setzen Spuren, die teilweise unauslöschlich werden. Unsere Geschichte kann uns bis in die Biologie hinein prägen. Wie findet Geschichte Eingang in unsere Natur? Offenbar gibt es Wechselwirkungen zwischen Biologie und Lebensgeschichte, und von einigen wenigen Einblicken in diese Verschränkungen soll nun die Rede sein.

Sind seelische Ausnahmezustände anlagebedingt oder durch Umweltbedingungen hervorgerufen? Forschungen zur Entwicklung des Kindes zeigen, daß der Mensch schon ganz früh seine Geschichte aktiv mitgestaltet. In welchem Wechselverhältnis stehen also biologische Faktoren zu Erziehungseinflüssen? Welche Rückwirkungen auf das Gehirn haben tiefgehende subjektive Erlebnisse? Dieses Problem hat als nature/nurture-Diskussion breit in die psychiatrische Wissenschaft, in die Wissenschaft von der Entwicklung des Menschen Eingang gefunden.

Ein Geheimnis der natürlichen Voraussetzungen des Menschen liegt darin, daß das Gehirn hochindividuell in Bau und Funktion die Geschichte eines Lebens wider-spiegelt. Das Gehirn folgt in seinem grundsätzlichen Bauplan genetischen Infor-mationen. Die Architektur ist genetisch vorprogrammiert, aber die Realisierung dieses Bauplans geschieht unter dem Einfluß des Baumeisters Leben, wobei bereits Einflüsse im Mutterleib über Ernährungsfaktoren, Giftstoffe, Infektionen und Hormone den Bauplan modifizieren können (Resch 1998 a). Die Nervenzellen bilden funktionelle Systeme, die Informationen aus der Außenwelt sowie der Innenwelt des Körpers (z.B. hormonelle Signale) registrieren, verarbeiten und speichern. Neuronen verbinden sich zu Netzwerken, verschiedene Netzwerke bilden übergeordnete Systeme, die wiederum Koooperativität zeigen, um spezifische Funktionsleistungen zu ermöglichen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahre bezüglich der neuronalen Vernetzung ist, daß sämtliche Nervengewebe in ihren Verschaltungen sich reaktiv auf äußere und innere Signale verändern. Schon in den ersten Lebens-jahren des Kindes zeigen persönliche Erlebnisse, Eindrücke, Gefühle, z.B. Sicherheit und Geborgenheit oder Angst und Verlassenheit, ihre Spuren im Substrat des Gehirns.

Das Gehirn ist also nicht lediglich eine passive Kamera, die Umweltinformationen abbildet, sondern das Gehirn rekonstruiert seine Vernetzungsstruktur nach den Phänomenen, die erkannt und wiedererkannt werden. Das Gehirn ist also eher ein Interpretationssystem, das aus der Fülle von Außenreizen Informationen schafft und verarbeitet. Alles, was wir als Erfahrungsbestände speichern, muß in einer Art Engramm im Gehirn strukturell festgehalten werden. Langzeiterinnerungen sind in den neuronalen Verknüpfungen des Gehirns kodiert. Es besteht sogar die Vermutung, daß als strukturelle Basis des Gedächtnisses eine Modifikation funktioneller Verbindungen zwischen den Nervenzellen anzusehen ist. Netzwerktheorien zu diesen Phänomenen gehen davon aus, daß psychische Funktionen auf der Basis von Neuronengruppen, die in spezieller Weise funktionelle Einheiten bilden, ablaufen. Die Neuronenzahl kann nach der Geburt nicht mehr vermehrt werden, aber daraus läßt sich nicht folgern, daß die Gehirnstruktur statisch sei, denn die einzelnen Verbindungen zwischen den Nervenzellen können sich aufbauen und abbauen über differenzierte zelluläre Mechanismen. Einige Schlagworte der gegenwärtigen Diskussion sollen dies verdeutlichen. Das eine Schlagwort heißt neuronale Plastizität, d.h. das Gehirn ist in der Lage, immer wieder neue funktionelle Eigenheiten zu kreieren. Je häufiger ein bestimmtes neuronales Aktivierungsmuster auftritt, desto dauerhafter wird die innere Repräsentation. Auf diese Weise läßt das Erleben eine Art Schema entstehen, durch das jede neue Information gefiltert wird. Je stärker die Aktivierung eines neuronalen Netzwerkes, desto stärker die gebrauchsabhängige Internalisierung neuer dem Überleben dienender Information.

Das zweite Schlagwort ist das der kritischen oder sensiblen Phase. Da die Gehirn-entwicklung in sequentieller und hierarchischer Weise verläuft, müssen wir davon ausgehen, daß in verschiedenen Phasen des Kindesalters verschiedene Bereiche besonders intensiv in Vernetzung begriffen sind. So müssen bei der Geburt z.B. die Stammhirnbereiche, die für die Regulierung des Herz-Kreislauf-Systems und der Atmungsfunktion verantwortlich sind, bereits voll funktionstüchtig sein, damit der Säugling überhaupt überleben kann (Perry 1998). Im Gegensatz dazu dauert es Jahre, bis die Kortexbereiche, also die Bereiche der Großhirnrinde, die für die abstrakte Wahrnehmung zuständig sind, gebraucht werden, sie sind bei der Geburt noch in intensiver Entwicklung begriffen. Daraus leitet sich ab, daß in unterschiedlichen Zeiträumen unterschiedliche Bereiche des zentralen Nervensystems unterschiedlich sensibel auf günstige oder ungünstige Umwelteinflüsse sind. Anomalien oder Defizite der Reifungsentwicklung im Gehirn können also auf einen Mangel an sensorischen Erlebnissen während kritischer Phasen oder auf atypischen oder anormalen Aktivierungsmustern infolge extremer Erfahrungen zurückzuführen sein. Der Mangel an kritischen Erfahrungen während der Entwicklung ist möglicherweise einer der destruktivsten zugleich aber bisher am wenigsten verstandene Aspekt der Kindesmißhandlung (s. Perry 1998). Eine emotionale Vernachlässigung im Säuglings- und Kindesalter kann irreversible Fehlbildungen in der Persönlichkeitsentwicklung aber vielleicht auch in der entsprechenden Hirnentwicklung nach sich ziehen. Wir wissen, daß die Sprachentwicklung in frühen Jahren angestoßen werden muß, um noch ohne Defizit rechtzeitig in Gang zu kommen. Kinder in ungünstigen Umwelten, Kinder, die mißhandelt werden, leiden häufig nicht nur unter einer Unzulänglichkeit, unter dem Fehlen spezifischer sensorischer Erfahrungen, nein, sie haben auch extreme emotionale Erfahrungen zu verkraften, die mit spezifischen Mustern der Überaktivierung einzelner neuronaler Netzwerke einhergehen.

Streßerlebnisse können im Tierversuch geradezu zerstörerische Einflüsse auf manche Hirnstrukturen ausüben. Auch beim Menschen gibt es Hinweise, daß Nervenzell-funktion und der Vernetzungsgrad bis hin zu Unterfunktion und Zelltod auch durch erlebnishafte Aktivierung beeinflußt werden können. Wir nennen das biographische Enkodierung. Solche Veränderungen im Gehirn haben eine bestimmte Zeitstruktur.

Während die Reaktion einer Nervenzelle auf den Transmitter in Millisekunden erfolgt, sind Veränderungen der weiteren intrazellulären Botensysteme im Minuten- bis Stundenbereich gelegen. Veränderungen im Stoffwechsel der Nervenzelle dauern Tage bis Monate, und schließlich können anatomische Modifikationen in der Vernetzung auf Jahre hinaus Folgen zeigen (Post 1992). Auf diese Weise ist es eben vorstellbar, daß neuronale Verbindungen aufgrund von erlebnisbedingten Aktivierungen anatomische Festschreibungen erfahren, wobei diese durch neue Erfahrungen nur teilweise wieder umgeschrieben werden können. Soweit zum Eingang des Geschichtlichen in die Natur.

Wie ist es mit dem Einfluß von Natur auf die Geschichte? Ist es nicht so, daß die Weise, in der wir Menschen unsere Geschichte gestalten, auch durch unsere Natur mitbestimmt erscheint? Diesen Fragen möchte ich mich nun widmen.

Die Selbstwerdung des Kindes geschieht nur in der Auseinandersetzung mit anderen. Das Werden des Einzelnen in seiner Individualität kann als die Auskristallisation vieler Interaktionen mit frühen Bezugspersonen im primären Umfeld und mit allen Menschen im sekundären Umfeld gelten, denen das werdende Individuum tagtäglich und mit emotionaler Bezogenheit begegnet (Resch 1998 a). Die Selbstwerdung des Kindes ist also ein Weg von außen nach innen, von der Interaktion zum inneren Bild derselben. Der erste überlebenswichtige Austausch mit geliebten Personen findet in der Familie statt. Der Mensch bedarf von Natur aus eines sozialen Rahmens für seine Entwicklung. Er ist in ein Gefüge zwischenmenschlicher Beziehungen eingebettet, wobei diese eine wesentliche Voraussetzung für das körperliche Gedeihen, das Selbstverständnis und das innere Weltbild darstellen. Solche frühen Beziehungen sind zu wichtig für das Überleben, als daß sie nur einer kulturellen Übereinkunft überlassen bleiben könnten. Frühe Beziehungen haben einen natürlichen Kern. Papousek – die Münchner Säuglingsforscherin – beschreibt die sogenannte intuitive elterliche Fürsorge, die es von Natur aus Eltern ermöglicht, kindliche Signale aus Tonus und Haltung zu lesen und sich auf diese Weise kindgerecht verhalten zu können. Eltern können das kommunikative Verhalten ihres Kindes intuitiv einüben.Andererseits hat das Kind von Natur aus eine Nachahmungstendenz, so daß das Verhalten, auch der Spracherwerb durch Nachahmung elterlicher Vorgaben gebahnt wird. Nicht zu trennen sind von diesen primär instruktiven – das Erlernen und Einüben fördernden Funktionen der elterlichen Nachahmung – auch die affektiven Funktionen.

Kinder bringen in das Wechselspiel mit den Eltern ihr Temperament ein. Temperament wird dabei definiert als konstitutionelle individuelle Differenz der Aktivität, Reaktivität und Selbstregulation in den Domänen Emotionalität, Motorik und Aufmerksamkeit. Die Frage, ob eine solche affektive Reagibilität, also der Kern des Gefühlslebens angeboren ist, hat die moderne Säuglingsforschung mehrfach beschäftigt. Es zeigt sich, daß es schon beim Baby ein sogenanntes Risikotemperament gibt, das mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Verhaltens-probleme in späteren Lebensaltern verbunden ist. Ein solches Risikotemperament ist durch Übernervosität, schlechte Beruhigbarkeit und mangelnde Selbstberuhigungs-tendenz gekennzeichnet. Die Vorhersagekraft solcher Befunde erweist sich aber nur gering, und die Ergebnisse der Untersuchungen bleiben widersprüchlich (Rothbart et al.).
Die moderne Säuglingsforschung hat uns gezeigt, daß frühe Interaktionen mit den Bezugspersonen die gefühlsmäßige Reagibilität beeinflussen können. Man spricht von Affektabstimmung. Mütter können die Gefühlsäußerungen ihrer Kinder variieren, abdämpfen oder stimulieren und schließlich durch diese Akzentuierungen gestalten. Ein solches Gefühlswechselspiel kann durch unsensible Bezugspersonen, die Handlungswünsche von Kindern immer wieder unterbrechen oder die in ihrem eigenen Verhalten für das Kind unberechenbar bleiben, gestört werden. Die emotionale Regulation des Kindes ist das Ergebnis vielfacher Wechselwirkungen einer angeborenen Gefühlslage mit wichtigen Bezugspersonen (Dornes).

In diesem Zusammenhang muß auch noch auf den Begriff der Bindung eingegangen werden, da diese eine besondere Art einer gefühlshaft getragenen sozialen Beziehung zwischen dem Kind und einer bevorzugten Person darstellt, die als stärker, wissend, schützend und sicherheitgebend angesehen wird. Bindung ist also nicht nur eine Eigenschaft des Kindes oder der Mutter, sondern eine zwischenmenschliche Qualität, die von beiden Interaktionspartnern getragen wird. Wir können davon ausgehen, daß ganz persönliche Verhaltensbereitschaften bei Kindern, ja letztlich die Identität des Individuums sich aus solchen frühen interaktionellen Qualitäten entwickelt (Resch 1996). Und dabei ist es nicht verwunderlich, daß Störungen auf seiten der Eltern wie Unglücklichsein, Verzweiflung, Desinteresse, Überforderung oder Gleichgültigkeit von Bezugspersonen das Kind nachhaltig beeinflussen können. Eine gesunde Bezugs-person kann die Reaktionen auf Streß auch in Alarmsituationen für Kinder erträglich machen. Wenn Erwachsene jedoch selbst unter ihrer Umwelt leiden und dies in ihrem Erleben zum Ausdruck bringen, verstärken sie noch die Alarmreaktion des Kindes. Wenn eine Mutter selbst unter dem Verlust eines wichtigen Familienmitglieds leidet und durch persistierende Verzweiflung zum Ausdruck bringt, oder wenn Bezugs-personen in sozialer Not von persistierenden Ängsten und Unsicherheiten getragen sind, dann bauen sie mit ihren Kindern eine spiegelnde Übererregungs-Angstreaktion auf, die noch wie ein Verstärker die Umweltproblematik in die Seele des Kindes einbringt. Wenn aber gar die Bezugsperson selbst Verursacher von Traumen für das Kind ist, also durch Mißhandlung oder sexuellen Mißbrauch dem Kind die sichere Basis der Vertrauensbeziehung entzieht, dann hat der seelische Leidenszustand des Kindes seinen Höhepunkt erreicht.

Kehren wir zur normalen Entwicklung zurück und fragen uns, wie denn die Selbstentwicklung des Kindes in einer so komplexen Umwelt überhaupt gelingen kann.

Im folgenden möchte ich ein Entwicklungsmodell psychischer Problemstellungen kurz erläutern (Resch 1998 b). In Stadium 1 bilden genetische Bereitschaften sowie biologische und psychosoziale Entwicklungseinflüsse ein Bedingungsgefüge, das über Entwicklungsspiralen von multiplen Aktualisierungen und strukturellen Internalisierungen schließlich zur aktuellen Disposition führt. Die biographischen Einflüsse wirken dabei nicht unabhängig voneinander, ihre Wechselwirkungen und transaktionalen Einflüsse auf die Genese der Disposition sind vielfältig und individuell. Bedeutsam erscheint dabei auch, daß ein Mangel an Passung zwischen dem Kind und seiner Umwelt besondere Auswirkungen besitzt. So können geringe Temperamentsunterschiede bei unterschiedlichen Lebensbedingungen schließlich zu deutlichen Unterschieden der Handlungsbereitschaft führen, so daß gerade die psychosozialen Resonanzphänomene in der Selbstentwicklung des Menschen eine fundamentale Rolle zu spielen scheinen.

Im aktuellen Kontext steht schließlich die dispositionale Struktur im Spannungsfeld zwischen Entwicklungsaufgaben und Lebensereignissen. Wenn die persönliche Handlungsbereitschaft durch Anpassungsaufgaben überfordert wird, entsteht ein unspezifisches Stadium 2, das wir auch als Krise bezeichnen können. In diesem Stadium stehen Risikoverhaltensweisen, selbstreparative Mechanismen und experimentelle Suchstrategien im Vordergrund. Solche Risikoverhaltensweisen wie Rückzug oder Kommunikationsabbruch beim Kleinkind dienen einer versuchten Bewältigung oder Reizabschirmung, sie sind aber für die weiteren Entwicklungs-chancen ungünstig zu beurteilen. Wir finden Verhaltensstile, die eine momentane Überforderung vor dem biographischen Hintergrund widerspiegeln.

Erst wenn die Krise nicht zu einer neuen Stabilisierung auf höherer Integrationsebene geführt hat und sich damit als Krise im engeren Sinne bestätigen konnte, kommt es zu einem spezifischen psychopathologischen Stadium 3. Erst dann werden Vulnerabilitäten und Anpassungsturbulenzen zu psychischen Krankheiten und Störungen im engeren Sinne Anlaß geben. Erst dann, wenn alle Kompensations-mechanismen versagt haben, finden wir klar umschriebene definierbare psychische Störungsbilder. Bestimmte Verhaltensweisen bei Kindern kennzeichnen also Störungen im aktuellen Anpassungsprozeß und sie dürfen nicht als Krankheits-zeichen verkannt werden. Wir dürfen nicht Regelübertretungen zu Krankheiten machen, nicht Risiken mit Symptomen verwechseln und adäquate Reaktionen von Kindern auf soziale und emotionale Mißstände pathologisieren. Rechtzeitig muß die Hilfe einsetzen. Eine sozio-emotionale Prophylaxe ist notwendig und sinnvoll.

Wenn Kinder aus einer schwer belasteten Frühzeit eine biographische Bürde in höhere Lebensalter mit sich nehmen, kann dies zu einer besonderen Verletzlichkeit oder Vulnerabilität führen. Ein solches Vulnerabilitätsmodell zur Erklärung der Genese von psychischen Störungen höherer Lebensalter ist als dynamische Vorstellung einem genetischen Determinationsmodell durch Anlagefaktoren klar gegenüberzustellen (Resch 1996). Vulnerabilität selbst ist prozessual zu verstehen, ist wandelbar, während ein Anlagefaktor unveränderlich ist. Vulnerabilität erweist sich als entwicklungsfähig und nur potentiell störungsrelevant, wobei diese besondere Verwundbarkeit prinzipiell eine kompensatorische Höher- oder Weiterentwicklung ermöglicht. Demgegenüber erweist sich der Anlagefaktor als unwandelbarer degenerativer Defekt, der an bestimmten Entwicklungszeitpunkten das Risiko der psychischen Dekompensation erhöht. Ein dispositionelles Risiko in Form von Vulnerabilität erlaubt prinzipiell die Transzendierung der aktuellen Mangelsituation. Der Anlagedefekt determiniert die Mangelentwicklung. Phänomene wie die neuronale Plastizität zeigen uns, daß eine isolierte Betrachtung der Anlagefaktoren bei der Erklärung von Verhaltensproblemen viel zu kurzsichtig ist.

Sind solche Erkenntnisse nicht eine Herausforderung für die Gesellschaft, für die Politik, aber auch für uns selbst als Mütter und Väter? Werfen wir noch einmal einen Blick auf verschiedene Ebenen der kindlichen Umwelt, die wir nach Bronfenbrenner folgendermaßen beschreiben können: Es gibt ein Makrosystem, welches die Werte und Überzeugungen des jeweiligen Kulturkreises beinhaltet, das Exosystem bildet die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für bestimmte Familien und ihre Kinder, ein sogenanntes Mesosystem reflektiert Bereiche, in denen Familien in die Gesellschaft eingebunden werden, z.B. Schulen, Kirchengemeinden, Arbeitsplatz etc. Dieses Mesosystem ist jener Teil des Exosystems, der die wichtigen Interaktionen zwischen gesellschaftlichen Bedingungen (wie z.B. Arbeitslosigkeit) und Familienklima umfaßt.

Das Mikrosystem schließlich stellt die situative Umgebung des Kindes dar und wird typischerweise von den Familien gestaltet. Bezugspersonen und Geschwister repräsentieren diese proximale Struktur. Forschung und Politik müssen sich zunehmend mit häuslicher Gewalt, Kindesmißhandlung, seelischen Störungen von Eltern befassen, also dem Mikrosystem – sie dürfen aber auch Einflußfaktoren wie mangelnde Nachbarschaftshilfe, finanzielle Not und soziale Unsicherheit nicht außer Acht lassen, die Bedingungen des Exosystems haben Einfluß auf das Mikrosystem.

Die Wissenschaft kann uns aber nicht unsere persönliche Verantwortung nehmen. Werte und emotionales Klima müssen wir hervorbringen, setzen, gestalten und erhalten. Das fordert Entscheidungen, für die wir einzustehen haben, das birgt auch das Risiko von Fehlern in sich, die selbst bei bestem Wissen gemacht werden. Aber Wärme und Klarheit in das frühe Leben eines Menschen zu bringen, erfordert diesen Einsatz. Kinder benötigen Bezugspersonen als Zuflucht und Schutz, Menschen als Erzieher und Gestalter ihrer Erfahrungsräume. Kinder brauchen Zuwendung, d.h. Zeit und Offenheit. Kinder brauchen Eltern, die nicht müde, nicht erschöpft, nicht frustriert und hoffnungslos sind. Wer den Einschaltquoten der Medien den Zeitgeist abgewinnt, wer nur kulturellen Niedergang vorhersieht und in seinem Entsetzen tatenlos verharrt, hat den Kontakt zu unseren Kindern schon verloren. Wir selbst, wir Erwachsenen sind Teil der Biographie unserer Kinder.

Kinder brauchen emotionale Kultivierung, sie können solche kommunikativen Fertigkeiten aber nicht entwickeln, wenn sie traumatisiert und vernachlässigt werden. Perry (1998) weist darauf hin, daß das Verständnis der kritischen Bedeutung, die dem frühen Erleben für die Funktionsfähigkeit des reifen Erwachsenen und deshalb für die ganze Gesellschaft zukommt, mit wichtigen soziokulturellen und politischen Konsequenzen verbunden ist. Er sagt: „Wenn die Gesellschaft weiterhin dem destruktiven Mythos von der ‘Widerstandsfähigkeit des Kindes’ nachhängt, wird sie Millionen von Kindern und letztlich sich selbst daran hindern, ihr eigentliches Potential zu realisieren. Wenn Kinder weiterhin Vernachlässigung und Mißhandlung ausgesetzt bleiben, wird ein soziokultureller Verfall angesichts unserer schwindenden globalen und nationalen Ressourcen unausweichlich sein.“ (Zitat Seite 299 unten) Auch wenn dies eine sehr düstere Betrachtung widerspiegelt, bleibt doch bestehen, daß eine emotionale Vernachlässigung unserer Kinder, die sich als Gleichgültigkeit oder aber auch als Verwöhnung äußern kann, zu sehr unterschätzt wird und nachhaltige Folgen zeitigen kann. Unser eigenes Weltbild, unser eigener Zukunftsentwurf steht auf dem Prüfstand.

Es gibt keine Zweifel und große gesellschaftliche Übereinstimmung darin, daß die Frühförderung auf dem kognitiven Sektor eine weitreichende Bedeutung besitzt und zur Prophylaxe von Intelligenzdefiziten unverzichtbar ist. Aber im Bereich der Emotionen, des Temperaments ist dies ganz anders. Wir brauchen eine verstärkte emotionale Kultivierung, eine emotionale Erziehung unserer Kinder, d.h. die Entwicklung eines differenzierten Verständnisses für eigene und andere Befindlichkeit, das halte ich für eine der wesentlichsten Herausforderungen des ausgehenden Jahrhunderts. In zwei unsäglichen Weltkriegen, inmitten aktueller kriegerischer Konflikte und waffenstarrender Selbstbehauptung unterschiedlichster Völker und Kulturen haben wir schmerzlich gelernt, daß die Bildung und Verwissenschaftlichung des Alltagsverstandes, die emotionalen Abgründe des Menschen nicht zu überbrücken vermag. Im Gegenteil, es scheint die Fähigkeit zu differenzierter Zwischenmenschlichkeit in Vereinsamung, Abstraktionstendenz und maschineller Informationsvermittlung abzunehmen. Von Bildern und Szenen angeregt bis überflutet, durch Massenmedien und Computer weltweit verbunden, bleibt der Mensch in seiner unmittelbaren Lebenssphäre kalt. Aufgeregt, aber desinteressiert am verfügbaren Du, einsam in einer globalisierten Welt der Sensationen.

Die abstrakte Intelligenz nimmt zu, aber die Fähigkeit zur Sprache ab. Wir müssen gegen einen Verlust an emotionaler Differenzierung etwas tun, politisch, professionell und in unserem persönlichen Alltag.

Was wir an unseren Kindern versäumen, kehrt gefährlich und lauthals oder in stillem Leiden als Kriminalität oder Krankheit unweigerlich zurück. Wir können nicht wegsehen, wir haben die Wahl.

Prof. Dr. Franz Resch ist Ordinarius und ärztlicher Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Heidelberg.

Literatur:

Bronfenbrenner (1979): The Ecology of Human Development: Experiments by Nature and Design. Cambridge , MA: Harvard University Press.

Dornes M (1993): Der kompetente Säugling. Fischer, Frankfurt a. M.

Haffner J, Esther C, Münch H, Parzer P, Rauhe B, Steen, R, Klett M, Resch F (1998): Verhaltensauffälligkeiten im Einschulungsalter. Ergebnisse einer epidemiologischen Studie. Beiträge zur regionalen Gesundheitsberichterstattung Rhein-Neckar-Kreis/Heidelberg

Landeskriminalamt Baden-Württemberg (1997): Jugendkriminalität und Jugendgefährdung, Jahresbericht 1997

Papousek M (1994): Vom ersten Schrei bis zum ersten Wort. Anfänge der Sprachentwicklung in der vorsprachlichen Kommunikation. Huber Verlag Bern

Perry BD, Tollart RA, Blakley PL, Baker WL, Vigilante D (1998): Kindheitstrauma, Neurobiologie der Anpassung und gebrauchsabhängige Entwicklung des Gehirns: Wie Zustände zu Eigenschaften werden. Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie 99, 277-307

Post R (1992): Transduction of Psychosocial Stress into the Neurobiology of Recurrent Affective Disorder. American Journal of Psychiatry 149, 999-1010

Resch F (1996): Entwicklungspsychopathologie des Kindes- und Jugendalters. Ein Lehrbuch. Beltz Verlag, Psychologie Verlags Union Weinheim

Resch F (1998 a): Selbstentfremdung bei Jugendlichen als Problem von Natur und Geschichte. Heidelberger Jahrbücher, Springer Verlag Heidelberg

Resch F (1998 b): Entwicklungspsychopathologie und Krankheitsverständnis. Fundamenta psychiatrica 12, 116-120

Rothbart MK, Posner MI, Hershey KL (1995): Temperament, Attention and Developmental Psychopathology. In: Cichetti D, Cohen DJ (Hrsg.): Developmental Psychopathology. New York, Wiley, 315-340