Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

„Der Einsatz des Vaters im Alltag erweitert die Erfahrungs- und Lernchancen für das Kind“

Dr. Jörg Maywald im Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios E. Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen/Italien und Präsident des Didacta Verbandes

Maywald: Jedes Kind hat einen biologischen Vater, auch wenn es ihn nicht immer kennt. Warum brauchen Kinder in sozialer Hinsicht einen Vater, der sich im Alltag für sie einsetzt?

Fthenakis: Kinder benötigten für ihre Entwicklung Mutter und Vater. Bereits der Anthropologe Lovejoy hatte zu Beginn der achtziger Jahre darauf hingewiesen, dass stammesgeschichtlich die Entwicklung des Homo Sapiens dadurch begünstigt wurde, dass Mütter und Väter ein didaktisches Modell zur Sicherung des Aufwachsens ihrer Kinder entwickelt hatten, das Kommunikation und Interaktion beinhaltete. Dies hat die intellektuelle und die sprachliche Entwicklung des Kindes stimuliert, so dass es dann dazu gekommen ist, dass diese Spezies sinnvoll Werkzeuge zur Erreichung von Zielen eingesetzt hat, also intelligente Handlungen vornahm. Interessant ist dabei die Annahme, dass beide Eltern in gleicher Weise diese Performanz besitzen, was wohl die Überlebenschance des Kindes erhöht. Zu allen Zeiten haben alle Kulturen Elternschaft in hohem Maße sozial konstruiert und beiden Eltern eine Rolle zugewiesen, die als Lebens- und Überlebensressource für das Kind diente. Dass einen solchen oder vergleichbaren Beitrag auch nicht biologische „Väter“ leisten können, ist hinreichend dokumentiert. Allerdings zeigt ein biologischer Vater ein höheres Engagement und leistet höhere Investitionen in seinen Nachwuchs. Der Einsatz des Vaters im Alltag erweitert die Erfahrungs- und Lernchancen für das Kind, ermöglicht komplexere Interaktionen im Familiensystem und kann mögliche Defizite in anderen Bereichen des familialen Lebens kompensieren. Darüber hinaus ist der Vater wichtig für die Entwicklung der Identität von Mädchen und Jungen und kann, wenn die Rahmenbedingungen es ermöglichen, die kognitive Entwicklung seiner Kinder stimulieren, die Empathie fördern und die schulische Leistung steigern.

Maywald: Was können Väter im Unterschied zu Müttern ihren Kindern bieten?

Fthenakis: Wir sollten wissen, dass die Ähnlichkeiten im Erziehungsverhalten von Müttern und Vätern bei weitem überwiegen. Über diesen Erkenntnisgewinn verfügen wir bereits seit den siebziger Jahren. Neuere Studien, die sogar längsschnittlich an großen Stichproben durchgeführt wurden, zeigen, dass bei jedem der erfassten kindlichen Merkmale gemeinsame elterliche Beiträge zu finden sind. In den USA konnten aber auch gewisse elternspezifische Beiträge festgestellt werden. So sind zum Beispiel väterliche Merkmale prognostisch relevanter als mütterliche, wenn es um die schulische Laufbahn des Kindes geht. Auch für das Auftreten von Verhaltensauffälligkeiten im Erwachsenenalter sind väterliche Variablen prognostisch relevanter als mütterliche. Und es scheint so zu sein, dass väterliche Beiträge wesentlich zur Entwicklung des kindlichen Selbstwertgefühls beitragen. Wir verfügen aus den letzten 50 Jahren über 150 umfassende Studien über die Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf die kindliche Entwicklung. Alle Metaanalysen dieser Studien bestätigen, dass am ehesten die Entwicklung des kindlichen Selbstwertgefühls betroffen ist. Ein Erklärungsansatz führt dies auf die während und vor allem nach der Scheidung in vielen Fällen beeinträchtige Vater-Kind-Beziehung zurück. Väter und Mütter sind wiederum in gleichem Ausmaß für das Wohlbefinden des – erwachsenen – Kindes prognostisch relevant. Die Mütter regulieren die Qualität der Beziehungsnetze des Kindes: die Beziehung zu den Verwandten, zu den Freunden und zu anderen sozialen Netzen. So sind beide Eltern unverzichtbare und lebenswichtige Ressourcen für ihre Kinder, wenn auch in teilweise unterschiedlicher Art und Weise.

Maywald: Viele Männer nehmen sich für den Fall, dass sie Vater werden, ernsthaft vor, einen gewichtigen Anteil der Erziehungsarbeit zu übernehmen. Tritt der Fall dann ein und das Kind ist geboren, entspricht ihr Verhalten vielfach nicht ihren zuvor geäußerten Absichten. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Fthenakis: Sie haben Recht. Wir haben in der für Deutschland repräsentativen Väterstudie herausgefunden, dass über zwei Drittel der noch kinderlosen Männer und Frauen die Auffassung vertreten, dass sie später, wenn das Kind auf die Welt kommt, alle kindbezogenen Aufgaben gemeinsam bewältigen werden. Die Realität nach der Geburt des Kindes scheint jedoch eine andere zu sein. In der LBS-Familienstudie, in der wir die Entwicklung der Partnerschaft und Elternschaft zehn Jahre lang untersucht haben, konnte gezeigt werden, dass Männer und Frauen vor der Geburt des Kindes ein symmetrisches, das heißt auf Gleichberechtigung aufbauendes Modell praktizierten. Es liegt in der Logik des Modells, dass sie sich vornehmen, auch später alle anfallenden Aufgaben gemeinsam zu bewältigen. Leider lassen die Rahmenbedingungen die Umsetzung eines solchen Modells nach der Geburt des ersten und noch weniger nach der Geburt des zweiten Kindes nicht zu. Die Familie reagiert rational auf die Tatsache, dass mangels Betreuungsangeboten ein Elternteil die Fürsorge für das Kind übernehmen muss. Beide Eltern vertreten die Auffassung, dass derjenige Elternteil in die Erwerbstätigkeit stärker involviert bleibt, der eine sichere Position innehat beziehungsweise mehr verdient. Und wenn ein Mann als Hausmann zu Hause bleibt, funktioniert das Modell auf der Grundlage der gleichen Logik: die Mutter verdient mehr oder hat eine sichere berufliche Position. Dieses Modell traditionalisiert die Rollen und die Familie kann aus eigener Kraft in den kommenden Jahren dieses Modell nicht verändern. In der erwähnten LBS-Familienstudie haben wir festgestellt, dass dieses Modell weder den Wünschen noch den Lebenszielen der Mehrzahl von Männern und Frauen entspricht. Die Logik dieses Familienmodells schreibt den Vätern die Brotverdienerfunktion zu und diese wiederum bedingt ungleiche elterliche Beiträge, was die Bewältigung kind- und haushaltsbezogener Aufgaben betrifft.

Maywald: Manche Kinder wachsen gänzlich ohne Vater auf. Wie kann dieser Verlust aufgefangen oder zumindest abgemildert werden?

Fthenakis: Die seit den sechziger Jahren kontinuierlich wachsende Anzahl von kinderlos aufwachsenden Kindern geht im Wesentlichen auf zwei Ursachen zurück: auf die elterliche Scheidung und auf die extrem zunehmende Anzahl außerehelicher Geburten, vor allem bei jüngeren Müttern. Eine beträchtliche Anzahl dieser Kinder wächst mit einem nicht biologischen Elternteil auf, und ein Teil von ihnen erfährt multiple Trennungen. Diese Daten befremden umso mehr, als die Bedeutung väterlichen Engagements für die Entwicklung von Kindern zunehmende Akzeptanz findet. Effekte von Vaterabwesenheit auf die kindliche Entwicklung genau zu bestimmen, erweist sich deshalb als schwierig, da sie mit einer Reihe von anderen Faktoren konfundieren, die kindliche Entwicklung ebenso beeinflussen können. Vaterabwesenheit kann sich in direkter und indirekter Weise – etwa vermittelt durch die Mutter – auf die Befindlichkeit und die Entwicklung des Kindes auswirken. In neueren Arbeiten finden sich tendenziell negative Folgen von Vaterabwesenheit vor allem im Hinblick auf das Selbstwertgefühl, die Selbstkontrolle, das kindliche Wohlergehen und die schulischen Leistungen. Der Vater ist, wie erwähnt, insbesondere für die soziale Entwicklung des Kindes wichtig, fördert dessen kognitive Entwicklung und die Empathie und trägt wesentlich zur Identitätsentwicklung des Kindes bei. Ein Stiefvater kann den Verlust des biologischen Vaters nicht vollständig kompensieren, vor allem was den Verlust von Einkommen und sozialem Kapital betrifft. Dennoch: Vaterabwesenheit führt nicht bei allen betroffenen Kindern zu einer gravierenden Beeinträchtigung ihrer Entwicklung, vor allem dann, wenn dem Kind weitere Rollenmodelle und Erziehungspersonen zur Verfügung stehen. Trotzdem ersetzen alle diese Surrogate nicht den kompetenten biologischen Vater.

Maywald: Wenn Eltern nicht miteinander verheiratet sind und die Mutter zu einer gemeinsamen Sorgeerklärung nicht bereit ist, hat der Vater nach in Deutschland geltender Rechtslage keine Möglichkeit, rechtliche Verantwortung für sein Kind zu übernehmen. Halten Sie diese Regelung noch für zeitgemäß?

Fthenakis: Ich hatte bereits vor dem Inkrafttreten des reformierten Kindschaftsrechts am 1. Juli 1998 und auch danach darauf hingewiesen, dass Mutterschaft und Vaterschaft Werte per se sind, die entkoppelt werden müssen von Strukturen und vom jeweiligen rechtlichen Status. Leider hat der Gesetzgeber die Väter, die mit der Mutter des Kindes nicht verheiratet sind, bezüglich des Sorgerechts nicht mit den Müttern gleich gestellt. Dies ist ein Anachronismus, ein Ausdruck von Misstrauen an die Männer und eine ungerechte rechtliche Behandlung, die die Väter diskriminiert und deren Engagement für das Kind nicht fördert. Jedenfalls begünstigt die Rechtsordnung die Entstehung von Familienformen, in denen die alleinige Sorge für das Kind die rechtliche Grundlage für die Regelung der Eltern-Kind-Beziehung bietet, von der wir wissen, dass sie keineswegs die Entwicklung des Kindes begünstigt. Diese Regelung diskriminiert die Väter und benachteiligt die Kinder und muss deshalb beseitigt werden.

Maywald: Das Elterngeldgesetz sieht zwei so genannte Vätermonate vor. Dem Leitbild geteilter Elternschaft entspricht diese Regelung nur in geringem Maße. Sehen Sie hier Reformbedarf?

Fthenakis: Familienpolitik in unserem Lande fokussiert auf bestimmte Maßnahmen. Was ihr fehlt, ist eine explizite familientheoretische Grundlage, die beide Eltern gleich behandelt und für beide faire Chancen für die Wahrnehmung elterlicher Verantwortung bietet. Wenn im Elterngeldgesetz für die Väter zwei Monate zusätzlich ausgewiesen werden, ist es eine gute Absicht, aber sie entbehrt nicht einer gewissen positiven Diskriminierung zuungunsten des Vaters. Die Familie sollte autonom entscheiden können, wann sie das Elterngeld in Anspruch nimmt, welcher Elternteil dafür wann zur Verfügung steht und eine Beschränkung auf die ersten 14 Monate ist nicht frei vom Verdacht, mehr arbeitspolitisch und weniger familienpolitisch motiviert zu sein. Eine Perspektive böte auf jeden Fall der Entwurf einer umfassenden familienpolitischen Konzeption. Mit punktuellen Maßnahmen kommen wir nicht sehr viel weiter.

Maywald: Immer wieder wird beklagt, dass Männer zu wenig bereit sind, den Beruf des Erziehers zu ergreifen. Woran liegt dies und wie könnte hier eine Änderung erreicht werden?

Fthenakis: Die Gründe sind vielfältig: die fehlende soziale Anerkennung dieses Berufs, die relativ niedrige Vergütung, die eine finanzielle Sicherung der Familie nicht erlaubt, das niedrige Niveau der Ausbildung bei zunehmenden Anforderungen an die Fachkompetenz, die sich unter anderem aus der Implementierung neuerer Bildungspläne ergeben und nicht zuletzt die gesellschaftliche Einstellung, dass es sich um einen Frauenberuf handelt. Diese und weitere Gründe halten viele Männer davon ab, den Beruf des Erziehers zu ergreifen. In Norwegen und vor allem in Dänemark, in den skandinavischen Ländern generell, hat man Anstrengungen unternommen, den Erzieherberuf auch für Männer attraktiv zu machen. In Dänemark sind inzwischen mehr als 20 Prozent der Studierenden Männer. Drei Faktoren scheinen entscheidend zu sein: (a) die gesellschaftliche Bewertung, (b) die Vergütung und (c) das Niveau der Ausbildung und die Aufstiegschancen. Letzteres ist in Deutschland das niedrigste in Europa. Einen Ausweg aus dieser Situation bietet die Möglichkeit, die anachronistischen Berufe Lehrer und Erzieher aufzuheben. Stattdessen sollten wir das Profil eines Pädagogen entwickeln, der in einem Ausbildungsgang auf universitärem Niveau – BA und MA – befähigt wird, Kinder von null Jahren bis mindestens Ende der Grundschule zu begleiten. Einen solchen Weg geht derzeit die Fakultät für Bildungswissenschaften an der Freien Universität Bozen, auf Anregung des Italienischen Kultusministeriums.

Maywald: Seit vielen Jahren setzen Sie sich für aktive Vaterschaft ein. Wenn Sie einmal zurückblicken, was wurde bisher erreicht und in welchen Bereichen besteht weiterhin Handlungsbedarf?

Fthenakis: Das wichtigste aus meiner Sicht ist, das Väter und Vaterschaft auf der politischen und zunehmend auf der Forschungsagenda stehen. Als ich 1985 ein zweibändiges Werk veröffentlicht hatte, stieß ich auf Ablehnung, bestenfalls auf Staunen, dass man sich mit einem solchen Thema befasst. Heute lese ich in gewissen OLG-Beschlüssen: „Inzwischen ist es ein allgemein anerkannter Grundsatz, dass Väter in gleicher Weise wie Mütter geeignet sind, die Erziehung ihrer Kinder zu übernehmen“. Die zunehmende Akzeptanz der gemeinsamen elterlichen Sorge ist ein Ausdruck der Akzeptanz der Erziehungskompetenz von Vätern. Als ich vor fast zehn Jahren, gemeinsam mit der damaligen Bundesfamilienministerin Dr. Christina Bergmann, Großunternehmen in Deutschland besuchte, um sie für eine vätersensible Familienpolitik zu gewinnen, konnte man die Vorbehalte bestimmter Vorstände und Vorgesetzter nicht verkennen. Heute hat sich auch hier eine Menge verändert. Die Bundesregierung hat das Thema seit Ende der 90er Jahre entdeckt: Väter als Forschungsgegenstand und als Perspektive für politisches Handeln. Die für Deutschland repräsentative Studie zur Rolle des Vaters in der Familie aus dem Jahr 2002, die Expertise über eine „Vätersensible Familienpolitik“ aus dem Jahre 2005, die Bemühungen der beiden letzten Familienministerinnen, Frau Renate Schmidt und Frau Dr. von der Leyen, sprechen eindeutig dafür, dass das Thema Vaterschaft an Aktualität gewonnen hat. Was noch fehlt ist die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz von Vaterschaft als Wert per se und dessen konsequente Umsetzung in allen Politikbereichen. Und für eine vätersensible Familienpolitik muss noch viel getan werden.

Maywald: Wie steht Deutschland in punkto „Übernahme von Erziehungsverantwortung durch Väter“ im internationalen Vergleich da?

Fthenakis: Europaweit beklagen sich die Väter über eine oft unfaire und ungleiche Behandlung, vor allem in familienrechtlichen Streitigkeiten. Die Bundesrepublik hat in den letzten Jahren erheblich nachgeholt. Wir befinden uns auf einem Weg, der irreversibel ist. Mehr jüngere Männer möchten sich für ihre Kinder engagieren. In der Väterstudie konnte deren Anteil auf zwei Drittel ermittelt werden. Die Rahmenbedingungen lassen jedoch die Umsetzung dieser an sich wünschenswerten Konzepte nicht immer zu. Deshalb haben wir in diesem Bereich noch einen erheblichen Umsetzungsbedarf. Auch die jüngste Studie der Bertelsmann Stiftung und des Deutschen Jugendinstituts hat gezeigt, dass 37 Prozent der Väter mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht zufrieden sind. Und in unserem Bildungssystem sind elterliche Rollen, elterliche Konzepte, Mutterschaft und Vaterschaft kein Thema. Unsere Männer als Väter sind jedenfalls besser als ihr Ruf und die Rahmenbedingungen verhindern die Umsetzung subjektiv entwickelter Vaterschaftskonzepte.

Maywald: Dass von aktiven, im Alltag präsenten Vätern ein Gewinn für die Kinder ausgeht, liegt auf der Hand. Gibt es darüber hinaus Belege, dass auch die Gesellschaft insgesamt von mehr Verantwortungsübernahme durch Väter profitieren könnte?

Fthenakis: Elterliche Investitionen in die nachkommende Generation sind in erster Linie Beiträge, von denen die Gesellschaft am meisten profitiert. Es hieß ja früher: Die Kosten für Kindererziehung werden individualisiert, aber der Nutzen wird kollektiviert. Für mich ist wesentlich, dass kindliche Kompetenzen in erster Linie in der Familie gestärkt und Werte vermittelt werden. Die Familie leistet die beste und unersetzliche Investition zur Stabilisierung und Weiterentwicklung der Gesellschaft. Betrachtet man nun die Studien, die sich mit den Beiträgen von Vätern etwas als Hausmänner befassen, so belegen sie eindrucksvoll, dass Väter als Hausmänner sehr schnell eine Demokratisierung in der Partnerschaft einleiten und dazu beitragen, dass symmetrische Beziehungen die Qualität des Zusammenlebens charakterisieren. Über ihre Beiträge, was die Entwicklung der Kinder betrifft, tragen sie künftig zur Prosperität in der Gesellschaft bei. Dadurch, dass engagierte Väter nicht nur zufriedene Väter sind, sondern auch zusätzliche Kompetenzen in der Familie erwerben, die sie auch im beruflichen Bereich sinnvoll und zum Nutzen des Unternehmens einsetzen können, tragen sie auch zur Effektivität des Unternehmens bei. Betrachtet man umgekehrt die hohen psychischen Kosten der Männer, die beispielsweise eine strittige Scheidung zu bewältigen haben, oder das häufigere Unfall-, das erhöhte Krankheitsrisiko, die reduzierte Produktivität, generell die gesellschaftlichen Auswirkungen fehlender väterlicher Partizipation, wird man das Ausmaß nicht nur der individuellen, sondern auch des gesamtgesellschaftlichen Schadens leicht erkennen.

Maywald: Wie wird sich Ihrer Ansicht nach das Bild des Vaters in den kommenden Jahren verändern?

Fthenakis: Gegenwärtig beobachten wir eine gewisse Polarisierung: Der Anteil der Männer, die eine kinderlose Biographie bewusst wählen, steigt. Aber es steigt auch der Anteil der Männer, die sich für ihre Kinder engagieren möchten. Ferner findet eine starke Entkoppelung der Vaterschaft aus der Normalbiographie statt. Die Anzahl der Teenager Fathers nimmt zu, ebenso die Anzahl der späten Väter. Dazwischen erleben Männer sukzessiv Vaterschaft in unterschiedlichen Familienformen, teilweise mit Kindern, die nicht ihre eigenen Kinder sind. Und die Anzahl der Väter, die ihre Kinder nach einer Scheidung nicht sehen beziehungsweise mit der Ausgestaltung des Umgangs nicht zufrieden sind, bleibt nach wie vor ein großes Problem. Ob künftig Vaterschaft in einem Modell von Partnerschaft mit getrennten Haushalten praktiziert werden kann, bleibt abzuwarten. Das Problem? In komplexen Gesellschaften, die sich schnell wandeln, ist es für viele Männer nicht leicht, ihre Rolle als Vater zu konkretisieren. Die Vaterrolle ist eben kulturell offener als die Mutterrolle. Und wenn gesamtgesellschaftlich Vaterschaft nicht als Wert per se anerkannt wird, dann kann individuell das Problem nicht bewältigt werden.