Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Grundlagen der Bindungsforschung und ihre Anwendung der psychotherapeutsch-pädagogischen Arbeit mit Kindern und Familien

von Karl Heinz Brisch

Der englische Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby gründete in den 50er Jahren die Bindungstheorie. Diese besagt, daß der Säugling im Laufe des ersten Lebensjahres auf der Grundlage eines biologisch angelegten Verhaltenssystems eine starke emotionale Bindung zu einer Hauptbezugs-person entwickelt, die er bei Schmerz oder Gefahr aufsucht. Das Bindungs-verhalten drückt sich insbesondere im Suchen der Bindungsperson, Weinen, Nachlaufen, Festklammern an der Bindungsperson aus und wird durch Trennung von der Bindungsperson sowie durch äußere oder innere Bedrohung und Gefahr aktiviert. Ist die Hauptbindungsperson nicht erreichbar, so können auch andere Bezugspersonen anstelle dieser ersatzweise aufgesucht werden. Hauptfunktion der Bindungsperson ist es, den Säugling in Situationen von Bedrohung zu schützen und ihm Sicherheit zu geben. Für das unselbständige menschliche Neugeborene und Kleinkind ist die Schutzfunktion durch eine Bezugsperson von lebenserhaltender Bedeutung. Die Pflegeperson bietet als zuverlässige Bindungsperson in Gefahrensituationen einen „sicheren Hafen“. Dort hin kann sich der menschliche Säugling im Falle einer Bedrohung retten und Schutz und Hilfe erwarten. Das Bindungssystem, das sich im ersten Lebensjahr entwickelt, bleibt während des gesamten Lebens aktiv. Auch Erwachsene suchen in ängstigenden Situationen die Nähe zu anderen Personen auf, von denen sie sich Hilfe und Unterstützung erwarten. Werden diese Bedürfnisse befriedigt, so wird das Bindungssystem beruhigt, und es kann als Ergänzung zum Bindungssystem das System der Erkundung aktiviert werden. Ein Säugling, der sich sicher und geborgen fühlt, kann zum Beispiel von der Mutter als „sicherem Hafen“ aus die Umwelt erforschen.

Werden die Bindungsbedürfnisse nicht befriedigt oder mißachtet oder nur in sehr unzuverlässiger Weise beantwortet, so führt dies zu Wut und Enttäuschung, wie auch zu zwiespältigen Gefühlen gegenüber der Bindungsperson.

Die Konzepte der Bindungsforschung

Eine Mitarbeiterin von John Bowlby, Mary Ainsworth, untersuchte durch ihre Forschungsarbeiten die Bedeutung der Feinfühligkeit im Pflegever-halten der Bezugsperson für die Entwicklung des Säuglinges. Sie fand heraus, daß Säugling sich an diejenige Pflegeperson binden, die ihre Bedürfnisse in einer feinfühligen Weise beantworten. Dies bedeutet, daß die Signale des Säuglings durch seine Pflegeperson wahrgenommen werden und daß sie richtig interpretiert und ohne Verzerrungen durch eigene Bedürfnisse und Wünsche der Pflegeperson wiedergegeben werden können. Weiterhin muß die Pflegeperson die Bedürfnisse angemessen und prompt entsprechend dem Alter des Säuglings beantworten. Je älter der Säugling wird, um so länger können auch die Zeiten sein, die dem Säugling bis zur Bedürfnisbefriedigung zugemutet werden. So ist z.B. in den ersten Lebenswochen die aushaltbare Frustrationsspannung nur kurz. Wenn der Säugling zeigt, daß er hungrig ist, wird eine feinfühlige Mutter ihn relativ rasch stillen.

Werden die Bedürfnisse des Säuglings in dieser von Ainsworth geforderten feinfühligen Art und Weise von einer Pflegeperson beantwortet, so bindet sich der Säugling an diese Person in Form einer sicheren emotionalen Bindung. Dies bedeutet, daß er diese spezifische Person bei Bedrohung und Gefahr als „sicheren Hort“ und mit der Erwartung von Schutz und Geborgenheit aufsuchen wird. Wird die Pflegeperson eher mit Zurück-weisung auf seine Bindungsbedürfnisse reagieren, so besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, daß der Säugling sich an diese Pflegeperson mit einer unsicher vermeidenden Bindungshaltung bindet.

Ein unsicher-vermeidend gebundenes Kind wird in Notsituationen eher die Bindungsperson meiden oder nur wenig von seinen Bindungsbedürfnissen äußern. Es hat eine Anpassung an die Verhaltensbereitschaften seiner Bindungsperson gefunden, das heißt Nähewünsche werden von ihm erst gar nicht so intensiv geäußert, da der Säugling weiß, daß diese von der Pflegeperson auch nicht so intensiv mit Bindungsverhalten im Sinne von Schutz und Geborgenheit gewähren beantwortet werden.

Werden die Signale manchmal zuverlässig und feinfühlig, ein anderes Mal aber eher mit Zurückweisung und Ablehnung beantwortet, so entwickelt sich eine unsicher-ambivalente Bindungsqualität zur Pflegeperson. Säuglinge mit einer unsicher-ambivalenten Bindung reagieren auf Trennungen von ihrer Hauptbindungsperson mit einer intensiven Aktivierung ihres Bindungssystems, das heißt sie weinen lautstark und klammern sich intensiv an die Bindungsperson. Über lange Zeit sind sie kaum zu beruhigen und können nicht mehr zum Spiel in einer ausge-glichenen emotionalen Verfassung zurückfinden. Einerseits klammern sie sich an die Mutter, andererseits zeigen sie aber auch aggressives Verhalten. Wenn sie bei der Mutter auf dem Arm sind, strampeln sie zum Beispiel und treten nach der Mutter, während sie gleichzeitig klammern und Nähe suchen. Dieses Verhalten wird als Ausdruck ihrer Bindungsambivalenz gesehen.

Erst später wurde noch ein weiteres Bindungsmuster gefunden, das als desorganisiertes und desorientiertes Muster bezeichnet wurde. Diese Kinder zeigen Sequenzen von stereotypen Verhaltensweisen, oder sie halten im Ablauf ihrer Bewegungen inne und erstarrten für die Dauer von einigen Sekunden. Dies wird dahingehend interpretiert, daß diese Kinder keine aktuelle Bindungsverhaltensstrategie zur Verfügung haben.

Bindungsrepräsentation (Bindungshaltung) der Bezugsperson

Durch ein spezifisches, halbstrukturiertes Interview (Erwachsenen-Bindungs-Interview von Mary Main) gelang es, auch einen Aufschluß über die Bindungshaltung der Erwachsenen zu gewinnen. Es fanden sich ähnliche Bindungsstile wie bei den Kindern.

Erwachsene mit einer sicheren Bindungshaltung können im Interview frei und in einem kohärenten Sprachfluß über ihre Erlebnisse von Bindung, Verlust und Trauer mit ihren Eltern und wichtigen Bezugspersonen sprechen.

Erwachsene mit einer unsicher-distanzierten Bindungshaltung weisen zwischenmenschlichen Beziehungen und emotionalen Bindungen wenig Bedeutung zu. Erwachsene mit einer unsicher-verstrickten Bindungshaltung zeigen im Interview durch eine langatmige, oft widersprüchliche Geschichte und Beschreibung ihrer vielfältigen Beziehungen, wie emotional verstrickt sie zum Beispiel mit ihren Eltern und anderen Beziehungen bis zum Erwachsenenalter noch sind.

Es wurde später noch ein Bindungsmuster in Zusammenhang mit ungelösten, traumatischen Erlebnissen wie unverarbeiteten Verlusten und Mißbrauchserfahrungen gefunden.

Durch verschiedene Längsschnittstudien sowohl in Deutschland als auch in den USA und in England konnte nachgewiesen werden, daß zum Beispiel sicher gebundene Mütter häufiger auch sicher gebundene Kinder haben, beziehungsweise Mütter mit einer unsicheren Bindungshaltung auch häufiger Kinder, die mit einem Jahr unsicher gebunden sind. Ähnliche Zusammenhänge, wenn auch nicht mit gleicher Intensität, fanden sich für die Beziehung zwischen der Bindungshaltung der Väter und der Bindungsqualität ihrer Kinder.

Diese Studien weisen auf eine Weitergabe von Bindungsstilen und -mustern zwischen Generationen hin, das heißt die Bindungshaltung der Mutter beeinflußt ihr Verhalten gegenüber dem Säugling. Es konnte nämlich nachgewiesen werden, daß sicher gebundene Mütter sich auch in der Pflegeinteraktion mit ihren Kindern feinfühliger verhielten als dies unsicher gebundene Mütter taten. Die Mutter-Kind-Interaktion scheint ein wichtiger Prädiktor zu sein, aus dem heraus sich zumindest in Teilbereichen die Ausbildung der Bindungsqualität des Säuglings im ersten Lebensjahr erklären läßt.

Bindungsstörungen

In der klinisch psychotherapeutischen sowie pädagogischen Arbeit sehen wir Kinder und auch Jugendliche, die abweichend von den oben skizzierten Mustern der Bindungssicherheit, beziehungsweise -unsicherheit noch Störungsvarianten in ihrem Bindungsverhalten aufweisen.

Diese sogenannten Bindungsstörungen können sich dadurch äußern, daß Kinder kein Bindungsverhalten zeigen. Auch in Bedrohungssituationen wenden sie sich an keine Bezugsperson, in Trennungssituationen zeigen sie keinen Trennungsprotest.

Eine weitere Form ist durch undifferenziertes Bindungsverhalten gekenn-zeichnet. Solche Kinder zeigen entweder eine soziale Promiskuität, das heißt sie zeichnen sich durch undifferenzierte Freundlichkeit gegenüber allen Personen aus. Sie suchen in Streßsituationen zwar Trost, aber ohne eine Bevorzugung einer bestimmten Bindungsperson. Jeder, der sich in ihrer Nähe findet, kann sie auf den Arm nehmen und trösten.

Andere Kinder neigen zu einem deutlichen Unfallrisikoverhalten. In Gefahrensituationen suchen sie nicht eine sichernde Bindungsperson auf, sondern begeben sich vielmehr durch zusätzliches Risikoverhalten in unfallträchtige Situationen.

Eine weitere Form der Bindungsstörung drückt sich durch übermäßiges Klammern aus. Diese Kinder sind nur in absoluter Nähe zu ihrer Bezugs- und Bindungsperson wirklich ruhig und zufrieden. Sie sind aber dadurch in ihrem freien Spiel und ihrer Erkundung der Umgebung entsprechend eingeschränkt. Sie wirken insgesamt sehr ängstlich und können sich kaum von ihrer Bindungsperson trennen. Unvermeidlichen Trennungen setzen sie massiven Widerstand entgegen und reagieren mit größtem Streß.

Andere Kinder wiederum sind übermäßig angepaßt. Sie reagieren in Abwesenheit der Bezugsperson weniger ängstlich als in deren Gegenwart und können in der Obhut von fremden Personen besser ihre Umwelt erkunden als in Anwesenheit ihrer vertrauten Bindungs- und Bezugsperson. Besonders Kinder z.B. nach massiver körperlicher Mißhandlung und bei Erziehungsstilen mit körperlicher Gewaltanwendung oder -androhung reagieren auf diese Art und Weise.

Bei einem weiteren Stil der Bindungsstörung verhalten sich Kindern oft aggressiv als Form der Bindungs- und Kontaktaufnahme. Solche Kinder haben zwar eine mehr oder weniger bevorzugte Bindungsperson, aber sowohl mit dieser als auch mit anderen Menschen nehmen sie über aggressive Interaktionsformen sowohl körperlicher als auch verbaler Art Kontakt auf. Manchmal ist die Bindungsstörung dadurch gekennzeichnet, daß es zu einer Rollenumkehr kommt. Diese Kinder müssen dann für ihre Eltern, die zum Beispiel körperlich erkrankt sind oder an Depressionen mit Suizidabsichten und Ängsten leiden, als sichere Basis dienen. Das heißt die Kinder können ihre Eltern nicht als Hort der Sicherheit benutzen, vielmehr müssen sie selbst diesen die notwendige emotionale Sicherheit geben. Dies hat zur Folge, daß die Ablösungsentwicklung der Kinder gehemmt und verögert wird.

Im Rahmen von Bindungsstörungen kommt es manchmal auch zur Ausbildung von psychosomatischen Störungen mit Schrei-, Schlaf- und Eßsymptomatik im Säuglingsalter, oder auch zu ausgeprägten psychosomatischen Reaktionen im Kleinkindalter.

Anwendung der Bindungsforschung für die psychotherapeutisch-pädagogische Arbeit

In der therapeutischen Arbeit muß der Kindertherapeut oder Pädagoge in seinem Verhalten gegenüber dem Kind als verläßliche psychische und physische Basis fungieren können, so daß sich trotz der Bindungsstörung des Kindes ein sicheres Arbeitsbündnis entwickeln kann. Der Therapeut und Pädagoge ermöglicht ein Spielverhalten, das dem Kind Möglichkeiten bietet, im Symbolspiel seine erlebten Bindungsbeziehungen darzustellen. Im Spiel auftauchende bindungsrelevante Themen werden vom Therapeuten und Pädagogen aufgegriffen und verbal oder durch teilnehmende Spielinter-aktion in ihrem Ausdruck gefördert. Durch neue sichere Bindungserlebnisse ermöglicht der Therapeut und Pädagoge, daß das Kind sich von alten destruktiv unsicheren Bindungsmustern lösen und eine sichere Bindungsqualität entwickeln kann.

Bindungsstörungen bei traumatisierten Risikogruppen erfordern eine bindungsorientierte therapeutische Herangehensweise und stellen für die Therapeuten eine besondere Herausforderung dar. Von solchen traumatischen Uraschen sind Kinder nach Mißhandlungen, Mißbrauch und Vernachlässigung betroffen, aber auch bei Erkrankungen der Eltern, wie Angststörungen und depressiven oder psychotischen Erkrankungen, chronischen lebensbedrohlichen Erkrankungen oder plötzlichem unerwartetem Verlust der Hauptbindungsperson, z.B. durch einen Unfall.

Der Therapeut und Pädagoge muß sich darüber im Klaren sein, daß ein Kind in der Spielsituation auch an ihn hat bindungsrelevante Erwartungen, das heißt das Kind sucht im Therapeuten und Pädagogen ebenfalls wie zu einer sicheren Bindungsperson eine hoffnungsvolle sichere Basis, von dem aus es sein Spiel und die damit verbundenen Erkundungen starten kann. Werden diese Bedürfnisse von den psychotherapeutischen und pädagogischen Bindungspersonen nicht feinfühlig beantwortet oder sogar abgewiesen, so kann sich das Spiel als eine Wiederholungssituation von früher erlebten Traumatisierungen gestalten und damit die Psychopathologie des Kindes verstärken. Aus diesem Grunde ist es von großer Bedeutung, daß auch Pädagogen und Therapeuten die normalen Varianten der Bindungsmuster und die Zusammenhänge zwischen Bindungs- und Erkundungssystem kennen, da sie dann in der Spielsituation hierauf auch adäquater eingehen können und sich selbst als die zentrale sichere Basis verstehen, von der aus eine emotionale Entwicklung der Kinder gelingen kann.

Eine weitere Risikogruppe stellen Kinder aus Heimen oder aus Pflegestellen dar, die mehrfach in ihrem Leben, in der Regel unfreiwillig, ihr Betreuungs-system und ihre Bindungspersonen wechseln mußten. In einer ähnlich schwierigen Situation befinden sich Kinder, die längere Zeit von ihrer Hauptbindungsperson getrennt sein mußten, zum Beispiel wegen stationärer Krankenhausaufenthalte nach Unfällen, chronischen Erkrankungen oder wegen schwerwiegender Erkrankungen der Eltern, die eine Trennung nach sich zogen.

Auch bei Eingewöhnungssituationen im Kindergarten, nach Umzügen oder Schulwechseln sind bindungstheoretische Gesichtspunkte von Bedeutung, da auch hier in solchen Situationen das Bindungssystem der Kinder aktiviert ist. Es ist erforderlich, daß die Kinder während einer Eingewöhnungszeit eine emotionale Begleitung durch eine vertraute Bindungsperson erfahren, bis sie in einer neuen ihnen fremden und sie ängstigenden Umgebung wieder eine emotionale Bindung zu einer fremden Person aufbauen konnten.

Für die Zukunft wird es von Bedeutung sein, daß Mitarbeiter in therapeutischen und pädagogischen Berufen mit der Bindungstheorie

und ihren Grundsätzen vertraut sind, damit sie in ihrer alltäglichen Arbeit sowohl im Umgang mit gesunden Kindern deren Bindungsbedürfnisse berücksichtigen können, als auch im therapeutischen Bereich bei Kindern mit emotionalen Entwicklungsstörungen speziell im Bindungssystem auf deren spezifische Bedürfnisse und auf die pathologischen Verhaltensweisen in der Bindungs- und Kontaktaufnahme entwicklungsfördernd reagieren können.

Literatur:

Brisch, K.H., Bindungsstörungen – Von der Bindungstheorie zur Therapie, Klett-Cotta, Stuttgart, 1999

Dr. med. K.H. Brisch ist Leiter der Ambulanz für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Ulm.