Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Väter sind anders geworden. Viele nehmen an Geburtsvorbereitungskursen teil und unterstützen ihre Partnerin bei der Entbindung. Eine wachsende Zahl von Vätern geht zumindest einige Monate in Elternzeit und nimmt das Elterngeld in Anspruch. Die große Mehrheit sieht sich nicht mehr allein in der Rolle des Ernährers, sondern übernimmt – mehr oder weniger selbstverständlich – pflegerische und erzieherische Aufgaben im Alltag.

Diese aus Sicht der Kinder zu begrüßende Entwicklung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht alle Väter diese „neue Väterlichkeit“ für sich entdeckt haben. Ein beträchtlicher Anteil bleibt alten Rollenmustern verhaftet oder fällt – wenn die Kinder erst einmal da sind – trotz gegenteiliger Absichten in diese zurück. Zahlreiche Männer sind verunsichert oder verzichten gänzlich auf das Abenteuer Kinderkriegen.

„Mein Vater war ein Mann vieler Talente, doch ein Genie war er nur im Verschwinden“, heißt es in der Autobiographie „The Tender Bar“ von J.R. Moehringer. Auch heute noch trifft eine solche Beschreibung sicherlich auf nicht wenige Väter zu. Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, die weiterhin vor allem für die betroffenen Kinder bestehenden Probleme durch unsichtbare, sich entziehende oder entschwindende Väter allein mit der „Natur des Mannes“ zu erklären. Rollenerwartungen beider Geschlechter und strukturelle Hindernisse kommen hinzu.

Zu den gesellschaftlichen und ökonomischen Hürden, die eine gleichberechtigte Verantwortungsübernahme durch Väter behindern, gehören das weiterhin bestehende Einkommensgefälle zwischen Männern und Frauen und die dramatische Unterbewertung der so genannten frauentypischen Berufe im pflegerischen und frühpädagogischen Bereich. Aber auch die verbreitete Vorstellung einer angeblich im Mann verwurzelten Gefühlsferne und Bindungsarmut trägt ihren Teil zur Ungleichgewichtung bei.

Auch in rechtlicher Hinsicht bleibt einiges zu tun. Insbesondere ist es kaum mit den Kindesinteressen vereinbar, dass nicht mit der Mutter des Kindes verheiratete Väter in Deutschland – im Unterschied zur Situation in vielen anderen europäischen Ländern – bei der Geburt des Kindes nicht automatisch sorgeberechtigt sind. Hier wird ein verbreitetes Misstrauen gegen nicht verheiratete Väter auf dem Rücken der Kinder ausgetragen, ein Zustand, der bald beendet wer-den sollte.

Kinder brauchen Mutter und Vater. Dies gilt für die geistige und seelische ebenso wie für die Identitätsentwicklung von Jungen und Mädchen. Von einer Aufwertung gelebter Vaterschaft – gefördert durch eine vätersensible Familienpolitik – profitieren alle: Kinder, Eltern und die Gesellschaft insgesamt.

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind
Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind