Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Buchrezensionen

Die Versorgung von Frühgeborenen – Eine Frage der Haltung

Denkt man an frühgeborene Kinder, kommen einem häufig zunächst Bilder von Brutkästen, Beatmungs- und Infusionsschläuchen, piependen Überwachungsapparaturen und einer hoch technisierten Intensivstation in den Sinn.

Dass es ganz anders sein kann, beschreibt die Neonatologin Dr. Marina Marcovich in ihrem Buch „Frühgeborene – zu klein zum Leben?“. Eindrücklich schildert sie die Entwicklungen der letzten 30 Jahre in ihrem Fachgebiet und ihren persönlichen Weg in der Behandlung der Kinder und deren Eltern. Es ist spannend zu verfolgen, wie sie als junge Schulmedizinerin ihre Begeisterung für die intensive und technisierte Medizin an den sehr kleinen Kindern entdeckte und im Laufe der Jahre die Fähigkeit entwickelte, zunehmend die Bedürfnisse der Kinder als empfindende Persönlichkeiten wahrzunehmen und in den Mittelpunkt ihres Handelns zu stellen. Ihr Blick auf das Kind, seine Verfassung und seine Lebensäußerungen gaben ihr die Möglichkeit, sich allmählich zu verabschieden von damals geltenden Annahmen der Medizin, z. B. dass die Lunge von Frühgeborenen nicht ausreichend funktionstüchtig sei und dass die Sauerstoff-, Kalorien- und Wärmezufuhr mit medizinisch-technischen Mitteln notwendig verabreicht werden müsse.
Ihr und ihrem Team gelang es, sich von einem risikofokussierten Blick der Orientierung an Normwerten und Messskalen zu lösen und sich, wie sie es beschreibt, „auf ein starkes Naheverhältnis mit den Kindern“ einzulassen. Daraus resultierten neue Wege in der Behandlung mit möglichst zurückhaltendem Einsatz von Intensivmedizin, welche die Beschwerden häufig erst hervorgerufen hatte.
Ergänzt wird das Buch durch Ausführungen der Journalistin Theresia Maria de Jong, die auf die große Bedeutung der Eltern für die Behandlung frühgeborener Kinder eingeht, so dass das Buch sowohl für Fachleute als auch für Eltern sehr lesenswert ist.

Marita Salewski

Dr. med. Marina Marcovich, Theresia Maria de Jong
Frühgeborene – zu klein zum Leben?
Geborgenheit und Liebe von Anfang an
Kösel Verlag 2008
256 Seiten
16,95 €

Respektvolle Pflege von Anfang an

Ein wenige Monate altes Mädchen liegt auf dem Teppichboden eines Krippenraums. Eine Erzieherin bemerkt den nass gewordenen Strampler, nähert sich dem Kind von hinten und hebt es wortlos auf den Wickeltisch, um die Windel zu wechseln.

„Das ist respektlos!“, lautet der entschiedene Kommentar von Janet Gonzalez-Mena und Dianne Widmeyer Eyer zu dieser in der Praxis vielfach beobachtbaren Szene. Ein Bewusstsein für derartige Missachtungen zu wecken und an ihre Stelle eine Haltung des Respekts zu setzen, ist das Ziel ihres Buches „Säuglinge, Kleinkinder und ihre Betreuung, Erziehung und Pflege“. In der Tradition der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler und deren in die USA emigrierter Kollegin Magda Gerber stehend, entwerfen die beiden Autorinnen ein „Curriculum für respektvolle Pflege und Erziehung“. Ausgangspunkt ist die auf feinfühlige Beobachtung gestützte Überzeugung, dass sich Respekt gegenüber sehr jungen Kindern vor allem in den Interaktionen des täglichen Lebens zeigt. Daher sind es gerade die regelmäßige Pflegeaktivitäten, denen Eltern und Frühpädagog(inn)en besondere Aufmerksamkeit widmen sollten. Beziehungsvolle Pflege führt zu Partnerschaft und lässt beim Kind das so wichtige Gefühl entstehen, nicht ein Objekt, sondern geachteter Teil eines Teams zu sein. Dies ist die zentrale Botschaft, die sich durch sämtliche Kapitel des umfang- und detailreichen Bandes zieht. Es ist zu wünschen, dass dieses wichtige Lehrbuch den Weg zu den vielen Erzieherinnen und Erziehern findet, die in Deutschlands Kinderkrippen eine hohe menschliche und fachliche Verantwortung wahrnehmen.

Dr. Jörg Maywald

Janet Gonzalez-Mena, Dianne Widmeyer Eyer
Säuglinge, Kleinkinder und ihre Betreuung, Erziehung und Pflege
Ein Curriculum für respektvolle Pflege und Erziehung
Arbor Verlag 2008
596 Seiten (plus 242 Seiten ergänzendes Arbeitsbuch)
39,90 €(plus Arbeitsbuch 14,90 €)