Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Was Kindern zusteht:
Bedingungen einer kindgerechten Welt

von Franz Resch

Das soziale und emotionale Klima und die Stellung der Familie in der Gesellschaft haben sich verändert. Für Mütter und Väter gilt, dass im Alltag zunehmend ein sozialer Druck spürbar wird, der nicht selten das Ohr für Kinder taub und den Blick für das Wesentliche trüb macht. Nicht selten, dass in den Familien unbedacht von Erwachsenen die Schulter weggedreht wird und für Kinder kein Anlehnen duldet, wobei es nicht absichtliche Bosheit ist, sondern die Erwachsenen erscheinen mit sich selbst und ihren Zielen zu sehr beschäftigt. Ich nenne es das Syndrom der ‚kalten Schulter‘, eine Mischung aus Genervtheit und Ungeduld, mangelnder Einfühlung und Geschäftsmäßigkeit im Umgang mit Kindern.

Die Forderungen nach Kinderrechten und gewaltfreier Erziehung sind ebenso berechtigt wie unter den Rahmenbedingungen und angesichts der Lebenssituation mancher Familien im Alltag nur schwer auffindbar. Die soziokulturelle Umwelt macht uns nachdenklich: Ich möchte kurz ein Gegenwartsproblem aufgreifen, das ich mit dem Ausdruck des „postmodernen Problemkreises“ umschreiben möchte. Die Postmoderne wird ja nicht selten als eine „Qual der Wahl“ beschrieben. Der an sich schon missverständliche Begriff „Postmoderne“ besagt, dass heute nicht eine Stilrichtung das Kriterium der Moden ist, sondern dass verschiedenste Stilrichtungen gleichzeitig zulässig sind – auch wenn sie sich gegenseitig ausschließen. Er besagt weiterhin, dass Mode heute mehr einen Flickenteppich, ein vielfältiges Gewebe aus unterschiedlichen Materialien darstellt. Immer wieder wird heute der Begriff der „Patchwork-Lebensentwürfe“ in die Diskussion eingebracht und wir gehen in der Tat davon aus, dass auch unsere Kinder und Kindeskinder zunehmend mehr in unterschiedlichen Konstellationen von Berufsfeldern und Privatinteressen ihre Ausbildungen, ihre Lebensentwürfe planen und umsetzen werden. Widersprüche zwischen diesen einzelnen Aspekten sind dadurch vorprogrammiert. Postmodern leben heißt eben: vielfältig sein zu können und zwar Gegenwart und Gleichzeitigkeit der Gegensätze erleben und aushalten zu lernen!

Das postmoderne Dilemma

Diese Vielfalt der kulturellen und sozialen Ansprüche und diese Vielfalt der Zielsetzungen ist eine der wesentlichen individuellen Herausforderungen für unsere Kinder. Der Aspekt der Globalität wird ja sehr breit in der öffentlichen Diskussion behandelt. Wie sehr unter dem Druck der Globalisierung auch das Kleinklima von Lebensräumen beeinflusst wird, wie sehr die Gesetzlichkeiten der Politik und der Wirtschaft das Kleinklima in Familien beeinflussen und häufig sozialen Druck auf innerfamiliäre Verhältnisse ausüben, muss zunehmend Gegenstand unserer Aufmerksamkeit werden. Die Mobilität und die Flexibilität des Individuums wird immer wieder vor allem auch im Arbeitsbereich angesprochen. Der maximal mobile und optimal flexible Mensch muss in der Lage sein, aus beruflichen Gründen von heute auf morgen über Hunderte von Kilometern seinen Standort und seinen Lebensmittelpunkt zu verändern – auch wenn er damit vorhandene lokale Bindungen und Beziehungen zerreißt. Familien, die nicht so rasche Wechsel verkraften können, weil sie in ein örtlich umschriebenes Alltagsnetzwerk – im Sinne eines Lebensraumes – eingebunden sind, geraten dadurch nicht selten in ein Dilemma beruflicher Schlechterstellung oder eine emotionale Zerreißprobe, wenn schließlich ein Erwachsener zum Wochenend-Elternteil werden muss. Nicht selten wird heute auf dem Reißbrett der Ökonomie eine Mobilität und Flexibilität entworfen, die leider die Aspekte des Kindes, die Notwendigkeit kindlicher Lebensbedingungen aus dem Auge verloren hat und außer acht lässt.

Ein Dreiecksmodell veranschaulicht das postmoderne Dilemma: Die postmodernen Maximen der Arbeitswelt und Freizeitkultur erzeugen einen Druck, der auf den Erwachsenen lastet. Und die Forderungen, die diese Welt an unsere Kinder richtet, machen es notwendig, dass die Individuen im Jugend- und Erwachsenenalter eine besondere und noch weiter hervorzuhebende psychosoziale Kompetenz besitzen, um den Anforderungen der Gegensätzlichkeit und der „Qual der Wahl“ gewachsen zu sein. Diese psychosoziale Kompetenz kann das Individuum aber nur unter optimalen Entwicklungsbedingungen erwerben. Wenn nun aber unter dem postmodernen Druck die Erwachsenen selbst überfordert sind und auf diese Weise der emotionale Dialog zwischen den Erwachsenen und den Kindern beeinträchtigt wird, dann werden diese Kinder in ihrer sozio-emotionalen Entwicklung geschwächt und können die komplexen Herausforderungen der Zukunft gar nicht annehmen! In diesem Sinne meinen wir, dass sich hier eine Schere auftut: Der psychosoziale Druck, der auf den Eltern lastet, wird ungeschützt über die Erziehungs- und Beziehungskultur der Familien den Kindern zu spüren gegeben und so wirksam, dass die kindliche Selbstentwicklung eine Beeinträchtigung erfährt, was eine Schwächung der Fähigkeiten, mit den postmodernen Maximen überhaupt zu Rande zu kommen, zur Folge hat. Die Forderungen einer kindgerechten Lebenswelt sind in Tabelle 1 zusammengefasst.

Kindgerechte Lebenswelten fördern

  1. Persönlichkeitsentwicklung – nicht nur Leistungsfähigkeit
  2. Selbstregulation durch Differenzierung der Affektregulation
  3. Motivation und Intention durch Akzeptanz und Wertschätzung
  4. Empathie und soziales Gewissen durch Bindung und Vertrauen

Die Selbstwerdung des Kindes

Die Selbstwerdung des Kindes ist ein Weg von außen nach innen, von der Wechselwirkung mit anderen Menschen zum inneren Konstrukt derselben. Der Mensch bedarf von Natur aus eines sozialen Rahmens für seine Entwicklung. Bei genauerem Hinsehen erkennen wir zu jedem Entwicklungszeitpunkt des Kindes eine Wechselwirkung angeborener und umweltbedingter Einflussfaktoren. In welcher Weise kann dieser wechselseitige Einfluss angeborener Verhaltensbereitschaften und gefühlshafter Beziehungsantworten von Seiten der menschlichen Umgebung näher beschrieben werden? Ein wichtiger Begriff ist in diesem Zusammenhang das Temperament: Das Temperament kennzeichnet konstitutionelle individuelle Differenzen der Aktivität, Reaktivität und Selbstregulation, die in der Emotionalität zum Ausdruck kommen. Das Temperament bezeichnet letztlich – wie die Intelligenz oder der Körperbau – eine Art Rohmaterial, aus dem die Persönlichkeit geformt wird. Das Temperament bildet dabei das biochemische Klima oder innere Wetter, in dem sich die Persönlichkeit entwickelt. Zwei wesentliche Dimensionen des Temperaments lassen sich beschreiben: Eine Dimension wird als behaviorale Inhibition bezeichnet. Sie ist durch Ängstlichkeit und Irritation gegenüber neuen Anforderungen gekennzeichnet. Eine zweite Dimension wird als behaviorale Aktivierung definiert: Diese lässt sich durch eine positive Affektlage, Neugier und Annäherung an Unbekanntes beschreiben. Den beiden Verhaltenstendenzen werden zwei grundlegende Verhaltensregulationssysteme zugeordnet. Das behavioral inhibitorische System ist durch eine erhöhte Sensitivität für Bestrafung, für Neuheit und alle Stimulatoren von Angst gekennzeichnet. Das behaviorale Aktivierungssystem zeigt demgegenüber eine erhöhte Sensitivität für Belohnung. Es definiert sich durch Aktivierung, antizipatorisches Interesse, Suche nach Neuem und exploratives Verhalten. Das Aktivierungssystem und das Inhibitionssystem stehen in einem Gleichgewicht. Kinder, bei denen die behaviroale Inhibierung vorherrscht, zeigen gegenüber unbekannten Menschen, Situationen und Ereignissen eine initiale Meidung und Scheu. Demgegenüber gibt es auch Kinder mit Defiziten inhibitorischer Tendenzen. Diese zeigen eine geringe soziale Selbstkontrolle. Es kommt zum vermehrten Auftreten negativer Emotionen bei Verhaltenseinschränkung und Grenzensetzungen. Bei diesen Kindern sind die Leitaffekte Wut und Dysphorie (Alltagsverstimmung), das Risiko zu aggressiven Verhaltensweisen scheint erhöht.

Affektive Abstimmungsprozesse

Nach den Kenntnissen der modernen Säuglingsforschung ist die affektive Reagibilität aber nicht allein angeboren. Auch die frühen Beziehungen mit wichtigen Bezugspersonen haben einen natürlichen Kern, weil sie für das Überleben des Kindes zu wichtig sind, als dass sie nur einer kulturellen Übereinkunft überlassen bleiben könnten. Papoušek wie auch andere Forschergruppen beschreiben eine intuitive elterliche Fürsorge, die es den Eltern von Natur aus ermöglicht, kindliche Signale aus Tonus und Haltung so zu lesen, dass sie sich gegenüber dem Kind angemessen verhalten können. Unter dem Begriff „affect-attunement“ (affektive Abstimmungsprozesse) wird verstanden, dass von der Bezugsperson auf bestimmte Gefühlsäußerungen des Kindes differenziert geantwortet wird, wobei die Antwort stärker oder schwächer ausfällt als der kindliche Ausdruck. So kann die Bezugsperson affektive Äußerungen des Kindes variieren, abdämpfen oder stimulieren und schließlich durch diese Akzentuierung gestalten. Die interne Regulation von Spannungen und Erregungszuständen beim Kind wird also wesentlich durch die Bezugsperson mit beeinflusst. Unter dem Begriff der Bindung wird jene besondere Art einer affektiv getragenen sozialen Beziehung zwischen dem Kind und einer bevorzugten, von anderen unterschiedenen Person verstanden, die als stärker, wissender und beschützend angesehen wird. Wichtig ist, dass Bindung nicht eine Eigenschaft des Kindes oder der Mutter allein darstellt, sondern eine zwischenmenschliche Qualität, die von beiden Interaktionspartnern getragen wird. Bindung erfüllt das Bedürfnis des Kindes nach Nähe und bietet eine sichere Basis für Neugierverhalten und explorative Versuche, wobei unter Bedingungen der Angst durch die Bindungsperson Schutz, Trost und Unterstützung gewährt werden. In einer solchen Bindung kann das Kind eine bessere Balance zwischen behavioraler Aktivierung und behavioraler Inhibition finden.

Passung zwischen Individuum und Umwelt

In anderer Definition können wir es auch so fassen, dass das Kind in einer interaktionellen Matrix aufwächst. Diese interaktionelle Matrix ist durch die Bezugsperson Mutter, die Bezugsperson Vater und durch die Beziehung der beiden miteinander gekennzeichnet. In der interaktionellen Matrix lassen sich sowohl die Beziehungsqualität gegenüber dem Kind, aber auch die Art der Erfahrungsraumgestaltung – also die Erziehungsqualität – beschreiben. Die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ist das Ergebnis einer komplexen bidirektionalen Wechselwirkung zwischen genetischen Bereitschaften und Herausforderungen der Umwelt. Wichtig in diesem Zusammenhang erscheint der Begriff der Passung zwischen dem Individuum und seiner sozio-emotionalen Umwelt. Nicht allein die Erlebnisbereitschaft und Verhaltensweisen der Bezugsperson, aber auch nicht allein das Erleben und Verhalten des Kindes lösen negative Entwicklungstendenzen aus. Ein Mangel an Passung zwischen dem Individuum und der Umwelt erscheint in seinen negativen Auswirkungen bedeutsamer als isolierte externe oder interne Einzelfaktoren. Es kommt darauf an, wie das Kind mit seinen regulatorischen Möglichkeiten, mit seiner Wahrnehmung und seiner Aktivität in das emotionale Umfeld seiner wichtigen Bezugspersonen passt (englische Autoren sprechen auch von der sogenannten „Goodness of fit“). Durch die neuronale Plastizität des Kindes werden solche emotionalen Erlebnisse schließlich als Erfahrungsbausteine biographisch enkodiert. Das heißt mit anderen Worten, dass das, was zuerst zwischen den Menschen war, schließlich sozusagen im Gehirn des einzelnen Menschen in struktureller Form festgehalten wird. Wenn Eltern und Kinder keine „gemeinsame Wellenlänge“ finden, kann dies auch ohne grobe Traumatisierungen nachhaltige Entwicklungsbeeinträchtigungen nach sich ziehen. Das Erleben des Kindes lässt in den neuronalen Netzwerken eine Art Schema entstehen. Die strukturelle Ähnlichkeit funktioneller neurobiologischer Schemata mit relevanten Erfahrungen ist mehr als nur eine Metapher.

Traumatisierung: ein Teufelskreis

Wir kennen den Teufelskreis, dass Kinder, die in ihrer Entwicklung schwer traumatisiert werden – die also seelische Verletzungen erleiden müssen –, sich später gegenüber ihrer Umwelt so verhalten, dass sie noch mehr Risiken auf sich nehmen, um ihren Selbstwert und ihre Selbstregulation aufrecht zu erhalten. Solche Jugendliche bringen sich selbst in Gefahren, die das Risiko erhöhen, wieder traumatisiert zu werden. Und so ist der Teufelskreis zu verstehen, dass der traumatisierte Mensch sich so verhält, dass die Gefahr, wieder traumatisiert zu werden, größer wird und er auf diese Weise multiple Traumen erleiden muss. Dies ist ein wichtiger und gefährlicher Aspekt der Entwicklung.

Ich möchte hervorheben, dass der Übergang in klinische Formen, die als Depressivität, Delinquenz oder soziale Abkapselung erscheinen, wobei nicht selten Drogenmissbrauch als Selbstheilungsversuch zu werten ist, nicht nur eine Sache des Kindes allein, sondern des Kindes in Wechselwirkung mit seiner Umwelt darstellt. Auch beim jugendlichen Suizidverhalten ist es so, dass die Kinder zumeist nicht einfach sterben wollen, sondern die Situation, in der sie leben, unaushaltbar finden. Ob ein Kind mit kritischem Verhalten in kritischen Situationen psychiatrisch auffällig wird, ist häufig auch ein Ergebnis der mangelnden Kommunikation mit der sozialen Umgebung.

Die Schlüsselstellung der Emotionen

Die Grundlage der Selbstregulation bildet die Regulation der Emotionen. Die Emotionen stellen ein archaisches Entscheidungssystem dar, das dem Menschen noch aus dem Tierreich mitgegeben ist. Emotionen entfalten eine simultane Wirkung nach innen und nach außen. Emotionen gestalten im Rahmen des Temperaments das innere Klima der Erkenntnisse, Bilder und Entscheidungen, zugleich werden aber über die Art, sich emotional zu äußern, Botschaften an andere mitgeteilt. Auf diese Weise sind wir in der Lage, unseren inneren Zustand zugleich auch verständlich an andere Menschen weiterzugeben. Diese Sprache der Mimik und der Emotionen ist über alle Sprachgrenzen hinweg verstehbar. Emotionen gestalten ein interaktionelles Klima. Sie verbinden Aktion und Reaktion. Alles, was wir tun und erleben, findet im Lichte der Emotionen statt.

Die Handlungsfreiheit des Individuums

Unter Entwicklungsgesichtspunkten ist der geniale Schritt der Phylogenese bei den Affekten, dass es gelang, aus den Instinktkreisen und Reflexen, die ja zwischen Signalreiz und Reaktion eine fixe Verbindung hergestellt ließen, einen Aufbruch zu erreichen, der Signalreiz und Reaktion trennt. Der Signalreiz ruft bei den Affekten nur noch eine Erregung hervor, die Dringlichkeit erzeugt. Es besteht ein Handlungsdruck, es muss eine Entscheidung gefällt werden. Das Individuum kann jedoch aus dem Repertoire seiner Handlungen wählen, um die angemessene Reaktion zu setzen. Dadurch entsteht eine Handlungsfreiheit, eine Entscheidungsinstanz wird notwendig. Und in diesem Sinne ist der Affekt die Geburtsstunde dieser Entscheidungsinstanz, also des Selbst. Die Emotionen liegen auch genau an der Grenze zwischen dem Übergang des Unbewussten ins Bewusste. Die Stimmungen und Hintergrundemotionen können uns oft lenken, obwohl wir nichts davon bewusst wahrnehmen, während Gefühle und Gefühlsvorstellungen uns sehr wohl bewusst sind. Im Bereich der Emotionen findet auch der Übergang vom Unbewussten ins Bewusste statt und die höheren Denkprozesse sind in emotionale Zustände eingebettet.

Die Entwicklung des Selbst

Die Entwicklung des Selbst kann im Sinne einer Metapher mit einem Baum verglichen werden. Das Selbst des Menschen besitzt Wurzeln in Form des Proto-Selbst, welches als mentales Modell schon in einer ganz frühen Phase der Entwicklung existiert. Da das Kind in diesem Alter noch keine bewusste selbstreflexive Gedächtnisfunktion besitzt und eben alles im impliziten Gedächtnis gespeichert wird, bleibt dieses mentale Modell in seinen Grundstrukturen unbewusst. Erst ab dem zweiten, dritten Lebensjahr entwickelt sich ein zunehmend bewusstes Gedächtnis auch für die eigene Person. Trotzdem reagiert das Kind schon von Geburt an als Person. Es hat eine Entscheidungsinstanz, die aber im Gedächtnis noch unbewusst – also in Gedächtnisformen impliziter Art – festgehalten und niedergelegt ist. Schließlich entwickelt sich auch ein explizites oder subjektives Selbst, das stark an die emotionalen Erfahrungen des Kindes geknüpft ist. Über diesem subjektiven Selbst, das den Stamm des Baumes repräsentiert, entfaltet sich schließlich in verschiedensten Domänen das definitorische Selbst wie eine Krone.

Drei Aspekte des Selbstwertes

Wenn man den Selbstwert näher beleuchtet, kann man drei Aspekte des Selbstwertes feststellen. Es ist nicht nur die Fertigkeit oder Kompetenz, sondern auch die tatsächliche Umsetzung dieser Fertigkeiten in der Performanz und schließlich das soziale Echo in der Akzeptanz, die den Selbstwert ausmachen. Ich bin nicht nur soviel Wert, wie ich potenziell meine Fähigkeiten einschätze, sondern auch wie sehr ich in der Lage bin, meine Fähigkeiten in bestimmten Situationen tatsächlich unter Beweis zu stellen. Schließlich ist es auch notwendig, dass ich in meinen Fähigkeiten von anderen erkannt und wertgeschätzt werde. Gerade der Punkt der Akzeptanz ist hervorzuheben. Er macht deutlich, wie sehr der Selbstwert auch durch andere Personen mitreguliert wird. Und gerade bei Kindern sind es vor allem die Bezugspersonen, deren Akzeptanz und Wertschätzung den Selbstwert des Kindes beeinflussen. Je älter das Kind wird, umso wichtiger wird die Peer-Group, die Gleichaltrigengruppe, in deren Urteil jeder einzelne Jugendliche seinen Selbstwert stabilisiert.

Identität als Entwicklungsaufgabe

Die nächste Frage ist die der Identität, das heißt, das Gefühl der Gleichheit oder Übereinstimmung der Person, die wir als Übereinstimmung zwischen handelndem und selbstreflexivem Subjekt sehen. Das innere Bild von der Person und das äußere Handelnkönnen dieser Person müssen in Deckungsgleichheit gebracht werden. Die Funktion, die das erlaubt, ist die Emotion. Identität ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe, wobei auch hier wieder deutlich wird, wie sehr andere Menschen zur Identitätsentwicklung beitragen. Jeder Mensch braucht für seine Selbstentwicklung identifikatorische Vorlagen. Das heißt, wir alle übernehmen Teile anderer Menschen in uns selbst auf, um unsere eigene Identität weiter zu entwickeln. Wir müssen uns gegenüber anderen durch unser Anderssein aber auch abgrenzen können. In Form von Ritualen und Wiederholungen kann es uns gelingen, Identität durch eine verlässliche Zeitstrukturierung im Leben zu unterstützen. Und schließlich müssen wir viele Dinge auf eine Weise für uns kontrollierbar machen, indem wir sie symbolisieren und so in Gedanken weiter verarbeiten können.

Bindungsbedürfnis und Selbstentfaltungsstreben

Ein Mensch kann Autonomie nur dadurch erreichen, dass er Bindungsbedürfnis und Selbstentfaltungsstreben integriert. Kinder, die in den Interaktionen ihr Selbstentfaltungsstreben hauptsächlich auf Kosten des Bindungsbedürfnisses aktivieren, geraten in einen Strudel von Dominanzstreben, so dass alle Interaktionen nur darauf abzielen, anderen überlegen zu sein und alles unter Kontrolle zu haben, wobei der Beziehungsaspekt eigener Handlungen aus dem Blickfeld schwindet. Wenn andererseits zu Gunsten eines Bindungsbedürfnisses die Selbstentfaltung vollkommen ausgeblendet wird, besteht die Gefahr, sich in abhängige Beziehungsmuster zu begeben und keine persönlichen Freiräume mehr ausgestalten zu können. Wer beide Aspekte ausblendet oder innerlich löscht, fällt der Apathie und sozialen Rückzugstendenzen anheim.

Die Ergebnisse der modernen Emotionsforschung lassen erkennen, dass Bindungsaspekte mit emotionaler Regulation insofern zusammenhängen, dass jene Kinder, die im Rahmen einer positiven Bindung aufwachsen, zu Empathie und positivem Selbstwert fähig sind und über diesen Weg auch ein soziales Gewissen entwickeln, wobei sie, wenn sie schließlich Regelübertretungen begehen, auch mit Schuldgefühlen reagieren. Kinder, die mit Bindungsproblemen aufwachsen, deren soziale Interaktionen problematisch sind, besitzen keine optimale Einfühlungsgabe, sie sind eher egozentrisch strukturiert und haben immer das Gefühl, zu kurz zu kommen. Ihr Selbstwert bleibt verkümmert, sie besitzen nur eine geringe Frustrationstoleranz und können persönliches Versagen nur schlecht verkraften. Eingrenzungen werden eher als gegen die eigene Person gerichtet erachtet und lösen Schamgefühle aus. Wenn solche Kinder nach sozialen Regelübertretungen ermahnt werden, erleben sie ihre subjektive Person als Ganzes in Frage gestellt. Auf diese Weise ist das Kind veranlasst, eine Schamabwehr zu betreiben: Nicht wenige Aggressionen von Jugendlichen sind letztlich als Schamabwehr zu begreifen.

Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern

Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern, wie sie von Brazelton und Greenspan erst jüngst in ihrem Buch veröffentlich wurden, können nochmals wie folgt zusammengefasst werden: Kinder haben ein Recht darauf, dass diese Grundbedürfnisse in ihrer Entwicklung von Erwachsenen wahrgenommen und erfüllt werden: Das Bedürfnis nach liebevollen Beziehungen, das Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit, Sicherheit und Regulation, das Bedürfnis als Individuum in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen zu werden, das Bedürfnis, entwicklungsgerechte Erfahrungen machen zu dürfen und nicht schon zu früh in Erwachsenenwelten und Erwachsenenrollen hineingezogen zu werden. Das Bedürfnis nach Grenzen und Strukturierung der Erfahrungsräume, das Bedürfnis nach unterstützenden Gemeinschaften auch außerhalb der unmittelbaren Familie und letzten Endes auch das Bedürfnis des Kindes auf eine Zukunft hin leben zu können. Wenn wir Erwachsenen an die Zukunft schon gar nicht mehr glauben, sind wir nicht in der Lage, die Bedürfnisse von Kindern zu erfüllen.

Die Selbstbeschreibung eines Kindes, dessen Grundbedürfnisse nicht erfüllt worden waren, soll uns dies nochmals plastisch vor Augen führen: Dieses Kind sieht sich als Zyklop, der wachsam bei rauchenden Schloten, die aus dem Gehirn ragen, die Umwelt nach Gefahren absucht. Die Bereiche des Gesichtes und des Körpers sind zerstört, der linke Arm wird brennend, der rechte Arm gefühllos dargestellt. Das einzige, was diesem Kind geblieben ist und auch mit Symbolen der Sonne und einer blühenden Blumenwiesen beschrieben sind, bleiben die Beine, die die Flucht aus diesem Leben tragen können. Damit Kinder nicht so leben müssen, dass sie immer auf der Hut und auf der Flucht sind, dafür wollen wir auch in Zukunft in der Liga für das Kind kämpfen.

Die vollständige Fassung ist über die Geschäftsstelle erhältlich.

Prof. Dr. Franz Resch ist Kinder- und Jugendpsychiater an der Universität Heidelberg und Präsident der Deutschen Liga für das Kind