Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Nachsorge für Frühgeborene

Das Kindergesundheitshaus in Berlin

von Doreen Czekalla und Petra Grieben

Die vierzehnjährige Mutter eines sehr kleinen frühgeborenen Mädchens mit 520 Gramm Geburtsgewicht wurde über spezielle Schulungsprogramme für sehr junge Mütter in der häuslichen Versorgung ihrer Tochter angeleitet. In der Migrantenfamilie gab es große finanzielle Schwierigkeiten. Wenige Tage vor der Entlassung beschloss das Jugendamt, das kleine Mädchen vorerst in einer Pflegefamilie unterzubringen. In der Trauer um den drohenden Verlust wurde die Mutter erneut schwanger. Mit Hilfe des Kindergesundheitshauses konnte durch engmaschige Betreuung letztlich doch eine sichere Versorgung des Frühgeborenen, das mit Sauerstoff behandelt werden musste und über eine Nahrungssonde ernährt wurde, ermöglicht werden. Inzwischen vermag die junge zweifache Mutter mit Unterstützung ihrer Familie ihren Kindern ein sicheres Heim zu bieten, in dem diese in Geborgenheit aufwachsen können.

Das Kindergesundheitshaus e.V. wurde im Jahr 2000 durch Mitarbeiter der Vivantes Kinderklinik Neukölln gegründet. Die Kinderklinik Neukölln arbeitet mit der zweitgrößten geburtshilflichen Klinik der Republik zusammen. Sie ist als so genanntes „Perinatalzentrum“ (intensiv-medizinische Begleitung von Frühgeborenen und schwerkranken Neugeborenen) anerkannt. Diese Kinder sind Risikopatienten im Sinne einer verzögerten oder gar gestörten weiteren Entwicklung. Ungünstige soziale Umstände verschärfen die Entwicklungsrisiken dieser Kinder oft zusätzlich. Der Verein ist durch den Qualitätsverbund – Bunter Kreis – als Nachsorgeeinrichtung akkreditiert und als Leistungserbringer der Berliner Jugendämter im Rahmen der sozialpädagogischen Familienhilfe anerkannt. Die Arbeit des Kindergesundheitshauses Der Schwerpunkt der Arbeit des Kindergesundheitshauses liegt in der medizinischen und psychosozialen Begleitung der Familien von schwerstkranken Kindern in der Klinik und der Überleitung ins häusliche Kinderzimmer. Durch die intensive Zusammenarbeit mit den Kolleg(inn)en der Klinik kommt es zu einem unmittelbaren und schnellen Erstkontakt zu den Familien, weshalb viele von ihnen schon während des stationären Aufenthaltes von unseren Mitarbeiter(inn)en begleitet werden. Das so entstandene Vertrauensverhältnis senkt die Schwelle zur Inanspruchnahme der verschiedenen Hilfsangebote im sozialen Bereich, wodurch Mütter und Väter in belasteten Lebenslagen frühzeitig erkannt, in ihrer Erziehungskompetenz unterstützt und so Risiken für Kinder möglichst frühzeitig vermieden werden können. Damit begleitet das Team zeitnah und koordiniert verschiede individuelle Hilfen zur Entlastung der Familien. Es stehen neben Case Manager(inn)en, Psycholog(inn)en, Sozialpädagog(inn)en, Heilpädagog(inn)en und Hebammen auch Kinderärztinnen und Kinderärzte, Kinderkrankenschwestern, Seelsorger(inn)en und ehrenamtliche Mitarbeiter(inn)en hilfreich zur Seite. Ein Großteil der Dienste findet im heimischen Umfeld durch unsere Mitarbeiter statt. Das multiprofessionelle Team steht den Hilfesuchenden 24 Stunden am Tag für medizinische Notfälle beratend zur Seite. Belastete Familien, Alleinerziehende und sehr junge Eltern sind den speziellen Pflegeanforderungen und psychosozialen Belastungen oft nicht gewachsen. Sie bedürfen einer aufsuchenden und stützenden Begleitung als Bindeglied zwischen stationärer und ambulanter Betreuung. Wir sind Ansprechpartner für Eltern, bei deren Säuglinge und Kleinkindern Entwicklungsauffälligkeiten oder Behinderungen vermutet bzw. festgestellt werden. Je frühzeitiger eine Begleitung einsetzt, desto wirksamer kann die Entwicklung des Kindes positiv beeinflusst werden. Zugleich sollen die Eltern unterstützt und beraten werden, so dass Ängste und das Gefühl der Hilflosigkeit überwunden, falsche Reaktionen gegenüber dem Kind (z. B. aufgrund von Überforderung) abgebaut und entwicklungsfördernde Verhaltensweisen vermittelt werden können. Existierende Hilfsangebote sind für Eltern nicht immer zugänglich, ihre meist fehlende Vernetzung verhindert eine kontinuierliche und effektive Hilfe. Vor allem im Bereich der aufsuchenden, psychosozialen Beratung und Unterstützung bestehen Versorgungslücken. Das Ziel des Kindergesundheitshauses ist es, Angebote zur Förderung und Unterstützung von jungen und werdenden Familien in unterschiedlichen Lebenslagen und mit unterschiedlichen Bedürfnissen bereitzustellen. Dafür ist es wichtig, dass die Angebote niedrigschwellig sind, d. h. alltagsnah gestaltet werden und ohne Hemmschwellen oder räumliche Hindernisse in Anspruch genommen werden können. Das Kindergesundheitshaus verfolgt einen familienorientierten Ansatz. Wir wollen die Familien frühzeitig als Ganzes ansprechen. Der präventive Charakter unserer Arbeit garantiert eine frühzeitige und umfassende Familienförderung mit passgenauer Unterstützung in der Familienfindungsphase. Unsere Arbeit bewirkt, dass trotz erschwerter Startbedingungen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelingen kann. Da Berlin von Familien mit Zuwanderungsgeschichte geprägt ist, werden erhöhte Ansprüche an die Integration gestellt. Durch die unterschiedlichen und passgenauen Hilfen des Kindergesundheitshauses kann die Integration in die Arbeit einbezogen werden. Nachfolgend sollen einige Hilfen speziell für frühgeborene Kinder und deren Familien vorgestellt werden. Sozialmedizinische Nachsorge Die sozialmedizinische Nachsorge des Kindergesundheitshauses e.V. richtet sich an Familien, deren Kinder von Behinderung bedroht sind z.B. nach einer sehr frühen Geburt und chronisch kranke Kinder. Sie ist eine Regelleistung der Krankenkassen(§ 43 Abs II SGB V). Sie bietet eine medizinisch-psychosoziale Betreuung für Familien in ihren jeweiligen Belastungssituationen. Mit der Methode des Case Managements werden die Familien durch unser multiprofessionelles Team bereits während des stationären Aufenthaltes in der Klinik unterstützt und begleitet, auf die Entlassung vorbereitet und bis zu drei Monaten zu Hause ambulant weiter betreut. Im Rahmen der sozialmedizinischen Nachsorge wird die Familie ganzheitlich in ein stabiles Versorgungsnetz eingebunden. Die Hilfe orientiert sich an den individuellen Ressourcen und Belastungen des Klientels. Ambulantes Clearing Die oft vorgeschaltete sozialmedizinische Nachsorge erlaubt eine frühzeitige Intervention durch das ambulante Clearing in den Familien, so dass Bindungsproblematiken, mangelnde Selbstversorgungskompetenzen der Eltern, Erziehungsschwierigkeiten und Paarprobleme frühzeitig aufgefangen bzw. aufgelöst werden können, ohne dass diese sich manifestieren. Das Kindergesundheitshaus e.V. leistet als multiprofessionelles Team ambulante Clearings durch flexible Hilfen zur Erziehung für junge Familien, die aufgrund verschiedener Problemlagen Hilfe benötigen. Durch die Verbindung von sozialmedizinischer Nachsorge und systemisch-lösungsorientierter Hilfe zur Erziehung gilt es, die Ressourcen der Klienten frühzeitig auf vielfältige Art zu erkennen und zu stärken und durch Erfahrungs- und Handlungsräume die Persönlichkeitsentwicklung der Familien zu fördern. Hierbei werden die mitgebrachten Ressourcen der einzelnen Familienmitglieder frühzeitig berücksichtigt, aufgenommen und gemeinsam weiter entwickelt, um kostenintensivere Hilfen einzusparen. Begleitete Selbsthilfegruppen Die Gruppenangebote des Kindergesundheitshauses beginnen bereits mit wöchentlichen Treffen während des stationären Aufenthalts. Die Familien von ehemaligen Frühgeborenen haben nach der Eingewöhnungszeit in der häuslichen Umgebung oft den Wunsch, sich mit Eltern auszutauschen, die in der sehr emotionalen Phase nach der Geburt ihres Kindes ähnliche Erfahrungen wie sie selbst machen mussten. Die Zartheit ihres Kindes bleibt im Alltag noch lange ein Thema und wird vom Umfeld meist mitleidig wahrgenommen. Im Kreise von gleichgesinnten Eltern entfällt das Vergleichen der kindlichen Entwicklung und der Erfahrungsaustausch untereinander ist meist hilfreicher als eine medizinische Beratung. Die Elterngruppe trifft sich einmal monatlich und wird regelmäßig durch Fachreferenten begleitet. Die frühe und präventive Unterstützung von Familien mit einem erhöhten Begleitungsbedarf ermöglicht es, die Entwicklung behinderter und entwicklungsauffälliger Kinder so zu steuern, dass störende und behindernde Faktoren frühzeitig erkannt und begleitet werden können. Immer wieder werden Entwicklungsdefizite und familiäre Konflikte erst im Kindergartenalter bekannt. Die sensible Phase der Säuglingszeit wird für Unterstützungsmöglichkeiten nicht genutzt. Die psychosoziale Arbeit in den Familien wird oft erst angeboten, wenn sich die Konflikte verhärtet haben. Durch frühzeitig angesetztes prozessorientiertes Arbeiten können demgegenüber Kosten gespart und Hilfen zeitlich reduziert werden.

Doreen Czekalla und Petra Grieben sind Mitarbeiterinnen des Fördervereins „Kindergesundheitshaus e.V.“, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin (Chefarzt Prof. Dr. Rainer Rossi), Klinikum Neukölln in Berlin.