Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Sparen am falschen Ende

Zur Notwendigkeit qualifizierter Beratung und Therapie von Eltern mit Babys und Kleinkindern

von Mauri Fries

Für Eltern mit Babys und Kleinkindern wirken sich die strukturellen Ungerechtigkeiten der Gesellschaft gegenüber Familien besonders verheerend aus, da eine systematische Angebotsstruktur mit familienbegleitenden und –unterstützenden Maßnahmen gerade für diese Gruppe derzeit in Deutschland fehlt.

Dies führt zu verstärkten psychosozialen Belastungen. Hierzu zählen Armut und soziale Not, auch berufliche Überlastungen, die häufig in Wechselwirkung mit anderen psychosozialen Risikokonstellationen auftreten. Für das Säuglings- und Kleinkindalter reichen sie von Alltagsbelastungen bis hin zu nicht mehr allein zu bewältigenden Situationen mit akuten und längerfristigen Gefährdungen des Kindes:

– soziale Isolation und fehlende emotionale Stützsysteme

– unrealistische Fremd- und Selbsterwartungen bzgl. der Entwicklung des Kindes und der elterlichen Anforderungen in der frühen Erziehung

– Überforderung und eingeschränktes Selbstwertgefühl

– organische und psychosoziale Belastungen in der Schwangerschaft mit dem Risiko von Frühgeburtlichkeit und einer erhöhten somatopsychischen Empfindlichkeit des Säuglings und Kleinkindes

– Vernachlässigung und Misshandlungen im Säuglings- und Kleinkindalter

– elterliche Belastungen und Störungen wie z.B. chronische Depression

– verminderte Zugangsmöglichkeiten zu medizinischen, psychosozialen und

– pädagogischen Unterstützungsangeboten

– jugendliche und häufig alleinerziehende Mütter

Da die frühe Kindheit ein Altersbereich ist, der von der Gesellschaft kaum wahrgenommen und in seiner Bedeutung für die gesunde Entwicklung des Kindes unterschätzt wird, ist es für Eltern schwer, eine selbstverständliche Unterstützung in Anspruch nehmen zu können. Erst im Vorschulalter und mit Beginn der Schule werden von Gesundheits-, Schul- und Jugendämtern Fehlentwicklungen wahrgenommen und beklagt. Die Zunahme von Entwicklungsrückständen, Verhaltensauffälligkeiten und Schulversagen sprechen hier eine deutliche Sprache, ebenso die Zunahme von Aggressivität und Gewalt im Kindes- und Jugendalter.

Die Kosten für dann notwendige Maßnahmen trägt die Gesellschaft. Sie werden konkret sichtbar bei den Krankenkassen für Behandlungsleistungen in der Pädiatrie oder Psychiatrie und in der Jugendhilfe im Bereich der ambulanten und stationären Erziehungshilfen.

So muss es nicht bleiben! Es gib Interventionskonzepte in der frühen Kindheit, die sich im internationalen Vergleich bewährt haben und ihre präventive Wirksamkeit nachweisen konnten: Für verschiedene Projekte langfristig ausgewerteter psychosozialer Prävention konnte gezeigt werden, dass Kinder aus benachteiligten Familien im Vergleich mit Kindern der Kontrollgruppen sich psychisch günstiger in besseren familiären Beziehungen entwickelten, höhere Schulabschlüsse erreichten und seltener von Sozialhilfe abhängig bzw. straffällig wurden.

Je jünger die Kinder sind, desto notwendiger ist dafür eine interdisziplinäre engmaschige Angebotsstruktur. Je stärker das psychosoziale Risiko ist, desto eher werden innovative Formen der Beratung, Therapie und Sozialarbeit benötigt. Diese Interventionen in der frühen Kindheit sind verglichen mit den Kosten für spätere stationäre Aufnahmen in der Pädiatrie, der Kinder- und Jugendpsychiatrie, langfristige Psychotherapien oder Heimaufenthalte kostengünstig, i.d.R. von kurzer zeitlicher Dauer und häufig überraschend erfolgreich.

Was in Deutschland fehlt, ist die gesellschaftspolitische Unterstützung der strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen dieser frühen Interventionen. Es fehlt die Entwicklung innovativer Konzepte an den Schnittstellen von Jugendhilfe, Psychiatrie und Pädiatrie und eine systematische Verankerung von fachlich qualifizierter Beratung und Therapie für Eltern mit Babys und Kleinkindern, die ressortübergreifend implementiert werden.

Ausgehend von den unterschiedlichen Belastungssituationen und den Bedürfnissen der Familien sind Berufsgruppen mit unterschiedlichen fachlichen Voraussetzungen und Schwerpunkten kompetent: Sozialpädagog(inn)en, Frühförder(innen), Psycholog(inn)en, Pädiater(innen), Psychiater(innen), Therapeut(inn)en benötigen gleichermaßen eine qualifizierte Weiterbildung, um die Konzepte zur frühen Intervention effektiv anwenden zu können. Auch hierfür müssen strukturelle und finanzielle Rahmenbedingungen geschaffen werden. Ebenso ist daraus die Forderung abzuleiten, bereits erreichte Standards z.B. in der kinderpsychiatrischen Versorgung von Säuglingen mit schwersten Störungen der Eltern-Kind-Beziehungen und bei der Beratung von Familien mit Babys und Kleinkindern beizubehalten und bundesweit auszubauen.

Dr. Mauri Fries ist Diplom-Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Nervenheilkunde (Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie/-psychotherapie) der Universität Rostock. Sie ist deutsche Vorsitzende der Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit (GAIMH).