Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Migrantinnen in Deutschland – Geburt in der Fremde

von Albrecht Jahn und Martje Imkampe

Frau Mitrovica kommt mit Ihrem vier Tage alten Kind unangemeldet in die Kinderarztpraxis in Hamburg St. Pauli. Sie hat die Geburtsklinik bereits nach wenigen Stunden auf eigenen Wunsch verlassen, weil ihre Kinder zu Hause nicht ausreichend versorgt seien. „Nein“, sagt sie, eine Hebamme zur Nachsorge brauche sie nicht. Auf Nachfragen stellt sich heraus, dass Frau Mitrovica nicht weiß, was eine Hebamme ist. Wenn sie in der Geburtsklinik gefragt worden wäre, ob eine Schwester nach Hause kommen solle, hätte sie die Hilfe gern angenommen.

Eine Hebamme, die ein Mal wöchentlich in der Praxis Sprechstunde abhält, übernimmt die Nachsorge. Es gibt Stillprobleme. Das Neugeborene ist ikterisch (gelbsüchtig), der Nabel braucht Pflege. Ein Hausbesuch wird verabredet.

Bericht der Hebamme

Das Baby ist das fünfte Kind von Frau Mitrovica. Das erste Kind hat sie – für Roma-Frauen nicht unüblich – mit 14 Jahren im Kosovo bekommen. Von ihren Eltern war sie dort mit einem 14 Jahre älteren Mann verheiratet worden. In der Ehe ist sie überfordert, sie vermisst ihre Familie, ist einsam. Ein Jahr später verlässt sie Mann und Kind, versucht wieder bei ihren Eltern unterzukommen, die schicken sie jedoch als Kindermädchen nach Deutschland. Als 15jähriges „Kind“ wurde sie damals selbst Patientin der Kinderarztpraxis. Zwei Jahre später wird sie ausgewiesen.

Zurück im Kosovo lernt sie ihren jetzigen Mann kennen. Das Paar geht aus politischen Gründen zurück nach Deutschland. Sie heiraten und bekommen drei weitere Kinder.

Seither leben sie in Flüchtlingsunterkünften. Die Älteste geht zur Schule. Um einen Schulwechsel zu vermeiden, hat Frau Mitrovica eine größere Wohnung in einem anderen Stadtteil abgelehnt. Deshalb bekommt sie keine weiteren Wohnungsangebote.

Die sechsköpfige Familie wohnt in einem 1-Zimmer-Apartment mit Duschbad und Kochnische. Aus Platzmangel haben die Kinder keine eigenen Betten. In dem Zimmer spielt sich das gesamte Leben ab, es ist Besuch da, es wird geraucht.

Verbesserung der Versorgung von Migrantinnen rund um die Geburt

Nur bei rund 35% der Wöchnerinnen in Hamburg St. Pauli werden Nachsorgen durch Hebammen durchgeführt. Die Vergleichsrate für Hamburg liegt bei ca. 65%. Etwa 70% der Frauen im Stadtteil haben nach sechs Wochen abgestillt, ganz überwiegend diejenigen ohne Hebammenbetreuung.

Aufsuchende Betreuung durch Hebammen rund um die Geburt ist für Migrantinnen, die in Deutschland entwurzelt leben, besonders wichtig. Aus Unkenntnis und Vorurteilen, oft auch aus sprachlichen Gründen, nehmen Migrantinnen selten dieses Angebot war. Es gibt einen Mangel an freiberuflichen Hebammen, so dass zum Zeitpunkt der Geburt große Probleme bestehen, überhaupt eine Hebamme für die Nachsorge zu finden.

Deshalb haben wir für St. Pauli und die angrenzenden Stadtteile eine Liste alle Hebammen erstellt, die auch kurzfristig Nachsorgen übernehmen. Darüber hinaus haben wir einen interdisziplinären Arbeitskreis gebildet, an dem alle Berufsgruppen „rund um die Geburt“ teilnehmen (u.a. Hebammen, Kinder- und Frauenärztinnen, Soziale Dienste, Drogenberatung, Mütterberatung, Elternschule, Krankengymnasik, Erziehungsberatung). Dieses Forum hat sich zum gegenseitigen Kennenlernen, zur interdisziplinären Weiterbildung und zum Erfassen regionaler Versorgungslücken bewährt. Wir ziehen „an einem Strang“. So können Risiken für Neugeborene und Mütter vermindert, Familien in Krisensituationen besser erkannt und Hilfen angeboten werden. Die Mitarbeit von Hebammen in Kinderarztpraxen – besonders in sozialen Brennpunkten – hat sich bewährt. Zu wünschen wäre die Schaffung von Stellen für Familienhebammen, deren Aufgabenbereich die Betreuung von Schwangeren und jungen Familien mit Problemen ist.

Dr. Albrecht Jahn ist Arzt für Kinder- und Jugendmedizin in Hamburg.

Martje Imkampe ist Hebamme in Hamburg.