Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Weg vom Image der Basteltante

Interview mit Karin Muchajer, Leiterin der Kindertagesstätte „Spatzenhaus“ in Frankfurt (Oder), zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen

fK: Spätestens seit Veröffentlichung der Ergebnisse der PISA-Studie ist das Thema Bildung in aller Munde. In den Diskussionen richtet sich das Interesse zunehmend auf den frühkindlichen Bereich. Freuen Sie sich über diese neue Aufmerksamkeit oder macht Sie das skeptisch?

Muchajer: Einerseits freuen wir uns darüber, dass – angestoßen durch die PISA-Studie – Bildungsprozesse nun auch im frühkindlichen Bereich mehr hinterfragt werden. Im Kinder- und Jugendhilfegesetz und im Brandenburgischen Kindertagesstättengesetz wird Bildung als eine Aufgabe von Kindertagesstätten formuliert. In der Öffentlichkeit jedoch standen in der Vergangenheit eher Betreuung und Versorgung der Kinder im Mittelpunkt der Diskussion, und zwar unter anderem im Zusammenhang mit der Kürzung von Rechtsansprüchen. In diesem Zusammenhang tut es gut, wenn der Berufsstand der Erzieherinnen wieder aufgewertet wird, damit wir wegkommen vom Image der „Basteltante“. Wir sehen darin eine Chance, pädagogische Themen auch öffentlich wieder stärker zu diskutieren. Skeptisch betrachten wir, dass diese neue Aufmerksamkeit zusammenfällt mit öffentlicher Kritik. Werden Schuldige gesucht? Wir haben auch in der Vergangenheit mit den Kindern nicht „nur“ gespielt!

fK: Nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (§ 22 Abs. 2) gehört neben Betreuung und Erziehung die Bildung des Kindes bereits seit langem zu den wesentlichen Aufgaben der Kindertageseinrichtun-gen. Wie kommt dies in Ihrer Einrichtung zum Ausdruck?

Muchajer: Als wir Mitarbeiter im Januar 1995 unsere KiTa in eigener Trägerschaft übernahmen, waren wir uns vom ersten Tag an darüber einig, dass wir als Kindertagesstätte einen Bildungsauftrag haben. Die Chance, mit hochmotivierten und gut ausgebildeten Mitarbeitern eine Tagesstätte gemeinsam zu führen – unabhängig von übergeordneter Kontrolle, überlasteten Vorschriften, Genehmigungen und so weiter – wollten wir nutzen, um unsere Kinder von klein an in die Lage zu versetzen, selbständig, selbstbewusst und kompetent die täglichen Anforderungen, die das Leben in der KiTa mit sich bringen, zu bewältigen. Die Frage, wie der Bildungsaspekt in unserer Einrichtung zum Ausdruck kommt, ist vor allem damit zu beantworten, dass wir unsere Kinder in die Gestaltung des KiTa-Lebens einbeziehen, ihre Ideen herausfordern, nach Lösungswegen suchen, diese gemeinsam umsetzen. Bildungsprozesse finden auf beiden Seiten statt, auf Seiten der Kinder und der Erzieherinnen.

fK: Bildung ist immer auch Selbstbildung, und damit von Kind zu Kind verschieden. Auf welche Weise gestalten Sie das Verhältnis von Gruppenangeboten und individueller Förderung?

Muchajer: Mit zunehmendem Alter der Kinder nimmt das Gruppengeschehen und die Gruppendynamik zu, und zugleich steigen Selbständigkeit und Individualität des einzelnen Kindes. Wir haben offene Gruppen. Dies fördert das Lernen untereinander und ermöglicht die Arbeit in Kleingruppen, um alle Kinder individuell zu fördern. Durch die vielfältige Gestaltung der Gruppen- und Funktionsräume wird das Selbsttätigsein gefördert. Die Kinder entdecken, probieren und experimentieren. Sie sammeln Erfahrungen und entwickeln soziale Beziehungen. Es gibt bei uns in der Einrichtung eine Kinderwerkstatt, Atelier, Computerkabinett, Tanzraum, Holzraum, Märchenzimmer und eine Töpferei.

Hinzufügen möchte ich, dass für uns die Arbeit im Team an Bedeutung gewonnen hat. Die unterschiedlichen Kompetenzen und besonderen Fähigkeiten jedes Mitarbeiters – nicht nur der Pädagogen – bieten die Möglichkeit, das einzelne Kind und seine Entwicklung unterschiedlich zu sehen, unterschiedlich zu bewerten. Dadurch eröffnen sich Möglichkeiten für die individuelle Förderung der Kinder. Gleichzeitig wird das Gruppenleben vielfältiger und interessanter.

fK: Was wollen eigentlich die Kinder? Wie haben sich ihre Neugierde und ihre Wünsche in den letzten Jahren verändert?

Muchajer: Die Lebenssituationen der Kinder haben sich grundlegend verändert. Die Kluft zwischen arm und reich hat sich vergrößert, es kommt zu krisenhaften Familienentwicklungen, es gibt Arbeitslosigkeit. Kriminalität und Drogen, der Einfluss der Medien und des Konsums nehmen zu. Die Wünsche der Kinder nach Aufmerksamkeit, Liebe, Geborgenheit, Sicherheit, Toleranz und Regeln sind heute aktueller denn je. Die rasanten Entwicklungen in Wissenschaft und Technik und der unkomplizierte Zugang zu neuem Wissen zum Beispiel über das Internet wirken auf unsere Kinder und deren Neugier. Selbstbewusst fordern sie ihre Wünsche ein. Das Wissen ist schnelllebig und muss ständig aktualisiert werden. Wichtig ist, dass auch die Pädagogen Schritt halten, dass sie sich bewusst darum bemühen. Es ist legitim, wenn eine Erzieherin nicht jede Frage von Kindern beantworten, aber sie muss wissen, wo sie Antworten finden kann. Der Umgang mit moderner Technik muss normal sein.

fK: Wird die neue Debatte über Bildung in der frühen Kindheit lediglich in Fachkreisen geführt oder melden sich auch die Eltern zu Wort? Was sind deren Argumente und Forderungen?

Muchajer: Aus Sicht der Eltern hat die Wissensvermittlung Vorrang. Eltern wissen, dass ein hohes Bildungsniveau für den weiteren Lebensweg ihrer Kinder wichtig ist. Sie wollen, dass ihre Kinder fit sind für die Schule. Soziale Komponenten werden kaum berücksichtigt. Nach Meinung einiger Eltern soll die Form der Bildung der Schule angepasst werden. Es ist nicht immer leicht, den Eltern zu vermitteln, wie Kinder lernen. Man braucht Zeit, um ihnen die Entwicklungen ihrer Kinder aufzuzeigen. Gut geeignet hierfür sind Dokumentationen. Dafür müssen Erzieherinnen fit sein. Kontinuierliche Elternarbeit, die fundiertes Wissen und Kommunikationsfähigkeit voraussetzen, sind gefragt.

fK: Der beste Wille nutzt wenig, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Woran mangelt es am meisten? Oder anders gefragt: was müsste geschehen, damit Kindertageseinrichtungen ihrem Bildungsauftrag vollauf gerecht werden können?

Muchajer: Hierzu gibt es mehr Fragen als Antworten. Wieviel Bildung lassen die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen von Bund, Ländern und Kommunen zu? Hat jedes Kind das gleiche Recht auf Bildung? Ist dabei der Status der Eltern in der Gesellschaft entscheidend? Ist die Ausbildung der Erzieher von morgen ausreichend? Zwei Beispiele: Der vom Land Brandenburg festgelegte Personalschlüssel lässt keinen Spielraum für Vor- und Nachbereitungszeit. Diese sind aber unbedingt erforderlich für eine hohe Qualität. In Frankfurt (Oder) stehen jedem Mitarbeiter unserer Einrichtung 15.- EURO im Jahr für Fortbildung zu. Das reicht kaum für ein gutes Fachbuch. Die Frage, die wir uns vor allem stellen, lautet daher: Wie lange reicht die Kraft aus, um immer wieder zusätzliche finanzielle Mittel und zusätzliches Zeitvolumen zu schaffen?

Die Fragen stellte Dr. Jörg Maywald