Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Aktivität und Ruhe bei Neugeborenen

Wie der Geburtsmodus bei Neugeborenen die Entwicklung der Tagesrhythmik beeinflusst

von Janou Korte und Renate Siegmund

Die Entwicklung der Tagesrhythmik von Neugeborenen wird durch Umweltzeitgeber (z.B. Licht-Dunkel-Wechsel) und soziale Zeitgeber (z.B. Mutter-Kind-Interaktion) beeinflusst. Kinder von Müttern nach einem Kaiserschnitt zeigen Verzögerungen in der Ausbildung der Tagesrhythmik, was darauf hinweist, dass unter anderem auch der Geburtsmodus einen Einfluss auf diesen Entwicklungsprozess zu haben scheint.

Die Entwicklung des Aktivitäts-Ruhe-Rhythmus wird in Kulturen vergleichenden Untersuchungen übereinstimmend als Übergang vom polyphasischen zum tagesrhythmischen (zirkadianen) Verhalten in der menschlichen Entwicklung beschrieben.

Methode der Untersuchung
Um Normwerte bezüglich des Aktivitäts-Ruhe-Rhythmus von Neugeborenen und mögliche Einflussfaktoren auf die motorische Aktivität in den ersten Lebenstagen angeben zu können, existieren immer noch nicht genügend Daten. In unserer Studie wurden die Zeitmuster der motorischen Aktivität Neugeborener (n=68) vom dritten bis achten Lebenstag mit armbanduhrgroßen Actiwatch®-Aktometern (Bewegungssensoren) sowohl unter Alltagsbedingungen in der Geburtsklinik als auch im Elternhaus kontinuierlich aufgezeichnet und durch Tagebuchaufzeichnungen ergänzt.

Die Aufzeichnungen erfolgten bei spontan (vaginal) geborenen Neugeborenen, Neugeborenen nach einem geplanten Kaiserschnitt (primäre Sectio caesarea) und Neugeborenen nach einem medizinisch notwendigen Kaiserschnitt während des Geburtsverlaufs (sekundäre Sectio).

Ergebnisse
Alle untersuchten Neugeborenen (n=68) wiesen im Verlauf des 24-Stundentages einen häufigen Wechsel von Aktivitäts- und Ruhephasen auf. Die postnatale Entwicklung vom polyphasischen Rhythmus zur Tagesrhythmik gehört zu den Verhaltensuniversalien des Menschen.

Unsere Studie zeigte, dass die Ausbildung bzw. Entwicklung einer Tagesrhythmik im Aktivitäts-Ruhe-Verhalten von Neugeborenen in den ersten Lebenstagen auch durch den Geburtsmodus beeinflusst wird.
– Der überwiegende Teil der spontan geborenen Säuglinge zeigte einen ausgeprägten Tagesrhythmus im Frequenzspektrum mit zirkadianen Hauptperioden im Aktivitäts-Ruhe-Muster.
– Nur ein Kind nach primärem Kaiserschnitt (C1-Gruppe) wies einen ausgeprägten Tagesrhythmus auf.
– Bei keinem Neugeborenen nach einem sekundären Kaiserschnitt (C2-Gruppe) konnte eine tagesrhythmische Hauptperiode im Spektrum nachgewiesen werden.
– Der Unterschied im Auftreten einer ausgeprägten Tagesrhythmik zwischen den vaginal geborenen Neugeborenen und den beiden Gruppen nach einem Kaiserschnitt war signifikant (Abbildung 1).

Es konnte weiterhin beobachtet werden, dass die Mütter nach einer Schnittentbindung in der Betreuung ihrer Kinder häufiger Unterstützung durch das Pflegepersonal in Anspruch nahmen als die Mütter, die ihre Kinder spontan entbunden hatten. In den Gesprächen mit den teilnehmenden Müttern wurde deutlich, dass einige Frauen sich durch den Kaiserschnitt belastet fühlten (allgemeine Schwäche, Stillprobleme etc.).

Diskussion der Ergebnisse
Das häufigere Auftreten einer Tagesrhythmik im Aktivitäts-Ruhe-Verhalten der spontan entbundenen Kinder könnte damit auf unterschiedliche Umweltbedingungen der Neugeborenen nach einer spontanen Geburt und nach einem Kaiserschnitt zurückzuführen sein.

Ein früher Wechsel von den Klinikbedingungen und der täglichen Krankenhausroutine in eine familiäre Umgebung könnte einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Aktivitäts-Ruhe-Rhythmen von Neugeborenen haben. Es ist offenbar wichtig, für eine adäquate Entwicklung der biologischen Rhythmen sowohl von reifgeborenen als auch von frühgeborenen Säuglingen schon in den ersten Lebenstagen tagesrhythmische Umweltbedingungen mit viel Geborgenheit von Mutter bzw. Eltern und Kind zu schaffen. Die Nähe von Kind und Eltern sowie tagesrhythmische Umweltbedingungen sind möglicherweise in einer häuslichen Umgebung einfacher zu gestalten, als bei einem notwendigen längeren Klinikaufenthalt nach einer Schnittentbindung und/oder Frühgeburt.

Spontan geborene Neugeborene weisen durch die erlebten Belastungen während des Geburtsvorgangs nach der Geburt signifikant höhere Katecholaminwerte (Noradrenalin und Adrenalin) im Nabelschnurblut auf, als Neugeborene nach einer Schnittentbindung. Neben Funktionen der Reinigung der Lungen zur Gewährleistung einer normalen Lungenatmung sowie der Bereitstellung der vorhandenen Fettreserven des Neugeborenen, um die ausreichende Versorgung von Herz und Gehirn zu sichern, wird diskutiert, dass das Neugeborene durch den Einfluss der Katecholamine nach der Geburt sehr wach und aufnahmefähig ist. Diese Eigenschaften des Kindes sind sehr wichtig für die Ausbildung einer frühen Mutter-Kind-Bindung.

Garel et al. (1988) zeigten in ihren Untersuchungen, dass eine Schnittentbindung die Mutter-Kind-Bindung im ersten Lebensjahr des Kindes beeinflussen kann. Sie fanden bei den Müttern nach einem Kaiserschnitt häufiger psychosomatische Symptome und Unsicherheiten im Umgang mit ihren Kindern als bei der Kontrollgruppe.

Gathwala und Narayanan (1991) erfassten über Interviews eine stärkere Bindung von Müttern zu ihren Kindern, die spontan entbunden wurden. Schiefenhövel schreibt, dass möglicherweise „der Wehen- und Geburtsschmerz selbst sowie der oft von positiven Emotionen begleitete Wechsel zur Schmerzfreiheit eine Funktion in der Vorbereitung der Mutter auf den so wichtigen Prozess der Bindung zwischen ihr und ihrem Neugeborenen hat“ (Schiefenhövel 1986).

Auch Hebammen begründen in einer umfassenden Befragung (n=446) ihre eindeutige Präferenz der vaginalen Geburt am häufigsten mit Aussagen wie „es ist der natürliche, physiologische Weg“, und „das Geburtserlebnis und die aktive Teilnahme an der Geburt sind unverzichtbar“ (Groß et al. 2000). Die Mutter-Kind-Bindung kann wiederum für die Entwicklung des kindlichen Aktivitäts-Ruhe-Rhythmus förderlich sein.

Indem sich die Mutter dem kindlichen polyphasischen Rhythmus kurzzeitig anpasst, kann sie das Neugeborene anschließend in ihrem Tagesrhythmus „mitnehmen“ und so eine frühe Anpassung des Aktivitäts-Ruhe-Verhaltens des Säuglings an den 24-Stundentag ermöglichen. Über soziale Interaktion kann möglicherweise eine synchronisierende Zeitgeberwirkung auf die Eigenrhythmik des Neugeborenen ausgeübt werden. Häufiger Kontakt der Mutter mit dem Kind stimuliert die Aufmerksamkeit und das motivationale Verhalten des Kindes und trägt so zu einem tagaktiven Verhalten des Kindes bei.

Eine gegenseitige Anpassung von Mutter/Eltern und Säuglingen im rhythmischen Verhalten ist in allen Kulturen zu beobachten (Wulf und Siegmund 2002). Schiefenhövel (1991) diskutiert, dass solche archetypischen Verhaltensmuster entscheidend für die Erhaltung und Förderung der Gesundheit des Säuglings sind. Das Bindungsverhalten des Säuglings ist durch stammesgeschichtliche Verhaltenstendenzen vorprogrammiert.

Die Untersuchungen wurden durch ein Promotionsstipendium (NaFöG) der Berliner Hochschulen gefördert.

Eine veränderte Fassung des Beitrags wurde veröffentlicht in: Die Hebamme 2004; 17: 161-163.

Prof. Dr. Janou Korte ist Dozentin an der privaten Fachhochschule Döpfer für Physio- und Ergotherapie in Schwandorf.

PD Dr. Renate Siegmund ist Leiterin der Arbeitsgruppe Chronobiologie und Verhalten am Zentrum für Human- und Gesundheitswissenschaften der Charité (Universitätsmedizin) in Berlin.