Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Gespräch mit Marieluise Beck, Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, zum Inkrafttreten der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts

fK: Am 1. Januar 2000 ist die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts in Kraft getreten. Wie wird Ihrer Erfahrung nach das neue Gesetz von dem ausländischen Teil der Bevölkerung akzeptiert und wo sehen Sie möglicherweise Nachbesserungsbedarf?

Beck: Das Echo auf das neue Einbürgerungsrecht ist positiv, die Zahl der Anträge ist in vielen Städten gestiegen. Insbesondere bei jüngeren Migrantinnen und Migranten ist das Interesse an einer Einbürgerung hoch. Es gibt aber auch Kritik, etwa die Enttäuschung darüber, dass die generelle Hinnahme von Mehrstaatigkeit nicht durchsetzbar war. Wichtig ist vor allem, dass die Bundesländer bei der Umsetzung des neuen Rechtes in die Verwaltungspraxis keine künstlichen Hürden aufbauen und zügig und unbürokratisch entscheiden. Dazu gehört auch, an die nachzuweisenden Deutschkenntnisse keine akademischen Maßstäbe anzulegen.

fK: Nach der neuen Rechtslage gilt für Kinder von ausländischen Eltern, die in Deutschland geboren wurden und das 10. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, unter bestimmten Voraussetzungen eine Übergangsregelung. Sie haben Anspruch auf die deutsche Staatsangehörigkeit, sofern die Eltern bis zum 31. Dezember 2000 einen entsprechenden Antrag stellen. Für welche Zahl von Kindern kommt diese Übergangsregelung in Betracht und wie viele Anträge erwarten Sie bis Ende des Jahres?

Beck: Etwa 700 000 Kinder ausländischer Eltern sind im Inland geboren und unter zehn Jahren. Ein Großteil von ihnen dürfte die genannten Voraussetzungen für die Übergangsregelung erfüllen. Ich sehe aber bei den Eltern noch einen großen Informationsbedarf über diese Neuregelung. Wir versuchen daher, breit zu informieren und die Eltern mit Faltblättern und über die Medien auf diese wichtige Möglichkeit hinzuweisen.

fK: Das Beherrschen der deutschen Sprache gehört sicherlich zu den wichtigsten Voraussetzungen einer erfolgreichen Integration. Dies gilt besonders für die Kinder. Welche Herausforderungen für unser Bildungssystem ergeben sich daraus?

Beck: Die deutsche Sprache zu beherrschen, ist eine wesentliche Voraussetzung für den schulischen Lernerfolg und für eine erfolgreiche berufliche Qualifizierung von Kindern und Jugendlichen ausländischer Herkunft. Infolge mangelnder Deutschkenntnisse der Eltern ergeben sich häufig schon in den Familien Probleme, die den sprachlichen und schulischen Lernfortschritt der Kinder beeinträchtigen können. Hier gilt es frühzeitig, d.h. schon im Kindergarten die Sprachentwicklung von Kindern ausländischer Herkunft zu fördern. Das bedeutet allerdings nicht nur die Förderung der deutschen, sondern auch die Förderung der Muttersprache der Kinder, da Lernfortschritte in der Zweitsprache Deutsch auch abhängig sind vom Niveau der Erstsprache. Die vorhandenen interkulturellen Kompetenzen und das Potential an Zwei- und Mehrsprachigkeit bei diesen Kindern und Jugendlichen müssen in Erziehung und Bildung anerkannt und gefördert werden Darüber hinaus sollten die positive Ansätze wie in Frankfurt und Berlin mit dem Deutschunterricht an Schulen für Mütter während der Schulzeit der Kinder ausgeweitet werden, um auch in den Familien die sprachlichen Voraussetzungen für die schulische Förderung der Kinder zu ermöglichen.

fK: Die rot-grüne Koalition hat sich zum Ziel gesetzt, ein Recht von Kindern auf gewaltfreie Erziehung gesetzlich zu verankern. Untersuchungen belegen, dass ausländische Kinder besonders häufig Opfer von Gewalt sind. Welche Maßnahmen regen Sie an, um die Verantwortung auch der ausländischen Eltern zu stärken und Kinder besser zu schützen?

Beck: Das Recht von Kindern auf gewaltfreie Erziehung wollen wir gesetzlich verankern, um ein deutliches Signal zu setzen, dass Gewalt kein erzieherisches Mittel ist. Das gilt natürlich auch für ausländische Familien und Kinder, sie bilden hier keine Ausnahme. Mir sind die Forschungsergebnisse bekannt, nach denen ausländische Kinder besonders häufig Opfer von Gewalt werden. Allerdings gibt es bisher kaum bundesweit repräsentative Befunde. Wichtig ist, dass auch ausländische Eltern für dieses Thema sensibilisiert werden und Maßnahmen in diesem Bereich sich an alle Kinder und Eltern richten.

fK: Wie stehen Sie zu der kürzlich von einer Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen geäußerten Ansicht, nur durch massiven Zuzug junger Einwanderer könne Deutschland die im Zusammenhang mit der wachsenden Überalterung der Bevölkerung entstehenden Probleme lösen?

Beck: Die Bundesrepublik wird auch weiterhin auf Zuwanderung gerade jüngerer Einwanderer angewiesen sein. Derzeit haben wir in Deutschland mehr Abwanderung als Zuwanderung. Wir brauchen daher eine sachliche Debatte um zukünftige Zuwanderung und vermehrte Anstrengungen zur Integration dieser Zuwanderer in Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Denn Zuwanderung ohne die Möglichkeit der Integration löst keine Probleme.

fK: Gesetze und Verordnungen können lediglich den Rahmen für das Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen abstecken. Was müsste sich Ihrer Ansicht nach in den Köpfen und Herzen der Menschen in Deutschland ändern, um Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt als Chance für die gesamte Gesellschaft zu erkennen?

Beck: Ich glaube, dies ist ein entscheidender Punkt: Unsere Gesellschaft muss erkennen, welche Potentiale in der Zweisprachigkeit und interkulturellen Kompetenz der Zuwanderer und ihrer Kinder liegen. Statt den Blick ausschließlich auf die sicher vorhandenen Probleme zu richten, müssen wir auch die Chancen erkennen, die angesichts von Globalisierung und Internationalisierung in diesen Kompetenzen liegen. Diese bereits frühzeitig – in Kindergarten und Schule – zu entwickeln und zu fördern, darin liegt sicherlich eine große Herausforderung. Eine Chance hierfür bietet die konsequente Umsetzung des Beschlusses der Kultusministerkonferenz zur „Interkulturellen Bildung und Erziehung in der Schule“ vom Oktober 1996. Ausgehend von der interkulturellen Bildung und Erziehung aller Schülerinnen und Schüler gilt es sich mit dem Fremden und dem Vertrautem positiv auseinander zu setzen und Möglichkeiten zum Perspektivwechsel zu schaffen. Den eigenen Standpunkt kritisch zu reflektieren, andere Standpunkte zu verstehen und zu akzeptieren ist der Ausgangspunkt für gesellschaftliche Toleranz, wo Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als individuelle und gesellschaftliche Bereicherung verstanden werden kann.

Die Fragen stellte Dr. Jörg Maywald.