Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Maciej oder Matthias?

Kinder polnischer Herkunft in Berlin

von Anna Hadrysiewicz

Marta ist in der zweiten Hälfte der 80er Jahre nach Berlin gekommen. Sie wollte ein bisschen Deutsch lernen und nach einem Jahr wieder nach Hause fahren. Das Schicksal hat es aber anders gewollt. Sie verliebte sich in einen polnischen Emigranten, wurde schwanger, schrieb ihren Eltern einen Brief, dass sie in Berlin bleibt. Und so begann ihr Leben als Emigrantin. Es war absolut klar für sie, daß sie ein polnisches Kind zur Welt bringen würde. Was für eins hätte es denn sonst sein sollen, wenn nicht ein polnisches? Sie schaute sich ihren wachsenden Bauch an und fragte – wer bist du da drin? Schon damals hat sie ihm polnische Schlaflieder vorgesungen. Freuen tat sie sich wahrscheinlich auch auf polnisch. Und das Kind wird Polnisch und Deutsch reden. Aber zu Hause nur Polnisch.

Im Deutschkurs musste sie sich verschiedene Standpauken anhören. „Du lebst in Deutschland, das Kind wird ein deutscher Staatsbürger sein, und wenn es dann in den Kindergarten kommt, versteht es nur Polnisch? Er soll Maciej heißen? Der Arme, der wird’s ja richtig schwer haben! Kein Deutscher kann so einen Namen aussprechen! Ich habe meinen Jan auf Hans umgetauft, er hatte es gleich viel leichter in der Schule. Du siehst doch selbst, wie schwer du’s bei den deutschen Behörden hast, weil du nicht richtig Deutsch sprichst. Warum soll man ein Kind mit den Schwierigkeiten eines Ausländers belasten?

Als sie mit dem Neugeborenen zu den Untersuchungen ging, hat eine Ärztin sie einmal gefragt: „In welcher Sprache sprechen sie mit ihrem Kind?“ Sie hat ein bisschen gezögert, dann aber die Wahrheit gesagt: „Na, in Polnisch“. „Das ist sehr gut. Denn nur in dieser Sprache sind sie für ihr Kind authentisch. Und nur in der Sprache ihrer eigenen Kindheit können sie dem Kind Zärtlichkeit und Liebe mitgeben“, kommentierte die Ärztin.

Das war das erste Mal, dass die deutsche, rationale und logische Welt mit den Worten ihrer eigenen Intuition zu ihr gesprochen hat. Die deutsche Ärztin war ihr plötzlich so nah. Marta dachte sich damals, dass es die Presse und dumme Politiker und Beamten sind, die die Völker bestärken, in stereotyper Weise übereinander zu denken. Wen stört es denn schon, wenn eine polnische, italienische oder irgendeine andere Mutter ihrem Kind in der Muttersprache Märchen erzählt? Unterscheiden sich aus diesem Grund polnische von deutschen oder italienischen Kindern?

In Berlin gibt es zwei deutsch-polnische Kindergärten: „Maluch“, Anfang der 80er Jahre in Tiergarten entstanden und „Kajtek“, 1997 von einer Elterninitiative in Schöneberg gegründet. Die Organisatoren des Kajtek haben die Räumlichkeiten ganz bewusst hier gemietet, da sich gleich nebenan die katholische Schule St. Franziskus befindet, in die viele polnische Kinder gehen. Aus demselben Grund kann man in der benachbarten Kirche St. Matthias, die eng mit der Schule zusammen arbeitet, Oblaten für den Heiligen Abend bekommen, die traditionell für das polnische Weihnachtsfest sind.

Kajtek beschäftigt zwei polnische Erzieherinnen, die beide Sprachen beherrschen. Achtzehn Kinder im Alter von drei bis neun Jahren besuchen den Kindergarten. Neben polnischen und deutsch-polnischen Kindern gibt es ein italienisches, zwei deutsche und ein spanisches Kind.

Kann man eigentlich von irgendwelchen Unterschieden zwischen Kindern auf Grund ihrer unterschiedlichen Nationalität sprechen?, fragt sich Miroslawa Jastak, eine Erzieherin des Kajtek. Ihre Antwort lautet: „Sie unterscheiden sich gerade soviel voneinander, wie sie von ihrer elterlichen Erziehung vorprogrammiert wurden. Und in diesem Sinne spielt die Tradition in der Erziehung polnischer Kinder eine vorrangige Rolle. Ich meine hiermit nicht nur die kulturelle Tradition wie zum Beispiel die besondere Bedeutung von Weihnachten oder Allerheiligen, wenn polnische Familien nach Polen an die Gräber ihrer Verstorbenen fahren, sondern Tradition auch im konventionellen, also bürgerlichen Sinn.

Von polnischen Eltern, besonders von den Müttern, bekommt man oft Zurechtweisungen des Kindes zu hören wie: „Sei artig“, „Blamier mich nicht“, „Sprich nicht so häßlich, was wird die Frau Erzieherin denn von mir denken?“

Bestimmte Normen werden hier dem Kind auferlegt, die dann im Namen des Gehorsams die Spontaneität des Kindes eingrenzen. So kommt es, dass polnische Kinder sich seltener auflehnen oder protestieren, weniger Fragen stellen als deutsche Kinder. Beim Abholen wird von dem polnische Kind oft verlangt, einen Bericht darüber abzugeben, was es gegessen, was es im Kindergarten gemacht hat. Wir werden gefragt, ob das Kind nicht etwa in die Hosen gemacht hätte, na und ob es artig war. Und wenn etwas nicht in Ordnung war, dann gibt es eine öffentliche Zurechtweisung, was dem Kleinen sehr peinlich ist. Eine der Mütter erwartete von uns sogar ein Punktesystem für gutes bzw. schlechtes Verhalten und eine Bestrafung unfolgsamer Kinder, die in die Ecke gestellt werden sollten. Ein anderer Vorschlag lautete, den Kindern ein Lätzchen anzuziehen, damit sie beim Essen ja die Kleidung nicht dreckig machen. Andererseits sind die polnischen Kinder im Gegensatz zu den deutschen sehr chic angezogen, wenn wir zum Beispiel ins Theater gehen. Die Mädchen im Kleidchen, die Jungen mit Fliege oder Krawatte. Es ist für die Kinder ein Zeichen dafür, dass etwas besonderes passiert. Ich denke, dass das sehr positiv ist, diese Unterscheidung von festlichen und alltäglichen Tagen.

Man bemerkt auch ein anderes Verhältnis deutscher und polnischer Eltern in Bezug auf Konflikte unter den Kindern. Die polnischen Eltern suchen den Schuldigen und ermahnen sowohl ihr eigenes als auch ein fremdes Kind. Deutsche Eltern versuchen, die Ursache herauszufinden und dem Kind bei der Konfliktbewältigung zu helfen.

Wir denken weiterhin darüber nach, warum polnische Familien oft mit bürgerlichen Konventionen verbunden sind. Vielleicht deshalb, weil die Rolle von Oma und Opa eine so große Bedeutung hat. Die Beziehungen zwischen den Generationen sind sehr lebendig und emotional, die in Deutschland wohl in Folge der kulturellen Revolution im Jahre 68 größtenteils auseinandergefallen sind. In Polen haben demgegenüber die Ereignisse in jener Zeit die Alten und die Jungen im gemeinsamen Kampf gegen den Kommunismus eher zusammengeschweißt. Die Effekte sind zum Beispiel, dass polnische Großeltern im Haus ihrer eigenen Kinder alt werden und sterben, während deutsche Großeltern oft in ein Altersheim gelangen. Aber das nur am Rande. Wir wollen nicht vom eigentlichen Thema abschweifen: den Kindern. So kommt es, daß polnische Kinder mit einem gewissen Gefühl der Achtung aufwachsen, aber auch oft mit einem Übermaß an elterlicher Autorität. Andererseits pflegen polnische Familien die Traditionen der sogenannten Großfamilien.

„Es stimmt, dass die meisten der Kleinen, die zu uns kommen, nur Polnisch sprechen, sagt die zweite Erzieherin des Kajtek, Hanna Bielicka. Die Kinder lernen jedoch blitzschnell Deutsch von den Älteren. Ausländische Kinder sind in der vorteilhaften Situation, dass sie zwei Sprachen gleichzeitig beherrschen können. Oft erwarten die Eltern von uns, dass wir nur deutsch mit dem Kind sprechen, weil es in der Schule nicht zurecht kommt. Sie irren sich gewaltig. Dahinter sind große Komplexe versteckt, über die man viel sagen könnte. Ich glaube, dass es in französischen, englischen oder amerikanischen Familien, die in Berlin wohnen, selbstverständlich ist, dass die Kinder die Sprache ihrer Eltern sprechen und dann durch soziale Kontakte automatisch Deutsch lernen.

Eltern befürchten oft, dass das Kind fragt: Wer bin ich eigentlich, Pole oder Deutscher?. Sie fürchten dies, da sie selbst nicht genau beschreiben können, wer sie sind, da der Begriff der doppelten bzw. multikulturellen Identität gesellschaftlich noch nicht anerkannt wird.

Maciejs, einer der ersten kleinen Besucher des Kajtek, heute Schüler der ersten Klasse, hatte ein solches Erlebnis. Nach der Messe in der deutschen Kirche kam der Priester zu der Gruppe von Kinder, in der sich auch Maciej befand, und begrüßte ihn mit Matthias.

„Ich bin Maciej“, sagte der Junge. „Aber Maciej bedeutet auf Deutsch Matthias“, antwortete der Priester und es entwickelte sich der folgende Dialog: „Meine Mama hat mir aber erzählt, dass Maciej ein Junge war, der gar keine Angst hatte. Noch nicht mal vor Gänsen! Also möchte ich auch Maciej sein.“ „Und weißt du auch, wer der Heilige Matthias war? Das war so ein ganz guter Apostel, der an die Stelle des bösen Apostels Judas getreten ist. Dieser Matthias hat sich wahrscheinlich auch nicht vor Gänsen gefürchtet.“ „Dann kann ich ja für Sie Matthias sein, aber eigentlich bin ich doch noch Maciej.“

Die Erzieherinnen von Kajtek sehen bei den Kindern keine Probleme der Selbstbezeichnung. Halb Pole, Halb Deutscher, Halb Spanisch – ob solche Hälften im soziologisch-kulturellen Wortschatz vorkommen, interessiert die Kinder eigentlich nicht. Wir Erwachsene sind es, die oft werten, welche Kultur nun die Bessere ist, und diesem Denken unterstellen wir dann unsere eigene Identität und laden sie dann unseren Kindern auf. Doch wir sollten vielleicht der nächsten Generation die Chance geben, überflüssige und schmerzliche Stereotypen aufzugeben.

Anna Hadrysiewicz ist freie Journalistin und lebt in Berlin.