Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Eltern-Kleinkind-Therapie und Regulationsstörungen im frühen Kindesalter

von Éva Hédervári-Heller

In fast jeder Familie mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren gibt es Zeiten, in denen das Kind viel weint und kaum zu beruhigen ist oder schlecht schläft und wenig Nahrung zu sich nimmt. Normalerweise gehen diese schwierigen Phasen schnell vorüber, ohne dass es eine Erklärung zur Enstehung des Problems gibt und ohne dass es einer professionellen Unterstützung bedarf. Ein geringer Teil von Säuglingen und Kleinkindern zeigt allerdings Verhaltensprobleme, die in ihrer Intensität und Dauer von der Norm abweichen oder das Verhalten des Kindes als problematisch zu betrachten ist. Oft handelt es sich dabei um Störungen der Verhaltensregulation.

Nach Einschätzung von Wissenschaftlern entwickeln ca. 5 – 10 % aller Säuglinge eine Verhaltensregulationsstörung, bzw. weisen eine solche von Geburt an auf. Regulationsstörungen beziehen sich auf Schwierigkeiten des Säuglings und Kleinkindes seine Befindlichkeit, sein Verhalten und seine körperlichen Prozesse zu regulieren. Sie treten im ersten Lebensjahr am häufigsten in Form von exzessivem Schreien /chronischer Unruhe, Schlafstörungen sowie in Form von Ess- und Gedeihstörungen auf. Im zweiten Lebensjahr erweitern sich die Probleme unter anderem auf Störungen der Eltern-Kind-Bindung, Geschwisterrivalität oder ausgeprägte Widerspenstigkeit, Trennungsangst und unsteuerbare Wutanfälle. Verhaltensregulationsprobleme in der frühen Kindheit sind vielfältig bedingt und können weder als rein medizinisches noch als rein psychosoziales Problem betrachtet werden. Die Entstehung von Schwierigkeiten in diesem Alter ist komplex und kann sowohl durch biologische Faktoren von Seiten des Kindes und psychosoziale Bedingungen von Seiten der Eltern, als auch durch eine mangelhafte Unterstützung aus dem sozialen Umfeld beeinflusst werden. Die Ursachen lassen sich in der Regel nicht auf einen dieser Bereiche zurückführen, sondern vielmehr auf das Zusammenwirken der einzelnen Einflussfaktoren.

Wenn Eltern mit den Problemen ihrer Kinder nicht weiter wissen, kommt es häufig zu einer Krisensituation in der Familie. Eltern brauchen in solcher Situation professionelle Unterstützung wie diese im Rahmen der Eltern-Kleinkind-Therapie geleistet werden kann. Die Eltern-Kleinkind-Therapie ist eine effektive Methode der Frühprävention und der Frühintervention in der es bereits nach wenigen Sitzungen zur Besserung oder zumindest zur Minderung des vorhandenen Problems kommt. Erfahrungen in der Eltern-Kleinkind-Therapie zeigen, dass dieses Vorgehen eine wirkungsvolle und wenig zeitaufwendige Form der Unterstützung von Familien mit vorübergehenden Schwierigkeiten des Säuglings und des Kleinkindes ist. An dieser Stelle soll auf eine ausführliche Darstellung dieses Konzeptes verzichtet und nur auf einige Aspekte hingewiesen werden.

Seit den Anfängen der Eltern-Kleinkind-Psychotherapie hat sich eine Vielzahl therapeutischer Ansätze unterschiedlicher Theorierichtungen entwickelt. Die meisten dieser Konzepte lassen sich in ihrer Ausrichtung entweder als psychoanalytisch/psychodynamisch oder als interaktionistisch orientiert betrachten. Der psychoanalytische Ansatz fokussiert auf die innerpsychischen Prozesse und Repräsentanzen, wogegen der interaktionistische Ansatz die aktuelle, beobachtbare Eltern-Kind-Interaktion in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. Auf der Grundlage einer Kombination dieser beiden Ansätze wurde der im folgenden beschriebene Fall behandelt. Dies ist ein integratives Konzept, das sowohl das beobachtbare Verhalten der Eltern und des Kindes, die Interaktion zwischen beiden, als auch die Selbst- und Objektrepräsentanzen der Eltern gleichzeitig berücksichtigt.

Eine Verhaltensregulationsstörung führt unabhängig vom Kernsymptom und unabhängig von den Entstehungsursachen häufig zur Beeinträchtigung der Mutter-Kind-Interaktion und der Entstehung einer sicheren Bindungsorganisation des Kindes. In der Eltern-Kleinkind-Therapie, in der Mutter und Kind gleichzeitig anwesend sind, bekommt der Therapeut wichtige Informationen über das Bindungs- und Explorationsverhalten des Kindes, die Feinfühligkeit der Mutter, über Affektausdrucksverhalten von Mutter und Kind und über die Art der Affektregulierung im dyadischen System. Diese sind wichtige bindungsrelevante Inhalte, die die therapeutische Intervention strukturieren und helfen, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Bedingung hierfür ist ein Hintergrundwissen des Therapeuten über bindungstheoretische Konzepte sowohl in der frühen Kindheit als auch bei Erwachsenen.

Vorstellungsgrund und anamnestische Daten

Die junge 30jährige verheiratete Frau B. erbittet telefonisch einen Termin aufgrund einer Fütterstörung, Hyperaktivität und widerspenstigem Verhalten ihres 4monatigen Sohnes. Die Stimme von Frau B. klingt ängstlich und verzweifelt. Nach ihren Schilderungen gewann ich den Eindruck, mit einem schwierigen Fall zu tun zu haben.

Frau und Herr B. sind seit über 10 Jahren verheiratet und sie wohnen in einem Einfamilienhaus am Rand einer Großstadt. Herr B. arbeitet als Handwerker und Frau B. ist Hausfrau. Die finanzielle Situation der Familie ist abgesichert, und die Eltern haben gute soziale Kontakte zu Freunden und zu Verwandten. Frau und Herr B. haben keinerlei therapeutische Erfahrung.

Zur ersten Konsultation, zu der die ganze Familie eingeladen wurde, erscheinen Frau und Herr B. alleine, ohne ihren Sohn Luis (Namen geändert) und ohne die 10jährige Tochter. Die Eltern stellen sich somit in den Mittelpunkt des therapeutischen Geschehens und signalisieren ihre unbewusste Einschätzung der Situation: „Nicht der Sohn, sondern wir haben das Problem.“

Frau und Herr B beklagen sich, mit ihren Sorgen um das Kind allein gelassen worden zu sein. Niemand versteht sie und niemand nimmt sie ernst. Sie haben schon einige Kinderärzte konsultiert, aber immer wieder hören sie dasselbe: Mit dem Kind sei organmedizinisch alles in Ordnung und es habe keine Fütterstörung. Der Sohn sei körperlich gut entwickelt, er habe kein Untergewicht. Dies kann aber nicht sein, sagen die Eltern verzweifelt, denn Luis lehne die Milchflasche ab und weine bereits, wenn er die Flasche sieht. Egal, wer ihm die Flasche zu geben versucht, würde er „zappeln“, weinen und nichts trinken. Die ganze Familie ist in heller Aufregung, wenn es um das Füttern von Luis geht. Mit der Löffelfütterung würde es besser klappen als mit der Flasche, aber auch diese ist schwierig. Nun ist der Punkt erreicht, dass Frau und Herr B. erschöpft und verzweifelt sind, und sie können kaum mehr Freude mit dem Kind erleben. Es sei ihnen in medizinischen Kreisen mitgeteilt worden, dass Luis ein hyperaktives Kind sei, was seine Unruhe und sein „Zappeln“ beim Füttern erkläre. Nun sind die Eltern noch mehr verunsichert, und sie haben hinsichtlich der weiteren Entwicklung von Luis große Ängste. Insbesondere ängstigt sie das lebhafte Temperament bzw. die angebliche Hyperaktivität des Kindes. Alle Familienmitglieder seien nämlich „ruhige Menschen“, nur Luis nicht. Er habe jetzt schon „seinen eigenen Kopf“ und die Eltern befürchten, dass sie später den „lebhaften Sohn“ gar nicht mehr in den „Griff“ bekommen.

Luis sei ein Wunschkind gewesen. Die Schwangerschaft und die Geburt seien ohne Schwierigkeiten verlaufen. Luis sei als ein großes und kräftiges Baby zur Welt gekommen: Er habe 4100 g gewogen und sei 56 cm groß gewesen. Bis zu seiner siebenten Lebenswoche habe er sich gut entwickelt, bis er an Rota Virus erkrankte und 14 Tagen in einer Kinderklinik behandelt wurde. Frau B. sei von morgens früh bis abends spät bei ihm gewesen. Während des Klinikaufenthaltes habe Frau B. Luis ohne Probleme abgestillt. In der Klinik habe er die Flasche gut angenommen und habe keinerlei Anzeichen einer Fütterstörung gezeigt, bis er nach Hause entlassen worden war. Zu Hause fing er an die Milchflasche zu verweigern und während der Fütterung heftig zu weinen und zu „zappeln“. Sein problematisches Verhalten sei unabhängig von der Person, die ihn füttere.

Das anamnestische Gespräch ergab, dass Herr B. selbst als Kind eine Fütterstörung hatte. Er sei ein „schlechter Esser“ gewesen. Die 10jährige Tochter habe sich ohne Auffälligkeiten entwickelt. Über die eigene Kindheit von Frau und Herr B. ist wenig zu erfahren, außer, dass sie eine „sehr schöne Kindheit“ hatten. Auch in den Nachfolgegesprächen bestätigte sich der Eindruck, dass Frau und Herr B. über wenig Retrospektionsfähigkeit verfügen und sich bisher kaum über ihre eigene Lebensgeschichte auseinandergesetzt haben. Der starke Leidensdruck und ihre Bereitschaft sich mit der aktuellen Problematik des Sohnes zu beschäftigen, boten dennoch ausreichend günstige Bedingungen für eine therapeutische Arbeit.

Hinsichtlich des Affekterlebens der Eltern hat sich während der ersten Sitzung herausgestellt, dass Trauer und Hilflosigkeit ihre leitenden Affekte sind. Wut und Ärger können nicht zugelassen werden, sondern sie werden verdrängt. Somit ist es verständlich, dass Frau und Herr B. die Protestreaktionen von Luis und sein lebhaftes Temperament als etwas Fremdes und Bedrohliches erleben und zur gemeinsamen Regulierung der negativen Affekte von Luis wenig beitragen können.

Die therapeutische Intervention

Zum Abschluss der ersten Konsultation wurde mit den Eltern das weitere Vorgehen der gemeinsamen Zusammenarbeit besprochen und vereinbart, neben den Gesprächen Videoaufnahmen über die Füttersituation mit Luis im Behandlungsraum zu drehen und diese für gemeinsame Diskussionen zu nutzen. Frau und Herr B. waren mit dem Vorschlag, ohne zu zögern einverstanden. Die Teilnahme von Herrn B. an weiteren Terminen war aus beruflichen Gründen nicht möglich. Es wurde beschlossen, die therapeutischen Sitzungen mit Frau B. und mit Luis alleine fortzusetzen.

Es fanden insgesamt sieben Gesprächstermine, teils mit und teils ohne die Anwesenheit des Kindes, statt. Herr B. nahm an der ersten Sitzung teil und bedauerte, den Prozess nur aus der „Ferne“ begleiten zu können. Er fand es aber wichtig, dass seine Frau, die für die Betreuung des Kindes eigentlich zuständig ist, weitere Termine wahrnimmt. Vor Beginn der therapeutischen Maßnahme (zweite Sitzung) und am Ende (fünfte Sitzung) sind Videoaufnahmen von den Fütter- und Spielinteraktionen gemacht worden. Die Entscheidung über das Ende der therapeutischen Intervention wurde gemeinsam mit Frau B. in der Phase getroffen, als das Symptom des Kindes nicht mehr bestand und Frau B. die irrationalen Ängste um das Kind verlor und sich in der Füttersituation mit Luis sicher genug fühlte. Zu dem Zeitpunkt hatte sie auch ein positiveres Bild von ihrem Sohn aufgebaut. Die Dauer der einzelnen Sitzungen schwankte zwischen einer und eineinhalb Stunden, die therapeutische Intervention betrug insgesamt sieben Wochen. An der letzten Sitzung sollte auch Herr B. teilnehmen, was aber aus beruflichen Gründen erneut scheiterte.

Die Ergebnisse der anamnestischen Erhebungen und der Videoanalyse wiesen auf eine Irritation der Fütterinteraktion, beginnende Fütterstörung sowie auf eine beginnende Unsicherheit in der Mutter-Kind-Bindung hin. Auslöser dieser Irritationen war eine ernsthafte Erkrankung des Kindes und die fehlende psychische Unterstützung der Eltern hinsichtlich ihrer Sorgen und ihrer Ängste um das Kind. Inwiefern die eigenen Bindungserfahrungen der Eltern aus ihrer Kindheit bei der Entstehung des geschilderten Konfliktes eine Rolle gespielt haben, blieb im Verborgenen. Die mangelnde Introspektions- und Retrospektionsfähigkeit der Eltern ließen im Rahmen dieser Kurzzeitbehandlung kaum die Möglichkeit, über die eigenen Kindheitserfahrungen der Eltern ausreichend zu reflektieren. Ihre unbewusste Botschaft lautete: Das „hier und jetzt“ ist wesentlich und die Vergangenheit aus der eigenen Kindheit ist nebensächlich. Aus dieser Ausgangsposition heraus erfolgte eine therapeutische Intervention, die die unbewusste Botschaft der Eltern und die Anpassungsmöglichkeiten der Therapeutin, ihren eigenen therapeutischen Ansprüchen auch gerecht zu werden, gleichzeitig berücksichtigte. Ein integratives therapeutisches Vorgehen in der Eltern-Kleinkind-Psychotherapie bedarf einer Flexibilität des Therapeuten mit unterschiedlichen Konzepten -z. B. psychodynamisch- und interaktionistisch geleitet- umzugehen, ohne dabei das Gefühl zu entwicklen, die eigene Berufsidentität aufzugeben.

Der therapeutische Rahmen des hier geschilderten Fallbeispiels umfasste wie bereits oben schon erwähnt eine integrative Vorgehensweise, bestehend aus der interaktionistisch und psychodynamisch orientierten therapeutischen Intervention – beide eingebettet in einen bindungstheoretischen Kontext. Im Einzelnen handelte es sich dabei um folgende Schwerpunkte: 1) Die psychodynamischen Elemente beinhalteten tiefenpsychologisch orientierte Gespräche über die Ängste und Phantasien der Eltern hinsichtlich der Fütterstörung des Kindes, das Erleben von sich selbst als Mutter/Vater, über das Temperament des Kindes, über Kindheitserfahrungen der Eltern sowie die Psychodynamik des Konfliktes. Therapeutisches Ziel war unter anderem die Repräsentanzen der Mutter von sich selbst, vom Kind und von der Beziehung zum Kind zu erfassen. 2) Nach dem interaktionistischen Ansatz wurde anhand von zwei Videoaufnahmen (vor und nach der Intervention) gemeinsam mit Frau B. die Mutter-Kind-Interaktion analysiert. Das Videofeedback diente zur Wahrnehmung des kindlichen und des mütterlichen Verhaltens sowie dessen Veränderung im therapeutischen Prozess. Der Fokus lag im Sinne der interaktionistischen Behandlungstechnik auf der Hervorhebung von positiven Interaktionsmustern. Die Videoanalyse wurde zusätzlich für die Entwicklungs- und Erziehungsberatung genutzt. Therapeutisches Ziel hierbei war es, durch Beobachtung der Mutter-Kind-Interaktion einen Einfluss auf die verzerrte Wahrnehmung der Mutter von ihrem Kind zu nehmen und ihr Verhalten im Umgang mit dem Kind zu verändern, ohne sie dabei zu kritisieren.

Interpretation der Ergebnisse der tiefenpsychologisch fundierten Gespräche und der Interaktionsbeobachtungen

Die tiefenpsychologisch fundierten Gespräche deuteten auf ein schwaches Selbstbild der Mutter, das durch Hilflosigkeit, Ohnmacht und das Gefühl von mangelnder Kompetenz sowie von eigener Wirkungslosigkeit charakterisiert ist. In ihrem Affekterleben dominiert die Angst um den Gesundheitszustand des Kindes und um sein Leben sowie die Zukunftsangst, das Kind nicht „im Griff“ zu haben. Das Bild, das die Mutter von ihrem Kind internalisierte, deutete auf eine verzerrte Wahrnehmung der Mutter, die das Kind als aggressiv und hyperaktiv erscheinen ließ, als jemand, der bereits mit vier Lebensmonaten „seinen eigenen Kopf“ durchsetzen will. In der Beziehung zum Kind fühlte sich die Mutter vom Kind abgelehnt.

Die Beobachtung der ersten Füttersituation vor der Intervention ergab eine problematische Mutter-Kind-Interaktion, die weniger aufgrund des kindlichen Verhaltens als viel mehr aufgrund der mütterlichen Reaktionen und einer falschen Interpretation der Signale des Kindes zu erklären sind. Frau B. hielt Luis liegend auf ihrem Schoß und wirkte während der gesamten Fütterzeit sehr angespannt. Sie wechselte häufig zwischen dem Füttern mit dem Löffel und der Flasche, sprach wenig mit ihrem Sohn, registrierte kaum seine Signale, und ihr Füttertempo war auffallend schnell und hektisch. Frau B. hatte Luis „fest im Griff“ so dass er seine Arme nicht frei bewegen konnte. Immer, wenn Frau B. Luis fester an sich drückte, gingen die Arme und die Beine von Luis mit. Dieses wurde von Frau B. als „Zappeln“ und als ein Anzeichen von Hyperaktivität interpretiert, von der Therapeutin jedoch als eine berechtigte Reaktion von Luis, sich von der einengenden Körperposition zu befreien, verstanden. Eine weitere Szene verdeutlich noch mehr, wie es zu immer wiederkehrenden „Entgleisungen“ in der Mutter-Kind-Interaktion kommen konnte. Während der Videoanalyse beschreibt Frau B. ihre Einschätzung der Füttersituation, die sie insgesamt als positiv interpretiert. Sie ist selbst sehr erstaunt über das Essverhalten von Luis. Er hätte nämlich im Gegensatz zu ihren Erwartungen doch „ganz gut und viel gegessen“. Frau B. fühlte sich selbst auch wohl und entspannt, ausser wenn Luis nach dem Löffel griff. Dieses erlebte sie als ein Desinteresse von Luis an der Nahrung, als eine Unfähigkeit, sich auf das Essen zu konzentrieren. Daraufhin reagierte Frau B. mit Angst, dass Luis zu wenig Nahrung zu sich nehme und beschleunigte ihr bereits hohes Tempo beim Füttern. Aufgrund der früheren lebensbedrohlichen Erkrankung des Sohnes ist die Empfindlichkeit von Frau B. nachzuvollziehen, wenn auch diese auf der Handlungsebene als keine adäquate Reaktion zu werten ist. Hinzu kommt die gegensätzliche Interpretation der Therapeutin, dass Luis nicht nach dem Löffel greift, weil er kein Interesse mehr an der Nahrung hat, sondern im Gegenteil, weil er damit signalisiert, am Essvorgang beteiligt werden zu wollen. Frau B. konnte diese Interpretation, ohne sich in ihrem Verhalten kritisiert zu fühlen annehmen und Veränderungen bei der Füttersituation zulassen.

Die Füttersituation, die Luis bis zu der ersten Videoanalyse von Tag zu Tag erlebte, war mit unangenehmen Erfahrungen verbunden. Erfahrungen, die Erinnerungsspuren hinterlassen haben könnten wie z. B.: „Ich werde mit meinen Interessen nicht ernst genommen, meine Signale werden falsch interpretiert und beantwortet.“ oder „Ich möchte nicht gefüttert werden, da ich in meiner Bewegungsfreiheit eingeengt werde.“ Ohne eine therapeutische Intervention wäre es mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer negativ assoziierten generalisierten Interaktionserfahrung („RIG“), zum Aufbau einer unsicheren Bindungsbeziehung zur Mutter und wahrscheinlich zu einer Essstörung des Kindes gekommen.

Ergebnisse der therapeutischen Intervention und Zusammenfassung

Am Ende der therapeutischen Intervention kam es zu Veränderungen der Repräsentanzen der Mutter, was in ihrem Verhalten und in der Qualität der Mutter-Kind-Interaktion deutlich wurde. Luis darf sich nun aktiv an der Essenssituationen beteiligen: Er nimmt sich kleine „Happen“ in die Hand und er trinkt selbständig aus der Flasche. Er weint nicht mehr während des Fütterns. Luis, mittlerweile fast sechs Monate alt, hat innerhalb von einer Woche 300 g zugenommen und er hat angefangen zu krabbeln. Frau B. ist erleichtert über die rasche Entwicklung und Gewichtszunahme ihres Sohnes. Sie hat ihre Ängste hinsichtlich der weiteren Entwicklung des Kindes abgebaut und schätzt ihren Sohn im Gegensatz zu früher nicht mehr als hyperaktiv ein. Sie sagt: „Ich habe mich damit abgefunden, dass mein Kind wenig isst und dass er ein aktives und temperamentvolles Kind ist.“ Mit der Menge der Nahrung, die Luis zu sich nahm, konnte sich Frau B. noch lange nicht abfinden, sie setzte ihren Sohn jedoch im Gegensatz zu früher nicht mehr unter Druck.

Nun möchte ich auf die Anmerkungen der Mutter, wie sie die 7- stündige Behandlung selbst beurteilt, eingehen. Bei der Frage nach der Wirksamkeit der unterschiedlichen psychotherapeutischen Techniken (psychodynamisch oder interaktionistisch geleiteten) geht es oft darum, wie die Eltern auf die unterschiedlichen therapeutischen Vorgehensweisen ansprechen und welchen Nutzen sie daraus ziehen. In dieser Hinsicht ist die Befragung von betroffenen Eltern unmittelbar nach einer Behandlung eine wenig aufwendige und effektive Methode, um die therapeutischen Wirkfaktoren aus der Sicht der Eltern zu erfahren und mit den Einschätzungen des Therapeuten zu vergleichen. Ob auf diese Art und Weise objektiv überprüfbare Daten gewonnen werden, bleibt zunächst dahingestellt. Bezogen auf das hier vorgestellte Fallbeispiel hat die Mutter die Anregung angenommen, den therapeutischen Prozess aus ihrer Sicht zu schildern und sie konzentrierte sich auf die folgenden Inhalte:

Frau B. erwähnte an erster Stelle, dass sie und ihr Mann nach der ersten Sitzung über die Art der Beratung, die zunächst psychodynamisch geleitet verlief, etwas verunsichert waren. Sie fragten sich „Wo sind wir denn hier gelandet“. Gleichzeitig aber haben sie auch festgestellt, dass sie nach dem Gespräch erleichtert waren, erleichtert verstanden und mit ihren Problemen ernst genommen worden zu sein. Damit signalisiert Frau B. intuitiv, dass die psychodynamische therapeutische Technik für sie sehr fremd war, jedoch konnte sie diese Erfahrung gut annehmen. Ansonsten hätte sie daraufhin die nachfolgenden Sitzungen abgesagt. Die Therapeutin hat ihrerseits die Signale der Eltern sich hauptsächlich mit der Gegenwart zu befassen, ernst genommen und ihren therapeutischen Fokus darauf abgestimmt. Aus bindungstheoretischer Sicht haben wir es hier nicht mit Widerstand gegen die Behandlung zu tun, sondern mit mangelnder Introspektionssfähigkeit und Erfahrung der Eltern, sich mit inneren Prozessen zu befassen. Die Eltern konnten trotz allem bereits in der ersten Sitzung die Therapeutin als eine sichere Basis nutzen. Von dieser emotional sicheren Basis aus ist ihre Neugier für die Behandlung geweckt worden, ebenso ihre Bereitschaft, die Problematik mit ihrem Säugling „mental zu explorieren“ und Veränderungsprozesse zuzulassen. Frau B. berichtete über ihre Funktion als „Kotherapeutin“ (Interpretation der Therapeutin) zu Hause, indem sie versucht Einfluss auf ihren Mann im Umgang mit Luis bei der Füttersituation zu nehmen, d. h. Luis über die Menge der Nahrung selbst entscheiden zu lassen und ihn nicht unter Druck zu setzen. In den Behandlungsstunden hat es Frau B. besonders gut gefallen, dass die Fütterstörung des Kindes und ihr Problem damit auch aus der Sicht des Kindes betrachtet wurde. So gewann sie Distanz zu sich selbst und sie fühlte sich entlastet. Weitere Aspekte hob Frau B. hervor, die mit der Mutter-Kind-Interaktion und ihrer veränderten Wahrnehmung über das Verhalten des Kindes zu tun haben. Diesbezüglich hat sie den positiven Einfluss der Videoanalysen auf ihre Wahrnehmung des Kindes und auf ihre eigenen Reaktionen hervorgehoben und die Erleichterung, „kleine Tipps“ im Umgang mit dem Kind bekommen zu haben. Dahinter verbirgt sich das bindungstheoretisch geleitete therapeutische Ziel, die Feinfühligkeit der Mutter zu stärken und so Einfluss auf die Qualität der Mutter-Kind-Interaktion zu nehmen. Mit der therapeutischen Unterstützung kam es zu einer gemeinsamen Regulierung der zukunftsbezogenen und die Entwicklung des Kindes betreffenden Angst der Eltern. Die gelungene Affektregulierung führt nun zur emotionalen Sicherheit und Zufriedenheit der Eltern im Umgang mit dem Kind und fördert die Entstehung einer sicheren Bindung in der Eltern-Kind-Beziehung.

Bei einer differenzierteren Betrachtung ist der Nutzen der Bindungstheorie für die therapeutische Arbeit mit Kleinkindern und deren Eltern mehr auf der theoretischen Ebene als auf der praktischen nachvollziehbar. Für die Zukunft wird sicherlich nötig sein, komplizierte bindungstheoretische Forschungsmethoden für die therapeutische Arbeit so zu modifizieren, dass diese ohne aufwendige Trainingsprogramme angewandt werden können. Therapeutische Arbeit in der Eltern-Kleinkind-Therapie bedeutet vor allem Beziehungsarbeit, und zwar unabhängig von der theoretischen Fokussierung. In dem Maße in dem es dem Therapeuten gelingt, die Basis für eine sichere therapeutische Bindungsbeziehung zu schaffen, gelingt es den Eltern ihre Funktion, eine sichere Basis für ihr Kind zu sein und diese in der therapeutischen Situation wahrzunehmen.

Der Beitrag ist eine stark gekürzte Fassung des Artikels „Klinische Relevanz der Bindungstheorie in der therapeutischen Arbeit mit Kleinkindern und deren Eltern“, In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 49. Jhg., Heft 8, S. 580-596.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages „Vandenhoeck & Ruprecht“.

Die vollständige Fassung einschließlich der Literaturangaben ist über die Geschäftsstelle erhältlich.

Dr. Éva Hédervári-Heller ist analytische Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeutin in freier Praxis und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Psychologie im Klinikum der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/Main