Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen

Ergebnisse des Modellprojekts liegen vor.

In den Jahren 1997 bis 2000 wurde in den drei Bundesländern Brandenburg, Sachsen und Schleswig-Holstein ein Modellprojekt unter der Leitung von Hans-Joachim Laewen durchgeführt, das auf eine Konkretisierung des Bildungsbegriffs für das Vorschulalter und eine Aufbereitung der Arbeitsergebnisse sowohl für die Fortbildung im Bereich der öffentlichen Tagesbetreuung von Kindern als auch auf die Bereitstellung von praxisfähigen Arbeitsmaterialien für Erzieherinnen zielte. Das Modellprojekt hat in enger Kooperation mit 12 Kindertageseinrichtungen (je 4 aus den beteiligten Bundesländern in unterschiedlicher Trägerschaft) und mit Multiplikatorengruppen (u.a. BeraterInnen, TrägervertreterInnen, Fachschuldozentinnen) einen Vorschlag für die Interpretation des Bildungsbegriffs für den Vorschulbereich erarbeitet. Die Projektarbeit stützte sich sowohl auf die aktuelle Bildungsdiskussion und ihre Vorläufer als auch auf die Arbeitsergebnisse u.a. der neurobiologischen Forschung und der Entwicklungspsychologie.

Ohne dass die Projektgruppe sich auf eine allgemein akzeptierte Ausdeutung des Bildungsbegriffs hätte stützen können, gelang es, einen Arbeitsbegriff von Bildung zu entwickeln, der für das Vorschulalter geeignet scheint und ggf. auch einen Beitrag zur Klärung des Bildungsbegriffs für den Grundschulbereich leisten könnte. Bildung wird grundsätzlich als Aktivität des Kindes interpretiert, als „Aneignung von Welt“ im Humboldt’schen Sinn, und mit Argumenten aus der Hirnforschung und der Entwicklungspsychologie konkretisiert. Bildung in diesem Sinne muss als von Geburt andauernder Prozess der Konstruktion einer zweiten Realitätsebene in Kopf und Körper des Kindes verstanden werden, der wesentlich durch die Eigenaktivität der Kinder getragen wird und durch Erziehung unterstützt und herausgefordert werden muss, um sich in einem kulturell umfassenden Sinn entfalten zu können. Erziehung wird dabei als notwendige komplementäre Aktivität von für das Kind relevanten Erwachsenen begriffen, die zwei grundlegende Formen annehmen kann, wenn sie mit Bildung vereinbar sein soll: Die der Gestaltung der Umwelt des Kindes und die der Gestaltung der Interaktionen mit dem Kind (siehe auch die zusammenfassende Darstellung im Anhang).

Dabei wird davon ausgegangen, dass die Rahmenbedingungen für gelingende Bildungsprozesse für Kinder von Beginn an den Zugang zu komplexen Sinneswahrnehmungen und damit verbundenen Erfahrungen einerseits und die Entwicklung sicherer Bindungen an die relevanten Erwachsenen ihrer Umgebung andererseits ermöglichen und fördern sollten.

Bildungsprozesse werden als gelungen betrachtet, wenn sie die Breite der mitgebrachten Anlagen des Kindes für gesellschaftlich legitimierbare und zukunftsfähige Themen ausschöpfen, das heranwachsende Kind in Beziehungen wechselseitiger Anerkennung sozial verankern und Entwürfe für ein aktives und an individuellen Glückserwartungen orientiertes Leben ermöglichen.

Detaillierte Darstellungen der Arbeitsergebnisse des Projekts werden sowohl in der Form eines Entwurfs für ein Fortbildungsprogramm für Fachkräfte aus Pädagogik und Beratung als auch als exemplarisch ausgewählte Handlungsvorschläge für die pädagogische Praxis publiziert. Ausgewähltes Videomaterial wird zukünftig die beiden Textbände ergänzen.

Im Luchterhand Verlag erscheinen im März 2002
von Beate Andres und Hans-Joachim Laewen:

Bildung und Erziehung in der frühen Kindheit – Bausteine zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen, ISBN 347205112-4, 25,- Euro
(Herleitung, Begründung und curriculare Aufbereitung für Multiplikatorinnen des erarbeiteten Konzepts von Bildung und Erziehung sowie daraus abgeleitete Leitziele und erste Qualitätskriterien für die pädagogische Arbeit in Kindertageseinrichtungen)

Forscher, Künstler, Konstrukteure – Ein Werkstattbuch zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen, ISBN 347205113-2, 17,50 Euro
(Anregungen für erste Schritte in der praktischen Arbeit in Kindertageseinrichtungen)

Institut für angewandte Sozialisationsforschung/Frühe Kindheit (INFANS)
Havelberger Str. 13, 10559 Berlin, E-Mail: infans@t-online.de