Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Ich bin stolz darauf, dass in diesem Haus Integration wirklich stattfindet

Gespräch mit Hannelore Reuben-Shemia, Leiterin der Kindertagesstätte der Jüdischen Gemeinde in Berlin, über Einwandererkinder und die Aufgaben einer integrativen Tagesbetreuung.

fK: Wie setzen sich die Kinder in Ihrer Kindertagesstätte zusammen, woher kommen sie, was für eine Sprache sprechen sie und was sind die sozialen Hintergründe?

Reuben-Shemia: Die Kinder, die ja alle oder überwiegend aus der jüdischen Gemeinde sind, kommen aus vielen Bezirken der Stadt. Die Eltern scheuen also auch weite Wege nicht, um ihr Kind hierher in die jüdische Erziehung zu bringen. Ein großer Teil der Kinder kommt aus Familien aus der ehemaligen Sowjetunion. Das sind in manchen Gruppen zwischen 65 und 75 Prozent. Die Kinder kommen also ohne deutsche Muttersprache zu uns und müssen dann hier bei uns Deutsch lernen. Der soziale Hintergrund ist sehr unterschiedlich. Wir haben hier einige Menschen mit einer sehr hohen Ausbildung, die beruflich noch nicht Fuß fassen konnten und noch auf Unterstützung angewiesen sind und andere, die schon Arbeit und ein gutes Einkommen haben. Es gibt auch Menschen mit einer einfachen Bildung, die beruflich ihren Weg machen aber auch Sozialhilfeempfänger, die Unterstützung bekommen müssen, so dass ein ganzer Spiegel der Gesellschaft hier bei uns im Haus ist.

fK: Sie sagten, dass viele Kinder mit ihren Familien aus Rußland eingewandert sind. Was für einen rechtlichen Status haben sie?

Reuben-Shemia: Auch das ist sehr unterschiedlich. Manche haben die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen, andere haben eine Aufenthaltserlaubnis. Es gibt auch Menschen, die mit einer Duldung hier leben. Das ist sehr unterschiedlich.

fK: Sie haben die Muttersprache erwähnt, die zumeist Russisch ist. Gibt es auch andere Sprachen beziehungsweise Kinder, deren Eltern unterschiedliche Sprachen sprechen?

Reuben-Shemia: Wir haben vereinzelt Kinder, die mit Hebräisch zu uns kommen oder auch mit einer anderen Sprache, weil die Eltern aus einem anderen Land hierher gewandert sind. Aber die meisten kommen doch mit russischer Muttersprache. Wir haben auch Menschen, die von Rußland über Israel nach Deutschland gekommen sind, die dann dort entweder selbst Hebräisch gelernt oder die einen hebräisch sprechenden Partner geheiratet haben, so dass beide Sprachen in der Familie vorhanden sind. Aber es zeigt sich doch, dass die Muttersprache dominiert. Wenn der Vater Hebräisch spricht, wird es eher so sein, dass das Kind die Sprache der Mutter spricht.

fK: Was raten Sie den Eltern, in welcher Sprache sie mit ihren Kindern sprechen sollen? Sollen sie versuchen, die deutsche Sprache zu fördern?

Reuben-Shemia: Nein. Wir raten den Eltern, weiterhin mit den Kindern die Muttersprache zu sprechen, weil Eltern in den seltensten Fällen Deutsch fehlerlos beherrschen. Der zweite Punkt ist, dass wir glauben, dass es den Kindern auf diese Weise leichter fällt zu unterscheiden, zu Hause spreche ich so und hier spreche ich so und es ist ganz wichtig, dass die Kinder die Muttersprache weiterentwickeln. Wir wollen nicht, dass die Situation eintritt, dass die Kinder nach einem besonderen Erlebnis nach Hause kommen und in der Muttersprache darüber berichten wollen und es fehlen ihnen die Worte. Es sollte sich beides gleichzeitig entwickeln. Je mehr die eine Sprache ausgebaut ist, um so größer wird auch der Anspruch an die andere Sprache. Man will sich ja in beiden gleichermaßen ausdrücken können.

fK: Bei unserem Rundgang habe ich erfahren, dass die Umgangssprache in der Kita Deutsch ist. Gibt es eine bestimmte Spachförderung, die Sie anbieten?

Reuben-Shemia: Selbstverständlich. Das fing etwa 1985 an nötig zu werden. Da hatten wir plötzlich eine große Zuwandererwelle. Damals hatten wir auch einen hohen Anteil an Erzieherinnen, die selbst nicht hundert Prozent Deutsch sprachen. Es war einfach eine Unterstützung in der Sprachförderung nötig. Wir haben dann mit einem Sprachförderlehrer angefangen, inzwischen sind es zwei. Die zweite Kraft arbeitet am Nachmittag als Schularbeitshilfe, was auch sehr nötig ist, weil Eltern sich manchmal außer Stande sehen zu helfen. Kleine Gruppen, höchstens vier bis sechs Kinder sitzen mit dem Lehrer zusammen. Am Anfang geht es um sehr konkrete Materialien, man richtet das Puppenhaus ein, man geht einkaufen und so weiter. Wenn die Kinder dann älter sind, haben sie mit der Zeit eine ganze Menge sehr geeigneter Sprachförderspiele gelernt. Immer wieder auch kommen die Sprachförderlehrer in unsere Dienstbesprechungen und informieren die Erzieher über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten, wie man am besten damit umgeht. Es ist ja so, wenn die Kinder zu uns kommen und so viele nicht Deutsch sprechen, ist es doch mehr notwendig, mit den Kindern Russisch zu sprechen, um zu trösten, um zu sagen, Mama kommt bald und solche Sachen. Trotzdem soll es vorangehen. Es muss richtig gehandhabt werden, damit die gleichen Sätze zu den gleichen Handlungen zugeordnet werden können.

fK: Welche Rolle spielt die Vermittlung religiöser Inhalte?

Reuben-Shemia: Das ist eine sehr wichtige Aufgabe der Kindertagesstätte. Viele Traditionen waren nach dem Krieg zerschlagen. Die Übriggebliebenen haben zum Teil nicht-jüdische Partner geheiratet, die dann übergetreten sind. Die Tradition war aber nicht mehr so fest verankert in den Familien. Dann kamen die Zuwanderer aus der Sowjetunion, wo der Kommunismus die Religion seit 80 Jahren unterdrückt hat. Die Leute wissen, sie sind jüdisch und sie wollen jüdisch sein und sie möchten, dass ihre Kinder lernen, wie man die Tradition hält. Deswegen nehmen sie auch die weiten Wege in Kauf, sie nehmen in Kauf, dass an den wichtigen Feiertagen das Haus geschlossen ist und sie sich da anders arrangieren müssen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Kinder, die unser Haus durchlaufen und dann selbst Eltern werden, dass sich das ihnen sehr eingeprägt hat und dass sie nun doch schon etwas mehr selbst machen. Wir versuchen das auch immer zu unterstützen, sagen wir mal Chanukka, ein Fest mit Kerzen. Dazu gehört ein bestimmter Leuchter, die Kinder stellen ihn aus den unterschiedlichen Materialien her, eventuell aus Ton, die Kinder nehmen ihn dann mit nach Hause mit den Kerzen und den Segenssprüchen in hebräischer Sprache und in deutscher Übersetzung. Dann hoffen wir natürlich, dass das Kind zu den Eltern sagt, nun macht mal. Ich denke, viele wollen ihr Kind dann nicht enttäuschen und machen es dann auch. Ich glaube, es klappt hin und wieder.

fK: Wenn die jüdischen Traditionen in den Familien nicht mehr selbstverständlich sind, dann kommt vermutlich der Elternarbeit eine große Bedeutung zu. Wie findet diese statt?

Reuben-Shemia: Wir müssen sehr sensibel damit umgehen. Wir können den Eltern keine Vorwürfe machen. Wir können auch die Forderungen, zum Beispiel den Schabbath einzuhalten, an diesem Tag nicht zu arbeiten, nicht zu kochen, nicht so streng rüberbringen. Wir dürfen die Kinder nicht in Konflikte bringen zwischen diesem Haus und dem Elternhaus. Wir können einfach nur mit ihnen diese Traditionen leben und sie intensiv über alle Sinne erleben lassen. Wir hoffen, dass es den Kindern lieb und wichtig wird.

fK: Es ist bekannt, dass bei biografischen und kulturellen Brüchen in Familien Konflikte bis hin zu Gewalt entstehen können. In welchem Umfang gibt es Aggression und Gewalt in den Familien und hier in der Kita?

Reuben-Shemia: Die Familien haben gewiss schwer zu kämpfen gehabt. Aber bei uns ist Aggression und Gewalt zwischen den Kindern ein geringes Thema. Ich will nicht sagen, dass es nicht da ist. Es nimmt natürlich zu in der Schulzeit, wenn die Kinder sich stärker durchsetzen wollen, wenn sie dann in der Schule auf andere stoßen, das ist auch ein Stück kindlicher Entwicklung, die notwendig ist. Es ist eher selten, dass etwas dabei ist, wo wir sagen, jetzt müssen wir helfen, jetzt müssen wir bremsen.

fK: Wie erklären Sie sich das? Es gibt ja andere Gemeinschaften, wo das ganz anders ist, wo es massive Gewaltprobleme gibt.

Reuben-Shemia: Zum einen dadurch, dass bei uns ein ganz wichtiger Punkt in der Erziehung die Achtung vor dem Kind ist, vor seiner Persönlichkeit. Sicherlich wird es kleine Unterschiede zwischen den Erzieherinnen geben, aber das ist doch die durchgehende Linie. Ein zweiter Punkt ist, dass wenige unserer Jungen zum Macho erzogen werden. Es sind natürlich auch einige Familien dabei, wo der Junge mehr Rechte hat und wo ihm mehr nachgesehen wird als dem Mädchen. Außerdem denke ich, wenn die Kinder viele befriedigende Tätigkeiten am Tag machen, dann haben sie ein ganz anderes Gefühl. Sie legen ihre Kräfte in die verschiedenen Tätigkeiten und sie erleben immer wieder Gemeinschaft, sie erleben die anderen Kinder in positiven Situationen. Die Gruppen wachsen sehr stark zusammen.

fK: Die Kinder und Familien, aber auch Sie als Tageseinrichtung leben in einer nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft. Welche Probleme ergeben sich dadurch?

Reuben-Shemia: Probleme gibt es schon. Weihnachten zum Beispiel ist ja so attraktiv. Davon werden die Kinder schon sehr stark beeindruckt. Wir können dagegen nichts unternehmen. Das Fernsehen bringt Werbung in diese Richtung, die Straßen sind geschmückt, was soll man machen. Aber wir trennen das ganz strikt, bei uns gibt es keinen Weihnachtsbaum, kein angemaltes Osterei. Ohne dass wir intolerant sind.

fK: Sie sind seit 15 Jahren Leiterin der Kita der Jüdischen Gemeinde. Was haben Sie in diesen Jahren erreicht, worauf sind Sie stolz?

Reuben-Shemia: Stolz bin ich darauf, dass hier in diesem Haus Integration wirklich stattfindet. Dass es gelingt, die Erzieherinnen mit Ausbildungen in Deutschland-Ost, Deutschland-West, Israel und Sowjetunion in einem Team zusammenzuhalten. Dass wir uns als Gemeinschaft mit einer gemeinsamen Aufgabe begreifen und einer gemeinsamen Haltung zu den Dingen und den Eltern gegenüber und vor allem den Kindern gegenüber, das ist das Wichtigste. Und dass die Kinder, wenn sie hier zusammen aufgewachsen sind, sich hinterher an keine Unterschiede mehr erinnern, woher sie denn gekommen sind, sondern sich nur noch als Gemeinschaft ansehen.

Die Fragen stellte Dr. Jörg Maywald.