Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Wann und wie viele oder überhaupt?

Kinderwünsche junger Männer

von Isabelle Krok

Familie ist nach wie vor hoch im Kurs. Junge Menschen sehen Partnerschaft und Kinder ganz klar als festen Bestandteil ihrer Zukunft und als Teil ihres Lebensglücks an (vgl. Gille 2006, Deutsche Shell 2006). Gleichzeitig werden in der Diskussion um den kontinuierlichen Geburtenrückgang zunehmend auch junge Männer einbezogen. Schließlich bleibt etwa ein Viertel aller Männer dauerhaft kinderlos (Schmitt/Winkelmann 2005). Entscheiden sich Männer tatsächlich immer häufiger bewusst gegen Kinder? Rückt Familie auf die hinteren Ränge der Lebensplanung von Jungen und Männern?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, befragte das Deutsche Jugendinstitut im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zwischen Oktober 2007 und Februar 2008 insgesamt 1.803 junge Männer zwischen 15 und 42 Jahren. Möchten junge Männer Kinder und wann würden sie gern Vater werden? Wie sind ihre Vorstellungen vom Vatersein, welche Barrieren auf dem Weg in eine mögliche Vaterschaft nehmen sie wahr? Und schließlich: Was wünschen sie sich von der Politik und den Arbeitgebern, um Vaterschaft leben zu können? Die Ergebnisse der Studie „Wege in die Vaterschaft“ sprechen eine deutliche Sprache: Junge Männer wollen Kinder, und sie möchten früher Vater werden, als es derzeit der Fall ist.

Junge Männer wollen Kinder – sobald bestimmte Voraussetzungen gegeben sind
Neun von zehn der noch kinderlosen Befragten (92,7 Prozent) wollen später eigene Kinder, am häufigsten wenn sie eine Partnerin haben – sowohl in sehr jungen Jahren, wo der Wunsch nach Kindern generell höher ist, als auch nach der Ablösung vom Elternhaus, wenn auch im Freundes- und Bekanntenkreis „Familie“ zunehmend Thema wird. Im Gegenzug scheinen eigene Kinder in der Phase der beruflichen Einmündung und der Verselbständigung in den Hintergrund zu rücken. Diese Befragten, die in einer eigenen Wohnung leben und keine Partnerin haben, geben am häufigsten an, keine eigenen Kinder haben zu wollen (10,5 Prozent).

Die Zwei-Kind-Familie ist nach wie vor hoch im Kurs, insbesondere unter den (noch) Kinderlosen. 63,1 Prozent der Befragten streben diese Familienkonstellation an. Im Schnitt wünschen sich die Befragten 2,12 Kinder (Anmerkung: Die Zahl ist im Vergleich zu anderen Studien relativ hoch. So spricht die Robert-Bosch-Studie von einem durchschnittlichen Kinderwunsch bei Männern von 1,59. Diese Abweichung ist auf unterschiedliche Stichprobenzusammensetzungen zurückzuführen. In der vorliegenden Studie sind kinderlose Männer über 33 Jahre sind nicht vertreten) – deutlich mehr als die realisierte Kinderzahl in Deutschland. Am höchsten ist der Kinderwunsch dort, wo die Nähe zu Familie im Alltag da ist, also entweder als Kind in der Herkunftsfamilie oder wenn bereits eine erste Vaterschaft besteht.

Junge Männer meinen, dass es am besten wäre, zwischen 25 und 28 Jahren zum ersten Mal Vater zu werden. Darin ist sich etwa die Hälfte (47,6 Prozent) der befragten jungen Männer einig.

Faktisch ist jedoch mehr als ein Drittel der 35 bis 40-jährigen Männer in Deutschland kinderlos, etwa 25 Prozent bleiben es dauerhaft (Schmitt/Winkelmann 2005). Aus der Perspektive der jungen Männer liegt dies daran, dass Kinder an bestimmte Voraussetzungen geknüpft sind. Vatersein bedeutet für junge Männer, Verantwortung zu übernehmen und für eine Familie zu sorgen. Drei „Zutaten“ müssen gegeben sein, bevor sie Kinder bekommen: eine verlässliche Partnerschaft ein sicheres Einkommen und – damit verknüpft – eine stabile berufliche Position (vgl. Abbildung 3). Für 66 Prozent wird der Wunsch nach einem Kind erst konkret, wenn sie sich in einer stabilen Partnerschaft befinden. Nahezu zwei Drittel sehen es als sehr wichtig an, erst eine Familie ernähren zu können (58,9 Prozent) und einen sicheren Arbeitsplatz zu haben (56,5 Prozent).

Die Bedeutung der beruflichen Sicherheit spiegelt sich in der differenzierten Betrachtung der Befragten nach ihrem Bildungsniveau. Kinderlose junge Männer mit (angestrebter) Hochschulreife scheinen eine gesicherte berufliche Situation und somit die Möglichkeit, eine Familie ernähren zu können, für ihre Zukunft eher zu erwarten als andere. Sie wünschen sich mehr Kinder als Befragte mit niedrigeren (angestrebten) Schulabschlüssen. Insbesondere bei den Vätern schlägt die Bedeutung der Bildung für den Kinderwunsch durch: verfügen sie über eine Hochschulreife, so geben sie im Schnitt einen höheren Kinderwunsch an. Allerdings scheinen es weniger eine ausgeprägte Karriereorientierung und somit ein gutes erwartetes Einkommen zu sein, die die gewünschte Kinderzahl in die Höhe treiben, als die große Bedeutung einer finanziellen Sicherheit.

Im Gegenteil können die Vorstellungen von einer eigenen Familie scheinbar nicht mit gleichzeitigen Karriereplänen einhergehen zu können. Unabhängig vom Bildungsabschluss wünschen sich diejenigen Väter, denen ein beruflicher Aufstieg und ein hohes Einkommen besonders wichtig sind, insgesamt weniger Kinder als Väter, für die Karriere eine hohe Relevanz hat. Dies lässt darauf schließen, dass die befragten Väter sich zum einen bereits in einer gefestigten beruflichen Situation befinden und im Vergleich der noch kinderlosen jungen Männer nicht mehr so häufig einen weiteren Aufstieg anstreben. Zum anderen machen sie vermutlich im Alltag, beispielsweise bei Freunden, die Erfahrung, dass Kinder Zeit in Anspruch nehmen, die ihnen bei gleichzeitig hohem beruflichem Engagement in der Familie fehlen würde.

Die Bedingungen, die junge Männer als wichtig erachten, bevor sie an eigene Kinder denken, sind heute jedoch erst spät im Lebenslauf gegeben. Längere Ausbildungszeiten, unsichere berufliche Einstiege, eine längere Abhängigkeit vom Elternhaus sowie instabile Partnerschaften führen dazu, dass Vaterschaft später Realität wird als zunächst gewünscht. Im Schnitt kommt das erste eheliche Kind bei Männern etwa im Alter von 33 Jahren (Anmerkung: Das durchschnittliche Alter der ersten Vaterschaft für alle Männer lässt sich aus den Daten der amtlichen Statistik lediglich schätzen. Mütter waren im Jahr 2007 bei der Geburt ihres ersten ehelichen Kindes 29,8 Jahre alt).

Optimal ist dieser Zeitpunkt für die hier Befragten nicht. Nur für eine Minderheit von 9,5 Prozent ist die Altersspanne zwischen 33 und 42 Jahren genau richtig, um zum ersten Mal Vater zu werden. Vielmehr wäre bereits für die Hälfte der 22-Jährigen eine Vaterschaft zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter schlimm. Insbesondere wenn sie eine feste Partnerin haben und bereits berufstätig sind, kämen sie mit einer ungeplanten Schwangerschaft in der momentanen Situation durchaus zurecht.

Persönliche Erfahrungen in der Herkunftsfamilie und mit Kindern sind entscheidend für den Wunsch nach einer größeren Familie
Ob junge Männer sich Kinder wünschen und wie viele es einmal sein sollen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass biografische Erfahrungen und insbesondere das familiale Umfeld, in dem die Befragten aufgewachsen sind, die Konkretisierung des Kinderwunsches und die Realisierung von Vaterschaftsintentionen beeinflussen.

Sind die jungen Männer bis zu ihrem 15. Lebensjahr nicht mit beiden leiblichen Eltern aufgewachsen, so wünschen sie sich seltener drei oder mehr Kinder. Auch zeigt sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Anzahl der Geschwister der Befragten und der gewünschten Kinderzahl: mehr Geschwister fördern den Wunsch nach einer größeren eigenen Familie. Darüber hinaus scheint die Nähe zu Kindern und Familie generell förderlich zu sein für die Vorstellung, auch selbst Kinder zu haben. Die meisten noch kinderlosen Männer haben in ihrem Alltag seltener als einmal im Monat Kontakt zu Kindern unter sechs Jahren (40,2 Prozent). Insbesondere nach dem Auszug aus dem Elternhaus sowie in der Phase der beruflichen Etablierung spielen Kinder im Alltag junger Männer eine nachrangige Rolle. Dies ist erst wieder der Fall, wenn sie in einer festen Partnerschaft leben und Familiengründung auch im Freundes- und Bekanntenkreis langsam zum Thema wird. Unter den Nicht-Vätern sind es vor allem die jungen Befragten im Haushalt der Eltern sowie die jungen Männer, die eigenständig wohnen und eine Partnerin haben, in deren Alltag kleine Kinder häufiger vorkommen. Im Vergleich zu Befragten, die kaum oder nie Kinderkontakte haben, wünschen sich diese häufiger eine größere Familie mit drei oder mehr Kindern.

Wie können Politik und Arbeitgeber aktive Vaterschaft fördern und jungen Männern die Realisierung des Kinderwunsches ermöglichen?
Das Fazit der Studie lautet: Junge Männer wollen eine eigene Familie – und sie würden dies gern früher umsetzen, als es heute der Fall ist. Deshalb gilt es, Möglichkeiten zu schaffen, diesen Wunsch realisierbar zu machen. Dazu ist es notwendig, dass Politik und Arbeitgeber an einem Strang ziehen. In den vergangenen zwei Jahren haben väterorientierte Vorstöße in Politik und Arbeitswelt bereits dazu geführt, dass eine wachsende Zahl an Vätern ihre Berufszeit zugunsten der Familie reduziert. Um jungen Männern den Weg in ihre Vaterschaft zu ebnen, gilt es zum einen, diese Ansätze auszubauen. Ebenso wichtig ist es zum anderen, Maßnahmen schon früher anzusetzen, lange bevor eigene Kinder überhaupt geplant werden.

Zeit, Geld und Infrastruktur für eine bessere Passung von Berufs- und Familienalltag
Für eine aktive Vaterschaft wünschen sich junge Männer Unterstützung in den Bereichen Zeit, Geld und Infrastruktur: (Mehr) Zeit in der Familie, eine bessere Passung zwischen Berufsalltag und den Bedürfnissen der Familie sowie eine bedarfsorientiertere betriebliche Infrastruktur. Nach wie vor richten sich familienfreundliche Maßnahmen im Betrieb überwiegend an Mütter. Väter, die ihren Beruf zugunsten der Familie zurückstellen (möchten), sind hingegen auch heute eher noch Exoten oder müssen gar Nachteile für ihre berufliche Entwicklung befürchten. Männer sollten daher über die gesetzlich geregelte Elternzeit hinaus die Möglichkeit bekommen, länger und kurzfristiger vom Arbeitsplatz fern bleiben zu können, ebenso bei besonderen Ereignissen wie Geburt oder Krankheit eines Kindes.

Gefragt ist nicht eine „vorgefertigte“ Arbeitszeitflexibilität, sondern eine Unternehmenskultur, in der aktive Väter nicht geächtet werden und in der auch Vorgesetzte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorleben können. Gerahmt werden sollten die Maßnahmen durch ein grundsätzliches Umdenken in Sachen Unternehmensidentität: weg von einer Kultur permanenter Verfügbarkeit im Betrieb, in der Eltern, deren Zeit neben dem Job durch andere Verpflichtungen ausgefüllt ist, grundsätzlich nur als „defizitäre“ Mitarbeiter empfunden werden können, hin zu einer echten Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Frühere Vaterschaft ermöglichen
Heute dauert es eine geraume Zeit, bevor junge Menschen sich beruflich etablieren und finanziell selbständig werden. Gleichzeit möchten junge Männer früher Kinder, als es ihnen derzeit möglich ist. Damit Vaterschaft schon früher realisierbar und „normal“ werden kann, gilt es demnach, Ausbildung bzw. Studium und Vaterschaft simultan möglich zu machen. Hierzu sind neben zeitlicher Flexibilität in Form von Teilzeitberufsausbildung sowie flexiblen Studienprogrammen an Hochschulen auch familienfreundliche Infrastrukturen an Ausbildungsstätten und Hochschulen gefragt – beginnend bei Rückzugsmöglichkeiten und barrierefreien Zugängen bis hin zu einer verlässlichen und zeitlich flexiblen Kinderbetreuung.

Ebenso würde eine stärkere Förderung der sozialen Verselbständigung durch finanzielle staatliche Transfers, die sich direkt an die jungen Erwachsenen richten, die Entscheidung für die Realisierung des Kinderwunsches erleichtern. Denn auch im internationalen Vergleich sind junge Menschen in Deutschland besonders lange Zeit abhängig von ihren Eltern (Dommermuth 2008). Da Elternschaft gerade für junge Menschen in der Ausbildungsphase eine hohe finanzielle Belastung darstellt und gleichzeitig familienunterstützende Leistungen wie das Elterngeld für Studierende und Auszubildende mit Kindern unattraktiv sind – sie haben lediglich einen Anspruch auf den Mindestsatz von 300 Euro – ist dafür zu plädieren, das Elterngeld für „Eltern in Ausbildung“ anzupassen sowie eine Art „Eltern-BaFöG“ zu etablieren.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Isabelle Krok (Dipl. Soz., Dipl. Soz.Päd. (FH)) ist wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut in München.