Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Unbeachtet: Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien

von Vera Birtsch und Dirk Bange

Die Zunahme von in Deutschland lebenden Migranten aus den verschiedensten Kulturen hat dazu beigetragen, dass Kinder heute in eine heterogene Welt von Sprache, Kultur und Religion hinein geboren werden. Das Aufwachsen in einer multikulturell geprägten sozialen Realität kann als „Chance zur Auseinandersetzung, als Möglichkeit zum Wachsen von Kindern“ gesehen werden und ist für deutsche Familien keineswegs eine Bedrohung – auch wenn es von vielen anders empfunden wird (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 1998, S. 95).

Für die Zugewanderten und ihre Kinder bedeutet das Leben in einem Land mit anderen Lebensstilen und Orientierungen die Konfrontation mit einer noch größeren Vielfalt von Normen und Lebensstilen als für die Einheimischen. Sie sind teilweise aus Ländern mit größerer kultureller Homogenität eingereist, sie haben das Vertraute zurücklassen müssen und können es in Deutschland nur noch im engen Rahmen der ethnischen Communities wahren. Die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und die Gesundheitsdienste sind deshalb herausgefordert, dazu beizutragen, dass Kinder aus Migrantenfamilien die gleichen Entwicklungschancen wie einheimische Kinder und Jugendliche haben?

Das Thema Migration hat für die Kinder- und Jugendhilfe in den letzten Jahren zudem erheblich an Bedeutung gewonnen, da unter den Zuwandern seit den Achtzigerjahren in wachsendem Maße auch Kinder und Jugendliche sind, die Plätze in Erziehungseinrichtungen beanspruchen können. Das Verhältnis von Kindern mit und Kindern ohne Migrationserfahrungen hat sich in einzelnen Kindertagesbetreuungseinrichtungen, Angeboten der offenen Kinder- und Jugendarbeit und Schulen deutlich verschoben: In manchen Einrichtungen liegt der Anteil der Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, bei achtzig und mehr Prozent. Die Verschiebungen werden von den Eltern und Pädagogen teilweise als dramatisch und beängstigend wahrgenommen (Diehm/Radtke 1999, S. 10). Die Kinder- und Jugendhilfe steht deshalb vor einer weiteren Herausforderung: Sie muss ihre Konzepte und Angebote bezüglich der besonderen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen aus Migrantenfamilien überprüfen.

Im folgenden werden schlaglichtartig wichtige Daten zur Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen aus Migrantenfamilien dargestellt sowie die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe und ihre Inanspruchnahme durch die Migrantenfamilien beschrieben. Ausgehend von dieser Analyse werden grundlegende Empfehlungen zur Integration und zu einer veränderten Praxis der sozialen Dienste gegeben.

Daten und Fakten zur Lebenssituation von Kindern aus Migrantenfamilien

Seit Ende der Fünfzigerjahre hat die Zahl der in Deutschland lebenden Zuwanderer deutlich zugenommen. Im Jahr 1998 lebten über 7,3 Millionen Menschen mit ausländischem Pass und mehr als 3,5 Millionen Aussiedler in Deutschland. Der Anteil von Migranten an der Bevölkerung liegt damit bundesweit bei über 13 Prozent (Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen 1999, 43). In den Großstädten ist die Zahl von Menschen, die oder deren Eltern eingewandert sind, deutlich höher als im Bundesdurchschnitt. So ist der Anteil von Mädchen und Jungen in Hamburg, die einen ausländischen Pass besitzen, von 3,9 % im Jahr 1970 auf 21,5 % im Jahr 1998 gestiegen (Statistisches Landesamt 1999). Hinzu kommen die minderjährigen Spätaussiedler, deren Zahl allerdings nicht genau zu beziffern ist, da sie deutsche Staatsbürger sind und deshalb nicht gesondert erfasst werden. Viele der ausländischen Mädchen und Jungen sind bereits in Hamburg geboren. So hatten 1998 gut ein Viertel aller Neugeborenen Mütter mit einem ausländischen Pass. Anfang der Siebzigerjahre lag dieser Anteil noch bei 7,3 % (Statistisches Landesamt Hamburg 1999).

Zu betonen ist, dass es den typischen Migranten nicht gibt. Zum einen wandern die in Deutschland lebenden Migranten aus unterschiedlichen Motiven und Kulturen ein (z.B. EU-Binnenmigraten, Arbeitsmigranten, Asylbewerber, Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge). Zum anderen unterscheiden sie sich durch ihre soziale Lage und den Grad ihrer Integration: So haben ein in Deutschland studierender US-amerikanischer Jungerwachsener und ein mit seiner Familie auf einem Wohnschiff lebender 45-jähriger Bürgerkriegsflüchtling aus einem der Nachfolgestaaten Jugoslawiens wenig gemeinsam.

Die Wohngebiete, in denen Migrantenfamilien leben, verteilen sich heute anders als noch in den Siebzigerjahren über das gesamte Hamburger Stadtgebiet. Der kontinuierliche Anstieg der Ausländerzahlen hat also nicht zu einer verstärkten sozialräumlichen Trennung zwischen Deutschen und Ausländern geführt (Podszuweit 2000, 1).

Gleichzeitig ist jedoch festzustellen, dass in Hamburger Ortsteilen mit überdurchschnittlichen Ausländeranteilen auch die soziale Benachteiligung (Armut, niedriges Einkommen, hohe Erwerbslosigkeit) hoch ist. Dennoch zeigt sich auch hier kein einheitliches Muster: Bis auf wenige Ausnahmen liegt in den Ortsteilen mit hohem Ausländeranteil (> 30 %) der Anteil der deutschen Sozialhilfeempfänger über dem der ausländischen Bevölkerung. Es ist zu vermuten, dass in diesen innerstädtischen Gebieten, in denen Deutsche wirtschaftlich und sozial schlechter gestellt sind, die ökonomischen Ressourcen und das Selbsthilfepotential innerhalb der ausländischen Bevölkerung relativ groß ist. In Ortsteilen mit Großsiedlungen liegt zwar der Ausländeranteil unterhalb der 30 % Marge, hier ist aber der Anteil der ausländischen Sozialhilfeempfänger doppelt so hoch wie der deutscher Sozialhilfeempfänger (ebd., 2).

Die Sozialhilfedichte bei den ausländischen Mädchen und Jungen war Ende 1998 in Hamburg, wenn man die Minderjährigen einbezieht, die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhielten, mit 34,6 % Prozent etwa doppelt so hoch wie die der deutschen Minderjährigen (15,3 %). Ohne die Empfänger nach dem Asylbewerberleistungsgesetz reduzierte sich die Dichte bei den ausländischen Minderjährigen deutlich auf 23,7 % (Statistisches Landesamt Hamburg 1999).

Die beruflichen Eingliederungschancen von Jugendlichen ausländischer Herkunft haben sich nach einer leichten Verbesserung Anfang der Neunzigerjahre wieder ungünstiger entwickelt. Seit 1995 sank ihr Anteil an den Auszubildenden in Hamburg um insgesamt 2,3 Prozentpunkte auf 9,3 Prozent im Jahre 1999, während ihr Anteil an den Schulabgängerinnen und -abgängern mit 18 Prozent nahezu doppelt so hoch ist (Bürgerschaftsdrucksache der Freien und Hansestadt Hamburg 16/3842).

Eine wesentliche Ursache für diese Entwicklung sind die gestiegenen Anforderungen der ausbildenden Betriebe an die schulischen Voraussetzungen der Jugendlichen. So entfielen von den etwa 10.400 Ausbildungsverhältnissen, die 1998 bei der Handelskammer und der Handwerkskammer in Hamburg neu eingetragen wurden, 34 Prozent (1995: 31 Prozent) auf junge Menschen mit allgemeiner Hochschulreife, jedoch nur etwa ein Viertel (1995: 30 Prozent) auf Schulabsolventinnen und -absolventen, die einen geringeren Abschluss als den der Realschule erreicht hatten. Obwohl ausländische Jugendliche in zunehmender Zahl bessere Schulabschlüsse erreichen, ist ihr Bildungsabstand zu den deutschen Jugendlichen nach wie vor groß. So verließen 1998 über 18 Prozent der ausländischen Schulabgängerinnen und -abgänger die Schule ohne Hauptschulabschluss, von den deutschen Jugendlichen waren es 9 Prozent. Dagegen erreichten im selben Jahr 13 Prozent der ausländischen, aber 34 Prozent der deutschen Schülerinnen und Schüler die allgemeine Hochschulreife (ebd.).

Bezüglich sozialer Benachteiligungen sind zahlreiche Faktoren bekannt, die sich negativ auf Gesundheit und Gesundheitsverhalten auswirken. Ein in den Untersuchungen durchgängig benannter Faktor ist die ausländische Nationalität. So zeigte sich beispielsweise bei einer Untersuchung über die Inanspruchnahme der Vorsorgeuntersuchungen U8 und U9 in Köln, dass in Stadtteilen mit hohen Ausländeranteilen eine deutlich geringere Teilnahme an den Frühuntersuchungen zu verzeichnen ist, obwohl 83,5 % der ausländischen Schulanfänger bereits in Deutschland geboren sind (Mersmann 1998, 63).

Die Beziehungen und Freundschaften zwischen einheimischen und ausländischen Kindern und Jugendlichen sind bis heute kaum untersucht worden. Die vorliegenden Studien lassen den Schluss zu, dass sich in den Kindertagesbetreuungseinrichtungen der Umgang von Kindern unterschiedlicher ethnisch-kultureller Zugehörigkeit weitgehend unproblematisch gestaltet. Allerdings gilt dies in erster Linie für Kinder, die gut Deutsch sprechen (Zimmermann/Wittmann 1991). Für das Grundschulalter gilt ähnliches. So stellte sich bei einer Untersuchung heraus, dass die befragten 7- bis 11-jährigen ausländischen Kinder kaum weniger Freundinnen und Freunde hatten als die deutschen Kinder. Allerdings bildeten diese Kinder in ihren Schulen eine deutliche Minderheit (Oswald u.a. 1997). Mit zunehmendem Alter der Kinder nimmt die Segregation jedoch zu: Insbesondere in Hauptschulen mit hohem Ausländeranteil haben die Schülerinnen und Schüler meist Freundinnen und Freunde aus ihrer ethnischen Gruppe (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 1998, S. 36).

Die meisten Untersuchungen über Freizeitaktivitäten beziehen Kinder ausländischer Herkunft nicht ein. Die wenigen vorliegenden Studien deuten darauf hin, dass insbesondere die Mädchen ausländischer Herkunft unzufrieden mit ihrer Freizeitsituation sind. So sagten die für die Studie von Rauschenbach und Wehland (1989) befragten ausländischen Kinder – insbesondere die türkischen Mädchen – häufiger als die deutschen Kinder, dass sie weniger mit anderen Kindern spielen, keine Freundinnen und Freunde haben und oft nicht wissen, wo sie spielen sollen, weil sie in zu kleinen Wohnungen leben. Außerdem zeigte sich, dass die Mädchen ausländischer Herkunft generell mit ihren Lebensumständen am unzufriedensten sind, weil sie am stärksten zu Hause eingebunden sind und sich deshalb häufig sozial isoliert fühlen.

Im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion um jugendliche Migranten stehen in der letzten Zeit die Ergebnisse mehrerer Untersuchungen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). In ihren europaweiten kriminalstatistischen Analysen hat des KFN aufgezeigt, dass der deutliche Anstieg des delinquenten Verhaltens junger Menschen primär solchen Tätern zuzurechnen ist, die ein niedriges Bildungsniveau aufweisen und deren gesellschaftliche Position von relativer Armut, sozialer Ausgrenzung und schlechten Integrationsperspektiven gekennzeichnet ist. Nach einer in Hannover durchgeführten Aktenanalyse zeigte sich, dass im Verlauf von 1990 bis 1996 der Anteil der Arbeitslosen unter den jungen Angeklagten von 38,2 % auf 60,4 % angestiegen ist. Das KFN geht davon aus, dass im Kontext wachsender sozialer Gegensätze delinquente Handlungen unter denjenigen zunehmen, die auf der Verliererseite im Prozess der gesellschaftlichen Entwicklung stehen. Zu diesen Verlierern zählt ein Teil der jugendlichen Migranten. Die seit 1990 in Hannover zu beobachtende starke Zunahme der Angeklagten aus nicht deutschen Ethnien beruht fast zu 90 % auf Jugendlichen und Heranwachsenden, die vor mindestens 5 Jahren nach Deutschland gekommen oder hier geboren sind (z.B. Wetzels, Enzmann, Pfeiffer 1998). Dies zeigte sich auch in einer Repräsentativbefragung von 9700 Jugendlichen neunter Schulklassen aus Hannover, Hamburg, Stuttgart und Leipzig zu ihren Gewalterfahrungen: Je länger junge Migranten in Situationen sozialer Ungerechtigkeit leben, desto stärker sind sie offenbar bereit, aus dieser Situation heraus auch gewalttätig zu handeln (z.B. Wetzels, Enzmann, Pfeiffer 1999).

In der Schülerbefragung zeigte sich aber auch, dass fast jeder sechste Neuntklässler Opfer von Gewalt in den Familien gewesen war und es waren die von Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe betroffenen Eltern, die ihre Kinder mehr als doppelt so oft misshandelt hatten. „Damit steht im Zusammenhang, dass sich im Vergleich der ethnischen Gruppen große Unterschiede ergeben. Das eine Extrem bilden die türkischen Jugendlichen, von denen 1997 fast jeder Fünfte Opfer einer Misshandlung geworden ist. Auf der anderen Seite stehen die einheimischen Deutschen mit einer Viktimisierungsrate von 5,8 %. Solche Gewalterfahrungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit beträchtlich, dass die betroffenen Jugendlichen selbst Gewalt ausüben“ (Pfeiffer & Wetzels 1999, S.10).

Diese Daten lassen keinen Zweifel daran, dass das ein Teil der Migrantenkinder auf Grund ihrer Herkunft sozial benachteiligt wird. Allerdings muss an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass es natürlich auch deutsche Kinder gibt, deren Entwicklungschancen auf Grund ihrer sozialen Lage beeinträchtigt sind. Außerdem ist anzumerken, dass in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe nicht nur die ausländischen Mädchen und Jungen die „Problemkinder“ sind, sondern auch Kinder mit ganz anderen Merkmalen: Mädchen und Jungen (Geschlecht), sozial marginalisierte, aber auch solche aus der Mittelschicht (Diehm/Radtke 1999, 27). Es ist deshalb von Bedeutung, dass das Merkmal „Migration“ nicht zu sehr in den Vordergrund gerückt wird, da es der Vielfalt der Identitäten von Jugendlichen, deren kulturellen Orientierungen, Lebensentwürfen und –praxen nicht gerecht wird (Geiger/Lösche 1999, 108).

Beratungs- und Unterstützungsangebote der Kinder- und Jugendhilfe

Die Kinder- und Jugendhilfe hält eine breite Palette von Angeboten und Beratungsdiensten vor, die die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen fördern und die Eltern bei allen Erziehungsproblemen und familiären Konfliktsituationen beraten sollen. Auch Migrantenfamilien können diese Angebote in Anspruch nehmen.

Der Anteil ausländischer Kinder in den Gruppen der Kindertagesbetreuungseinrichtungen ist bundesweit geringer als ihr Anteil an der Bevölkerung. Nationalitätenspezifische Unterschiede sind aber zu beobachten: türkische Kinder, Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien und Spanien besuchen eher die Kindertagesbetreuung als Kinder anderer Nationalitäten (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 1998, S. 194).

Einzelne Träger, vor allem mit Standorten in Gebieten mit größerer sozialer Belastung, betreuen in ihren Einrichtungen überdurchschnittlich viele ausländische Kinder z.B. der staatliche Träger der Kindertagesstätten in Hamburg. Die „Vereinigung Hamburger Kindertagesstätten e.V.“ versorgt in Hamburg 40% der Kinder in Kindertagesstätten, das waren am 1.3.1999 ca. 22.000 Kinder. Hiervon waren 33% ausländischer Nationalität, allein 16% kamen aus türkischen Familien. Die verbleibenden 17% rekrutierten sich aus weiteren 98 Nationen. Es gibt also trotz der statistisch unterdurchschnittlichen Versorgung ausländischer Kinder regional eine nicht unerhebliche Anzahl von Einrichtungen, in denen dies ganz anders ist. Dort sind Kinder mit deutscher Muttersprache in der Minderheit.

Der Anteil der ausländischen Hilfe Suchenden ist in den Erziehungsberatungsstellen bundesweit niedriger als ihr Bevölkerungsanteil (Bundeskonferenz für Erziehungsberatung 1999). Als Gründe hierfür gelten:

  • die geringe Vertrautheit ausländischer Eltern mit solchen Einrichtungen;
  • die geringe Kenntnis über Erziehungsschwierigkeiten, die erst dann wahrgenommen werden, wenn es zu einem auffälligen Verhalten kommt;
  • die Vorbehalte, sich gegenüber dem meist deutschen und ausschließlich deutschsprachigen Personal zu öffnen und sich ihm anzuvertrauen;
  • die Furcht vor einer Entfremdung der Kinder von den heimatlichen Normen und
  • die Sorge, wegen der Inanspruchnahme Benachteiligungen ausgesetzt zu sein (ebd.).

In Hamburg ist der Anteil der ausländischen Kinder an allen Kindern, die Erziehungsberatung erhielten, in den Neunzigerjahren im Gegensatz zum bundesweiten Trend deutlich gestiegen. Profitierten 1992 erst 142 ausländische Kinder von Erziehungsberatung hatte sich ihre Zahl auf 413 im Jahr 1998 etwa verdreifacht. Ihr Anteil an allen beratenen Kinder ist im gleichen Zeitraum von 8,4% auf 12,5% angewachsen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass einige Erziehungsberatungsstellen dem Thema „Kinder aus Migrantenfamilien“ besondere Beachtung schenken.

Ausländische Kinder nehmen bundesweit alle Formen der Hilfen zur Erziehung seltener in Anspruch, als dies ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend zu erwarten wäre – dies gilt insbesondere bei der institutionellen Beratung. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Finkel (1998) und Bürger (1997) weisen darauf hin, dass die Bestimmungen des Ausländergesetz hochgradig verunsichernd wirken und die Hilfen zur Erziehung auf kulturell unterschiedliche Hilfenotwendigkeiten zu wenig eingestellt sind. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass Hilfen zur Erziehung als einzelfallbezogene Hilfen erst dann eingesetzt werden sollen, wenn familiäre und soziale Belastungen ein bestimmtes Ausmass erreicht haben und soziale Desintegrationsprozesse soweit fortgeschritten sind, dass eine sozialpädagogische Hilfeleistung direkt in der Familie erforderlich (wie z.B. die sozialpädagogische Familienhilfe oder die Erziehungsbeistandschaft) bzw. eine Herausnahme des Kindes aus der Familie notwendig geworden ist und von den Betroffenen selbst gewünscht wird. Dies gilt für die Heimunterbringung wie für die Aufnahme des Kindes in eine Pflegefamilie. Zu einem solchen Schritt sind deutsche und ausländische Familien vielfach erst dann bereit, wenn die Problementwicklung eine erhebliche Eskalation erfahren hat. Bei den ausländischen Familien könnte die Skepsis jedoch noch größer sein, weil sie fürchten wegen der Inanspruchnahme Benachteiligungen ausgesetzt zu sein, weil sie Vorbehalte haben, sich dem meist deutschen Personal zu öffnen und weil einige von ihnen es nicht gewöhnt sind, sich bei familiären Problemen an staatliche Einrichtungen zu wenden.

Eine im Auftrag des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführte Untersuchung über Leistungen und Grenzen von Heimerziehung bestätigt einige der zuvor formulierten Vermutungen. So zeigte sich beispielsweise, dass die Hilfen für junge MigrantInnen meist erst beginnen, wenn sich die Problemlagen krisenhaft zugespitzt haben. Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist, dass die Initiative für ein Hilfeangebot in weiten Teilen von den MigrantInnen selbst ausgeht und sich seltener auf das Einwirken von Jugendamt, Schule und sonstigen Institutionen zurückführen lässt. Offenbar führt die reservierte Haltung der ausländischen Eltern gegenüber den Hilfen dazu, dass auch die Professionellen keinen Bedarf sehen bzw. vorsichtig sind, einen solchen anzusprechen. Ein Indiz dafür, dass man schwer Zugang zueinander findet, ist, dass kaum mit den Eltern kooperiert wird. Der Einsatz ausländischer Kollegen im Allgemeinen Sozialen Dienst könnte diese Zugangsprobleme verringern. Die Studie zeigt, dass dies eher selten stattfindet hat (Finkel 1998).

Für eine andere Praxis

Die Kinder- und Jugendhilfe und die Gesundheitsdienste sollten ein Integrationskonzept verfolgen, dass Migranten die Möglichkeit zur gleichberechtigte Teilhabe an den verschiedenen Lebensbereichen z.B. an Ausbildung, Arbeit, gesundheitlicher Versorgung, an Kultur und sozialer Gemeinschaft eröffnet. Dies setzt voraus, dass die kulturelle Identität und die Werte und Normen der Migranten geachtet und respektiert werden. Allerdings dürfen ihre Normen und Werte den Menschenrechten und unserer Verfassung nicht widersprechen.

Eine weitere Voraussetzung einer auf gleichberechtige Teilhabe zielenden Integration beinhaltet die Anerkennung, dass sich durch die kulturellen Orientierungen von Migranten, durch ihre Lebensstile und –entwürfe die Werte und Normen der Aufnahmegesellschaft verändern. Dieser Veränderungsprozess sollte nicht als etwas Bedrohliches, sondern als wichtiges Element der Zukunftssicherung für eine dynamische Gesellschaft im Zeichen der Globalisierung bewertet werden.

Dementsprechend müssen alle Kinder und Jugendlichen als Zielgruppe der interkulturellen Erziehung angesprochen werden. Einheimische und zugewanderte Kinder sollten Unterschiede kultureller Herkunft und kultureller Besonderheiten bewusst erleben. Sie sollten kulturelle Differenzen unterscheiden und achten lernen und zu gegenseitigen Respekt und Toleranz erzogen werden. Diesem Grundsatz folgend sollten Sondermaßnahmen für Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien nicht im Zentrum der Pädagogik stehen. Vielmehr sollte die kulturelle Vielfalt als Erfahrungs- und Lernmöglichkeit genutzt werden. Allerdings soll es im Rahmen des allgemeinen Angebots weiterhin besondere Maßnahmen geben, wenn für die Integration notwendige Kenntnisse und Vorerfahrungen bei Migrantinnen und Migranten fehlen. Dies gilt insbesondere für den Spracherwerb, da eine gute Kenntnis der Sprache einer der Schlüssel einer verbesserten Teilhabe ist.

Um diese Ziele erreichen zu können, muss die interkulturelle Kompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe weiter gefördert werden. D.h. dass beispielsweise die Kenntnisse über das migrantenspezifische Versorgungsnetz und die spezifischen Zugangsbarrieren zu den Regelangeboten der sozialen und psychosozialen Dienste sowie über theoretische Prämissen, Strategien und Methoden interkulturellen Lernens und antirassistischer Arbeit erweitert werden müssen (Hinz-Rommel 1994).

Gleichzeitig müssen sich die sozialen Dienste und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe als auch der Gesundheitsdienste für die Belange von Migrantinnen und Migranten öffnen. Dazu gehört u.a. die institutionelle Verankerung und Festschreibung von Migranten als Zielgruppe in einer Konzeption; die Gewährleistung von Sprachenvielfalt/Sprachkompetenz bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und die öffentliche Sichtbarkeit der interkulturellen Öffnung, z.B. sprachliche Gestaltung der Hinweisschilder, mehrsprachige Prospekte.

Da es zwischen der Jugendhilfe und dem Gesundheitswesen viele Überschneidungen gibt und Kinderärzte oftmals die ersten sind, die Hinweise auf Beratungsbedarfe erhalten und die Familien auf die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe hinweisen können, ist eine engere Kooperation zwischen Jugendhilfe und Gesundheitswesen wünschenswert.

Dr. Vera Birtsch ist Leiterin des Amtes für Jugend in der Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung Hamburg

Dr. Dirk Bange ist wissenschaftlicher Angestellter im Amt für Jugend in der Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung Hamburg

Literatur:

Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen (Hrsg.) (1999): Migrationsbericht 1999. Zu- und Abwanderung nach und aus Deutschland von H.W. Lederer, R. Rau, S. Rühl. Barmberg

Bertram, H. (1995): Regionale Vielfalt und Lebensfomen. In: Bertram, H. (Hrg.): Das Individuum und seine Familie. Lebensformen, Familienbeziehungen und Lebensereignisse im Erwachsenenalter. DJI Familien-Survey, Bd. 4. Opladen, S. 157-195

Bürger, U (1997): Stellenwert ambulanter Erziehungshilfen im Vorfeld der Heimerziehung. Empirische Befunde und Erfahrungen von Heimjugendlichen und deren Eltern mit ambulanten Jugendhilfemaßnahmen und Angeboten der Jugendarbeit. Herausgegeben vom Ministerium für Frauen, Jugend, Wohnungs- und Städtebau des Landes Schleswig-Holstein. Kiel

Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg (2000). Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft „Bericht zur Ausbildungssituation sowie Maßnahmen zur Sicherung der beruflichen Bildung“. Drucksache 16/3842.

Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (1999): bke-Stellungnahme Erziehungsberatung und Migration. In: Informationen für Erziehungsberatungsstellen der bke, 2/1999, S. 3-6

Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (1998): Zehnter Kinder- und Jugendbericht „Bericht über die Lebenssituation von Kindern und die Leistungen der Kinderhilfen in Deutschland“. Bonn

Diehm, I./Radtke, F.-O.: Erziehung und Migration. Eine Einführung. Stuttgart 1999.

Finkel, M. (1998): „Das Problem beim Namen nennen!“ – Kinder und Jugendliche mit sexuellen Gewalterfahrungen in Hilfen zur Erziehung. In: Baur, D./Finkel, M../Hamberger, M./Kühn A.D.: Leistung und Grenzen von Heimerziehung: Ergebnisse einer Evaluationsstudie stationärer und teilstationärer Erziehungshilfe. Projektleitung: Hans Triersch. Herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend. Stuttgart, S. 351-385

Hinz-Rommel, W.: Interkulturelle Kompetenz – Ein neues Anforderungsprofil für die soziale Arbeit. Münster 1994.

Mersmann, H. (1998): Gesundheit von Schulanfängern – Auswirkungen sozialer Benachteiligungen. In: Gesundheit von Kindern – Epidemiologische Grundlagen. Herausgeberin: Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung. 1998, S. 60-78

Mitulla, C. (1997): Die Barriere im Kopf. Stereotype und Vorurteile bei Kindern gegenüber Ausländern. Opladen

Pfeiffer, C. & Wetzels, P. (1999): Kinder und Jugendliche als Opfer und Täter. In: frühe Kindheit. Zeitschrift der Deutschen Liga für das Kind 2/1999, S. 8-11

Podszuweit, U.: Zuwanderung und soziale Frage in der Metropole Hamburg. Eine sozialstatistische Auswertung im Rahmen des Projekts Integration. Unveröffentlichtes Manuskript. Hamburg 2000.

Rauschenbach, B./Wehland, G. (1989): Zeitraum Kindheit. Zum Erfahrungsraum von Kindern in unterschiedlichen Wohngebieten. Heidelberg

Statistisches Bundesamt (1997) Fachserie 1: Gebiet und Bevölkerung 1995. Stuttgart

Statistisches Landesamt Hamburg (1999): Zeitreihen. Hamburg

Wetzels, P./Enzmann, D./Pfeiffer, CH.: Gewalterfahrungen und Kriminalitätsfurcht von Jugendlichen in Hamburg. Erster Zwischenbericht über eine repräsentative Befragung von Schülerinnen und Schüler der 9. Jahrgangsstufen. Hannover 1998.

Wetzels, P./Enzmann, D./Pfeiffer, CH.: Gewalterfahrungen und Kriminalitätsfurcht von Jugendlichen in Hamburg. Dritter und abschließender Bericht über Ergebnisse der weiteren Analysen einer repräsentativen Befragung von Schülerinnen und Schüler der 9. Jahrgangsstufen. Herausgegeben von der Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung der Freien und Hansestadt Hamburg. Hamburg 1999.