Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Zur Notwendigkeit von Frühen Hilfen für Väter

von Andreas Eickhorst

Präventiv ausgerichtete Praxisprojekte im Feld der so genannten Frühen Hilfen sind zurzeit populär und in zunehmender Zahl in vielen Gebietskörperschaften Deutschlands vertreten. Dabei gibt es ein großes Repertoire unterschiedlicher Hilfen, die in verschiedenen Kombinationen und Dosierungen angeboten werden, etwa Beratungsangebote, Elternkurse oder Hausbesuche durch eine Vielzahl verschiedener Professionen. Der Altersbereich der Kinder erstreckt sich in der Regel bis mindestens zum Ende des ersten, oft auch des dritten Lebensjahres.

Spätestens seit dem Start des „Nationalen Zentrums Frühe Hilfen“ (NZFH) im März 2007 wird verstärkt auf die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation der Projekte geachtet (siehe www.fruehehilfen.de). Neben Themen wie Wirksamkeitskontrolle oder Langfristigkeit geht es auch um bestimmte Gruppen unterstützungsbedürftiger Familienmitglieder, von denen eine die der Väter ist.

Allerdings war eine Thematisierung der Rolle der Väter in diesem Bereich bisher alles andere als selbstverständlich. So wird bei Gesprächen mit dem – nahezu ausschließlich weiblichen – Fachpersonal der aufsuchenden Betreuung ein Vater durchaus schon mal als ein weiterer „Risikofaktor“ betrachtet, wenn beispielsweise von ihm ein Rückzug aus der Verantwortung oder gar Gewaltanwendung befürchtet werden. Auch ist manchmal Erleichterung spürbar, wenn der Vater beim Hausbesuch nicht anwesend ist und so die Gelegenheit besteht, „in Ruhe“ mit der Mutter arbeiten zu können.

Auch aus wissenschaftlicher Sicht gibt es bisher wenig zu sagen, wie mit dieser spezifischen Gruppe von Vätern umzugehen ist. Um zu versuchen, diese Lücke zu füllen, widmet sich das vom Autor koordinierte Präventionsprojekt „Keiner fällt durchs Netz“ unter anderem der Frage, wie es gelingen kann, eine Integration von Vätern in die Hilfsangebote zu gewährleisten. Die aktuelle Projektphase widmet sich neben der Gesamtbetreuung der Familien zunächst der Befragung der Väter zu Ihrem Erleben und Verhalten in der Vaterschaft. Aus dieser auch als Bedürfnisklärung zu verstehenden Erhebung soll dann zeitnah die Erstellung eines Manuals zur Arbeit mit Vätern in der aufsuchenden psychosozialen Arbeit resultieren.

Im Folgenden sollen einige konzeptionelle Überlegungen zum Einbezug von Vätern in Projekte der Frühen Hilfen angestellt werden. Auch wenn dabei primär auf Väter fokussiert wird, so gelten viele der Überlegungen in vergleichbarer Form auch für die Belange von Müttern. Allerdings werden diese in den verschiedenen Projekten derzeit schon recht gut thematisiert bzw. gelöst.

(1) Für eine dem System Familie angemessene Betrachtungsweise erscheint es uns notwendig, alle präsenten Familienmitglieder, mindestens aber sämtliche Geschwister und den Vater, in die betreuende Arbeit mit einzubeziehen.

(2) Der Vater sollte nicht als potentielles „Problem“, sondern als gleichberechtigter Elternteil und somit der Mutter gleich zu stellender Beziehungs- und Bindungspartner für das Kind wahrgenommen werden. Dazu ist allerdings eine entsprechende Schulung und Sensibilisierung der Fachkräfte unerlässlich.

(3) Auch nicht anwesende Väter haben für das Kind und die Mutter-Kind-Dyade eine Bedeutung, die es – ebenso wie die Rolle neuer Partner der Mütter – behutsam zu thematisieren gilt.

(4) Eine angemessene Berücksichtigung der Väter in den Frühen Hilfen muss mehr leisten, als lediglich die für Mütter angebotenen Hilfeleistungen auf die Väter zu erweitern. So sollten eigens auf Väter zugeschnittene Maßnahmen angeboten werden, die ihrer Lebenslage gerecht werden. Diese müssen nicht in jedem Fall neu erfunden werden, sondern es kann zum Teil auf Erprobtes aus anderen Bereichen der Arbeit mit Vätern zurückgegriffen werden (Überblicke z. B. in Borter, 2004 oder Popp, 2008).

(5) Wie die Väterforschung eindrucksvoll zeigt, verfügen Väter – trotz aller Verschiedenheit von Frau und Mann – in nahezu allen Bereichen über prinzipiell gleiche Kompetenzen wie Mütter (Überblicke z. B. bei Eickhorst et al., 2003; Fthenakis & Minsel, 2002; Lamb, 2004; Matzner, 1998). Allerdings ist ihre Motivation, sich für bzw. mit ihren Kindern zu engagieren, nicht immer gleich der mütterlichen und auch nicht immer klar zu differenzieren (Matzner, 2004). Diese Motivation bei der Zielgruppe der Frühen Hilfen zu spezifizieren, sollte eine der Hauptaufgaben unserer Forschung sein.

(6) Daran anknüpfend ist davon auszugehen, dass die an Projekten der Frühen Hilfen teilnehmenden Väter von den bisherigen Stichproben der Väterforschung (freiwillig teilnehmende, gut gebildete Väter der Mittelschicht, ohne auffallende Probleme im familiären Bereich) abweichen. Deshalb darf man mit Spannung den hier auftretenden Charakteristika des Vaterschaftserlebens, der Rollenausgestaltung, der Bindungssicherheit und des konkreten Umgangs mit dem Kind entgegensehen.

(7) Ist die Anzahl der Belastungsfaktoren (Arbeitslosigkeit, finanzielle Probleme, gesundheitliche Schwierigkeiten des Kindes oder der Eltern, Sucht etc.) in den Familien hoch, so sollte zunächst an deren Milderung gearbeitet werden, bevor man bei den Eltern genügend Ressourcen und gedanklichen Freiraum voraussetzen kann, um sich Problemfeldern wie der Eltern-Kind-Bindung zu widmen. Dies gilt natürlich für Mütter wie für Väter, jedoch sollte die Intervention auch an die konkreten Bedürfnisse der Väter angepasst werden.

(8) Eine Herausforderung besteht darin, dass die oftmals aus Beziehungsproblemen zwischen Eltern und Kind resultierenden Schwierigkeiten des Kindes sehr dominierend sein und sich dadurch als weitere Belastungsfaktoren etablieren können. Dabei ist vor allem an die so genannten Regulationsstörungen zu denken, also beispielsweise übermäßiges Schreien mit Beruhigungsproblemen und/oder Schlafschwierigkeiten des Säuglings (vertiefend in Papoušek et al., 2007).

(9) Eine Berücksichtigung sollte auch der kulturelle Hintergrund der Beteiligten erfahren. Je nach Herkunftskontext ist von anderen Wertvorstellungen, Ansichten über Familie sowie Erziehungszielen auszugehen. Diese gilt es zu eruieren und behutsam mit den realen Gegebenheiten und Hilfsangeboten abzustimmen. Das bezieht sich nicht nur auf einen Migrationshintergrund, sondern auch auf subkulturelle Faktoren wie etwa Religion oder Weltanschauung.

(10) Es ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass die Zielgruppe der Frühen Hilfen große Kenntnisse des öffentlichen Diskurses über Vaterschaft hat (Vereinbarkeit von Familie und Beruf; neue Vaterrollen; Elternzeit etc.). Dennoch können diese Konzepte auch für belastete Väter von Bedeutung sein, was es in der Betreuung auszuloten gilt. Dies lässt sich im besonderen Maße auf die aktuell viel diskutierte Rolle des „neuen Vaters“ (im Sinne eines intrinsisch motivierten, kindzentrierten und engagierten Vatertypus) anwenden. Wenngleich diese Rollenausgestaltung bei Vätern in belasteten Familien wenig vermutet wird, ist daraus nicht zwingend zu schließen, dass sie nicht auch für sie lohnend sein könnte.

(11) Schließlich sollte bei allem Blick auf mehrfach belastete Familien nicht vergessen werden, dass auch „unauffällige“ Eltern Hilfe benötigen können. So etwa ein finanziell und sozial gut gestellter Vater, der aber aufgrund psychischer Probleme (eigener oder der Partnerin) wie etwa einer Depression keinen guten Kontakt zu seinem Kind aufbauen kann.

Die restliche Projektlaufzeit (nicht nur) von „Keiner fällt durchs Netz“ muss nun zeigen, inwiefern sich die oben genannten Prinzipien in der Praxis realisieren lassen und die angestrebte Zielgruppe effektiv erreicht werden kann. Ebenso darf auf einen regen inhaltlichen Austausch der vielfältigen Projekte der Frühen Hilfen zum Wohle der Väter (und damit der Kinder und der Gesamtfamilie) gehofft werden.

Dr. Andreas Eickhorst ist Mitarbeiter mit dem Schwerpunkt Vaterforschung des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Universitätsklinikum Heidelberg und Koordinator des Projekts „Keiner fällt durchs Netz“.

Das Präventionsprojekt „Keiner fällt durchs Netz“ (KFDN)
KFDN richtet sich an werdende Mütter und Väter bzw. Eltern von Neugeborenen mit einem Fokus auf Familien mit besonderen Belastungen. Auf den Geburtshilfe-Stationen der Projektgebiete (Saarland, zwei Kreise in Hessen, Stadt Heidelberg) werden Eltern zwei Interventionsformen angeboten: eine Elternschule (für nicht bzw. leicht belastete Familien) und/oder eine Begleitung durch eine Familienhebamme (für stark belastete Familien). Die geschulten Familienhebammen können bis zum Ende des ersten Lebensjahres so oft wie notwendig Hausbesuche durchführen. In allen Projektgebieten werden Koordinationsstellen und ein „Netzwerk für Eltern“ etabliert, in dem Vertreter der Frühen Hilfesysteme zusammenarbeiten. KFDN wird unter der Leitung von Prof. Dr. Manfred Cierpka und der Koordination von Dr. Andreas Eickhorst vom Universitätsklinikum Heidelberg aus initiiert, betreut und an verschiedenen Standorten evaluiert. www.keinerfaelltdurchsnetz.de