Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Ernährungsberatung für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern

von Elke Grimpe

Mit der Geburt ändert sich die Ernährung des Babys gravierend: es ist schlagartig unabhängig und muss durch die orale Nahrungsaufnahme seine Lebensfunktionen selbst erhalten. Der Start ist für Mutter und Kind anstrengend. Sie müssen sich aneinander gewöhnen und insbesondere muss der Säugling lernen, wie die Abläufe der Nahrungsaufnahme funktionieren.

Die Mutter prägt durch ihre eigene Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit die späteren Präferenzen des Kindes. Fruchtwasser und Muttermilch vermitteln Geschmackseindrücke, die dann erkannt und bevorzugt werden. Durch die bereits wahrgenommene Geschmacksvielfalt sind gestillte Kinder neuen Lebensmitteln gegenüber häufig offener als Flaschenkinder, denn Säuglingsanfangsnahrung ist sensorisch immer identisch.

Babys haben einen angeborenen Hunger-Sättigungsmechanismus, d.h. sobald sie den körperlichen Schmerz des Hungers wahrnehmen, schreien sie. Beim Füttern nehmen sie dann genau so viel Nahrung auf, wie der Körper in dem Moment benötigt. Durch Muttermilch können Babys nicht überfüttert werden, da die mütterliche Milch immer genau die Zusammensetzung liefert, die das Kind braucht. Das Eiweiß der mütterlichen Milch wird vom Säugling als arteigenes Eiweiß erkannt und somit ist das Stillen auch die beste Vorraussetzung, um Allergien vorzubeugen.

Kann nicht gestillt werden, bietet die Säuglingsanfangsnahrung „Pre“ eine der Muttermilch ähnliche Zusammensetzung. Sie enthält als einziges Kohlenhydrat Lactose und kann wie Muttermilch nicht zu einer Überfütterung führen. Vorsicht ist bei der Folgemilch 1-3 geboten, die einen höheren Kohlenhydratanteil in Form von Stärke oder anderen Kohlenhydraten enthält. Besteht bei einem nicht gestillten Säugling eine Disposition für Allergien, wird eine HyperAllergen-Milch empfohlen. HA-Milch basiert auf Kuhmilch, allerdings ist sie stärker hydrolysiert als normale Säuglingsanfangsmilch. Allergiegefährdet sind Säuglinge nur dann, wenn Eltern oder Geschwister nachweislich unter einer Allergie leiden.

In den ersten sechs Monaten ist eine reine Milchernährung für die Entwicklung des Säuglings ausreichend. Die Funktionen der Verdauungsorgane und der Stoffwechsel werden in dieser Zeit aufgebaut und optimiert.

In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres lernen Säuglinge die ersten, gut verträglichen Lebensmittel und die Technik des Essens kennen. Dabei bestimmt der Kulturraum, in dem die Kinder aufwachsen, welche Lebensmittel als erstes gegeben werden, z.B. gehört Joghurt in den USA und in Russland zu einem der ersten Lebensmittel. In Deutschland wird er im ersten Lebensjahr nicht empfohlen.

Die Einführung der Beikost in Deutschland richtet sich nach den Empfehlungen des Forschungsinstitutes für Kinderernährung in Dortmund: In der ersten Woche gibt es etwas Gemüsebrei, dann folgt die zweite Woche mit einem Gemüse-Kartoffel-Brei und in der dritten Woche kommt etwas Fleisch hinzu. Auf 200 g Brei wird ein Esslöffel Öl, z.B. Rapsöl, gegeben. Nach vier Wochen sollte die erste Brei-Mahlzeit eine Milch-Mahlzeit ersetzen. Im zweiten Monat wird der Milch-Getreide-Brei eingeführt und im dritten Monat der Getreide-Obst-Brei (mit einem Teelöffel Öl oder Butter/200 g Brei).

Kinder brauchen keine große Abwechselung bei den Lebensmitteln. Vier bis sechs Gemüsesorten (z.B. Pastinake, Möhre, Kürbis, Fenchel, Broccoli) und drei Obstsorten (Birne, säurearmer Apfel und Banane) reichen für die ersten Monate aus. Bei den Getreideprodukten sind für alle Säuglinge Reis-, Hirse- und Buchweizenflocken geeignet (glutenfrei) und für nicht allergiegefährdete Kinder auch Hafer-, Dinkel- und Weizenprodukte. Bei Fleisch bieten sich für den Start Rind, Geflügel, Lamm und Kalb an.

Die Menge des ersten Breies wird individuell sehr verschieden sein. Wichtig ist dabei, dass die Säuglinge ohne Ablenkung gefüttert werden. So können sich die Kinder auf das Essen konzentrieren und die Eltern können die Sättigungssignale besser wahrnehmen. Sättigung kann schon nach wenigen Löffeln eintreten oder auch erst nach 200 g. Werden die Signale häufig übergangen, wird die natürliche Wahrnehmung der Sättigung verlernt.

Lebensmittel sollten generell einzeln eingeführt werden. Dann können eventuelle Reaktionen des Kindes leichter erkannt und erforderlichenfalls das entsprechende Lebensmittel umgehend wieder abgesetzt werden. Sobald feste Nahrung eingeführt wird, gehört auch das Trinken dazu. Wasser reicht als Getränk völlig aus, auch stark verdünnte Kräuter- oder Früchtetees oder Saftschorlen sind in Ordnung. Wichtig ist, dass zu einem neuen Getränk auch ein neues Mundgefühl vermittelt wird. Kommt aus dem Milchsauger plötzlich Wasser, wird es häufig abgelehnt. Ein anders geformter Sauger kann die Akzeptanz des Neuen fördern. Wichtig ist es, dem Kind immer wieder das Getränk anzubieten und es nach Bedarf trinken zu lassen.

Sind die Breie eingeführt, kann die Nahrung langsam an die Familienkost angepasst werden. Dazu werden Gemüse und Kartoffeln zerdrückt und nicht mehr püriert. Die ersten Brotstückchen mit Butter und der Becher Milch ersetzen den Milch-Getreide-Brei. Nun können auch Obst und Gemüse roh probiert und Lebensmittel wie Fisch und Milchprodukte langsam eingeführt werden. Solange die Backenzähne noch fehlen, sind Körner, Nüsse und Gemüse mit fester Schale (z.B. Tomanten) nicht geeignet.

Die Kleinkinder werden neugieriger und entdecken die Selbständigkeit beim Essen. Dabei landet nicht jeder Löffel direkt im Mund, denn das ist Übungssache. Die Nahrung wird dabei mit allen Sinnen wahrgenommen: Sehen, was man sich selbst in den Mund steckt, Geschmack und Geruch über die Zunge und Nase aufnehmen, beim Anfassen Konsistenz und Temperatur erfühlen und die entstehenden Geräusche des Matschens über das Ohr registrieren. Der Weg des Begreifens und Verstehens führt über die Sinne.

Die Freude und Lust auf ein Lebensmittel steigen, je häufiger es gegessen wird (mere exposure effect). Dieses kann schon einmal bedeuten, dass es bis zu 30 Mal probiert werden muss, bis es gut schmeckt. Dagegen steht die spezifisch-sensorische Sättigung. Sie ist ein zunehmendes Sättigungsgefühl bei einem ständig wiederkehrenden Geschmackseindruck. Ziel dieser Reaktion ist, eine einseitige Ernährung mit einem Mangel an essentiellen Nährstoffen zu vermeiden. Die spezifisch-sensorische Sättigung steuert die Präferenzen kurzfristig, der „mere exposure effect“ langfristig. Kinder können sich somit zeitweise ausgesprochen einseitig ernähren, über einen größeren Zeitraum betrachtet, ist die Ernährung ausgewogen.

Neophobie beeinflusst das kindliche Ernährungsverhalten. Dabei handelt es sich um eine angeborene Ablehnung unbekannter Geschmäcker. Sie ist bei Säuglingen gering, bei Kleinkindern stark ausgeprägt und verliert sich bis ins Erwachsenenalter. Kinder essen, was Vorbilder essen. Eltern, Geschwister und Großeltern sind die ersten Vorbilder, im Kindergartenalter kommen Erzieher(innen) und Freunde hinzu. Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss des Fernsehens, dem auch Kleinkinder häufig für längere Zeit ausgesetzt sind. Identifizieren sich Kleinkinder mit einer bestimmten Person, imitieren sie diese und übernehmen damit auch deren Vorlieben oder Abneigungen bei Speisen. Sie haben ein sehr feines Gespür für Widersprüche bei Erwachsenen, und es ist nicht möglich, Kleinkinder davon zu überzeugen, dass Gemüse gut schmeckt, wenn das Vorbild es selbst nicht gern isst.

Nach Abschluss des ersten Lebensjahres empfiehlt es sich, für Kinder die Ernährung entsprechend der optimierten Mischkost (OptimiX) einzuführen. Dieses Konzept kann in drei Regeln zusammengefasst werden: (1) reichlich pflanzliche Lebensmittel und Getränke; (2) mäßig tierische Produkte; (3) sparsam Fett und zuckerreiche Lebensmittel.

Essenlernen ist ein Sinnes- und Techniktraining für unsere Kleinsten, das sie mit Freude, in ihrer eigenen Geschwindigkeit und viel Ausdauer meistern. Das können Eltern noch durch eine entspannte Haltung zum Thema Essen und punktuelle Unterstützung fördern.

Elke Grimpeist freiberufliche Diplom-Oecotrophologin in Hamburg. Sie arbeitet mit Eltern und Multiplikatoren in den Projekten „Natürlich gesund – Bio für’s Baby“ und „Fit Kid“.