Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Interkulturelle Elternarbeit

Unterstützung für Eltern türkischer Herkunft

von Gundel Hessemer und Mehmet Alpbek

Neuere Ansätze für die Elternarbeit mit Migranten betonen die Notwendigkeit, das Selbstbewusstsein der Minderheitengruppen zu stärken (empowerment), ihre Partizipationsmöglichkeiten zu erweitern (advocacy) und die Vernetzung von Migrantenorganisationen zu unterstützen (community development).

Ausgangspunkt des Berliner Arbeitskreises Neue Erziehung (ANE) für ein Projekt zur Unterstützung von Eltern türkischer Herkunft war die Bezugnahme auf das Anfang der 90er Jahre in Kraft getretene Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG), das in §1 den Anspruch jedes jungen Menschen „auf Förderung (seiner) Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ festschreibt. Diesen Rechtsanspruch auch für Migrantenkinder einzufordern entspricht der Tradition des ANE, der sich im Rahmen seines Wirkungsfeldes für Toleranz, gegenseitigen Respekt und die Verwirklichung universeller Menschenrechte wie der Achtung der Würde des Menschen unabhängig von seinem Alter, Geschlecht, seiner ethnischen oder sozialen Herkunft einsetzt.

Ziel des Projekts ist es, Eltern türkischer Herkunft bei der Erziehung ihrer Kinder zu unterstützen, ihre Handlungskompetenz zu stärken und durch die Vernetzung von deutschen und türkischen Elternorganisationen ein gleichwertiges Miteinander von Migrant(inn)en und Aufnahmegesellschaft zu erreichen. Unabdingbare Anforderung an alle in diesem Zusammenhang entwickelten Angebote ist, dass sie an der unmittelbaren Lebensrealität der türkischen Minderheiten ansetzen, ihrer Migrationserfahrung Rechnung tragen und keinesfalls defizitorientiert sind.

Zu den Kernfragen unserer Arbeit gehörte die Frage nach der Zielgruppe: Wer sind „die“ Eltern türkischer Herkunft? Antworten auf diese Frage, die über eine aus der Literatur ableitbare diffuse Heterogenitätshypothese hinausgehen, erhielten wir im Verlauf einer dem Projekt vorgeschalteten Pilotphase durch qualitative Analysen und quantitative empirische Untersuchungen. Die zweite Kernfrage lautete: Wie kann die – zunächst nicht exakt definierbare – Zielgruppe erreicht werden? Hierauf gab es nach der Diskussion mit einer Reihe von Expert(inn)en aus Wissenschaft und Praxis nur die Empfehlung, mehrgleisig und möglichst multimedial zu verfahren. Wir entschieden uns (1) für eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, mit der das Thema frühkindliche Erziehung in die türkische Gemeinde getragen werden sollte, (2) für die individuelle Ansprache durch eigens entwickelte Elternbriefe und (3) für die Initiierung und Moderation einer türkisch-deutschen Infrastruktur, die vernetzt arbeitet und ihre Angebote auf die Bedürfnisse der Migranteneltern abstimmt. Die dritte Frage schließlich war die nach der Sprache, in der wir uns an unsere Zielgruppe wenden sollten. Türkisch für nachgezogene Neuankömmlinge oder Deutsch für die, die inzwischen in der dritten Generation hier leben? Auf diese Frage gab es nur eine Antwort: Zweisprachig!

Inzwischen wurde im Rahmen des Projekts eine Reihe von Angeboten für Eltern türkischer Herkunft sowie für Fachleute und Multiplikator(inn)en der türkischen Minderheiten wie der Aufnahmegesellschaft entwickelt, die im Folgenden anhand von zwei Projektbausteinen beschrieben werden.

Türkisch-deutsche Elternbriefe

Ihre Inhalte werden unter Beteiligung eines großen Expert(inn)enkreises (mehrheitlich türkischer Herkunft) entwickelt und erzählen die Geschichte einer Protagonistenfamilie, die von einem Kinderbuchautor in türkischer Sprache geschrieben und ins Deutsche übersetzt wird. Um wirklich die Themen anzusprechen, die türkischen Familien unter den Nägeln brennen, hatten wir zuvor über tausend Tiefeninterviews geführt. Die Akzeptanz der Briefe unterliegt einer ständigen Evaluation.
Die Darstellung der kleinen Familie und ihrer Erlebnisse rund um den Erziehungsalltag stieß bereits nach dem dritten Brief auf eine sehr positive Resonanz. Ein große Mehrheit stimmte mit den Erziehungseinstellungen und –maßnahmen, die in den Briefen befürwortet werden, überein.

Aufbau einer Infrastruktur interkultureller Elternarbeit

Zielgruppen dieses Bausteins sind auf der einen Seite Mitarbeiter und Mitglieder türkischer Vereine, die mit Eltern arbeiten und auf der anderen Seite Erzieherinnen in Kindertageseinrichtungen. Die Untersuchungen während der ersten Projektphase hatten gezeigt, dass die von uns erwartete Vernetzung türkischer Elternvereine ebensowenig untereinander bestand wie mit deutschen Institutionen. Das Thema frühkindliche Erziehung nimmt in der Arbeit der Vereine kaum Platz ein. Die bestehenden Angebote beginnen zumeist mit dem Eintritt der Kinder in die Schule.

Türkischen Vereinen bieten wir deshalb ein Fortbildungspaket zu den Themenkomplexen frühkindliche Entwicklung und Vereinsentwicklung an. Damit tragen wir zwei Bedarfslagen Rechnung: Zum einen besteht große Unsicherheit gegenüber den Implikationen und Konsequenzen des westlichen, von (post-)industriellen und urbanen Lebensweisen geprägten Erziehungskonzepts. Seine Inhalte transparent zu machen für Eltern, die sich mit ihren Fragen an die Vereine wenden, und dabei gleichzeitig zu kompetenten Partnern für die deutschen Institutionen zu werden, ist das eine Ziel. Das andere ist, die erworbene Kompetenz durch Projektideen für die Vereine nutzbar zu machen.

Die Umsetzung dieses Fortbildungsprogramms – begleitet durch ein umfangreiches Qualitätsentwicklungsprogramm der Universität Köln – erfolgt bundesweit in sechs Regionen (Berlin, Hamburg, Hannover, München, Nordrhein-Westfalen, Stuttgart). Ergänzend bieten wir praxisbegleitende Trainings an zur Erweiterung der interkulturellen Kompetenz von Erzieherinnen in öffentlichen Kindertagesstätten.

Außer der Qualifizierung von Mitarbeiter(innen) in Migrantenorganisationen und Einrichtungen der deutschen Kinder- und Jugendhilfe hat dieses Fortbildungsprogramm eine weitere wichtige Funktion: Es ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer interkulturellen Verständigung auf kommunaler Ebene, ein Anstoß zu einem prozesshaften Dialog, der die Diskussion über die Bedeutung frühkindlicher Erziehung neu entfachen und allen Kindern und Eltern zugute kommen kann.

Chancen und Grenzen interkultureller Elternarbeit

Voraussetzung dafür, dass das oben beschriebene Instrumentarium entwickelt werden kann, ist der politische Konsens darüber, dass die Integration der türkischen Migrant(innen) tatsächlich gewollt wird. Dieser Wille darf nicht Lippenbekenntnis bleiben, sondern muss auf Landes- und kommunaler Ebene verbindlichen Ausdruck in Beschlüssen für die Beteiligung der ethnischen Minderheiten an den Entscheidungsprozessen in den entsprechenden Gremien finden. In Stuttgart wurde ein solches Modell durch Beteiligungsstrukturen im Gemeinderat der Stadt entwickelt; wir halten ähnliche Partizipationsprojekte auch in den anderen Projektregionen für machbar.

Noch können wir nicht abschätzen, wie unsere türkischen und deutschen Kooperationspartner auf die Installierung der von uns geplanten verbindlichen Strukturen und auf die Schulungskonzepte reagieren werden. Darüber hinaus erfordert die von Berlin aus zu leistende Moderation ein hohes Maß an Umsicht bei der Planung und Organisation der für die Vernetzung einzuleitenden Schritte und eine die regionalen und verbandlichen Eigeninteressen überwindende Kommunikationsstruktur.

In der Konsequenz bedeutet dies, dass Arbeit mit und für Familien nichtdeutscher Herkunft als eine ständige Aufgabe der Jugend- und Familienpolitik und nicht als eine ausländerpolitische Maßnahme begriffen wird. Ausdruck für ein solches Politikverständnis ist, dass die neuen türkisch-deutschen Elternbriefe inzwischen durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert werden. Interkulturelle Erziehung erhält dadurch den Stellenwert, den eine tolerante, weltoffene Gesellschaft braucht.

Gundel Hessemer ist Geschäftsführerin des Arbeitskreis Neue Erziehung, Berlin

Dr. Mehmet Alpbek ist Leiter des Projekts „Interkulturelle Elternarbeit“ im Arbeitskreis Neue Erziehung, Berlin

Arbeitskreis Neue Erziehung e.V.
Projekt Interkulturelle Elternarbeit

Türkisch-deutsche Elternbriefe
Nr. 1: Ernährung, Sicherheit im Haushalt, Schlafen, Vorsorge
Nr. 2: Sprachentwicklung, Bilingualität
Nr. 3: Selbstständigkeit, Geschlechterspezifische Erziehung
Nr. 4: Vorschulische Erziehung u. Förderung im Kindergarten
Nr. 5: Grenzen setzen
Nr. 6: Zweisprachigkeit als Bestandteil des Lebens in der Migration
Nr. 7: „Heimat“ – Bindung und Fluchtpunkt
Nr. 8: Geschwister- und andere Kinder

Tonbildschau: Wo ich leb, da leb ich

Die mit poetischen Texten und Musik untermalte Tonbildschau bietet Impressionen aus dem Alltag von vier türkischen Familien mit kleinen Kindern in Deutschland
(VHS-Kassette; türkisch oder deutsch)

Literatur:

Analysen: Erziehung – Sprache – Migration
Gutachten zur Situation türkischer Familien in Deutschland
Beiträge aus Forschung und Lehre zu Erziehung in der Migration, Berlin 1998

Ein Kind ist wie ein Diamant …
Gespräche mit türkischen Familien in Deutschland über Erziehen und erzogen werden
Berlin, 1998

Dokumentation der praxisbegleitenden Fortbildung zur Erweiterung der Interkulturellen Kompetenz
Berlin, 1999

Arbeitskreis Neue Erziehung e.V.
Boppstr. 10, 10969 Berlin
Tel: 030 – 25 90 06 23, Fax.: 030 – 25 90 06 50

E-Mail: iea@ane.de
Internet: http://themeswig.com/