Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Im Auftrag des Deutschen Komitees für UNICEF haben Prof. Dr. Hans Bertram und Steffen Kohl von der Humboldt-Universität Berlin auf der Basis aktueller empirischer Daten das Wohlergehen von Kindern in Deutschland im internationalen Vergleich untersucht. UNICEF Deutschland knüpft damit an die Studie „Child Poverty in Perspective: An Overview of Child Well-being in Rich Countries“ von 2007 an. Das UNICEF-Forschungsinstitut Innocenti in Florenz hatte in dieser Studie die Lage der Kinder in 21 Industrieländern erstmals anhand von sechs Dimensionen umfassend verglichen: materielles Wohlbefinden, Gesundheit und Sicherheit, Bildung und Ausbildung, Beziehungen zu Familie und Gleichaltrigen, Verhaltensrisiken sowie subjektives Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen.

Ziel des erneuten internationalen Vergleichs der Situation von Kindern in Deutschland mit der in anderen Industrieländern ist es zu prüfen, ob sich das Wohlergehen von Kindern verbessert hat und welche Maßnahmen am besten geeignet sind, die Rechte der Kinder zu fördern. Im Unterschied zu internationalen Untersuchungen von Einzelaspekten wie den Schulleistungen erfasst die Studie für UNICEF umfassend materielle, soziale und auch subjektive Faktoren. Hierdurch entsteht ein ganzheitliches Bild der Situation von Kindern (aus: Vorwort von UNICEF, in: Bertram, Hans, und Kohl, Steffen, Zur Lage der Kinder in Deutschland 2010: Kinder stärken für eine ungewissen Zukunft. Deutsches Komitee für UNICEF, Köln 2010).

Situation der Kinder in Deutschland nur leicht verbessert

UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Industrieländern 2010 vorgestellt

Mit einer neuen internationalen Vergleichsstudie zur Situation der Kinder in Industrieländern zeigt UNICEF für Deutschland Verbesserungen, aber auch erhebliche Probleme auf. Deutschland liegt jetzt auf Platz acht und damit im oberen Mittelfeld von 21 Industrienationen, wenn es darum geht, eine gute Lebensumwelt für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Den ersten Platz belegen erneut die Niederlande. Dringenden Handlungsbedarf sieht UNICEF in Deutschland hinsichtlich der Situation allein erziehender Mütter und ihrer Kinder. Sie sind seit Jahren unverändert besonders stark von materieller Armut betroffen. Als Besorgnis erregend wertet UNICEF, dass Jugendliche hierzulande ihre beruflichen Perspektiven düsterer sehen als ihre Altersgenossen in allen anderen Industrienationen. Sie berichten häufiger als junge Menschen in anderen Ländern davon, sich allein gelassen und als Außenseiter zu fühlen.

„Es gibt keinen Anlass, es sich auf einem Mittelplatz bequem zu machen. Denn dahinter verbergen sich deutliche Defizite“, sagte Regine Stachelhaus, Geschäftsführerin von UNICEF Deutschland, bei der Vorstellung der Studie am 14. Januar in Berlin. „Der Armutsdruck ist gerade für Alleinerziehende dramatisch. Sie werden von der Politik bisher nicht erreicht.“

„Erwachsene müssen Kindern den Glauben an sich selbst vermitteln, um sie auch für eine unsichere Zukunft zu stärken. ’Du kannst es schaffen!’ – das ist die Botschaft, die bei amerikanischen Jugendlichen trotz ungünstigerer Bedingungen ankommt. In Deutschland vermitteln wir vor allem mögliche Gefahren. Nach dem Motto: ‚Pass auf, dass Du nicht scheiterst!’“, so der Autor der Studie, Prof. Hans Bertram von der Humboldt-Universität Berlin.

Anknüpfend an die wegweisende UNICEF-Studie im Jahr 2007 haben die Autoren Hans Bertram und Steffen Kohl das Wohlbefinden der Kinder in 21 Industrieländern anhand von sechs Dimensionen umfassend verglichen: materielles Wohlbefinden, Gesundheit und Sicherheit, Bildung und Ausbildung, Beziehungen zu Familie und Gleichaltrigen, Verhaltensrisiken sowie subjektives Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen. Grundlage sind neueste Daten von Eurostat, OECD, PISA, Weltgesundheitsorganisation, Weltbank und deutschem Mikrozensus sowie eigene Berechnungen.

Verbessert hat sich Deutschland in den Dimensionen „Bildung“, „Beziehungen zu Gleichaltrigen und Familie“ sowie „Verhalten und Risiken“. 2007 schnitt Deutschland im Gesamtvergleich nur mittelmäßig ab und belegte im Gesamtvergleich Platz elf von 21 Ländern – das aktuelle Ergebnis bedeutet eine Verbesserung um drei Plätze.

Erste Dimension: Materielles Wohlbefinden
Anhaltend schwierig ist die materielle Situation vieler Kinder in Deutschland. Insbesondere Kinder, die bei Alleinerziehenden aufwachsen, sind überproportional von Armut betroffen. Von rund 2 Millionen Kindern und Jugendlichen, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, müssen 34 Prozent oder fast 700.000 Kinder mit weniger als 60 Prozent des Äquivalenzeinkommens auskommen. Rund 350.000 verfügen sogar nur über weniger als 50 Prozent. Der Armutsdruck für Alleinerziehende ist seit zwölf Jahren unverändert hoch. Selbst wenn sie es schaffen, berufstätig zu sein, ist es ihnen kaum möglich, der Armut zu entkommen.

Zweite Dimension: Gesundheit und Sicherheit
Deutschland belegt erneut Platz elf. Defizite gibt es weiter hinsichtlich der Säuglingssterblichkeit, des Geburtsgewichts der Kinder und der Impfrate.

Dritte Dimension: Bildung und Ausbildung
In diesem Bereich sehen die Autoren trotz Fortschritten auch Besorgnis erregende Trends. So gibt es messbare Leistungsverbesserungen beim Lesen, in Mathematik und den Naturwissenschaften. Deutschland liegt jetzt auf Platz sechs auf einem Niveau mit Schweden. Aber viele Kinder und Jugendliche blicken sehr düster in ihre berufliche Zukunft: So erwarten knapp 25 Prozent, dass sie nach Beendigung der Schule und der Ausbildung nur Arbeiten mit niedriger Qualifikation ausüben werden. In den USA, die im Gesamtvergleich ganz hinten liegen, haben nur 9 Prozent eine so pessimistische Erwartung hinsichtlich ihrer Zukunftschancen. Deutschland liegt hier auf dem letzten Platz aller untersuchten Industrieländer.

Vierte Dimension: Beziehungen zur Familie und zu Gleichaltrigen
Im internationalen Vergleich liegt Deutschland auf Platz neun im Mittelfeld. Allerdings wird der Alltag der Familien in Deutschland im Unterschied zu vielen anderen Ländern wie den USA oder Frankreich stark von einer „Verlängerung“ der Schule in die Familie bestimmt: Hausaufgaben werden außerhalb der Schulzeit zu Hause erledigt, Eltern oft zu „zwangsverpflichteten Hilfslehrern“ – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Rollen und die Kommunikation in der Familie.

Fünfte Dimension: Verhaltensrisiken
Bei den Verhaltensrisiken junger Menschen schneidet Deutschland auf Platz sieben relativ gut ab. So sind direkte körperliche Auseinandersetzungen zwischen Kindern und Jugendlichen im internationalen Vergleich relativ selten. Allerdings berichten überdurchschnittlich viele Jungen und Mädchen, dass sie von anderen drangsaliert oder gemobbt wurden – wie in der ersten UNICEF-Studie ist das etwa jeder dritte junge Mensch. Rund 12 Prozent der Jugendlichen im Alter von 13 und 15 Jahren in Deutschland leiden an Übergewicht und Bewegungsmangel – in den Niederlanden sind dies nur 8 Prozent. Obwohl sich der Anteil halbiert hat, liegt der Prozentsatz der rauchenden Kinder immer noch deutlich höher als etwa in Schweden, Norwegen und den USA. Jedes achte Kind gab an, bereits mehrmals betrunken gewesen zu sein.

Sechste Dimension: Subjektives Wohlbefinden
Hinsichtlich der eigenen Einschätzung von Kindern und Jugendlichen zu ihrer Lebenssituation befindet sich Deutschland insgesamt auf Rang neun. Hinter diesem Mittelplatz verbergen sich allerdings einige gravierende Probleme: 6 Prozent der Heranwachsenden erleben sich als Außenseiter. 11 Prozent der befragten 15-jährigen Schüler(innen) in Deutschland geben an, sich „unbehaglich und fehl am Platz“ zu fühlen. Etwa jeder dritte 15-Jährige sagt, dass er sich „alleine“ fühlt. Bei der Lebenszufriedenheit insgesamt liegt Deutschland dann sogar auf dem viertletzten Platz von 21 Ländern. Erfreulich ist dagegen: Überdurchschnittlich hoch – bei fast 36 Prozent – liegt der Anteil der Kinder in Deutschland, die die Schule nach eigenen Angaben „sehr gerne“ mögen.

Vor dem Hintergrund der neuen Vergleichsstudie appelliert UNICEF an Bundesregierung, Länder und Kommunen, das Wohlbefinden und die Rechte der Kinder zum Maßstab ihrer politischen Entscheidungen zu machen: Politik, Medien und Forschung dürfen Kinder nicht ausschließlich aus der Perspektive ihrer Leistungsfähigkeit beurteilen. Ihr Selbstvertrauen und ihre Rechte müssen grundlegend gestärkt werden. UNICEF fordert erneut, Kinderrechte im deutschen Grundgesetz zu verankern, damit die Rechte der Kinder Vorrang haben.

Der Kampf gegen Kinderarmut in Deutschland muss gezielt verstärkt werden. Vor allem Alleinerziehende und ihre Kinder brauchen deutlich mehr Unterstützung, um der Armutsfalle entkommen zu können. Denn alle Kinder haben das Recht auf eine eigenständige materielle Absicherung, die sich am tatsächlichen Bedarf orientiert.

Es muss mehr getan werden, um die Gesundheit der Kinder zu fördern. Übergewicht bei jungen Menschen ist in Deutschland – wie in anderen Ländern auch – ein wachsendes Problem. Sport und Bewegung sowie ausgewogene Ernährung müssen einen höheren Stellenwert erhalten. Medien, Politik und Elternhäuser sollten sich konsequenter gegen Rauchen und Alkoholkonsum positionieren.

Quelle: Pressemitteilung von UNICEF vom 14.1.2010
Die gesamte Studie, Grafiken und weitere Informationen unter www.unicef.de/deutschland2010