Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Mütter bilden Mütter – für eine bessere Sprachentwicklung ihrer Kinder

von Monika Springer

Durch die Schullaufbahn vieler Kinder aus Zuwandererfamilien zieht sich die Feststellung, dass ihre Sprachkenntnisse im Deutschen unzureichend sind. Für den Erfolg in der Zweitsprache zeigt sich, dass der Erstsprache eine große Rolle zukommt. Verfügt ein Kind in seiner Muttersprache über ausgebildete Sprachstrukturen, so kann es auch erfolgreich eine Zweitsprache erlernen. Familien mit einem Migrationshintergrund wissen oft nichts über diesen Zusammenhang.

Die RAA (Regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien) in Nordrhein-Westfalen hat zwei aus den Niederlanden stammende Programme – „Griffbereit“ und „Rucksack“ – adaptiert und für die Bedingungen in Deutschland überarbeitet. Die Programme zielen zum einen auf die Förderung der Muttersprachenkompetenz, zum anderen auf die Förderung der allgemeinen kindlichen Entwicklung im Alter von ein bis sechs Jahren.

Wir sprechen mit den beiden Programmen die Mütter als Expertinnen für das Erlernen der Erstsprache an. Durch Anleitung und mit Hilfe von Arbeitsmaterial wollen wir sie fit für die Förderung der Muttersprache machen und sie in ihrer Sozialisationskompetenz stärken.

Die Anleitung der Mütter erfolgt durch andere Mütter, die geeignet sind, die Aufgabe der Elternbegleiterinnen zu übernehmen. Diese werden mit Hilfe der an den Programmen beteiligten Kindertagesstätten gefunden und von Mitarbeiter(inne)n der RAA ausgebildet, um mit Müttern in ihrer Nachbarschaft über die Wichtigkeit der Muttersprache für die Entwicklung ihrer Kinder zu sprechen und sie zu schulen, wie man die Verbindung von Sprache und Handeln herstellt. Die Mütter lernen durch die Elternbegleiterinnen, welchen Wert das Malen, das Spiel und die sprachliche Beschäftigung für die Entwicklung des Kindes spielt. Und sie lernen, sich im Bildungsbereich dieser Gesellschaft auszukennen. Die Elternbegleiterinnen besuchen die Eltern in ihrer Nachbarschaft, die wie sie ein Kind in ihrer Kindertagesstätte haben, um ihnen das Projekt vorzustellen und sie für eine Mitarbeit zu gewinnen. Jede Elternbegleiterin hat etwa sieben Mütter in ihrer Gruppe. Die Durchführung des Programms ist für die Dauer von circa neun Monaten vorgesehen. Die Elternbegleiterinnen werden mit Honorarmittel, über ABM oder ähnliche Programme finanziert.

„Griffbereit“ und „Rucksack“ sind Hilfsmittel für die Mütter. Sie erhalten während des wöchentlichen Treffens Arbeitsblätter für jeweils eine Woche. Die Elternbegleiterin erklärt den Müttern ihrer Gruppe das Programm und leitet sie an, gemeinsam mit ihrem Kind bzw. ihren Kindern Aktivitäten durchzuführen, wie z.B. ein Buch vorzulesen, zu malen, zu singen und zu spielen, die Sesamstraße oder die Sendung mit der Maus anzusehen oder mit dem Themenbuch zu arbeiten. Die Elternbegleiterin macht Vorschläge, wie die einzelnen Themen zu Hause aufgenommen und spielerisch in den Alltag integriert werden können.

„Bist du krank, Mama?“ fragte Aytül nach ein paar Wochen, „du sprichst jetzt mit mir immer so anders!“ Und Aytüls Mutter antwortete: „Bisher haben wir von Lehrerinnen und Erzieherinnen immer nur gehört, wir sollten mit unseren Kindern Deutsch sprechen. Jetzt hat uns Nilgün (die Elternbegleiterin) zum erstenmal aufgeklärt, dass unsere Muttersprache für die Entwicklung unserer Kinder wichtig ist. Ich bin jetzt sehr erleichtert. Jetzt weiß ich endlich, was richtig für meine Kinder ist. Und in meiner Sprache fühle ich mich doch viel sicherer als im Deutschen!“

Die Anbindung an die Kindertagesstätte ist uns ganz wichtig, denn hier soll parallel der Zweitspracherwerb erfolgen. Die Erzieherinnen kennen die Programme „Griffbereit“ und „Rucksack“ genauso wie die Eltern und sollen möglichst parallel das Thema der Woche in ihren Kindergartenalltag sprachlich integrieren. Die Eltern werden durch die Programme mit dem in den Bildungseinrichtungen der Bundesrepublik praktizierten selbständigen Lernen bekannt, das Kreativität, Kommunikationsfähigkeit und Wissbegierde fördert. Die Programme sind nicht nur Sprach- und Lernprogramme, sondern reflektieren soziokulturelle Themen aus den Erfahrungsfeldern der Migrantenfamilien wie Schule, Alltag, Freizeit, Feiertage, Feste und Religion. Die soziokulturell aufbereiteten Themenfelder sind gleichzeitig Anregungen für die Kindertageseinrichtung, ihren Alltag interkulturell zu gestalten. Elternbegleiterinnen, Mütter und Erzieherinnen sind in dem Projekt Lernende und Gebende zugleich.

Müttern wird also auf der einen Seite Hilfestellung bei der Erziehung ihrer Kinder auf einer gleichberechtigten Ebene angeboten. Auf der anderen Seite finden sie Anerkennung und Ermutigung als Expertinnen für die Entwicklung ihrer Kinder. Die Ansatzpunkte sind immer die jeweiligen Bedürfnisse von Müttern und ihren Kindern. Ziel ist die Förderung der Entwicklung der Kinder. Durch die Partnerschaft zwischen Erzieherinnen und Müttern werden die soziale Integration der zugewanderten Familien auf einer gleichberechtigten und selbstbestimmten Ebene gefördert und die Förderung von Erst- und Zweitsprache aufeinander bezogen. Beide Parteien eint der Wunsch für eine bestmögliche Entwicklung der Kinder.

Dr. Monika Springer ist Referentin für Information und Schulöffnung, Interkulturelle Erziehung im Elementar- und Jugendbereich in der Hauptstelle der Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien in Essen.

Die RAA (Regionale Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien) entwickeln Konzepte und Strategien interkultureller Erziehung, die Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien stärken und unterstützen, um in Schule und Arbeitswelt erfolgreich zu sein. Ihre Partner sind Kindertagesstätten, Schulen, Jugendämter, Kammern von Industrie und Handwerk, die Berufsberatung der Arbeitsämter. RAA sind Einrichtungen von Kommunen und Kreisen, gefördert durch das Land Nordrhein-Westfalen. Heute gibt es in NRW 27 RAA.

Hauptstelle RRA
Tiegelstr. 27, 45141 Essen
Tel.: 0201-8328 304, Fax: 0201-8328333

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