Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Familienzentrierte Neonatologie: Rooming-in für kranke Neugeborene

von Eva Mildenberger

Im Juni 2003 eröffneten Geburtshelfer und Kinderärzte des Universitätsklinikums Benjamin Franklin erst- und einmalig in Deutschland eine gemeinsame Wöchnerinnen- und Neugeborenenstation. Die neue Konzeption hebt die traditionellen Grenzen zwischen Frauen- und Kinderklinik auf. Sie sieht vor, dass gesunde, aber auch noch behandlungsbedürftige Mütter rund um die Uhr zusammen mit ihren kranken Kindern behandelt werden können.

Im Jahre 1992 hat die Bundesrepublik Deutschland die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen unterzeichnet. In der Präambel heißt es: „Die Vertragsstaaten haben erkannt, dass ein Kind zur vollen und harmonischen Entfaltung seiner Persönlichkeit in einer Familie (…) aufwachsen sollte.“ In Artikel 9 wird festgelegt: „Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass ein Kind nicht gegen den Willen seiner Eltern von diesen getrennt wird (…).“ Die European Association for Children in Hospital (EACH) hat 1988 eine Charta für die Rechte der Kinder im Krankenhaus verabschiedet. Die Bundesrepublik Deutschland war durch das Aktionskomitee „Kind im Krankenhaus“ vertreten. Im Artikel 2 der EACH-Charta heißt es: „Kinder im Krankenhaus haben das Recht, ihre Eltern oder eine andere Bezugsperson jederzeit bei sich zu haben.“

Diese Charta ist nicht bindend, wird jedoch beispielsweise gegenüber Krankenkassen als Argumentationshilfe für die Mitaufnahme von Begleitpersonen benutzt, oder auch bei der Konzeption von Krankenhäusern, beziehungsweise der Errichtung von Rooming-in Plätzen. Artikel 3 führt aus: „Bei der Aufnahme eines Kindes ins Krankenhaus soll allen Eltern die Mitaufnahme angeboten werden (…).“ Weiter heißt es im Artikel 3: „Um an der Pflege ihres Kindes teilnehmen zu können, müssen Eltern (…) informiert und ihre aktive Teilnahme (…) soll unterstützt werden.“

Neugeborenes im Krankenhaus
Wenn wir die UN-Kinderrechtskonvention und die Artikel der EACH-Charta lesen, stellen wir uns unwillkürlich ein Kind jenseits der Neugeborenenperiode vor. Wir sind einverstanden mit den Forderungen. Wer wollte sich dagegen stellen, wenn bei der stationären Aufnahme eines Zweijährigen mit Luftnot die Mutter bei ihrem Kind bleiben möchte? Wir empfänden es als geradezu unnatürlich, wenn eine Mutter ein weinendes Kleinkind allein zurück ließe. Selbstverständlich wird der Mutter Rooming-in angeboten. Ebenso selbstverständlich unterweisen wir die Mutter in der Inhalationstherapie, weil wir wissen, dass sie diese zu Hause weiterführen muss.

Doch wie sieht es mit Neugeborenen im Krankenhaus aus? In der EACH-Charta wird festgelegt, dass unter dem Begriff „Kinder“ Kinder vom Neugeborenen bis zum Jugendlichen zu verstehen sind. Neugeborene sind also ausdrücklich auch gemeint.

In der Neonatologie begegnen wir einer Situation, die unter zweierlei Aspekten paradox ist: In Kenntnis der Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung für eine ungestörte Entwicklung ist in den Entbindungskliniken längst allenthalben etabliert, dass die Neugeborenen rund um die Uhr bei ihren Müttern sein können. Es ist genau bekannt, wie wichtig gerade die allerersten Bindungserfahrungen für eine gesunde emotionale Entwicklung des Menschen sind. Ausgerechnet den kranken Neugeborenen wird die Möglichkeit eines frühen und dauerhaften Kontaktes zur Mutter vorenthalten. Also gerade denjenigen Neugeborenen, die auf Grund körperlicher Beeinträchtigungen besonders auf die Unterstützung durch ihre Mutter angewiesen sind.

Das zweite Paradoxon betrifft die Einbeziehung der Familie in die Versorgung des Neugeborenen. In Drittweltländern ist die Mitwirkung der Familie bei der medizinischen Behandlung der Kinder unabdingbar. Es gibt schlichtweg nicht genügend Personal, um alle notwendigen Maßnahmen auszuführen. In Europa ist die grundsätzliche Einbeziehung der Familie in die Versorgung des kranken Neugeborenen vielerorts noch nicht verwirklicht.

Ein neues Konzept
Im Juni 2003 wurde am Universitätsklinikum Benjamin Franklin erstmals in Deutschland eine gemeinsame Wöchnerinnen- und Neugeborenenstation eröffnet. Im schwedischen Uppsala gehören Rooming-in und Känguru-Pflege schon länger als Standardtherapie zur Neugeborenenintensivstation. Das neue Konzept brachte für das Universitätsklinikum Benjamin Franklin mit sich, dass gesunde, aber auch behandlungsbedürftige Mütter rund um die Uhr zusammen mit ihren kranken Kindern behandelt werden konnten. Mutter und Kind wurden nicht mehr getrennt, sondern gemeinsam von Geburtshelfern, Kinderärzten, Hebammen und Pflegenden betreut. In interdisziplinären Visiten wurden die Therapien aufeinander abgestimmt. So konnte das Rooming-in konsequent für die Mütter und Kinder, die dies am meisten brauchen, ausgeweitet werden. Teil der Konzeption war es auch, die Mütter so gut anzuleiten, dass möglichst große Teile der medizinisch-pflegerischen Maßnahmen, die bei ihren Neugeborenen notwendig waren, von ihnen selbst vorgenommen werden konnten.

Auf der Station konnten bis zu 20 kranke Neugeborene mit ihren Müttern betreut werden. Hinzu kamen 31 Betten für Wöchnerinnen mit gesunden Neugeborenen oder werdende Mütter. Das Pflegekonzept sah die Betreuung der gesunden Mutter nach Spontanentbindung ebenso wie die postoperative Behandlung nach Kaiserschnitt und die Behandlung von Wochenbettkomplikationen vor. Bei den Neugeborenen konnten Sauerstofftherapie, Infusionen, intravenöse Antibiotikatherapien oder auch maschinelle Atemhilfen angewendet werden. Mutter und Kind wurden von derselben Pflegekraft betreut. Die Wöchnerinnenstation mit den gesunden Müttern und Kindern wurde in diese Konzeption integriert. Es gab fließende Übergänge zur Pränatalstation.

Gegenseitige Schulung
Im damaligen Perinatalzentrum bestand seit seiner Gründung im Jahre 1991 die Konzeption des Rooming-in für gesunde Neugeborene mit ihren Müttern. Seit 1994 wurde dann die Möglichkeit geschaffen, dass gesunde Mütter bei ihren kranken Neugeborenen sein konnten. Primär war diese Möglichkeit zunächst für Frühgeborene genutzt worden, die einen längeren Aufenthalt auf der Intensivstation hinter sich hatten. Hier bestand für die Mütter die Gelegenheit, den Tagesablauf mit dem Kind unter „geschützten Bedingungen“ zu proben. Im Weiteren wurde alles daran gesetzt, allen gesunden Müttern die Möglichkeit zum Rooming-in bei ihren kranken Neu- und Frühgeborenen anzubieten. Diese Möglichkeit wurde in zunehmendem Maße genutzt, so dass Mütter in Kauf nahmen, sich nach ihrer Entbindung möglichst rasch aus der Geburtsklinik entlassen zu lassen, um bei ihrem Kind sein zu können.

Die Kinderkrankenschwestern, die ohnehin für die Beratung der stillenden Mütter qualifiziert waren, wurden in zunehmendem Maße mit den Problemen des frühen Wochenbettes vertraut. Mitte der 1990er Jahre wurde dann auf der Entbindungsstation das Pflegekonzept umgestellt. Statt einer vorherigen Trennung der Betreuung der Neugeborenen durch Kinderkrankenschwestern und der Wöchnerinnen durch geburtshilflich ausgebildete Pflegende wurden nunmehr Mutter und Kind von denselben Pflegepersonen betreut. Dazu war eine gegenseitige Schulung der Pflegenden im Umgang mit sowohl den Neugeborenen wie auch den Wöchnerinnen nötig.

Nach Jahren routinierter Berufsausübung bedeutete dies eine neue Herausforderung. Anfängliche Ängste, der neuen Aufgabe möglicherweise nicht gewachsen zu sein, wichen bald dem Gefühl des Stolzes auf neu erworbene Kompetenzen. Sowohl die innere Überzeugung wie auch äußere Notwendigkeit im Sinne der notwendigen Personalersparnis haben die Pflegenden motiviert.

Nun galt es, den letzten logischen Schritt zu vollziehen, nämlich die gemeinsame Betreuung von Wöchnerinnen, die durchaus pflegebedürftig sein konnten, zusammen mit ihren kranken Neugeborenen. Zunächst wurde dies in einzelnen Fällen erprobt, wobei die Pflegekräfte sich gegenseitig angeleitet haben und die Geburtshelfer zu Visiten auf die Kinderstation kamen.

Dann gelang es, die Konzeption vollends umzusetzen und eine gemeinsame Station zu etablieren. Hier ist vor allen Dingen die Leistung der Pflegenden hervorzuheben, die bisher mit der Betreuung auch sehr kleiner Frühgeborener betraut waren und sich nun auch in die Pflege schwerkranker Wöchnerinnen nach Kaiserschnitt oder mit Wochenbettkomplikationen einarbeiten mussten. Bei der gemeinsamen Visite von Kinderärzten und Geburtshelfern führte das gegenseitige Lehren und Lernen dazu, dass nunmehr die Therapie von Mutter und Kind konsequent aufeinander abgestimmt werden konnte und ein komplementäres Arbeiten ermöglichte.

Im Kontext des Rooming-in wurden die Mütter und Väter von Anfang an in die Pflege ihres Kindes einbezogen. Soweit als möglich wurden die Eltern in die Durchführung pflegerischer Maßnahmen unterwiesen, um die Kompetenzen der Eltern zu stärken.

Ausblick
Bei der Umsetzung einer solchen Konzeption sind strukturelle Veränderungen wie beispielsweise bauliche Maßnahmen in außerordentlich geringem Umfang nötig. Allenfalls die Etablierung von Zentralalarm oder Monitoring können ein geringfügiges Problem sein. Grundsätzlich sind drei Dinge nötig: (1) der Bruch mit der alten Tradition getrennter Kliniken im Sinne der inneren Einstellung; „verwaltungstechnisch“ blieben die Kliniken unabhängig bestehen; (2) ein Wechsel des Rollenverständnisses der Pflegenden als Lehrerinnen und Lehrer, denn dies birgt in jedem Fall auch ein Konfliktpotenzial: Anleiten ist oft schwieriger als schnell in gewohnten Bahnen selbst zu tun; (3) ein motiviertes und lernbereites pflegerisches und ärztliches Personal.

Der Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Deutsche Hebammenzeitschrift 5/2007. Wir danken dem Staude Verlag für die Genehmigung.

Prof. Dr. Eva Mildenberger ist Leiterin der Neonatologie und der Perinatologischen Intensivstation am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.